Bordeaux Trip zwischen Vinocamp und VinExpo, 3 – Die Stadt und ihre Messe

Als ich am vergangenen Samstag am Flughafen Bordeaux das Gebäude verlasse um mit dem Taxi Richtung Innenstadt zu fahren weiss ich, es werden schöne Tage werden. Selbst wenn ich nicht die Verabredungen gehabt hätte, die das Programm vorsahen, selbst wenn ich nicht mal ein Glas Wein hätte trinken können. Allein wieder im Südwesten Frankreichs zu sein, die Atmosphäre aufzusaugen, an Platanen vorbeizufahren, an den typischen Sandsteingebäuden, nicht zu letzt an den leichten hügeligen Weingärten; all das hätte schon gereicht. Oft überfällt mich zuhause eine Sehnsucht, wenn ich Bordeaux trinke, oder Weine von der Rhône oder aus dem Languedoc. Eine Sehnsucht nach dieser Atmosphäre, nach der Lebensart, nach der Landschaft. Ich hatte nun drei Tage Zeit, davon etwas in mich aufzunehmen.

Blick auf den zentralen Platz vor dem Theater

Als wir in Bordeaux ankommen haben wir gerade einmal Zeit, uns etwas Wasser ins Gesicht zu spritzen, wir sind verabredet in der Bar à Vin. Diese liegt im Erdgeschoss des Fachverbandes der Bordeaux-Weine, des C.I.V.B., jenem Verband, der mich zu dieser Reise eingeladen hat um parallel zum Vinocamp von der Vinexpo und aus Bordeaux zu berichten.

Die Bar à Vin im Haus des C.I.V.B.

Eine schöne Lokation, eine Mischung aus Klassik und Moderne, wie man sie hier in Bordeaux häufig trifft. Das hat nichts Verstaubtes, nichts Altbackenes. Die ganze Stadt wirkt lebendig, frisch, modern innerhalb ihrer klassischen Prachtbauten. Und – hier wird Wein gelebt, und, ja, auch zelebriert. Die Bar ist ein Ausdruck dessen. Anderswo trifft man sich auf ein Bier, hier trifft man sich auf ein Glas Wein. Und hätte wir uns nicht mit Marie-Christine Cronenberger getroffen, die in der darüber liegenden Etage arbeitet, wir hätten so direkt keinen Platz bekommen. Das galt entsprechend auch für die Brasserie, in der wir unsere leeren Mägen mit Entrecôte von Bouzy-Rind füllen konnten.

Die Brasserie Bordelaise

 


In der Altstadt

 

Blick in eine typische Weinbar

Man sieht es schon auf den Bildern, es ist laut und quirlig in den Gassen der Altstadt und in den Brasserien, es ist die Atmosphäre in der man einen hervorragenden Samstagabend verbringen kann. Am Vorabend der Vinexpo ist es dann kein Wunder, dass Händler, Journalisten und Kritiker an den Nebentischen sitzen, wie in diesem Fall Oz Clarke, den ich deshalb erwähne, weil wir uns im Laufe des folgenden Tages noch mehrmals über den Weg laufen werden. Die Stadt füllt sich jedoch nicht nur mit den Besuchern der Messe, die, mittlerweile sind die Zahlen bekannt, rund 48.000 Besucher verzeichnen konnte, auch aus anderen Ecken der Region zieht es Menschen an die Garonne, denn es wird die Fête le Fleuve gefeiert.

Blick von Flussufer auf die Häuserzeile

Das Flussfest wird mich noch lange nicht schlafen lassen, trotz audauernder Versuche: Erst brennt das Feuerwerk ab, dann findet das Volk den Weg zurück nach Hause, lärmend durch die Gasse vor dem Hotel; gerade eingeschlafen erwache ich dann ruckartig mit dem Gefühl, unter meinem Bett werde gesaugt, doch es ist lediglich die Straßenreinigung, die ebenfalls die hohle Gasse gewählt hat und deren Geräusche an den Wänden widerhallen.

