Zur 600 ein Vin Naturel von der Mosel

Letzte Woche viel mir auf, dass das 600ste Posting vor der Tür steht. Da dachte ich, ich könnte was Längeres schreiben, doch dann war wieder zu wenig Zeit und dann stauen sich wieder die Beiträge und dann musste es einfach weiter gehen. Doch wollte ich zum kleinen Jubiläum nicht irgendeinen Wein nehmen, es sollte schon etwas Besonderes sein.

Trossen Schieferstein Purus

Diesen besonderen Wein habe ich gefunden. Er stammt von Rita und Rudolf Trossen. Die beiden gehören zum Urgestein der deutschen Bioweinszene. Sie sind noch nicht so alt wie der Schiefer, auf dem sie stehen, doch so lange ich mich mit biologisch erzeugten Weinen beschäftige, sind sie da. Um präzise zu sein, haben sie mit der biodynamischen Form der Bewirtschaftung ihrer Weinberge Ende der 70er Jahre angefangen. Die Etiketten (nicht dieses hier sondern die anderen) sehen immer noch so aus wie damals, als sie im Bioladen meines Onkels standen und die Trossens haben woll nicht den Eindruck, dass sich das ändern müsste. Es ist ihr Stil und noch viel wichtiger als das Etikett ist eh das, was in der Flasche ist.

Um sie herum hat sich viel geändert. Die einstmals belächelte Bioweinszene ist genauso wie die grüne Partei inmitten der Gesellschaft angelangt, einer der früher Mitstreiter an der Mosel, Clemens Busch hat längst designte Etiketten und ist Mitglied im Verband deutscher Prädikatsweingüter. Neben der mittlerweile etablierten Bioweinszene die entsprechend ihren Weg aus den Bioläden der Nation in die Weinläden geschafft hat und der sich diverse Spitzenwinzer angeschlossen haben, weil sie erkennen mussten, dass Qualität, besondere Qualität auf Dauer nur mit biologisch oder biodynamisch bewirtschafteten Weinbergen zu bewerkstelligen ist (selbst wenn manche davon sich nicht zertifizieren lassen und hier und da dann doch die Giftspritze rausholen, ist die Richtung doch klar).

Neben den Etablierten hat sich derweil eine neue, unangepasste Szene gebildet. Ähnlich wie die Grünen  zu den Konservativen gehören und ein bunt gemischter Haufen Piraten die Szene teils professionell, teils dilletantisch aufgemischt hat, gibt es eine Winzerbewegung, die sich Vin Naturel auf die Fahnen geschrieben haben und ähnlich agieren wie Piraten, denn auch hier gibt es viel Licht und vielleicht noch mehr Schatten.

Vin Naturel also, Wein, der so natürlich wie möglich produziert werden soll. Da würden jetzt die aus der etablierten Szene sagen: Hey, das machen wir doch schon längst, aber so einfach ist das nicht. Der klassische Biowein ist einer, der im Weinberg nach ökologischen Kriterien erzeugte wurde. Im Keller durfte man, zumindest wenn man die EU-Standards zur Hand nimmt, ziemlich viel machen, was einer, der Vin Naturel machen will als das Böse deklarieren würde. Dass Verbände wie Ecovin oder Demeter schärfer Richtlinien haben, steht auf einem anderen Blatt. Was jedoch auch dort möglich ist (und ich bewerte das nicht, ich sage es nur), ist der Einsatz von Reinzuchthefen, ist das Schwefeln und Schönen und Filtern. All das versucht der Hersteller von Vin Naturel zu vermeiden. Entsprechend anders sind die Weine. Zumal dann, wenn sie auch noch in eine Richtung ausgebaut werden, die sich ein wenig mit der Vin Naturel-Szene überschneidet. Es ist die der Orange-Wines, Weine also, die eine kupferfarbene bis orangene Färbung haben, weil die Weine, es handelt sich hier um Weißweine, so ausgebaut wurden wie Rotweine. Die Trauben wurden also angepresst und der Saft auf der Maische belassen. Die Farbstoff der Beerenhäute sammelt sich genauso im Wein wie der Extrakt. Beide Szenen bedürfen noch einmal eines genaueren Blicks. Doch kurz gesagt, die Vin Naturel Szene ist in Frankreich und Italien ausgesprochen aktiv, hier weniger. Genauer gesagt habe ich noch keinen solchen Wein aus deutschen Landen getrunken, auch wenn es vereinzelt welche geben mag.

