Weinrallye 50 – Vin Naturel: Zum Beispiel Sassaia 2008 und Rasdu 8002

Was es hier in Deutschland als Szene überhaupt nicht gibt, ist in Frankreich und den angelsächsischen Ländern Gegenstand von Bewunderung und Begeisterung, genauso gut aber auch von Ablehnung und Verhöhnung. Die Rede ist vom vin naturel, vom natural wine, für den es in Deutschland nicht einmal ein entsprechendes sprachliches Pendant gibt, da die direkte Übersetzung – im Podcast wird es genauer erklärt – schon thematisch besetzt ist. So, wie wir das Pendant vermissen, vermissen wir auch die Winzer, die sich damit beschäftigen. Eigentlich müssen wir also über die Grenzen schauen, um das zu betrachten und probieren zu können, was uns als thematische Vorgabe in der 50sten Ausgabe der Weinrallye erwartet. Vorgegeben hat das Thema Iris Rutz-Rudel, Niederrheinerin, doch schon lange in Frankreich lebend, Winzerin, Bloggerin und bekennende Naturwein-Freundin. Wer ihr Blog verfolgt, findet schon den ein oder anderen Artikel und Verweis zu dieser Art von Wein, bei der schon im Vorfeld der Weinrallye klar wurde, dass vielen nicht klar ist, was Naturwein eigentlich ist. Ist es Biowein? Bestimmt. Ist es biodynamisch erzeugter Wein? Nicht unbedingt. Was ist eigentlich das Natürliche in dieser Art von Wein?


Foto: © La Biancara/Lorenzo Rui

Tatsache ist, dass es keine allgemein gültige Definition dieser Form der Weinbereitung gibt und ehrlich gesagt, finde ich das auch gut so. Das Thema ist nach allen Seiten hin offen und wenn man sich auf was einigen will so ist es, dass ein vin naturel so wenig wie möglich manipuliert wurde, sei es im Weinberg, sei es im Keller. Um es jedoch für diesen Anlass ein wenig klarer zu machen verweise ich gerne auf die Seite der Association des Vins Naturels, die folgende Erklärung bietet: Die Winzer der AVN haben ein Ideal: Weine entstehen zu lassen ohne Zusatzstoffe. Aus Respekt vor der Natur wird im Weinberg ökologisch oder biodynamisch gearbeitet. Die Traubenlese erfolgt per Hand, lediglich der Einsatz wilder Hefen, also eine Spontanvergärung ist erlaubt. Es werden keine Praktiken im Keller angewandt, die das Wesen der Traube auf brutale oder traumatisierende Weise verändern. Gemeint sind Praktiken wie Umkehrosmose, Crossflowfiltration, Flash-Pasteurisierung und andere mögliche Kellertechniken. Darüber hinaus sollen keine Enzyme in den Wein gelangen und die Zugabe von Schwefel wird auf ein Minimum begrenzt. Sind in der EU Mengen von Schwefel von 150mg/Liter bei Rotwein und bis zu 400mg/Liter bei Weißwein erlaubt, wird bei den Vin Naturels auf 30 bzw. 40 Milligramm begrenzt.

Etwas weiter geht die Definition von Weinautor und Sommelier Mats Rudolf auf The Gastropean. Ich zitiere hier nur die Headlines, und verweise auf die eigentliche Seite, in der die Überschriften noch näher erläutert werden.

1. Naturweine werden aus dem Wunsch heraus geboren einen unverfälschten Eindruck eines Gebietes oder eines Weinbergs abzubilden.

2. Die Entstehung von Naturwein ist nicht zielorientiert, nicht zweckbezogen, es gibt keine gewünschte Richtung in die der Wein geschoben werden soll, es gibt lediglich eine Fülle von Möglichkeiten.

3. Die Definition, was ein besonders gelungener Naturwein sein könnte, bleibt sehr offen.

4. Naturwein sollte grundsätzlich gut schmecken und bekömmlich sein.

5. Naturwein wird grundsätzlich ohne Beigabe chemischer Stoffe angebaut.

6. Naturwein wird grundsätzlich ohne Hilfe von Reinzuchthefen, Filterung, Klärung, Zugabe von Enzymen und der Hilfe von Umkehrosmose und ähnlichem ausgebaut.

7. Die Zugabe von Schwefel zur Stabilisierung des Weines sollte entfallen bzw. auf ein Mindestmaß begrenzt sein.

8. Naturwein sollte frei und lebendig sein.

9. Naturwein sollte nicht statisch definiert sein sondern eine Idee, die sich weiterentwickelt.

So weit also die Theorie. Für die Praxis habe ich mir zwei Weine ausgesucht, die diesem Ideal durchaus entsprechen sollten.