Die zweijährig stattfindende Vinexpo dürfte immer wieder aufs Neue ein Fixpunkt im Leben der Stadt sein. Die Bedeutung der Weinwirtschaft ist gewaltig, ebenso der Stolz auf den hiesigen Wein. Vielleicht hat den Bordelaisern dieser Stolz das Leben zwischenzeitlich durchaus schwer gemacht, zu lange hat man hier auf alte Stile und Weinbereitungsmethoden gesetzt, auf den Weltruf des Weines vertraut und dabei ignoriert, dass sich alles im Fluss befindet, dass auch Ikonen gestürmt werden können, dass Anbaugebiete, über die man lange die Nase gerümpft hat, den Bordelaiser Winzern langsam aber sicher das Wasser abgegraben haben mit deutlich einfacher und leichter zu konsumierenden Weinen, mit gefälligeren, reiferen, technisch besser gemachten Weinen. Wohlgemerkt, ich rede hier von der Masse der Winzer, nicht von der marginalen Zahl der klassifizierten Schlösser. Vor wenigen Jahren gab es noch um die 20.000 Winzer im Bordelais, Heute sind es noch ca. 7.000. Das zeigt, wie schwer der Überlebenskampf geworden ist und wie viele nicht mehr Schritt halten, notwendige Investitionen in die Kellertechnik und das Marketing nicht mehr schultern konnten. Die Schere zwischen dem Hype auf die Grand Cru Classé Weine und den Erzeugnissen der einfachen Winzer wird immer größer und erscheint mir wie ein Abbild der gesellschaftlichen Verhältnisse. In der Stadt selber nehme ich dies nicht war, sie wirkt wie frisch renoviert. Alain Jupée, gerade mal wieder Minister und gleichzeitig Bürgermeister von Bordeaux hat diese Stadt umgekrempelt und tut es weiter. Zunächst wurde das linke Ufer von betonierten Altlasten befreit, Straßenbahngleise durch die Stadt gezogen, jetzt ist das rechte Ufer dran, nebst zusätzlicher Brücke über die Garonne und großem Wein-Erlebnispark.

Der Stand von Thierry Germain

Zwischen den Extremen habe auch ich mich jedenfalls innerhalb dieser Tage bewegt, also ganz praktisch zwischen Château de Piote, Bordeaux AOC und Château Haut-Brion, 1er Grand Cru Classé. Die Vinexpo spiegelt diese Schere natürlich genau so wieder und auch hier bewegten wir uns zwischen den mondänen Ständen von Lafite-Rothschild oder Roederer und den Gemeinschaftsständen kleiner Erzeuger. Dazwischen liegt die Welt der Händler und großer Erzeuger wie beispielsweise Cheval Quancard, die ich in der relativ kurzen Zeit besucht habe, die ich hatte. Nicht zuletzt als Reminiszenz an vergangene Zeiten, mein Vater hat früher Weine dieses Erzeugers getrunken.

Cheval-Qancard, einer der großen Erzeuger des Gebiets

Von aussen betrachtet ähnelt die Vinexpo der Prowein. Sie hat ein Drittel mehr Besucher, allerdings ein Drittel weniger Aussteller. Die Prowein wird thematisch nachvollziehbar organisiert, die Vinexpo ist ein zunächst wirres Chaos, in dem der große Negociant neben dem Deutschen Pavillon und dem spanischen Brandy-Hersteller platziert wird. Hier zählt der angestammte Platz, nicht die regionale Zugehörigkeit. Das heisst zum Einen, dass man ohne Plan völlig aufgeschmissen ist, das bedeutet zum Anderen, dass man mehr oder weniger zufällig über interessante kleinere Stände stolpern kann. Für mich, der nur den Sonntag zu einem Teil und den Dienstagmorgen nutzen konnte waren vor allem die Tastings interessant und hier zeigt sich die Veränderung der Vinexpo. Beispielsweise ist die Veranstaltung der Bio-Winzer innerhalb der Vinexpo neu und erinnert in seiner egalitären Schlichheit an die Bio-Millesime. Alle sind gleich und präsentieren jeweils auf zwei aneinander geschobenen Tischen. Der Loire-Winzer steht neben einem aus der Champagne neben einem aus dem Roussillon. Hier finde ich Clos Puy Arnauld, Château la Grolet und Vincent Gaudry, den ich einfach erwähnen muss, denn dessen Sancerre à mi-Chemin, eine Auslese, eine in 200 Flaschen abgefüllt Essenz der Silex-Böden des Sancerre ist eine Wonne, ein Gedicht.

Ein flüssiges Gedicht, eine Hommage an den Silex.

