Blanc de Blancs Champagne: Teil 2 – Über Kreide, de Sousa, Raumland, Brochet und Moncuit

Wenn man auf die Karte der Appellation Champagne schaut, bemerkt man, dass die Region zersplittert ist. Das ist ungewöhnlich für eine Weinregion, hängt aber vor allem mit den unterschiedlichen Gesteinszusammensetzungen zusammen. Die Champagne lebt von Kalk und Mergel. Da diese Beschaffenheit nicht überall gegeben ist, hat man die Anbaufläche begrenzt. Bis zum Jahr 2008 waren es etwa 33.500 Hektar. Aufgrund der hohen Nachfrage wurde vom französischen Weinamt beschlossen, das Gebiet in den nächsten Jahren um 38 Gemeinden zu erweitern. Zwischenzeitlich wurde, ebenfalls aufgrund der hohen Nachfrage, die mögliche Ertragsmenge von 10.500 Kilo Trauben/Hektar auf 12.500 Kilo erhöht, die großen Häuser hätten sogar gerne 14.000 Kilo gehabt. Doch schon eine Ertragserhöhung von rund 20% Traubenmaterial pro Hektar, was dann etwa 78 Hektolitern an Ertrag entspricht, ist für ein Luxusprodukt nicht gerade wenig. Wenn man allerdings andererseits die Produktionsmengen generell betrachtet, kann man von einem Luxusprodukt eh nicht mehr sprechen, da ist dann lediglich der Preis luxuriös, und die Marketingkampagnen sind es im Zweifel auch. Dem Ruf der Champagne tut es jedoch bisher anscheinend keinen Abbruch, und wenn der chinesische Markt auf die Champagne genau so heiß wird wie auf das Bordelais, dann sind im Zweifel selbst die Liegenschaften von 38 zusätzlichen Gemeinden noch deutlich zu wenig, um den Durst zu stillen. Über den Plan, die Appellation zu erweitern, wurde lange und heftig gestritten, denn, ich wiederhole mich kurz, die Champagne lebt von ihren Böden und dem jeweiligen Mikroklima. Und beides gilt in den 38 zusätzlichen Gemeinden nicht als besonders hochwertig. Aber was soll’s, sagen sich viele, für einen Discount-Champagner wird es reichen, da ist es eh fast egal, was in der Flasche ist. Und entsprechend wollen wir uns auch hier nicht weiter mit dieser Qualitätsstufe beschäftigen.

Kreidefelsen in der Champagne | © CIVC, HUYGHENS DANRIGAL CLAUDE ET FRANCOISE

Hier geht es gerade um Blanc de Blancs und man könnte annehmen, dass diese aus der Côte de Blancs stammen. Das ist meist richtig, aber nicht immer. Zwar ist die Côte de Blancs tatsächlich das Gebiet der Champagne, wo am meisten, ja fast ausschließlich Chardonnay wächst, woraus Blanc de Blancs im Allgemeinen gekeltert werden. Eigentlich heißt sie aber so, weil dort das Weiße der Erde, die Kimmeridge-Kreide, bis an die Oberfläche tritt. Der Boden ist dort so weiß wie die Kalksteinfelsen von Rügen und die Küste bei Dover, lediglich durch eine leichte Humusschicht bedeckt. So kreidig ist der Boden sonst nur in einzelnen Teilen der Montage de Reims, in Parzellen des Vallée de la Marne und in Teilen von Montgueux, einer kleinen Unterappellation. Dieser Boden ist in der Tat prädestiniert für Chardonnay und so stammen die Chardonnay-Champagner des Abends auch fast ausschließlich von diesem Untergrund. Lediglich die beiden Besonderheiten unter den Blanc de Blancs, die beiden raren Weißburgunder-Champagner, stammen von Mergelböden, in die sich ein wenig Weichkalk gemischt hat. Diesen Boden finden man im unteren, weiter entfernten Gebiet der Côte de Bar, die vor allem bekannt ist für ihren Pinot Noir.

De Sousas Stammsitz in Avize | Foto: © Vinaturel

 

