Belgischer Wein. Eine kleine Auswahl.

Ich habe mich ja vor einigen Tagen mit der passenden Literatur zum Weinland Belgien beschäftigt. Dass kennt hier kaum jemand. Über das Bierland Belgien gibt es viel zu lesen und dafür bietet dieses Land auch ein schier unerschöpfliches Reservoir. Genauso wohl für gute Küche. Die Belgier verstehen durchaus viel von gutem Essen. Entsprechend interessieren sie sich für Wein. Für guten Wein. Da unterscheidet sich das Land deutlich von unserem. Das wird spätestens dann klar, wenn man in einen belgischen Kiosk geht. Dort findet man locker vier verschiedene Champagnersorten. Hier bekommt man meist lediglich Wein, bei dem man schon froh sein kann, wenn überhaupt ein Jahrgang draufsteht. Belgien gehört – im Gegensatz zu uns – traditionell zu den wichtigsten Abnehmern teurer Gewächse aus dem Burgund, dem Bordeaux oder der Champagne. Darüber hinaus ist es ein wichtiger Absatzmarkt für Tawny-Ports.

Weinberg bei Torny. ©Wikipedia

Es gibt entsprechend eine ganze Menge guter Weinläden in Belgien die, zumindest im francophonen Teil, deutlich frankreichlastig sind. Australien wird jedoch ebenso gemocht, es gibt allerdings auch Läden die sich tatsächlich auf deutschen oder österreichischen Wein spezialisiert haben, man mag es kaum glauben.

Was mich nun aktuell interessiert, ist, ob in diesem Land auch vernünftiger Wein erzeugt wird aus den aktuell ca. 4.000hl Jahresproduktion.

In der Weinhandlung Mig’s World Wines habe ich mich beraten lassen und drei Flaschen mitgenommen. Beginnen wir mit einer Weißwein-Cuvée des flämischen Weingutes Domein de Kluizen, gelegen auf der Grenze zwischen Aalst und Affligem, wem das etwas sagt. Es handelt sich hier um einen flämischen Landwein.

Der “Weinberg” sieht aus wie ein ordinärer belgischer Acker. De Facto ist es ein ordinärer belgischer Acker.

Belgien verfügt momentan über 7 Appellationen die sich, da traditionell vor allem in der Wallonie angebaut wird, stark nach der französischen Weingesetzgebung ausrichten. Heute befinden sich vier der sieben Gebiete in Flandern. Dort befindet sich auch der momentan größte Betrieb, das Wijnkasteel Genoels-Elderen, von dem hier allerdings nicht die Rede ist. Die Rede ist von Herman Troch. Der Inhaber der Domein de Kluizen hat die ersten Rebstöcke 1997 gepflanzt und verfügt über 8.800 Weinstöcke. Die Auswahl der Reben ist ausgesprochen typisch für kühlere Gebiete und erinnern an das, was man aus England kennt. Kerner, Sieger, Optima wird angebaut, Reichensteiner und Schonburger. Im Rotweinbereich findet sich Dornfelder, Zweigelt und Pinot Noir. Von belgischen Rotwein allerdings ist mir generell eher abgeraten worden.

Die 2009er Cuvée, die ich im Glas habe, besteht aus der Siegerrebe, Schonburger und Reichenstein. Auffällig ist ein deutliches Muskat-Aroma, in das sich etwas Zitrusnoten und Kräuternoten mischen. Der Wein ist frisch, trocken mit angenehmer Frucht, angenehmer Säure und akzeptabler Länge. Ein Sommerwein, ein Terrassenwein, ein Wein, der auch zu Meeresfrüchten passen dürfte. Nicht übel. Wirklich nicht übel.

Übrigens, was ich bisher nicht wusste, wird Wein in Belgien schon seit dem 9. Jahrhundert angebaut. In der warmen Klimaphase Mitteleuropas, im 9. bis 14. Jhd wuchs der Weinbau, der, wie auch sonst in Europa üblich, auf Klostergrund betrieben wurde. Als dann im Hoch- und Spätmittelalter die burgundischen Herzöge die Herrschaft übernahmen ging der Weinbau rapide zurück. Neben Missernten lag dies im wesentlich am Import qualitativ besserer burgundischer Weine.

Eine zweite Blütezeit erlebte der Weinbau ab 1862. Felix Sohie begründete in diesem Jahr die Tradition des Anbaus von Tafeltrauben unter Glas. Auf dem Gelände des Kasteel te Huldenberg baute Sohie die ersten Trauben an. Im Jahr 1910 zählte man in der Umgebung des Kastells 5.176, im Jahr 1960 fast 35.000 Gewächshäuser. Demgegenüber stehen die schön erwähnten aktuellen 4.000hl Wein.

Etwas Feststoff wirbelt in der Flasche umher, als ich sie aus der Horizontalen in die Vertikale befördere. Möglicherweise wurde dieser Schaumwein nicht filtriert. Und das mag in diesem Falle Ausdruck der Tatsache sein, dass bei Le Coude a Coude mit sehr spartanischen Methoden Wein erzeugt wird. Das Etikett, welches auf einem günstigen Tintendrucker ausgedruckt worden zu sein scheint, unterstreicht den Eindruck, ebenso die Website. Das Etikett gehört auch von der Gestaltung her nicht unbedingt zu den Top Five der Schaumweinszene und erinnert an den Hauswein eines familiengeführten Regionalzirkusses. Aber – dieser Vin Mousseux wurde mir empfohlen, also probieren wir ihn.