Doch zurück zu diesem Wein. Es handelt sich um den Schieferstern 2011 Purus, ein Experimentalwein, den die Trossens hier in kleiner Stückzahl anbieten. Ein Experiment, das darauf basiert, dass Freunde und Kunden immer wieder mit Vin Naturels ankamen, mit archaischen Weinen aus dem Jura oder den Savoien und die Trossens sich immer intensiver mit dieser so anderen Art von Wein beschäftigt haben. Dieser Wein wird in Flaschen mit Kronkorken abgefüllt und wurde nicht geschwefelt. Wenn mein Urin so aussähe wie die Farbe des Weines, würde ich mir ernsthaft Sorgen über eine Lebererkrankung machen. Es mischt sich ein Karamellton in die Brillanz des Rieslings, der auf dem Etikett als Landwein von der Mosel bezeichnet wird. Und diesen Karamellton hat man auch in der Nase, wenn man zum ersten Mal am Glas schnuppert. Ich habe den Wein vor Genuss doppelt dekantiert weil ich dachte, er ist noch jung und er kann ein wenig Luft gebrauchen. Das war eine gute Wahl, denn der Wein präsentierte sich von Anfang an offen. Feines Karamell bei einem trockenen Riesling in der Nase zu haben, ist schon mal ungewöhnlich. Dazu gesellt sich ein Hefeton und einer von Bitterorangen und Limetten. Und je länger ich schnuppere, desto intensiver wird der Wein. Er hat so viel mit Riesling zu tun wie Sepp Musters Gräfin oder Erde mit Sauvignon Blanc. Nicht viel. Es ist eine ganz andere Welt, in die man hier eintaucht. Woran ich zunehmend mehr denke, als an deutsche Weine ist Sherry. Frischer Sherry mit Noten von unreifen Walnüssen, Mandeln, frischen Haselnüssen. Moselrieslingfrucht? Fehlanzeige. Höchstens ein frischer Apfel schaut mal vorbei, ansonsten eher Blüten und Kräuter. Immer noch schrecke ich davor zurück, den Wein zu probieren. Was erwartet mich bei einer solchen Duftkomposition am Gaumen?

Der Wein, der Purus heißt, ist tatsächlich pur. Das, was er an Klarheit und Brillanz in seiner etwas schmutzigen Farbe nicht hat, hat er am Gaumen. Er ist präzise, fast messerscharf und weich zugleich. Ein Gebirgsbach mit weichem Wasser. Rebensaft mit einer begeisternden Struktur, ein Wein, der nicht mehr so jung wirkt, wie sein Alter vermuten ließe. Schiefer kann ich hier nicht schmecken, eher Stein im allgemeinen. Eine Grundidee von Stein und Mineralik. Der Wein erinnert mich am Gaumen an Weine des Champagnerherstellers David Léclapart, vor allem an dessen Grundweine. Es ist die erstaunliche Harmonie zwischen Kraft und Wärme und der klaren Säure und Agilität, die mich überrascht hat. Und noch viel mehr ist es der urwüchsige Charakter, der, wie gesagt, mit dem, was ich von Riesling erwarte nicht viel zu tun hat. Aber warum sollten die eigenen Erwartungen immer erfüllt werden? Zumal, wenn sie so befriedigend in eine andere Richtung gelenkt werden. Es wäre auf Dauer langweilig.

11 Kommentare

  1. Wo kann man diesen Wein denn beziehen? Ich bin gestern schon ob Deines Tweets neugierig, aber leider nicht fündig geworden.

