Weinrallye No. 44: Universität, Kühltürme und traditionsbewusste Winzer

Ein Gastbeitrag von Peter Züllig

Die Rhone zählt zu den berühmtesten „Weinflüssen“ Europas. Sie entspringt hoch oben in den Schweizer Bergen, durchzieht zuerst das Wallis, das grösste Weinanbaugebiet der Schweiz, und endet schliesslich in der Provence, der Wiege des französischen Weins. Gut achthundert Kilometer, immer wieder vorbei an ganz unterschiedlichen Landschaften, Rebbergen, Weingegenden. Angefangen im engen Tal des Wallis, wo noch hochgeschätzte autochthone Reben wachsen, bis hinunter zu den fruchtigen Rosés, die jeden mediterranen Sommer begleiten.

Landschaft Châteauneuf-du-Pape

Eigentlich verstehen wir unter „Rhone-Weinen“ aber jene kräftigen, tanninreichen Rotweine, die in den grossen, zum Teil auch steilen Rebflächen im mittleren und unteren Teil der Rhone, von Lion bis Avignon, angebaut werden. Die Appellationen Châteauneuf-du-Pape hat wohl den klingendsten Namen und die Rebsorten Syrah und Grenache die grösste Bedeutung.
Dies alles ist jedem Freund französischer Weine wohl geläufig, genau so wie die Tatsache, dass an der Rhône in allen Appellationen hervorragende Weine zu finden sind. Weine – wie sagt man so schön – zu moderaten Preisen und mit eigenem Charakter. Vor allem in der südlichen Rhone ist das Selbstbewusstsein der Winzer und ihre Verankerung in der Region ein entscheidender Faktor. Ein Indiz dafür ist die Tatsache, dass bei jedem (Wein)Anlass – so sicher wie das Amen in der Kirche – „Coupo Santo“, die Nationalhymne der Provence angestimmt wird, wie eine spontane Aufnahme bei den Winzern von Rasteau auf dem Weinschiff an der „Découvertes en Vallée du Rhône“ zeigt. (http://www.youtube.com/watch?v=nENDpq7p52g).

Vorlesung an der Université du Vin

Die „Université du Vin“ in Suze de la Rousse – auf einem Schloss aus dem 12.Jahrhundert, mitten in einer herrlichen Weinlandschaft, zeugt vom unbändigen Willen, Weinkultur zu pflegen und zu erhalten, auch Wissen und Tradition immer wieder weiter zugeben . Auf der Universität werden nicht nur Winzer ausgebildet, Önologen zu ihren Diplomen geführt, das Weinmanagement entwickelt und gelehrt, Weinsensorik geübt und – das scheint hier anders zu sein, als an vielen vergleichbaren Ausbildungsstätten –  sondern auch Weinliebhaber in speziellen Kursen weitergebildet. Der Ort ist einzigartig in seiner Offenheit für Kultur, Handel, Gastronomie und Önologie.

AKW Tricastin

Einzig etwas wird in Suze de la Rousse kaum je erwähnt, besonders nicht in diesen Tagen: Tricastin. Coteaux du Tricastin ist nicht nur eine grosse Weinregion (mit einer Jahresproduktion von ca. 100‘000 Hektoliter Wein). Es ist auch der Standort eines Atomkraftwerks mit vier Blöcken und einer Urananreicherungsanlage. Normalerweise wird dieses Zusammenstossen von Agrikultur und Nukleartechnik verdrängt, die latente Angst und Besorgnis der Weinbauern verschwiegen. Als ich einmal auf der Universität war (Suze de la Rousse liegt in Tricastin), durften wir kein Wasser trinken. Vorsichtsmassnahme, weil gerade ein Störfall stattgefunden hat und zuerst das Grundwasser untersucht werden musste. Da hat man plötzlich nicht mehr geschwiegen. Die Winzer bangten um ihre Ernte, um ihren Verdienst. Inzwischen ist es wieder ruhig – cours en normal. Das Leben geht weiter, die Weinernte 2010 ist auf dem Markt. Von verseuchtem Wasser spricht niemand mehr.
Warum ich dies alles erzähle, warum ich keinen der vielen, so unterschiedlichen Weine des Rhonetals hervorhebe, auf das Podest stelle? Warum ich nicht erzähle, vom Mittagessen bei der „Burgruine des Papstes“ und den einfachen, aber guten Weinen, die wir mit dem Önologen der Université verkostet haben, warum ich nichts sage über die Besuche des Château de la Nerthe oder der Domaine de la Vieilles Julienne oder gar von der Spurensuche nach dem ebenso berühmten wie eigenwilligen Henri Bonneau?

Dozent der Université du Vin

Ganz einfach, weil ich glaube, die Rhône ist als Weingebiet so vielfältig und in ihrer Art so einmalig, dass sich hier – gerade hier – lohnt, immer wieder Kurs auf den Schlosshügel der „Université du Vin“ zu nehmen und in den Räumen und auf den Terrassen das „Land des Weins“ zu entdecken oder zu enträtseln. Die Kühltürme von Tricastin erinnern dabei immer wieder, wie viel wir – ohne sorgfältigen Umgang mit der Technik und mit der Natur – zu verlieren haben.
Peter Züllig

9 Kommentare

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