Der Chardonnay Brut Perles de Sambre 2006, 2008 ausgezeichnet mit einer Silbermedaille beim Mondial du Bruxelles, stammt von Schieferlagen um Moustier sur Sambre, was irgendwo zwischen Charleroi und Namur liegt. Le Coude a Coude scheint, wenn ich das auf der Website richtig interpretiere, eine Gruppe von Weinfreunden zu sein, die reichlich feiern können und neben der Organisation ihrer Feiern auch Fruchtsaft, sowie einen stillen Chardonnay und eben diesen Vin Mousseux herstellen. Ob dieser Wein nun im traditionellen Verfahren hergestellt wird, kann ich nicht erkennen, doch was klar wird: trotz der Hemdsärmeligkeit, mit der der Wein hergestellt zu sein scheint, hat er durchaus Charakter. Es findet sich eine angenehm hefig-fruchtige Grundnote, ganz gut balanciert, schöne Crème, schöne Länge. Das gefällt mir.

Der dritte Wein im Bunde hat ein gänzlich anderes Auftreten. Als stände ein Sofa von B&B Italia neben Gelsenkirchener Barock. Die Flasche mit dem handgemalten Tintendruckeretikett steht noch abseits als wir den 2006er L’Effervescence in die Hand nehmen (Der Begriff bedeutet Sprudel genauso wie überschäumendes Temperament). Modernes Etikett, klar gestaltet, gutes Papier, in Teilen lackiert, geprägte Agraffe… So hebt man im Zweifel nicht einmal die Braue, wenn man als Gegenwert für die Flasche 16 Euro auf den Tisch legen soll. Nun, das ist die Kategorie, in der ich drüben im Shop die wirklich guten Crèmants verkaufe, und für das Geld wir da einiges geboten.

Was wir hier nun öffnen unterscheidet sich nicht nur kolossal von den beiden bisherigen Weinen, sondern auch von den eben angesprochenen Crémants. Dieser Schaumwein von Ludovic Boucart, Inhaber von Les Vins de Roisin, wurde nach der traditionellen Methode ausgebaut. Genutzt wurde die Tête de Cuvée der ersten Pressung, ausgebaut wurde 90% im Edelstahl und 10% im Holz, der Wein lag sechs Monate auf der Feinhefe, die immer wieder aufgerührt wurde. Die zweite Gärung erfolgte in der Flasche, diese lag dann weitere dreieinhalb Jahre sur latte.

Das Besondere daran ist: Der Wein wird aus Rhabarber hergestellt. Und hätte ich es nicht gewusst, ich wäre nicht darauf gekommen, obwohl die Rhabarbernote klar erkennbar ist. Allein, man erwartet es nicht. Zumindest ging das auch jenen so, denen ich ein Glas unter die Nase gehalten habe.

Ich mag ja Rhabarberschorlen – mittlerweile anscheinend ein Szenegetränk – durchaus gerne. Ich habe sie kennen und schätzen gelernt, als ich die Säfte von Peter van Nahmen kennengelernt habe. Ich mag diesen ganz eigenen, leicht krautigen, gleichzeitig süßsäuerlichen Geschmack, der mir als Kind immer viel zu streng vorkam und den ich nur mochte in der Rhabarbercrème, die meine Großmutter zubereitet hat. Dieses leicht Strenge findet sich in diesem Sekt, zu Anfang mit etwas Karamelligem verwebt, später ist es hefiger, aber diese Sondernote bleibt. Was beeindruckt, ist die Fülle dieses Schaumweins, die Länge und die Balance zwischen Säure und süßlicher Frucht. Das ist sehr gekonnt und ist seinen Preis, schon wegen des so eigenen Charakters, auf jeden Fall wert. Unbedingt probieren!

Tja, Belgien. Deine Weine sind noch nicht so berühmt wie deine Biere, und dafür gibt es wohl trotz Klimawandels auch nicht das Potential. Aber Spaß gemacht hat es auf jeden Fall. Ich hatte weniger erwartet und bin positiv überrascht.

7 Kommentare

  1. Großartig und dankeschön für den tollen Artikel! Den Rhabarber-Sekt wollte ich letztes Mal in Brüssel eigentlich schon kaufen, habe dann aber doch etwas Konventionelleres genommen. Jetzt muss er dann wohl doch her 😉

  2. Pingback: Die lieben Nachbarn… « Die Weineinschenkerin

  3. Jörg Redl

    Guter Artikel – Danke !
    Weisst du ob nd wo man in Österreich oder im Internet belgischen Wein bestellen kann ?
    Wäre interessiert verschiedene zu verkosten;
    Danke
    Mfg
    Jörg Redl

  4. Christoph

    @ Jörg Redel

    Nein, leider habe ich einen solchen Shop nirgendwo gefunden. Das ist wohl noch zu speziell, solche Weine anzubieten.

    herzliche Grüße, Christoph Raffelt

  5. Die besten Weinguter sind aber nicht besucht. Genoels-Elderen, Clos d’Opleeuw, Aldeneyck, Schorpion, Pietershof, uzw.

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