Biologisch-Dynamischer Weinbau – eine Einführung ohne Bewertung. Teil 1: Idee und Entstehung

Nachdem biologisch-dynamische Methoden im Weinbau wie in anderen Teilen der Landwirtschaft einen stetigen und deutlichen Aufschwung erfahren und dieser Begriff immer häufiger in der Fachpresse und auch in der Wein-Weblogszene auftaucht ist es mir ein Bedürfnis, etwas genauer hinzuschauen und zu erklären, was das überhaupt bedeutet, Biologisch-Dynamischer Anbau, welche Idee dahintersteht, welche Methoden dabei angewandt werden, welche Verbände es gibt und welche Winzer wo nach diesem Prinzip verfahren.

Persönliche Annäherung an die biologisch-dynamische Landwirtschaft

Ich stamme selbst aus einer Familie, die sich frühzeitig mit alternativen Heilmethoden auseinandergesetzt hat. Homöophatie, in gewisser Weise eine Schwester der Bio-Dynamik, war bei meiner Mutter schon zu Beginn der siebziger Jahre ein Thema; nicht zuletzt deshalb weil Ärzte bei meinen von Geburt an entzündeten Nebenhöhlen mit Antibiotika ziemlich schnell nicht mehr weiterkamen. Die Suche nach einem Homöopathen begann, das war damals noch nicht so einfach – und wir mussten irgendwann quer durch die Republik reisen um zu dem Arzt zu fahren, den wir haben wollten. Er war es, und man mag das nun Spökes nennen oder nicht, der meine ständigen Malaisen in den Griff bekommen hat – auch wenn das lymphatische System bei mir immer ein Schwachpunkt geblieben ist. Wenn man anfängt sich bewusst wegzubewegen von der Schulmedizin hin zu Alternativen (und ich rede hier nicht von einer vollständigen Abkehr) in einem verträglichen Rahmen kommt man unweigerlich irgendwann beim biologisch-dynamischen Landbau, zumindest aber bei biologisch-organischen Anbaumethoden aus. Denn die Ernährung und der Umgang mit der Natur und auch der eigenen Gesundheit werden bewusster.
Dazu musste man auch Ende der Siebziger und in den Achtzigern nicht mit einem lila Pulli und Latzhosen rumlaufen, da konnte man auch in einem konservativen Elternhaus groß werden, so wie ich es tat. Mir war schon in meiner Schulzeit der Unterschied zwischen Tomaten aus eigenem Anbau bzw. aus dem Reformhaus/Bioladen und den Treibhaustomaten sehr bewußt. Dass es das auch im Weinbau gab wurde mir erst klar als ich zum Einen meine Liebe zum Weine entdeckte und zum Anderen 1997 für eine Zeit zurück an den Niederrhein zog und dort auf meinen Onkel Michael traf der nicht nur seit damals 12 Jahren einen Bioladen betrieb sondern innerhalb dieses Bioladens einen großen Weinbereich hatte. Ich erwähnte es bereits kurz. Es war einer der bestsortierten Bioweinläden den ich damals kannte. Im Bioladen nun gibt und gab es Produkte deren Hersteller verschiedenen Anbauverbänden angehörten. Dies war natürlich schon vor dem Biosiegel der Fall und die meisten Verbände wie Bioland, Naturland oder ECOVIN haben deutliche strengere Richtlinien was Anbau und Methode der Landwirtschaft betrifft. Neben diesen Verbänden gibt es seit langer Zeit schon einen Verband dessen Mitglieder sich den strengen Richtlinien des biologisch-dynamischen Anbaus unterstellen. Dieser Verband, der wohl als einziger auch eine gewisse ideologisch-philosophische Ausrichtung hat ist der Demeter-Verband.

Das Demeter-Logo darf nur durch Vertragspartner genutzt werden, die sich während des gesamten Anbau- und Verarbeitungsprozesses an die Richtlinien des Demeter-Bundes halten. Diese Richtlinien erfüllen auch die Auflagen der staatlichen und jährlich durchgeführten EU-Biokontrolle nach der EU-Öko-Verordnung, gehen jedoch in allen Aspekten darüber hinaus.

Die Grundlage der biologisch-dynamischen Landwirtschaft und damit die Praxis von Demeter-Betrieben ist die anthroposophische Gedankenwelt und Methodik von Rudolf Steiner, die er ab 1924 als »geisteswissenschaftliche Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft« entwickelte. Sie erhebt den Anspruch, nicht allein die materiellen Substanzen und die physischen Abläufe der Natur, sondern auch übersinnliche, kosmische Kräfte als Gestaltungsfaktoren miteinzubeziehen. Die Förderung eines gesunden Zusammenspiels von Menschen, Tieren und Pflanzen sowie Erde und Kosmos steht im Mittelpunkt. Die Erzeugung gesunder Nahrungsmittel ist dabei nicht weniger Ziel denn Konsequenz.

