Blanc de Blancs Champagne: Teil 1 – Intro, Bérèche und Larmandier-Bernier

Eines der meiner Meinung nach häufig unterschätzten Vergnügen bei der Auseinandersetzung mit Wein ist der Genuss von Champagner. Das dürfte verschiedene Ursachen haben. Zum einen ist da das Preisargument, welches bei vielen das nachvollziehbar gewichtige, ja ausschlaggebende Argument ist – sind die Preise des eh schon teuren Weins auf Grund der Nachfrage der letzten Jahre doch noch mal deutlich gestiegen, sodass man schon im Lebensmitteleinzelhandel mit 35 Euro/Flasche rechnen muss. Zum anderen dürfte den wenigsten Konsumernten bewusst sein, wie vielschichtig die Weinwelt in der Champagne eigentlich ist, was dazu führt, dass Champagner im Wesentlichen als Prestige-Getränk wahrgenommen und vermarktet wird.

Um die zweifellos vorhandene Vielfalt in einem kleinen Bereich abzubilden, habe ich vor meiner Sommer-Pause zu einem Champagner-Abend in Bonn eingeladen, an dem ich Blanc de Blancs Champagner in ihrer ganzen Bandbreite vorgestellt habe. Der Fokus lag speziell auf Erzeugnissen von unabhängigen Winzern, doch auch die Produkte größerer Häuser waren vertreten, nicht zuletzt, um die völlig unterschiedliche Stilistik aufzuzeigen.

Über Brut Nature und Dosage im Allgemeinen

Begonnen haben wir den Abend mit zwei Brut Nature Champagnern, also Weinen, denen keine Dosage, keine Süße mehr hinzugefügt wurde. Dies war bis vor wenigen Jahren recht ungewöhnlich, war der Champagner-Trinker doch an eine gewisse Restsüße gewöhnt. In der Tat aber ist die Zuckerung des Weines im letzten Jahrhundert stetig zurückgefahren worden. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es völlig normal, Champagner mit 70 bis 200 Gramm Zucker pro Flasche zu trinken, Champagner mit bis zu 35 Gramm Dosage setzten sich erst in den 20er Jahren durch und galten als Sec, also als trocken. Der Extra Sec oder Extra Dry, also der sehr trockene Champagner besitzt immer noch eine Dosage von bis zu 20 Gramm pro Liter und erst der Extra Brut bezeichnet das, was wir heute als einigermaßen trocken empfinden, der Restzucker liegt hier bei bis zu 6 Gramm.

Champagner ohne jegliche Dosage herzustellen ist eine durchaus moderne Erscheinung, die letztlich erst möglich geworden ist durch einen neuen Ansatz der Herstellung, wie sie sich bei jenen Champagner-Winzern etabliert hat, die nicht Allerweltsweine, sondern pure, terroir- und sortentypische Weine erzeugen möchten. Um diese Brut Nature überhaupt so erzeugen zu können, dass der Schaumwein nachher schmeckt, arbeiten diese Winzer im Weinberg ganz anders als die Kollegen, die ihr Traubenmaterial bei den großen Erzeugern abgeben, wie es in der Champagne allgemein üblich ist. Denn eigene Champagner auf den Markt zu bringen und international zu vermarkten, ist ebenfalls eine relative neue Erscheinung in diesem Gebiet – doch dazu später mehr.

Allein fünf Champagner in der Riege der 17 an diesem Abend genossenen Weine fielen unter die Kategorie der Non-Dosage-Weine, deren Traubenmaterial bei der Lese schon so reif sein sollte, dass der Wein später überhaupt genießbar werden kann. Im Normalfall wird in der Champagne ziemlich früh geerntet und wer mal den Grundwein selbst führender Häuser wie Krug oder Jacquesson probiert hat, weiß, dass es einem da auf Grund der hohen Säure die Schuhe ausziehen kann. Mit solchen Grundweinen wäre ein Brut Nature kaum zu machen, und für einige Anwesende in der Runde fiel der erste Champagner des Abends auch schon in diese Kategorie des kaum Trinkbaren, andere wiederum spendeten diesem puren Trinkvergnügen viel Beifall.

Béréche & Fils, Les Beaux Regards Chardonnay Brut Nature
Der Les Beaux Regards Blanc de Blancs von Bérèche & Fils nämlich ist ein rasiermesserscharfes Getränk. Jung noch, am Anfang seiner Entwicklung, abgefüllt im Mai 2008, degorgiert im Oktober 2010, merkt man ihm seine Jugend deutlich an, jedoch genauso seine Klasse. Allerdings wird der Wein des 26-jährigen Raphael Bérèche immer einer bleiben, an dem sich die Geister scheiden, denn diese pure, säurebetonte Mineralität dieses knochentrockenen Weines ist schon sehr besonders. Zumal wenn man die handelsüblichen Champagner gewöhnt ist, wirkt so ein Wein wie ein Kulturschock. Bérèche vermeidet eine malolaktische Gärung, das heißt, hier findet sich noch die Apfelsäure und nicht die gefälligere Milchsäure, der Wein strotzt von grünem Apfel und Kreide, mit einem Hauch Grapefruit und Aprikosen und auch im Mund findet sich die Mineralität.