  2. Ich habe ihn ab Weingut bezogen. Und waoanders bekommtman ihn meines wissens nach auch nicht.

  3. Pingback: Wein, die Zweite: Die Welt des Weines (TS006) | Transiente Sichten

  4. Versendet das Weingut etwa die Weine nach Hause oder geht das nur wenn man persönlich dort ist?

  5. Das weiß ich nicht, ob er ganz normal verschickt. Einfach mal anrufen oder ne Mail schreiben, würde ich sagen.

  6. Christoph

    Den Wein gibt es direkt ab Weingut. Einfach eine Mail schicken. In Berlin gibt es ihn in kleinen Mengen in Jürgen Hammers weinkostbar. http://www.hammers-wein.de

  7. Hallo Christoph,
    whärend meiner letzten Tour nach Köln war ich mit einem Freund in Winningen an der Mosel um dort das Weingut Knebel zu besuchen. Anlaß war der Videobeitrag auf WaL von Hendrik. Zwei Tage bevor wir dorthin gefahren sind, waren bei uns im Depot einige moselfreunde die uns den Rat gabe, dann auch direkt Kröber und RIchter zu besuchen. Wenn man schon mal in Winningen ist, macht man das dann auch. Bei allen Besuchen kam raus, was im WaL-Beitrag auch schon anklang und auf Knebel’s Seite auch geschrieben wird : spontanvergoren. Alle drei! Und auf Nachfrage ” wieviel zum Teufel denn hier in Winningen spontan vergären?” kam !!! über die Hälfte der Winzer!!! Am Wochenende danach hatten wir auf der Prowein nochmal ein Date mit Mathias Knebel und ebenso mit Georg Meissner.
    Nach diesen Infos muss das Kapitel Vin naturel oder Spontanvergärung in BRD eventuell neu geschrieben, bzw. neu beleuchtet werden. Ich kann jetzt nur für “unsere” Winzer im Gailac sprechen und da kann ich dann deiner Aussage nur zustimmen, das die sehr aktiv sind in Frankreich, aber was ich in der Woche in und um Köln zu hören bekam hat mich schon etwas geplättet.

  8. Na ja, Spontanvergärung ist ja jetzt kein neuer Ansatz. Wenn Du mal beispielsweise bei der Weinhalle nach der Vergärungsart schaust, steht bei den meisten spontan. Manche machen es dann auch konsequent, andere impfen im Bedarfsfall nach, aber insgesamt ist dieser Trend zur Spotanvergärung doch schon lange zu beobachten. Und vin naturel ist ja noch mal ein deutliches Stück konsequenter als Spontanvergärung. Was ich sehe, sind allerdings tatsächlich einige wenige Winzer, die das, wofür vin naturel steht, aufzugreifen.

  9. Hallo Christoph,
    die Tatsache, das es häufiger als gedacht vorkommt, war nicht ganz mein Aufhänger. Ich wunderte mich ja mehr über die Kommentierung in Blogartikeln. Mir schien es dort immer noch als neueres oder besonderes Thema behandelt zu werden. Und deine Bemerkung über Nachimpfen bestürzt mich ja geradezu. Als Winzer “spontan” raushängen zu lassen, und dann aber doch künstlich ein zu greifen, sollte Blogger eigentlich aufschreien lassen. Das ist ein wenig so wie den EU-Bioanbau gut zu finden, weil dann schonmal ein Schritt in die richtige Richtung gemacht wird. Dabei ist das heutzutage genau das Problem. EU-Bio hat nichts mit Besser oder gesünder zu tun und das muss auch so gesagt werden. Es ist ein Deckmantel für höhere Margen, bringt dem Verbraucher garnichts und macht es den konsequenten in Anbauverbänden organisierten Anbauern enorm schwer zu erklären, warum ihre Produkte den teurer sind wenn sie “doch auch nur Bio” sind.
    Ist aber auch nicht so wild, ich bin da nur extrem empfindlich wegen meiner Herkunft.