Foto: © La Biancara/Lorenzo Rui

La Biancara de Angelino Maule, Sassaia Vino Bianco 2008
Angelino Maule betreibt auf La Biancara zusammen mit seiner Frau und mittlerweile seinen Söhnen seit den 1980er Jahren Weinbau in Venetien, genau gesagt in den Hügeln von Sorio di Gambellara, irgendwo zischen Vincenza und Verona. Seinen ersten Wein, den weißen Sassaia, der von der authochtonen Traubensorte Garganega plus etwas Trebbiano stammt, hat er erstmals 1988 abgefüllt. Garganega dürfte den wenigsten als Traubensorte bekannt sein, wohl aber der Stoff, für den diese Traube meist herhalten muss und aus dem Weinalpträume entstehen können – Soave. Maules Sassaia hat mit dem gemeinen Soave etwa so wenig zu tun wie Fructi-Schampoo mit Weleda Sole-Zahncrème. Der Sassaia ist ein trüber, purer Stoff mit einem gewöhnungsbedürftigen Geruch, der in etwa dem gleicht, wenn man feuchtes Heu auf einen alten Flokati ablegt. Dieser Duft, bzw. Geruch wird nicht gänzlich verschwinden, auch wenn man den Wein dekantiert und stehen lässt. Man wird herausgefordert und doch lohnt es sich, den Wein zu trinken. Denn er überrascht nach der gewöhnungsbedüftigen Nase mit einer gleichzeitigen Weichheit und Mineralität. Der Wein hat nicht viel Säure, es findet sich eine auf leichte Oxydation hinweisende Birnenaromatik, dazu ein wenig reife Zitrone und Melone. Beeindruckend ist der Extraktreichtum des Weines und die Mineralität der Vulkanböden. Einem Vin Naturel dürfte dieser Wein von der gesamten Idee und Machart jedenfalls entsprechen. Hier entwickelt sich eine authochtone Rebsorte zu Wein. Der Mensch greift so wenig wie möglich ein (nicht mal eine Temperaturkontrolle bei der Vergärung gibt es). Aus diesem Prozess entwickelt sich ein eigenwilliger Wein voller Charakter, ein Kleinod in einer Landschaft voller Industrieweine.

Foto: © La Biancara/Lorenzo Rui

Domaine de Causse Marines de Patrice Lescarret, Rasdu 8002
Was dem einen seine Garganega, ist dem anderen seine Ondenc, seine Mauzac, seine Braucol, Duras oder Prunelard. Nie gehört? Ich bis vor kurzem auch nicht. Dabei entstehen aus diesen, ehemals im Gaillac typischen Rebsorten einige der charaktervollsten Weine Frankreichs, wage ich mal zu behaupten. Wer meint, im Bordeaux, im Burgund, an der Rhône oder im Languedoc das Meiste zu kennen, sollte sich wohl mal in den fast unbekannten Südwesten der französischen Republik aufmachen. Kurz hinter Toulouse Richtung Atlantik bis hoch nach Bordeaux erstreckt sich eine Weinlandschaft, deren Erzeugnisse interessanter Weise vor allem in die USA und nach Canada verkauft werden, auch wenn sie mit dem parkertypischen Idealen so ziemlich gar nichts zu tun haben. Von diesem Konglomerat an Appellationen kannte ich das Jurançon, das Madiran, das Cahors oder das Bergerac, weniger die Appellation Gaillac, Tursan oder Chalosse. Und auch von den bekannteren habe ich mir nie wirklich einen Eindruck verschafft. Ich bin allerdings dabei, das zu ändern. Was das Gaillac angeht, bekomme ich freundliche Hilfe von einem Weinhändler aus Köln, der sich darauf spezialisiert hat und von dem wir auch einen Schaumwein für unseren Podcast erworben hatten. Dieser Schaumwein aus Mauzac, nach Methode Ancestrale vinifiziert, stammt aus dem Weingut Domaine de Causse Marines, ebenso der Wein, den ich heute noch vorstellen möchte. Der Winzer, Patrice Lescarret gehört zum Trio Infernale des Gaillac, einem unangepassten Dreigestirn, die es quasi darauf anlegen, dass Ihre Weine von offiziellen Kommissionen zurückgewiesen werden. Der Wein, den ich gerade im Glas habe ist dann auch nur ein kleiner Landwein für knapp 18 Euro. Der reinsortige Rasdu stammt aus dem Jahr 8002 und irgendwie stimmt offiziell an dem Wein so gut wie nichts.