Rudolf Steiner

Das Werk Rudolf Steiners wurde schon zu seinen Lebzeiten sehr kontrovers diskutiert. Streitfragen dabei waren vor allem die proklamierte Wissenschaftlichkeit der Anthroposophie, die von Vertretern der universitären Wissenschaft nicht akzeptiert wurde, die gnostischen Ansätze seiner Christologie, die von den Amtskirchen scharf verurteilt wurden, sowie Steiners Äußerungen zur Rassenfrage, die er aus der Theosophie übernommen hatte. Dieser Kritik ist Steiners Werk auch heute noch, wie ich finde mehr als zurecht, ausgesetzt. Die Kulturwissenschaftlerin Jana Husmann-Kastein etwa kommt zu dem Urteil: „Steiner entwickelt zwar keine geschlossene Rassentheorie für die gegenwärtige Menschheit, aber mehrere rassentheoretische Modelle. Die Differenzierungssystematiken an sich beinhalten Essentialisierungen und Diskriminierungen und verbinden sich mit einem ‘kosmologischen Determinismus’. Dabei schreiben sich farb- und geschlechtssymbolische Codierungen des Abendlandes deutlich ein.“ Dass diese Rassentheorien zu Anfang de zwanzigsten Jahrhunderts unter Denkern, Philosophen und Theoretikern mehr oder weniger an der Tagesordnung waren ist dabei eine Sache. Dass Teile dieser Schriften in der auf anthroposophischen Grundsätzen basierenden Waldorfpädagogik immer noch eingesetzt werden finde ich dabei mehr als bedenklich – zumal einige dieser Schriften mittlerweile in Deutschland auf dem Index jugendgefährdender Schriften gelistet sind.

Neben dem heute sehr krude erscheinenden Gedankengut der Theosophie aus der die Antroposophie hervorgegangen ist sind die Eurythmie und die biologisch-dynamische Landwirtschaft als Essenz aus Steiners Schriften und Weltanschauung geblieben. Wer sich weitergehend mit Steiner beschäftigen will lese den Artikel in der Wikipedia, denn hier interessiert ja eher die Landwirtschaft bzw. der Weinbau.

Entstehung der Biologisch-dynamischen Landwirtschaft

Das Aufkommen der biologisch-dymischen Landwirtschaft (ich benutze absichtlich nicht den häufig fälschlich als Abkürzung verwendeten Begriff Biodynamik da dies etwas völlig anderes ist) entwickelte sich in den zwanziger Jahren parallel zum immer stärker zunehmenden Einsatz von mineralischer Kunstdüngung – meist bestehend aus Stickstoff zur Erzeugung von Blattmasse, aus Phosphor für die Blüten- und Fruchtbildung, aus Kalium zur Holzbildung und Pflanzenstatik und aus Magnesium zur Förderung der Nährstoffaufnahme. Während also die Massenproduktion von Lebensmitteln und der damit verbundene Einsatz von Kunstdünger, später auch Herbiziden und Pestiziden ihren Lauf nahm stellten viele Landwirte fest, dass die geschmackliche Intensität der angebauten Produkte abnahm, ebenso die Vitalität der Pflanzen.

Es waren Landwirte und Gutsbesitzer die der antroposophischen Idee nahestanden die Rudolf Steiner 1924 einluden, die antroposophischen Gedankengänge auch auf die Landwirtschaft anzuwenden. Es entstand ein landwirtschaftlicher Kursus, der die »geisteswissenschaftlichen Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft« legen sollte. Dieser Kurs fand 1924 auf einem Gutshof nahe Breslau statt. Vor etwa 100 Teilnehmern hielt Steiner acht Vorträge, an die sich jeweils eine Diskussion anschloss. Es wurden Themen wie das »Zusammenleben von Erde und Kosmos« und die »planetarischen Wirkungen auf die Erde und deren Bewohner« behandelt.

Es entstand die Idee des »landwirtschaftlichen Organismus«, eine Idee die nicht nur in den Steinerschen Thesen seinen Platz gefunden hat sondern auch abseits dieser Ideologie. Ein Organismus, der in landwirtschaftlicher Hinsicht weitgehend geschlossen ist und bei minimierter Betriebsmittelzufuhr durch Integration von Acker- und Gartenbau, Viehhaltung, Wiesen- und Weidewirtschaft, Obst- und Waldbau die Naturgrundlagen dauerhaft erhält. Neben der artgerechten Tierhaltung und »wesengerechten« Fütterung der Tiere wurde die Belebung des Bodens und die Förderung und Erhaltung einer dauerhaften Fruchtbarkeit betrieben. Hierzu wurden neue Ideen für Düngerwirtschaft und Kompostherstellung entwickelt.

Dies dann im zweiten Teil in dem es um die Methoden gehen wird.

1 Kommentare

  1. Hallo Christoph,

    biodynamischer Weinbau ist ja momentan ein viel diskutiertes Thema und es ist an der Zeit, dass sich auch die Weinblogs mehr damit auseinander setzen. Ich hatte auch schon länger vor, einen (oder mehrere) Artikel mit grundlegender Information zu schreiben, da diese in den Diskussionen manchmal fehlt..

    Bei mir ist es aber bislang beim Vorsatz geblieben – habs zeitlich einfach noch nicht geschafft. Um so mehr freut es mich, dass du jetzt einen Anfang machst und auch die Parallelen zwischen der Homoöopathie und der biologisch-dynamischen Landwirtschaft ansprichst! Die finde ich nämlich sehr interessant. Meine Frau beschäftigt sich viel mit den kleinen Kügelchen und wir behandeln unsere Kinder damit – mit gutem Erfolg. Und was für Kinder gut ist, kann für Wein auch nicht schlecht sein, oder!?

    Viele Grüße
    Matthias

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