Einige denkwürdige Weine

Vor kurzem hatten wir in einer kleinen Runde die Möglichkeit, mit einigen vom Gastgeber ausgewählten Weinen auf dessen Geburtstag anzustoßen. Er besitzt einen Weinkeller mit einer außerordentlich schönen Auswahl an Weinen, die mir nicht zuletzt deshalb so gut gefällt, weil sie so geerdet ist. Da sind keine Etikettenweine dabei sondern lauter Schätze, bei denen das Preis-Genussverhältnis nicht zu stark auseinander gedriftet ist.

1995er Oberhäuser Brücke, Riesling Spätlese, Dönnhoff
Der Abend begann mit einer 1995er Spätlese aus der Oberhäuser Brücke, eine der schönsten Lagen, die die Dönnhoffs bewirtschaften. Dass der Wein schon ein paar Jahre hinter sich hat, erkennt man am klassischen Etikett, welches es so schon seit vielen Jahren nicht mehr gibt. Der Wein wurde, wie alle Weine des Abends, blind verkostet und meine erste Überlegen ging Richtung Saar-Riesling, so prägnant fand ich zunächst die salzigen Noten. In der Nase dann leichtes Gummi neben feinen Apfelnoten, ein wenig Steinobst und einer würzigen Mineralität. Am Gaumen wirkte diese 9% Spätlese crémig und balanciert. Auch hier finden sich die feinen Fruchtaromen und die steinige Würze. Schöne Länge, viel Struktur, ein toller Wein.

2004er Aulerde, Riesling Großes Gewächs, Wittmann
Tief und crémig, allerdings naturgemäß mit deutlich mehr Kraft kam Wittmanns 2004er Aulerde daher. Der Wein stammt aus dem Jahr, in dem Wittmanns begonnen haben, biologisch-dynamisch zu arbeiten. Die Aulerde gehört zu den vier Großen Gewächsen des Gutes. Tonmergel dominiert den Boden, angereichert mit etwas Löß und Kalkstein, unterfüttert mit Ton- und Kiessand. Ich habe den Riesling nicht als einen rheinhessischen eingeschätzt. Der Wein wirkt fast fett, bei gleichzeitiger prägnanter Säure. Der Opulenz nach hätte ich ihn in der Pfalz eingeordnet, der leichten Bitternote und Würze nach in Österreich. Der sieben Jahre alte Wein ist hervorragend gealtert. Keine Spur von Müdigkeit, kein Ansatz von Zerfall, im Gegenteil er ist lang, tief, es findet sich neben der Säure eine spürbare Restsüße, der Wein ist balanciert und strukturiert. Ein ausgezeichnetes großes Gewächs.

1998er Corton Charlemagne Grand Cru, Domaine Vincent Girardin
Dagegen wirkt der 1998er Corton Charlemagne Grand Cru von Vincent Girantin etwas müde. Noten von Speck und schwarzem Tee, Mürbeteige und reifer Birne bestimmen die Noten. Dazu kamen einige florale Noten. Das Holz hat sich nicht ganz so gut eingebunden und bleibt die ganze Zeit über etwas vordergründig. Auch wenn es ein schöner Wein ist, gegen die unergründliche Tiefe der Aulerde hatte dieser Wein keine Chance.