Die Familie Bérèche hat Humor und hat sich inszeniert, als sei sie einem Film von Jeunet-Caro entsprungen.

Bérèches 9-Hektar-Domaine findet sich übrigens in der östlichen Montagne de Reims bei Trépail. Seit 2004 wird auf dem Gut nicht mehr gespritzt, seit 2007 setzt der junge Winzer auf Biodynamie, was ganz klar zum Stil passt, denn mit dieser Weinbergsarbeit kann er das Terroir viel eher extrapolieren als mit konventioneller Herangehensweise. Bérèche baut seine Parzellen – bei diesem Wein waren es 2/3 aus der 1902 gepflanzten Lage Ludes 1er Cru »Les Beaux Regards« sowie 1/3 aus Mareuil le Port – in unterschiedlichen Gefäßen aus, sie werden teils spontan vergoren und ohne Filtration abgefüllt. Erstaunlicherweise verkorkt Bérèche seine Weine für die Flaschengärung schon mit Naturkork, üblich ist hier ja viel mehr der Kronkorken. Das Degorgieren erfolgt bei ihm von Hand und er verwendet für die Versanddosage (die hier ja nicht vorhanden ist) noch traditionellen Liquer, statt wie üblich konzentrierten Most.

Was wir hier also im ersten Glas hatten, war schon ein Unikum, eine Mischung aus Tradition und ganz modernem, nachhaltigem und qualitätsgesteuertem Denken, was zu einem sehr authentischen, bemerkenswerten Produkt führt, das man, auch wenn es eine geringe Schwefelung gibt, durchaus als Vin Naturel bezeichnen kann.

Larmandier-Bernier Terre de Vertus Premier Cru Brut Nature
Ähnlich, wenn auch etwas größer, denkt Pierre Larmandier vom Champagnerhaus Larmandier-Bernier. Diese im Herzen der Côte de Blancs in Vertus beheimatete Winzerfamilie betreibt schon seit 1988 biodynamischen Weinbau. Die Larmandiers, die zu der verschwindend geringen Zahl von weniger als 1% der Winzer gehören, die ihre Weine spontan ausbauen, besitzen 16 Hektar Cru-Lagen in Vertus, Cramant, Chouilly, Oger und Avize. Pierre Larmandier hat ein ähnliches Interesse wie Bérèche: Er möchte die Gegebenheiten der einzelnen Lagen so authentisch wie möglich herausarbeiten und die Weine so harmonisch und mineralisch wie möglich werden lassen. Auch er baut daher die Lagen und Parzellen immer getrennt in Edelstahl oder Holzfudern aus, wobei immer häufiger Holzfuder zum Einsatz kommen und das Edelstahl eher für Reserveweine genutzt wird. Das Holz spürt man bei Larmandiers Weinen kaum, das ist auch nicht erwünscht. Viel eher dient das Holz zum Luftaustausch mit der Umgebung.

Der Terre de Vertus, der eigentlich sehr poetisch Née d’un Terre de Vertus heißt, stammt praktisch von einem Lieut-dit, also einer Einzellage von 2,5 Hektar, die aus den Parzellen Les Barilées, Les Faucherets und La Vieille Voie besteht und am Ortsausgang von Vertus auf dem Weg nach Le Mesnil liegt. Eigentlich ist es auch ein Jahrgangs-Champagner, denn der Grundwein stammt aus einem Jahr. Um den Jahrgang auf das Etikett schreiben zu dürfen, bedarf es allerdings einer dreijährigen Flaschenlagerung, die dieser Wein jedoch nicht erfüllt. Dass dies der Qualität keinen Abbruch tut, zeigt diese Flasche.

Pierre Larmandier

Der Terre de Vertus ist ein sehr mineralischer, frischer, trocken-knackiger Wein mit deutlichen Kreidenoten und Anklängen von Orangen- und Limettenschale, verbunden mit einer feinen Brioche-Note. Trotz der rassigen Säure und Mineralität wirkt der Champagner rund und fein, kein bisschen aggressiv. Dieser Wein, den ich selber auch im Programm habe, ist für mich der Archetyp dessen, was ein Non-Vintage-Champagner von der Côte de Blancs leisten kann, und ist für mich immer wieder mein Referenz-Champagner.