De Sousa Blanc de Blancs Resèrve Grand Cru
Kehren wir zurück zu unseren Champagnern, so habe ich im zweiten Flight zwei ganz unterschiedliche Weine nebeneinander gestellt, von denen ich mir allerdings erhofft hatte, dass sie einen etwas ähnlichen Schmelz aufweisen könnten, und ganz falsch lag ich damit nicht. Zunächst gab es einen De Sousa Blanc de Blancs Resèrve Grand Cru. Die Familie eines aus Spanien stammenden Urahnen hat ihren Sitz in Avize, einem der beiden Hauptorte der Côte de Blancs, und bis auf kleine Mengen Pinot Noir aus Ay und Ambonnay sowie Meunier aus der Nähe von Epernay – beides wird für Rosé gebraucht – hat sich de Sousa auf Chardonnay spezialisiert. Dafür stehen der Familie 11 Hektar ausgezeichnete Premier- und Grand-Lagen in Avize, Oger, Cramant und Le Mesnil zur Verfügung. Seit 1999 arbeitet de Sousa biodynamisch, die Umstellung erfolgte unter der Leitung von François Bouchet, einer Ikone unter den Biodynamie-Spezialisten. De Sousa haben das Glück, nicht nur ausgezeichnete Lagen zu besitzen, die durch eine erfolgreiche Heiratsdiplomatie zu Anfang des 20. Jhs noch erweitert wurden, besonders ist auch das durchschnittliche Alter der Rebstöcke, welches bei 45 Jahren liegt. Schon dieser Umstand kann zu einer konzentrierteren Aromatik führen, wenn dann spät gelesen und der Ertrag reduziert wird und zudem die Technik der Batônnage angewandt wird, also die Hefe innerhalb des Gärbottichs mehrfach aufgerührt wird, dann führt dies, in Verbindung mit einer zurückhaltenden Dosage zu einem speziellen de Sousa-Stil, den Engländer als rich bezeichnen würden. Schon die Réserve ist voll, crémig-schmelzig mit Aromen von frischem Brioche, Salznüssen und Mandeln. Demgegenüber steht jedoch die Frische von Limetten und, je länger der Wein offen steht, reifen Orangen. Diese Fülle einerseits und die tänzelnde Zitrusfrucht-Säure und kalkige Mineralik andererseits machen diesen Champagner, der weniger kostet als ein Veuve-Clicquot, zu einem Erlebnis, dem sich in der Runde niemand entziehen konnte. Und auch wenn ich die viel puristischeren Weine von Bérèche und Larmandier persönlich eher schätze, so bin ich doch immer wieder begeistert von diesem Wein.

 

Raumland, Chardonnay 2004 Prestige
Was ich als Piraten angekündigt und entsprechend eingeschenkt hatte, konnten an diesem Abend jene erläutern, die sich mit diesem Wein viel besser auskennen als ich. Das Ehepaar Raumland hatte spontan zugesagt, als ich Volker Raumland die Probenliste des Abends inklusive seines 2004er Chardonnay Prestige geschickt hatte. Raumlands, die sich als Sekthaus in Flörsheim-Dalsheim komplett auf die Erzeugung von Schaumweinen spezialisiert haben, sind seit Jahren die am häufigsten ausgezeichneten Erzeuger in Deutschland und für deutsche Sekte ist Raumland die Referenz. Raumlands orientieren sich bei ihrer Arbeit ganz klar an den Winzern in der Champagne und nicht an der deutschen Konkurrenz. Riesling-Sekt spielt eine entsprechend geringe Rolle. Sämtliche Sekte von Rang stammen von Burgundersorten, reinsortig ausgebaut oder als Cuvée bis hin zum Triumvirat, einer Prestige-Cuvée aus den klassischen drei Champagne-Rebsorten Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier. Dieser Sekt entspricht dann auch preislich einem Champagner, der Jahrgangs-Chardonnay hingegen ist deutlich günstiger.

Erntezeit auf dem Sektgut Raumland | Foto ©: Raumland

Wenn man ihm auch sein deutsche Herkunft ein wenig anmerkt – er wirkt frischfruchtiger als die Champagner, aber das ist kein Makel, eher ein Charaktermerkmal –, so kann dieser Sekt auf dem Level, auf dem wir uns gerade befinden, sehr gut mitspielen. Ausgebaut wurde der auf Kalkboden wachsende Chardonnay im kleinen, gebrauchten Barrique, er verbindet Kraft und Fülle mit viel Frische und Noten von Steinobst. Das ist in seiner ganzen Harmonie einer der besten deutschen Sekte, die ich kenne.

In der dritten Runde finden sich zwei sehr unterschiedliche Typen, Böden und Stile. Mit dem Champagner von Emmanuel Brochet findet sich ein weiterer Winzer aus der Montagne de Reims, der den Anspruch hat, so natur- und terroirnah wie möglich seine Definition von natürlichem Wein zu produzieren, daneben steht eine Grande Dame aus Mesnil-sur-Oger, die verehrte Nicole Moncuit.


Emmanuel Brochet | Foto links ©: Thomas Iversen, Mad about Wine, Foto rechts: Christoph Raffelt

 