1955er Corton Grand Cru, 1967er Clos Saint Denis Grand Cru, Domaine Doudet-Nardin
Der Fokus des Abends jedoch lag bei den roten Weinen. Zu Beginn standen sich zwei Lagen und Jahrgänge von Doudet-Naudin gegenüber. Doudet-Nardin besitzt 12 eigene Hektar, zu denen die Grand Cru Lagen Corton und Clos Saint Denis gehören. Dem bräunlich-roten 1955er Corton sah man sein Alter durchaus an – und auch der Duft zeugte von fortgeschrittener Reife. Es fanden sich kaum noch Frucht, viel mehr dominierten Speck und Leder, eine leichte Süße fand sich in der Nase wie am Gaumen, vor allem aber der Duft alten Holzes. Am Gaumen dann eine Spur Frucht neben Holz und dem Geschmack von Eisen. Beim 1967er Clos Saint Denis hat die Zeit stärkere Spuren hinterlassen und dem Eisen einen Mantel von Rost übergestülpt. Beide Weine haben, technisch gesehen, den Höhepunkt überschritten und wenn man nicht um ihr Alter wüsste, könnte man arrogant über solche Tropfen hinweggehen. Wenn ich mir jedoch ihres Alters gewahr werde, stößt die Lust am blinden Probieren an ihre Grenzen. Da kann ich nicht neutral bleiben und das macht auch keinen Sinn. Denn neben der eigentlichen Qualität des Weines, die man vielleicht mehr oder weniger objektiv beurteilen kann, kommt etwas dazu, was deutlich jüngere Weine nicht aufweisen können; eine Aura von Geschichte und Würde. Automatisch schweifen die Gedanken in eine Zeit, die ich nicht mal selber erlebt habe, die ich nur aus Geschichtsbüchern und Erzählungen kenne. Jeder am Tisch wird seine eigenen Bilder vor Augen gehabt haben, doch alle waren gleichermaßen fasziniert.

1978er Barbaresco Santo Stefano Reserva Speciale, Bruno Giacosa
Merkte man den Burgundern ihr Alter noch an, konnten wir das vom Barbaresco in der Form nicht behaupten. Zwar wurde schon an der Farbe klar, dass der Wein einige Jahre auf dem Puckel hatte, doch mehr als dreißig hätte keiner von uns geschätzt. Hier, in diesem Wein des piemontesischen Altmeisters Giacosa fanden sich Alter, Geschichte und Würde auf der einen Seite und Weinbereitung und Reifung auf dem Weg zur Perfektion auf der anderen Seite zusammen. Es ist das, was ich trinken will, wenn ich an Barbaresco oder Barolo denke. Es ist ein wein der klassischen Art, der lange Reifezeit braucht, mehr, als wir den Weinen normalerweise zugestehen. Es ist einer, der dann im Alter eine fantastische Balance aus Kraft, Dichte und Feinheit aufweist. Auch wenn diese spezielle Flasche zum Schluss ein wenig kurz war und uns vielleicht für einen Moment enttäuscht hat, so blieb doch eine wunderbare Harmonie und Komplexität von Aromen zwischen balsamischen, kräutrigen, ledrigen und metallischen Noten, dazu eine ganz feine Süße, etwas Waldboden, etwas Kümmel sogar und ein Geruch von abgebranntem Streichholz. Die Tannine waren ganz fein und mürbe, die Säure balanciert – aber ich höre jetzt auf, denn ich bekomme direkt Lust darauf, so einen Wein noch mal zu erleben.

1977er Estrella Malbec, Bodegas de Weinert
Dabei war sein direkter Konkurrent kaum minder beeindruckend. Zumal, als wir dann später erfuhren, was das für ein Wein war. In der Nase fanden sich gesetzte Fruchtnoten, etwa so wie ich sie von McBaren Plumcake erinnere, einem Tabak, den einer meiner Lehrer früher geraucht hat – also Virginia-Tabak mit Rum versetzt. Dazu fanden sich Nüsse, ein paar laktische Noten, die Erinnerung an warme Milch und auch Milchschokolade. Am Gaumen dann wieder diese fermentierte Frucht, dazu Schokolade und etwas, das mich an Baumkuchen erinnerte. Dieser Malbec, denn darum handelte es sich, dieser Malbec aus dem Jahr 1977 war ein zutiefst beeindruckender, ziemlich perfekt gereifter, großer Wein, das kann ich nicht anders sagen. Ich muss gestehen, dass mir völlig unbekannt war, dass dort um diese Zeit schon so gute Weine erzeugt worden sind. Carlos Weinert, ein deutschstämmiger Brasilianer, der mit dem 1977er seinen ersten Jahrgang herausgebracht hat zeigt dies aber eindrücklich. Weinerts Wein ist der beste Malbec, den ich bisher getrunken habe. Sein 1977er Estrella wirkte kein bisschen müde. Der Wein stammt, wie alle Weine Weinerts nicht etwa aus kleinen Barriques sondern aus großen, alten Holzfässern. Bis heute bringt Weinert seine Weine erst dann auf den Markt, wenn sie wirklich reif sind. So finden sich heute 2005er und 2006er Jahrgänge zum Erwerb. Bei wein48.de, sehe ich gerade bei meiner Recherche, gibt es den 1977er Estrella noch zum Erwerb. Wer sich solche Weine leisten kann, sollte diesen unbedingt mal probieren.