  10. Hallo Karl, das Nachimpfen ist bestimmt eine zweischneidige Sache. Die Trossens würden das bestimmt nicht tun. Doch bei manchen weiß ich, dass sie gegenüber dem Handel und der Gastronomie einfach auch bestimmte Verpflichtungen haben und wenn der trocken angedachte Gutsriesling nicht trocken zu werden droht, sondern halbtrocken, dann können die sich das schlicht nicht leisten. Dann wird die Gärung noch mal mit Reinzuchthefen angestoßen. Das sind auch Winzer, die zwar praktisch alles spontan vergären aber sich diese Möglichkeit offenhalten – sie werben auch nicht mit Spontanvergärung, man merkt es eben ihren Weinen an und wenn man sie fragt, erklären sie es auch. Ich muss sagen, ich kann das nachvollziehen und Reinzucht ist jetzt auch nicht der Teufel – auch wenn ich selber ganz klar zur anderen Fraktion gehöre. Was Du über EU-Bio sagst finde ich absolut richtig. Bin heute nach an einem Supermarkt-Regal mit Trebbiano aus Italien und Tempranillo aus der Mancha vorbeigelaufen. Beides unter 2.50 €, beides Bio. Das ist halt so wie mit dem Fleisch. Da kann Bio drauf stehen und es wird trotzdem in der größten Fleischverarbeitungsfabrik Deutschlands verarbeitet. Das ist halt Schwachsinn. Da kann ich ich nur an den Verbraucher appellieren. er soll sich einfach informieren. Das erfordert Zeit, aber es lohnt sich. Da wird einem auch klar, wo der Unterschied zwischen EU-Bio und Ecocert, Biodyvin, Demeter, Naturland oder was auch immer liegt. Die Politik, so fürchte ich, wird halt immer bei einem sehr kleinen, gemeinsamen Nenner bleiben. Gruß, Christoph

  11. Danke für die Nachsicht. Das mit dem 2,50 Bio-Wein setzt dem Ganzen natürlich die Krone auf. Ich bin auch seit Tagen hin und her gerissen um einen Kommentar auf drunkenmonday wegen der neuen Ralley zu setzen. Unter 5 Euro. Vielleicht hast Du ja auch die Recherche und Untersuchungsergebnisse die ich auf unserer vin-naturel.net Seite von wegen Pestizide im Wein verlinkt habe schon gelesen. Was tut man sich beim Kauf auf Verdacht ohne Kenntnis im Supermarkt da an. Ich kann das Wissen um die Wahrscheinlichkeit, dass ich da so einen Wein habe nicht ausblenden und den Wein für gut befinden.
    Das mit dem Argument des finanziellen Ruins bei Nichtgelingen ist verständlich aber auch hinterfragbar. Warum gelingt es denn nicht? Warum arbeitet man dann nicht so, dass es gelingt. Wir haben hier mittlerweile Winzer, die es schaffen vin naturel bis zu 16 Alkoholprozenten zuende zu bringen oder auf 0,2 g/L Restzucker zu kommen. Dazu gehört ein funktionierendes Biotop und saubere Arbeit. Leider muss ichs so knallhart sagen : ich kann das Anstoßen oder Nachstoßen in Zeiten der Umstellung noch akzeptieren, aber danach ist es für mich nur eine Koketterie mit heren Worten.
    Noch brisanter wird die Lage ja bei den Schaumweinen. Da gehen echt nur die Allerwenigsten das Risiko ein, dass die zweite Fermentation nicht in Gang kommt und nie 6 bar aufgebaut werden.
    Bei dem Thema kommt ja auch die Fehlentwicklung durch Reduktion ins Spiel. Und da kämpfen die Winzer hier öfter mit und versauen sich so ganze Ernten. Zum Glück sind manche Leute nicht so empfindlich gegen geräucherten oder gekochten Schinken im Wein oder Anklänge von faulen Eiern und ein Teil kann doch verkauft werden. Manchmal hilft auch liegen lassen. Aber manchmal werden auch ganze Jahrgänge zur Destillerie gebracht.
    Ich mach mir jetzt mal was nettes auf und bereite mich auf einen schönen Sonntag vor.
    viele Grüße
    Karl

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