Emmanuel Brochet, “Le Mont Benoît” Non Dosé Vendange 2007
Brochet, der in Villers-aux-Noeuds in der Nähe von Reims beheimatet ist, besitzt gerade mal 2,5 Hektar Weinberg in der Einzellage Le Mont Benoît. Damit gehört er zu den Mikrowinzern, die andernorts vom Ertrag kaum überleben könnten. Brochet kann, den guten Preisen sei Dank. Villers-aux-Noueds Terroir, wo früher 200 Hektar, heute nur noch 30 unter Reben stehen, unterscheidet sich deutlich von den fast nackten Kreideböden der Côte de Blancs, vielmehr findet sich hier über der Kreide eine stärkere Kreide-Ton-Auflage, die dem Wein eine ganz eigene, fast rauchige Note verleiht. Brochet, der zu den Newcomern und den biologisch arbeitenden Winzern gehört, wirkt, was Ökologie und Biodynamie betrifft, ganz abgeklärt. Der Respekt vor der Natur und der Blick auf den teils schaurigen Umgang mit derselben, gerade in der Champagne – es ist noch nicht so lange her, dass man den Hausmüll von Paris als Dünger unter die Rebstöcke der Champagne verteilt hat –, hat ihn zum ökologisch arbeitenden Winzer werden lassen, mit Esoterik kann er nichts anfangen. Für ihn sei neben diesem Respekt die Schaffung eines guten Produktes wichtig, eines, das konzentriert die Besonderheiten seines Heimatboden widerspiegle, so Brochet. Gelesen wird das Rebgut bei 10 Grad Alkoholgehalt und verarbeitet wird es in einer 2.000 Kilo-Vertikal-Presse, was der Hälfte der üblichen Größe entspricht. Brochet selber nutzt lediglich das Coeur de Cuvée, also das Herz der Pressung, der Rest, die Taille, wird an Händler verkauft. Seit 2005 wird im großen Holzfass vergoren. Brochet nutzt dafür die von Fleury entwickelten Quarz-Hefen, keine Industriehefen. Er hat mit Spontanvergärung experimentiert, hat es aber zunächst wieder aufgegeben, weil er davon ausgeht, dass sein Keller noch zu neu ist, sodass dort das Mikroklima noch nicht stimmt, um genügend indigene Hefen zu erzeugen, die dann auch wirklich eine Gärung in Gang bringen können. Der Wein wird im Januar das erste Mal abgestochen, dann liegt er weiter bis Mitte des Jahres auf der Feinhefe. Geschönt und gefiltert wird nicht, der biologische Säureabbau wird nur bei Teilen der Weine durchgeführt.

Eigentlich hatte ich bei meinem Händler den Blanc de Blancs 2005 bestellt, jedoch den Le Mont Benoît Non Dosé 2007 erhalten. Das passt nicht ganz, wenn man einen Blanc de Blancs Abend plant, doch – ehrlich gesagt – ist es mir erst aufgefallen, als ich die Flaschen nach der Probe fotografiert habe. Also hatten wir eine ungewollte Cuvée im Programm, bestehend aus 50% Meunier, 25% Pinot Noir und 25% Chardonnay. Zu 85% 2007er Jahrgang gesellen sich 15% 2006er. Dieser Wein repräsentiert sehr deutlich das Terroir des Mont Benoît, die kreidige Note genauso wie die Tonerde. Entsprechend finden sich eher kreidig-mineralische, aber auch rauchige Noten, im Fruchtbereich sind  es Grapefruit und grünapfelige Noten, die dominieren und sich mit salzigen Noten und  etwas Brioche paaren. Am Gaumen setzt sich das Spiel aus salzigen Noten und dieser beeindruckenden Mineralität fort. Es ist eigentlich kein Wunder, dass bei dieser Expressivität der Kreide und dieser Stahligkeit nicht aufgefallen ist, dass hier nur 25% Chardonnay drin waren. Was bleibt, ist die Erinnerung an einen sehr fokussierten, klaren, harmonischen Champagner erster Güte.

 

Pierre Moncuit, Blanc de Blancs Grand Cru Brut Millesimé 2002
Ähnlich harmonisch präsentierte sich der 2002er Grand Cru Brut Blanc de Blancs von Moncuit. Moncuit besitzt 20 verschiedene Parzellen in Le-Mesnil-sur-Oger, hinzu kommen 5 Hektar in Sézanne, die immer getrennt ausgebaut werden. Es ist der Ort, wo Krug seinen extrem teuren und raren Clos de Mesnil bewirtschaftet. An Säure fehlt es den Weinen aus Le Mesnil selten, was an der spezifischen Lage des Ortes und seiner Weinberge liegt. Entsprechend dem hohen Säureanteil lässt Nicole Moncuit die Weine immer einen biologischen Säureabbau durchlaufen. Die Weine der Moncuit, die seit den 50er Jahren unter eigenem Namen Champagner anbieten und zu den alteingesessenen und renommierten Betrieben gehören, werden ausschließlich im Edelstahl vergoren, und die Weine entstammen ausschließlich einzelnen Jahrgängen, es wird nicht mit Reserveweinen gearbeitet.

Der 2002er wirkt fein und zurückhaltend, fast gedämpft. Die Blumen-, Kräuter- und Fruchtaromatik duftet leicht aus dem Glas, mit zunehmender Luft mischen sich reifer Pfirsich, Grapefruit und einige tropische Noten in den Duft. Am Gaumen wirkt der Wein balanciert zwischen Frucht, Säure und kreidiger, nerviger Mineralität. Eigentlich ein ausgezeichnet balancierter Champagner, trotzdem hat er bei mir keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Dabei will ich dem Champagner kein Unrecht tun; denn es typisch für Le Mesnil, dass die Weine viel Zeit brauchen. Ich würde noch mal fünf weitere Jahre ansetzen und dann noch einmal probieren.

 

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