Die beiden anderen Haudegen sind der Vorsitzende der französischen Vignerons Independant, Michel Issaly, dessen Weine ich mal an anderer Stelle gesondert vorstellen werde, sowie Vater und Sohn Plageoles, die eigenhändig dafür gesorgt haben, dass die oben erwähnten Traubensorten im Gaillac wieder angebaut werden. Sie wurden jahrzehntelang diskriminiert und zugunsten von, wie sollte es anders sein, Cabernet und Merlot heraus gerupft. Robert Plageoles hat viele Rebsorten mühselig wieder aufgetrieben und angebaut und die Familie baut mittlerweile fünfzehn rebsortenreine Weine aus. Die Muscadelle Doux, die ich am letzten Sonntag im Rahmen eines Weinabends ausgeschenkt habe, war sensationell gut und dürfte viele gestandene Sauternes (Muscadelle ist neben Semillon und Sauvignon Blanc auch die dritte Rebsorte im Sauternes) blass und einfältig aussehen lassen – nicht nur was den Preis betrifft, sondern vor allem die Komplexität und das wunderbaren Frucht-Säurespiel.

Zurück zur Domaine de Causse Marines. Dessen Besitzer Patrice Lescarret dürfte einer der schrägsten Vögel der dortigen Weinszene sein. Und auch einer mit einer ganzen Menge Feinde. Ein Zugezogener, der keinen Hehl davon macht, dass er die Arbeit der meisten Winzer dort unten nicht sonderlich wertschätzt. Er ist einer, der potentielle Kunden vom Hof schmeisst weil er überhaupt kein Lust auf überflüssiges, unqualifiziertes Gefasel hat. Er beleidigt auch gerne mal Verkoster und Wettbewerbe. Von vielen anderen wird er jedoch für die Qualität seiner Weine hoch geachtet, vor allem für seine süßen. Erstaunlich ist dabei, dass er trotz aller Resistenz gegenüber Obrigkeiten und Verbänden Teil des französischen Demeter-Verbandes ist. Wobei die, so sagte man mir, gegenüber manch anderer nationalen Verbänden recht entspannt sein sollen.

Der Rasdu 8002, ein Tafelwein aus 100% Duras des Jahrgangs 2008 jedenfalls darf getrost zu den vin naturels gezählt werden: Biodynamische Weinbergsarbeit, dann sehr schonender Ausbau. Nicht einmal geschwefelt wurde er, speziell »a ces Parisiens adeptes du «nihilisme». Und noch einer schöner Satz in seiner Weinbeschreibung: »Les barriques ont toujours et encore été oubliées à Bordeaux par le transporteur.«

Wenn ich die Nase ins Glas stecke, denke ich an Waldboden, an Erde, an Waldfrüchte und eine wilde Landschaft. Der Duft erinnert mich an den des Tannat – auch eine Sorte die man selten probiert, ebenfalls aus dem Südwesten. Dieser Duras ist ein eigenwilliger, uriger Wein voller Frucht, präsenter Säure und Tanninen, gleichzeitig ungebändigt und weich. Einer, der nicht zu schwer und kompliziert ist und trotzdem in Erinnerung bleibt.

Ich bin gespannt, wie sich die Weinszene rund um den vin naturel entwickeln wird. Es tut sich jedenfalls sehr viel. In den USA sind die Weine in bestimmten Szene-Lokalen ebenso angesagt wie schon länger in London und vor allem Paris. Da gibt es dann auch einige Pariser, die es sich nicht nehmen lassen, ein wenig Rebfläche zu erwerben und nach Gutdünken einigen Weine zu erzeugen die total natürlich sind – und auch getrunken werden – von jedem Weinliebhaber aber zurückgewiesen werden würde ob ihrer unflätigen Fehlerhaftigkeit. Das nimmt dann gerne ein so streitbarer wie eingebildeter Winzer wie der Biodynamiker Chapoutier zum Anlass, mal quer schnell quer gegen die gesamte Szene zu feuern. Aber was soll’s. Das ist auch der, der öffentlich behauptet, die einzigen, die was von Riesling verstehen würden, wären die Elsässer.

Übrigens, drüben in Österreich befassen sich schon so einige Winzer mit dem Thema. Warum also nicht hier? Vielleicht gibt es ja mal den ein oder anderen Winzer, der sich zu diesem Thema äußern mag. Ich behalte mir das Thema mal für ein Podcast vor. Kann ich also zum Schluss nur noch ein paar Empfehlungen geben:

Als Website:

Mad About Wine

 Mats Rudolf

 Vins Naturels Fr.

 Vin Natur Org

 Vins Naturels Org

 

Als Buch:

Alice Fiering: Naked Wine

Jamie Goode and Sam Harrop: Authentic Wine

Paul Strang: Sout-West France

Carnet de Vigne Omnivore 3e Cuvée

 

Zur Weinrallye gibt es alles Lesenswerte im Winzerblog, beim Thomas Lippert, denn der hat sie ins Leben gerufen.

