Zwischen drei Flüssen: Weine aus Kroatien

Diesmal war unser Bonner Weinzirkel in Köln zu Gast, wo es Provenienzen zu entdecken gab, die hierzulande kaum bekannt sind, jedenfalls keine Verkaufstradition haben, weil sie jahrzehntelang hinter dem Eisernen Vorhang verborgen waren. Leider konnte ich bei der Probe nicht anwesend sein. Um so schöner, dass die Probe trotzdem sehr genau und kurzweilig kommentiert wurde:

Es sind die drei Flüsse Donau, Drava und Sava, zwischen denen sich – im kroatischen Binnenland, also nicht an der Küste – die Anbaugebiete Baranja, Slavonien und Srem erstrecken. Weine erzeugt man dort schon mindestens seit dem 17. Jahrhundert. Nach den Privatisierungen der 90er Jahre prägen neben größeren Kellereien heute auch etliche Familienweingüter den Markt. Der vorherrschende Rebsortenspiegel zeigt die geografische Verwandtschaft mit Österreich und Italien – und durch ihn haben wir uns zielstrebig hindurchgetrunken.

Es begann mit vier Grasevina (dt. Welschriesling), einer Rebe, die man auch aus Österreich, Südtirol und Friaul kennt. Sie braucht gute Böden, reift spät und liefert frische Weine mit feiner Würze, maßvoller Säure und gelegentlich nussigem Aroma. Das fand sich sogleich im 2008er Grasevina des Weingutes Iuris aus Erdut. Seit 1994 gibt es dieses Gut. Auf immerhin 50 ha werden zu 90% Rote erzeugt. Der Weiße ist leicht und frisch, ein bisschen salzig, hat Bittermandelnoten – nicht übel, aber doch eher harmlos. Deutlich voluminöser wirkte der 2007er Grasevina der Kellerei Erdut: Fruchtig und floral, verleugnet das Holzfass nicht, bleibt aber ebenfalls nicht besonders lange im Gedächtnis. Das war schon anders beim 2008er Grasevina „Mitrovac“ der Vinarija Krauthaker (Mit dem Namen müsste man eigentlich Biodynamiker sein, oder? Ist aber nicht so.) aus Kutjevo. Blindverkostet kam er manchem in der Runde wie ein Weißburgunder GG vor, mit der entsprechenden Süße, auch mit spürbarem Alkohol. Für mich standen die Geschmackskomponenten wenig harmonisch nebeneinander. Andere schätzten ihn freilich positiver ein. Schließlich die 2009er Grasevina der Kellerei Belje aus Baranja. In meiner Notierung der beste dieses Flights: Mit frischer, aber nicht aufdringlicher Säure, zurückhaltendem Alkohol. Gekonnter Holzfassausbau gibt ihm ein ordentliches Gerüst. Was lernen wir aus diesem Glase? Wenn man schon seit 1697 Wein baut, kann man auch bei fast 600 ha unter Reben sehr ordentliche Tropfen erzeugen.

Das hat der Kellermeister vermeintlich erst recht mit dem übernächsten Wein geschafft: Der 2008er Chardonnay von Belje hat nämlich auf der Zagreber Weinmesse im Sommer 2009 im Wettbewerb mit nicht nur kroatischen Teilnehmern den Sieg als bester trockener Weißwein davongetragen. Hmm. Mir war’s nur ein Beleg mehr, dass einem solche Prädikate den Buckel ’runterrutschen können, solange man den Kandidaten nicht auf der eigenen Zunge hatte. Als „vordergründig, breit, Kneipenwein“ landete er in meinem Protokoll. Mag schon sein, dass man damit im sensographischen Chaos einer Messe beeindrucken kann.

Übersprungen habe ich hier den 2008er Rajnski Riesling (offenkundig der Riesling Rhenano, den wir aus dem Friaul kennen) der Vinarija Enjingi aus Kutjevo, der ein elegantes Bukett zeigte. Der Geschmack kam leider nicht so recht nach, bissl Alkohol aber schon. Sodann ein 2008er Sauvignon Blanc von Iuris, der unverkennbare Eindrücke in der Nase, hingegen weniger am Gaumen hinterließ.