Im zweiten Teil: De Sousa & Fils, Raumlands Chardonnay, der sich kein bisschen verstecken musste, sowie Brochet und Moncuit

 

6 Kommentare

  1. Hallo Christoph!

    Da hast Du ja zwei wirklich authentische Champagner auf den Tisch gestellt. Bereche kenne ich persönlich nicht, aber Boris schwärmt mir immer davon vor – obwohl, wenn ich recht überlege, dann hab’ ich mit Boris sogar mal ne’ Flasche Bereche gehabt, kann mich aber nicht näher daran erinnern. Sorry

    Eine weitaus bessere Erinnerung habe ich an den Terre de Vertus. Das ist auch für mich sowas wie die Referenzklasse bezüglich BDB non Dose und dieses Jahr hab ich davon bis jetzt 4 Flaschen getrunken. Zu Deinen Verkostungsnotizen habe ich lediglich noch Ingwernoten und “sowas kräuteriges” was ich noch nie wirklich geschmacklich fassen konnte hinzuzufügen. Ein distinguierter Champagner mit viel Rasse und Klasse, den ich mir neben dem Apero auch zu nicht zu scharfer asiatischer Küche vorstellen könnte. Auf alle Fälle ein Champagner der so ziemlich alles in dieser Preisklasse souverän an die Wand drückt, was sich ihm entgegen stellt.

    Du solltest vielleicht bei Deinem nächsten Trip in die Champagne bei Andere Clouet vorstellig werden – der macht so ungefähr das Gleiche mit PN aus Bouzy:

    Grüße Jens

  2. Lieber Jens,

    in älteren Aufzeichnungen hatte ich tatsächlich auch Ingwer und so was wie getrocknete Kräuter drin. Da ich an jenem Abend 16 Champagner und ihre Winzer vorgestellt habe sind meine eigenen Aufzeichnungen leider etwas zu kurz gekommen.

    Zu Larmandier-Bernier:
    Das Einzige, was etwas Schade ist bei L-B ist der doch deutliche Preisanstieg der letzten Jahre, wenn ich es auch gut verstehen kann.

    Zu Clouet:
    Den Silver Brut Grand Cru habe ich hier beschrieben: http://www.originalverkorkt.de/2009/11/champagne-silver-brut-grand-cru-andre-clouet-bouzy/

    Der 1911er und ein Millesimè liegen noch im Keller

    Grüße, Christoph

  3. Hallo Christoph!

    Dein Paket ist übrigens heute angekommen!

    1911 ist ein absoluter Hammerchampagner. Ich würde ihm jedoch gute fünf Jahre Flaschenreife ab Kaufdatum gönnen. Das funktioniert natürlich nur, wenn man vor Ort kauft und weiß, wann der Champus degorgiert worden ist.

    Erst letztes WE hatten wir 1911 und den Rose Clouet. Beide gekauft bei Lobenberg und die waren frisch. Für mich etwas zu frisch. Der 2005er aus meinem Keller mit knapp 2 Jahren Flaschenreife war viel offner und präsentierte sich irgendwie “trinkiger”.

    1911 hatten wir im November letzten Jahres gegen Prevost Rose auf einer Verkostung getrunken. Beide waren auf Augenhöhe groß. Und darüber war sich die Verkosterriege auch einig. Da haben dann nur noch persönliche Vorlieben den Auschlag gegeben welchen Champus man jetzt vorzieht.

    Jens

  4. Hallo Jens,

    ich habe die beiden Clouets auch mal auf ner Fachbesucherveranstaltung bei Lobenberg probiert, da waren sie mir auch zu frisch, fast scharf. Jugend ist bei Pinot-Champagnern schwieriger als bei Chardonnay, schätze ich.

    Mein 1911er stammt von den Jahrgängen 1998-2000, der Millesime ist von 1995.

    Einen Champagner-Roséabend würde ich auch gerne mal machen. Prevost finde ich da auch sehr schön, ebenso Gautherot, also Vouette & Sorbet. Und den l’Alchimiste von Léclapart würde ich gerne mal probieren.

    Das mit dem Paket habe mitbekommen, die senden mir immer eine Bestätigung.Viel Spaß mit denen Weinen.

    Grüße, Christoph

  5. Juhu, endlich der große Champagnerabend zum Nachvollziehen! Dank Deines Tipps hatte ich mich ja mit Bérèche vor Ort eingedeckt, wobei ich ehrlich gesagt schon den “einfachen” Brut Tradition für 18 € äußerst ansprechend fand. Umso gespannter bin ich jetzt auf seinen Solera-Champagner.

    Larmandier-Bernier habe ich noch zu meiner Liège-Zeit kennen gelernt, und ich fand immer, dass die Stufe zwischen den “Kleinen” und den Lagenweinen beachtlich ist. Der “Terre de Vertus” gehört seitdem jedenfalls zu meinen erklärten Lieblingen. Der ist so furztrocken, dass er besser zu einer Meeresfrüchteplatte passt als alle anderen, die ich jemals ausprobiert hatte. Ich habe noch so eine Note nach trockenem Gebüsch in Erinnerung, aber zu Silvester mache ich meist keine professionellen Aufzeichnungen 😉

  6. An den Millesimme würde ich mal rangehen. Hatte letztens 2000 und vor gut einem Jahr 98 und die zeigten sich schon zugänglich. Viel Spass und berichte bitte. 95 kenne ich allerdings nicht. Der Bouzy Rouge von Clouet ist auch gut, braucht aber viel Zeit. Aktuell müßte 2005 abverkauft werden.

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