7 Kommentare

  1. schöner Beitrag, der auch die Hintergrundinformationen noch mal gut zusammen fasst, danke:-)! Ich werd den schönen Satz “Maules Sassaia hat mit dem gemeinen Soave etwa so wenig zu tun wie Fructi-Schampoo mit Weleda Sole-Zahncrème.” in mein Notizbuch schreiben, kann mir dabei auch sehr gut vorstellen, was Du damit meinst:-)… Und danke für die beiden Beispiele, auch wenn ich die Weine von Maule leider noch nicht kenne, so sind mir die 3 aus dem Gaillac natürlich schon sehr lange ein Begriff. Ich hatte die große Freude, Robert Plageolle vor ca 25 Jahren bei Winzerkonferenzen rund um das Thema autochthone Rebsorten kennen zu lernen (und seinen 2 stündigen Vortrag dazu von Band abzutippen, für die damalige Veröffentlichung des Kolloquiums), natürlich hab ich mich dann auch für seine Weine interessiert und ihn zu Hause besucht (unser Rebschullieferant für die eigenen ersten Pflanzungen der “Bordeauxsorten” lag gleich in der Nähe)und ich war von seinen Weinen begeistert. Auch Lescarret ist ja schon locker seit 2o Jahren in der Bioszene bekannt, den hatten mir zuerst Freunde aus Luxemburg mitgebracht, die zu seinen regelmäßigen Kunden gehören. Alle drei wurden als gute Winzer von guten Cavisten auch schon lange vor dem Naturweinhype gehandelt, der uns im übrigen, nach meiner ganz persönlichen Erfahrung leider auch mehr Fructis-Weine hervorbringt (Himbeergeschmack und klebrige Süße im Hals – was man dann in den einschlägigen Kreisen wohl als “vin de soif” bezeichnet, da man davon ganz schön durstig wird…;-). Aber das ist ja Geschmacksache, ich bevorzuge da eher die gestandenen Weine, die auch etwas länger im Keller und auf der Flasche verweilen durften/können. So, ich mach jetzt Schluss,muss ja noch irgendwann heute meinen eigenen Beitrag schreiben, damit ich nicht als letzte über die Ziellinie komme….aber Spaß acht’s Euch alle zu lesen!

  2. Wow Christoph, das nenne ich umfassende Information! Sehr schöner Artikel.

    Ich habe neulich den Duras von Plageoles getrunken, der mir auch gefallen hat (okay, leicht geschwefelt, also nicht ganz strikt vin naturel): Leder, Zeder, Zimt auf der Gewürzseite, Pflaume und Schlehe auf der Fruchtseite; kein vordergründig strenges Tannin, aber hinten im Gaumen bitter, braucht sicher noch Jahre bis zum echten Harmonisieren (das kann er), ansonsten aber auch jetzt schon gut antestbar zu richtig knuspriger Ente.

    Den Sassaia habe ich übrigens neulich per Zufall in diesem Shop gefunden (sorry für den überlangen Link): http://www.weinraum.de/Inhalt_v4_Norm.php?abl_wahl=sassaia%20von%20angiolino%20maules%20la%20biancara%20-%20biologisches%20weingut%20in%20venetien%20-%20weinraum.2.23..weiID.552..wein_ita.19.182.wein.sort……..0&wein_ID[1]=552&wein_ANZ[1]=1
    Kennst Du den Shop oder den Betreiber? Scheint ja irgendwie “unserem” Weinverständnis sehr ähnlich zu sein.

  3. Pingback: Weinrallye #50: Zwei von drei Naturweinen schmecken gut | Chez Matze

  4. Christoph

    Danke euch für das positive Feedback.

    @Iris: Die Plageolles würde ich auch gerne mal kennenlernen. Vielleicht bietet sich im Herbst die Gelegenheit. Es kann sein, dass wir dann eine Woche in Toulouse sein werden. Wie weit ist denn Lisson von Toulouse entfernt?

    @Matthias: Im Weinraum hatte ich auch schön gestöbert – schönes Angebot, ja, den Inhaber kenne ich jedoch leider nicht.

  5. Christoph, von Toulouse nach Lisson sind es ungefähr 120 km…wir liegen ja auf der halben Strecke zwischen Toulouse und Montpellier…Gaillac liegt etwas näher. Aber vielleicht klappt’s ja auch schon mit dem Treffen Ende Mai/Anfang Juni in Köln:-)…

    ich sitze immer noch an der Zusammenfassung der Weinrallye, ihr habt einfach alle zu viel und zu gut geschrieben, als dass das so schnell ginge…;-)

  6. Pingback: L'Humeur du Temps 2010, Chablis, Domaine Anne & Olivier de Moor » originalverkorkt

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