Besuch in Worpswede und Einkehr in Kays Culinarium

Obwohl wir hier und da unregelmäßig zur Familie meiner Frau nach Bremerhaven fahren, sind wir bisher immer an der Ausfahrt Worpswede vorbeigefahren. Das hat sich gestern geändert. Der Aufbruch zur Rückreise verlief pünktlich und so sind wir am frühen Nachmittag im ehemaligen Künstlerdorf Worpswede am Rande des Teufelsmoors angekommen. Die dunklen Wolken, die uns von der Küste weg begleitet hatten, waren weggeblasen und lediglich hängende Mägen verhinderten eine direkte Erkundung der Siedlung.

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Wir hatten schon befürchtet, dass Sonntag nicht der ideale Tag sein würde, um in einen Touristenort zu fahren, zudem gab es gestern zusätzlich einen Künstlermarkt mit Begleitmusik, und doch blieb der Ort trotz Überfüllung faszinierend. So viele Trauben von Menschen auch um die Stände herumstanden, die im Wesentlichen mit irgendwelchem anthroposophischen Krams befüllt waren, so leer waren die kühlen Räumlichkeiten der Museen, die eine feine Auswahl der Künstler bieten, die an diesem Ort gelebt und gearbeitet haben. Werke von Paula Modersohn-Becker und ihrem Mann Otto, Heinrich Vogeler und Hans am Ende, Fritz Overbeck oder Fritz Mackensen. Jugendstil trifft auf Impressionismus trifft auf Expressionismus. Das Flair dieser Zeit, so wie ich es mir vorstelle, ist durchaus noch anzutreffen, nicht zuletzt, wenn man sich außerhalb des Dorfes umschaut. Moorlandschaft, Wäldchen und Flüsse ähneln verschiedenen Bildmotiven. 1889 war das Gründungsjahr der Kolonie, die von Malern begründet wurde, die ähnlich den französischen Impressionisten die Studiomalerei gründlich satt hatten und fasziniert waren vom weiten Horizont der Landschaft und den ursprünglichen Lebensverhältnissen und dem einfachen Leben der Bewohner, dass Städter schon damals nur noch am Rande mitbekamen. Die Gründung basierte eher auf einem Zufall, denn Mackensen studierte damals an der Düsseldorfer Akademie und lernte dort die Nichte seiner Düsseldorfer Wirtin kennen, die ihn nach Worpswede einlud. Neben Malern und Fotografen lebte auch Rainer Maria Rilke kurzfristig mit seiner Frau Frau Clara Westhoff in diesem Ort, bevor die Ehe zerbrach, er nach Paris ging und sie später in den unweit entfernten Ort Fischerhude, der ebenfalls eine Künstlerkolonie beherbergte.

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Neben aller Romantik verwundert es nicht, dass der Heimat- und Naturkult, der unter vielen Worpsweder Künstlern gepflegt wurde und sich im Stil vieler Gemälde widerspiegelt, einen fruchtbaren Boden sowohl für völkisches Gedankentum geliefert hat, als auch Antroposophen anzog. So modern Bilder von Paula Modersohn-Becker wirken, so wertkonservativ erscheinen einem heute Bilder von beispielsweise Fritz Mackensen. Bei den Reichstagswahlen 1933 fielen dann auch 66 Prozent der Stimmen auf die NSDAP, ein Wert, der deutlich über dem Landesdurchschnitt lag.

Heute findet sich übrigens immer noch eine ganze Reihe von Künstlern im Ort, dessen breites Spektrum von Biographien und Werke man hier einsehen kann. Neben der Kunst ist es vor allem die Architektur und deren Einbettung in die Natur, die fasziniert und deren Spanne von historischen Bauerhöfen über den vom Jugendstil geprägten und von Vogeler umgebauten Barkenhoff bis zur Käseglocke reicht, die Bruno Taut entworfen hat.

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Da dies ja kein Reiseblog sondern ein Weinblog inklusive Abschweifungen ist, gibt es neben der Empfehlung, diesen architektonisch und künstlerisch bemerkenswerten Ort einmal zu besuchen, auch noch eine Einkehrempfehlung. Ich muss gestehen, dass ist das, was wir als Erstes gemacht haben, als wir in Worpswede angekommen sind. Und der Zufall wollte es, dass wir hinter einem bildschönen Gehöft geparkt hatten, dessen Speisekarte durchaus attraktiv erschien.

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Kays Culinarium bot uns ein Dreigänge-Menü, für das wir uns entschieden haben, weil es bei uns etwas zu feiern gab. Auch wenn sich Anspruch und Wirklichkeit nicht ganz decken konnten, haben wir durchaus gut gespeist. So, dass ich das Culinarium weiterempfehlen möchte. An der Präsentation hapert es ein wenig, das Thunfischtartar ist ein bisserl grob geschnitten, der Hauptspeise mit Steak von irischem Rind, Zwiebeln, Gemüsebett und Kartoffelbrei fehlt auch irgendwie die Attraktivität in der Darbietung (leider auch etwas Feinheit im Geschmack) und auch wenn ich jetzt mäkeln könnte, dass Thunfisch-Tartar mit Sojasoße nicht wirklich gut zu gegrillter Wassermelone mit Pesto und Pfifferlingen sowie Salat imt Pecorino passen, waren die drei einzelnen Gruppen der Vorspeise trotzdem ein Genuss. Vor allem die gegrillte Melone hat es mir angetan. Und abschließend ein Hoch auf die Mousse von der Valrhona-Schokolade. Als Begleitung gab es einen gereiften 2009er Pinot Bianco von Elena Walch, der für sich gesehen etwas belanglos war, in Kombination mit der Vorspeise aber durchaus zu punkten wusste, und zu deren Begleitung hatte ich den Wein aus dem Offenausschank ja schließlich auch bestellt. Zum Steak hatte ich mich für einen Cannoneau di Sardegna der Cantina Treixenta entschieden. Während Elena Walch seit vielen Jahren zu den Vorzeigewinzerinnen im Bereich  Südtirol-Trentino zählt, wurde die Cantina Treixenta 1956 von 23 Mitgliedern gegründet. Heute zählte die sardische Kooperative über 200 Mitglieder und zählt zu den wichtigsten Weinbaubetrieben der Insel. Der Cannoneau war stoffig und fein, mit leichter Würze und etwas zu viel Vanille und Holztoastung. Zum Steak aber eigentlich eine gute Begleitung.

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