1934er Château Léoville-Barton 2ième Cru, St. Julien
Diesen Wein, ebenfalls zunächst blind verkostet, habe ich spontan in die Mitte der Siebziger sortiert. Ein Bordeaux, den ich eher der rechten Seite zugeordnet hätte, vor allem im Vergleich zu seinem Glasnachbarn, den ich eher im Médoc verortet hätte. Doch nichts da – dieser Wein, der blind, also neutral betrachtet zunächst ein wenig so wirkte, als habe man etwas, was zusammengehört in seine Einzelteile zerlegt, stammte aus den 30er Jahren und aus dem St. Julien, also von der linke Seite der Garonne. Bei einem solchen Wein findet sich natürlich nicht mehr viel Frucht, die auf die Zusammensetzung der Rebsorten hindeuten könnte. Da bleibt eher, zumindest für mich, der solch gealterte Weine äußerst selten trinkt, nur eine wage Vermutung. Hier finden sich noch Tertiäraromen von Leder, Bratensoßen, balsamischen und metallischen Komponenten. Und auch hier wirkte der Wein auf uns noch mal ganz anders, als die Flasche schließlich aufgedeckt wurde. Knapp 80 Jahre sind wirklich eine ganze Menge für einen Wein und dieser hat sich im Laufe der zwei Stunden nach Öffnung durchaus noch mal besser zusammengefunden, als er sich zu Beginn präsentiert hat. Irgendwann dann, zum Ende das Abends hat er dann abgebaut – aber wer mag ihm das verdenken?

1986er Château Angélus, St. Emilion Grand Cru
Auch wenn dieser Weine Kork aufwies, hat er uns beeindruckt. Ja, der Kork ist gerade dann ärgerlich, wenn der Wein eigentlich noch in den meisten seiner Facetten erkennbar ist und nur mit einem Korkschleier überzogen wird. Ohne diesen wäre das ein ganz ausgezeichneter Wein gewesen. Ich hätte den Angélus nun, ich erwähnte es schon, irgendwo in einer von Cabernet Sauvignon dominierten Gegend verortet, zu prägnant erschien mir der Duft von schwarzen Johannisbeeren in der Nase. An der Tatsache, dass dies Bordeaux sein würde, habe ich nicht gezweifelt, zu klar fanden sich jodig-salzige Noten in der Nase. Dazu kam die obligatorische Zigarrenkiste und ein bisschen was von Pflaumen und Feigen. Auch am Gaumen fand sich die Korknote und der Wein wirkte gedämpft, eine typische Begleiterscheinung. Sehr schade, denn die leicht kompottigen Fruchtnoten, die feinen Tannine, die leicht vegetabilen Noten mussten sich alle durch eine Schleier arbeiten, um präsent zu werden.

1976er Kanzemer Altenberg, Riesling Beerenauslese, von Othegraven, Saar
Diese Beerenauslese war noch mal ein Knaller zum Schluss. Nach einem solchen Abend gibt es für mich nichts Schöneres als eine Riesling-Auslese. Diese Beerenauslese aus dem Fuder 10 hat mich mit seiner Länge und der präzisen Säure noch mal richtig belebt. Beeindruckend auch deshalb, weil dieser Wein eigentlich gar nicht mehr süß war, eher so, als würde er noch die Information von Süße in sich tragen, jedoch nicht mehr die eigentliche Komponente. Ich weiss, das klingt homöopathisch-esoterisch, aber genau so kam mir das vor – wie der Nachhall einer Beerenauslese.

2 Kommentare

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