Zum Abschluss der weißen Reihe drei fast exotisch anmutende Weine: Der 2008er Muskat-Sylvaner (Muskatni silvanac) von Iuris hatte ein sehr schönes, fruchtiges  Bukett. Und die durchaus elegante Würze, denkt man, verdankt er natürlich dem Muskateller, der da offensichtlich mitmischt. „Vertan, vertan“, sagt der Kroate (auf Kroatisch natürlich). Der verwendet den Namen nämlich als Synonym für Sauvignon Blanc. Is’ also nix mit Muskateller. Das nimmt dem Wein aber nichts von seiner Komplexität. Quitte kommt durch. Noten burgundischer Chardonnays sind spürbar. Feiner Stoff! Für mich (und die meisten am Tisch) klar der beste Weiße diese Abends. Mit seiner berückenden Honignase nimmt der folgende 2005er Traminer (Traminac mirisavi) der Kellerei Erdut den Kampf auf, setzt ihn zunächst mit schöner Harmonik auf der Zunge fort – bricht aber dann im Abgang zusammen. Schön, Sie kennengelernt zu haben .. und tschüss. Da geht der 2007er Traminer der Kellerei Ilocki aus Srijem ganz anders zur Sache. Hier wird Wein aus 830(!) ha, davon aus 270 ha eigenen Weinbergen, gewonnen. Muss ja nicht übel enden. Dieser Wein beweist das, allerdings will er zuviel: Eine opulente, letztlich massive Würze. Alkohoool. „Too much, after all“ war die Tischmeinung.

Aber nicht die schlechteste Einstimmung auf die Roten! Zu Beginn noch einmal die Kellerei Erdut mit ihrem 2005er Zweigelt. Sein intensives Sauerkirscharoma harmoniert bestens mit der Säurestruktur. Am Ende war die Meinung in der Runde etwas gespalten: Ohne Zweifel ein respektabler Wein, … der aber vielleicht eine Dimension mehr vertragen könnte. Auf Augenhöhe der 2007er Cabernet Sauvignon von Iuris mit typischer Cassis-Würze in der Nase und einer schönen Struktur. Für Siebeneurofuffzich? Chapeau! Das kostet auch der 2006er Merlot vom selben Weingut. Auch er in 2009 Messesieger in Zagreb. Was zu der Frage führt, ob sie ihre Jury dort mit Biertrinkern bestücken. Simpel, vordergründig, pffft.

Da fügte es sich zum Besten, dass der Schwarze Storch seinen Auftritt hatte: 2009er Ciconia nigra der Vinarija Josic aus Baranja, eines familiengeführten Gutes, das auf seinen gerade einmal 1,6 ha alten Weinbergen jedenfalls Pinot Noir, Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc unterbringt und daraus eine vortreffliche Cuvée macht. Sehr spannende Nase: mineralisch, stahlig, kühl. Das muss der Spätburgunder sein. Am Gaumen dann Schokolade, Lebkuchen … Für mich mit Abstand der Lieblingsrote dieses Abends. Bitte noch einmal in zwei bis fünf Jahren! Der letzte Wein des Abends, der 2007er Cabernet Sauvignon ‚CERN’ von Iuris hat es irgendwie auf das Ticket des multinationalen Elementarteilchen-Forschungsprojektes in Genf und den angrenzenden französischen Gemeinden geschafft und figuriert als einer der offiziellen Rotweine – mit entsprechendem Etikett. (Wahrscheinlich darf jede finanzierende Nation einen Wein stellen. Bin auf den Chinesen gespannt.) Auch ohne Molekülzerlegung im Labor verrät er sich beim Schnuppern durch den Duft der Schwarzen Johannisbeere. Das ist schön, aber dann ist er nicht druckvoll genug und lässt uns etwas unentschieden zurück.

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