So spannend wie das, was aus dem Bio-Bereich kommt und das, was unter dem Begriff Nachhaltigkeit ebenfalls ein wichtiges Thema der Messe ist, so spannend ist das, was von den Frauen kommt. Denn diese werden in der ehemaligen Männer-Domäne immer selbstbewusster. So gab es in diesem Jahr zum ersten Mal den Wine Woman Awards sowie eine eigene Verkostung der Femmes du Vin. Dazu passt, ganz nebenbei, die Weinbar La Robe am Ufer der Garonne. Hier werden Weine ausgeschenkt, die von Winzerinnen gemacht wurden. Ich selbst hatte leider keine Zeit, mir die Bar von innen anzuschauen oder dort einen Wein zu probieren, wohl aber, auf der Messe bei der Vereinigung Les Alienor du Vin de Bordeaux vorbeizuschauen, einer Gruppe von 12 Winzerinnen aus dem Bordelais, benannt nach Alienor, oder Eleonore von Aquitanien, Königen von Frankreich und später von England, einer der mächtigsten Frauen des Mittelalters. Diese Vereinigung übrigens gibt es schon mindestens 10 Jahre und ist keineswegs eine neue Erscheinung. Trotzdem, der zunehmende Einfluss der Frauen im Weingeschäft ist nicht mehr übersehbar, und das kann nur gut tun. Besonders beeindruckend fand ich übrigens den Pauillac von Pascale Peyronie, Château Fonbadet und die Weine von Laurence Lataste, vom Château La Fleur Jonquet, nicht zu vergessen die mir schon bekannten Pomerols von Clair Laval und ihrem Château Gombaude-Guillot. Bei den ganzen erwähnten Frauen sollte ich dann auch Elisabeth Ziegler nicht vergessen, die erfahrene Fachfrau in Sachen Wein hat mich den Tag lang über die Messe begleitet.

Pascasle Peyronie vom Château Fonbadet und Laurence Lataste, Château La Fleur Jonquet

Nicht zuletzt haben wir zusammen gespeist. Ich wähle den Begriff bewusst, denn das kann man auf der Vinexpo ausgezeichnet. Und wenn sie der Prowein etwas voraus hat, dann ist das die Vielfalt an kulinarischen Möglichkeiten. Hier haben so einige französische Weinregionen oder Verbände ihre eigenen Restaurants und bieten neben regionstypischem Essen auch die entsprechenden Weine an. Wir haben uns in das Restaurant der Bordeaux Superieur bzw der Satelliten-Appellationen gesetzt und nicht nur waren die Speisen verführerisch, es kam auch relativ häufig der Weinkellner vorbei und bot verschiedene Weine an, im Preis inbegriffen.

Was ja eigentlich geplant war an diesem Tag, die Liveschaltung nach Geisenheim, die Verbindung zwischen Vinocamp und Vinexpo ist leider fehlgeschlagen, die Technik hat nicht funktioniert, alles war eingerichtet, die Probeläufe waren erfolgreich doch während der Bordeauxverband im Vinocamp sein Zeitfenster hatte, um zu uns zu schalten, fiel im Pavillon des C.I.V.B. das WLAN aus. Einen ersten Eindruck meiner Reise konnte ich trotzdem zumindest per Telefon durchgeben.

Am Pavillon des C.I.V.B.

Auf dem Rückweg von der Messe in die Stadt saß ich dann wieder neben Oz Clarke und wir hatten beide das gleiche Ziel am Abend: Château Haut-Brion. Seine Exzellenz, der Prinz Robert de Luxembourg hatte eingeladen, einen exklusiven Kreis der internationalen Presse und mich, den Blogger aus Bonn – dem Bordeaux-Verband sei dank. Doch dazu später mehr.

6 Kommentare

  1. Ich liebe dieses Internetz dafür, dass wir an Deiner Reise und Dank Deines wunderbaren Berichtes quasi auch an dieser Veranstaltung teilnehmen durften.

  2. Das hast Du schön geschrieben. Besonders den Einstieg, denn so geht es mir auch oft. Es gibt immer wieder solche, wie soll ich mich ausdrücken – Atmosphärenbilder, die Essen und Trinken für mich zu mentalen Reisen werden lassen. Ob das die trockene Garrigue mit ihren Zikaden ist, die im Atlantikwind schaukelnden Boote oder – je nach Stimmung – auch die Anmutung reifer Getreidefelder oder des kühlen, deutschen Waldes. Vielleicht reise ich deshalb so gern, weil ich diese Stimmungen in mich aufnehmen kann, um sie später wieder abzurufen. Schade, dass Du sicher nicht genug Zeit hattest, um einfach mal ziellos umherzuschlendern. Aber eine tolle Reise, ich bin schon gespannt auf die Fortsetzung…

  3. Ich Danke Euch. Morgen geht es weiter.

    deshalb reise ich auch so gerne, und werde manchmal fast schwermütig, weil es mir so selten gelingt, mich loszueisen. Deshalb mag ich auch die Weinbaugebiete so gerne. Weil da alles zusammenfließt und, wie Du sagst, die Stimmung im Proustschen Sinne wieder präsent wird, als Madelaine im Tee oder als Garrigue im Grenache…

  4. Pingback: Fünf Fragen an Christoph Raffelt (@overkorkt) | Blog | Bordeaux Wein

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