Neuseeland, das Kreuz mit den Aroma-Hefen und ein Wahnsinns-Sauvignon von Dog Point

Seit Cloudy Bay Mitte, Ende der achtziger Jahre den neuseeländischen Weinbau quasi im Alleingang grunderneuert hat, hat sich auf den beiden Inseln Neuseelands viel verändert. Neuseeländischer Sauvignon Blanc ist zum Exportschlager geworden, mit weitem Abstand gefolgt von häufig exzellentem Pinot Noir und Chardonnay. Wo früher in Massen Müller-Thurgau stand, wird heute ausschließlich Qualitätsweinbau betrieben. Und zwar einer, der es in sich hat. Sustainability ist hier der Begriff, der zählt, und ökologischer Anbau ist der, der in den nächsten Jahren immer wichtiger werden wird. Müller-Thurgau, der früher überall zu finden war, nimmt dagegen nur noch 3 Hektar Rebfläche ein, in ganz Neuseeland. Man hat sich in Folge von Cloudy Bay von vornherein im Premium-Qualitäts- und Preissegment angesiedelt und Billigwein ist für Neuseeland praktisch tabu. Entsprechend verlässlich sind die Qualitäten und ebenso der Stil.

Copyright: Dog Point

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Cryarome – oder warum alles wie Cloudy Bay schmeckt
Denn mit Cloudy Bay hat sich damals ein Weinstil entwickelt, denn es anderswo nicht gab. Deshalb und auch auf Grund der Tatsache, dass man auf diesem Weingut gutes Marketing betrieben hat, ist dieser Wein weltweit erfolgreich geworden. Sauvignon Blanc von Cloudy Bay stand für einen blitzsauberen, sehr frischen, absolut geradlinigen Stil, für Sauvignon Blanc vollgepackt mit tropischen Fruchtaromen und frisch gemähter Wiese. Cloudy Bay sind in Neuseeland viele gefolgt und irgendwann war der Markt voll mit diesem Sauvignon Blanc. Es geht sogar noch weiter. Andere wollten auch solchen Sauvignon Blanc machen und haben in den Reinzuchthefenherstellen ihre Partner gefunden. Denn ist ja nun nicht etwa so, dass der Duft und Geschmack allein von der Traube käme. Nein, ein großer, wenn nicht hälftiger Anteil stammt von den verwendeten Hefen. Deshalb artet die Frage, ob man nun Reinzuchthefen für die Weine nimmt oder spontan vergärt oder spontan angärt und dann mit Reinzucht nachimpft schnell zum Glaubenskrieg aus –unter Winzern wie unter Weinenthusiasten gleichermaßen. Das ist nachvollziehbar denn gerade der Sauvignon Blanc zeigt, dass der übermäßige Einsatz von Reinzuchthefen zu einer kompletten Vereinheitlichung führen kann. In diesem Fall sind es Zuchthefen wie beispielsweise die SIHA Cryarome. Diese Hefe wird gerne auch Sauvignon Blanc-Hefe genannt, da sie all die Eigenschaften befördert, die die Weintrinker bei neuseeländischem Sauvignon Blanc so schätzen gelernt haben. Die Hefe hat hervorragende Kaltgäreigenschaften. Kaltgärung führt zu einer Aromenexplosion, allerdings auch schnell dazu, dass der Wein nach dieser Explosion in sich zusammenschrumpft. Die Aromen von Aromarebsorten wie Sauvignon Blanc oder Riesling werden über die Maßen gepusht, und dann hat man schnell diese Maracuja-Noten, Ananas und anderes im Wein. Vor allem, wenn man die Cryarome-Hefe mit Aktivhefe 7 mischt, denn diese sorgt für Maracuja, Zitrus und weitere tropische Aromen am Gaumen. Der Hype um tropisch schmeckenden Sauvignon Blanc geht mittlerweile sogar so weit, dass man ganz andere Sorten findet, die auch nach Neuseeland-Sauvignon schmecken. Kürzlich hatte ich einen südafrikanischen Chenin Blanc im Glas, der so schmeckte, oder sizilianischen Grillo, spanischen Verdejo, norditalienischen Pinot Grigio und selbst bei österreischischem Veltliner ist mir das schon aufgefallen. Kaltvergärung und Cryarome-Hefe sind eine moderne Pest im Weinbau. Sie sorgen dafür, dass selbst in heißesten Gebieten frische Weißweine entstehen können und diese vordergründig auch noch toll schmecken. Dabei ist das ein totales Kunstprodukt, eine Illusion.

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Neue Speerspitze im neuseeländischen Weinbau – zum Beispiel Dog Point
Wie sieht es derweil in Neuseeland aus, während andere diesen Stil mehr oder weniger erfolgreich nachahmen? Cloudy Bay ist längst von Veuve Clicquot aufgekauft worden und verkauft immer noch im großen Maße teuren Sauvignon Blanc. Längst haben andere Wineries die Speerspitze übernommen und eine davon, die mir besonders gut gefällt, ist Dog Point (hier der Artikel zu deren Pinot Noir). Die beiden Gründer des Weinguts, Ivan Sutherland und James Healy, sind alte, erfahrene Hasen. Ivan war 18 Jahre lang verantwortlich für die Weinberge bei Cloudy Bay, James war 12 Jahre Cloudy Bays Önologe. Den Weg, denn Veuve Clicquot (und damit Louis Vuitton-Moet-Henessy) gegangen ist, wollten die beiden jedoch nicht mitgehen. Sie wollten weiter Hands on arbeiten, so wie sie es gewohnt waren. Also haben sie in Marlborough ihr eigenes Weingut Dog Point gegründet. Hier wird das vorgelebt, was in Neuseeland State oft the Art sein soll: ein hochmodernes Weingut, das nachhaltig arbeitet und ökologisch zertifiziert ist. Man beschränkt sich auf Sauvignon Blanc, Chardonnay und Pinot Noir.

Wenn ich die Qualität dieses Gutes erklären soll, fällt mir eigentlich als Vergleich nur Vacheron im Sancerre ein. Ähnlich wie bei Vacheron wird hier bei Dog Point ein Standard-Sauvignon gekeltert, der exakt typisch für das Anbaugebiet ist und doch eine Spur mehr kann, als so ziemlich alles, was drum herum in der Preisklasse gemacht wird. Und dann gibt es da noch eine Premiumvariante, eine spontanvergorene, im alten Holzfass ausgebaute, die einen völlig umzuhauen vermag. Genau so ging es mir auch, als ich das erste Mal Vacherons Sancerre probiert habe und danach den Einzellagen-Sancerre Les Romains.

Dogpoint_section94

Sauvignon Blanc Section 94, Jahrgang 2010
Bei Dog Point heißt dieser Wein Section 94, benannt nach der speziellen Parzelle, wo die Reben für diesen Wein wachsen. Er ist der erste Wein seit langer Zeit, bei dem ich Schwierigkeiten habe, ihn zu begreifen und ihn zu beschreiben. Ich habe ihn jetzt über mehrere Tage hinweg getrunken und er lässt mich etwas ratlos aber total fasziniert zurück. Ratlos vor allem deshalb, weil ich nicht weiß, wie dieser Wein zu dem geworden ist, was er ist.

Doch von vorne. Als ich den Wein öffne und ein erstes Glas eingieße habe ich das Gefühl, hier fließt klassischer Spitzen-Sancerre mit Chablis Premier Cru zusammen ins Glas. An Neuseeland habe ich beim Section 94 zu keinem Zeitpunkt gedacht, auch später nicht. Tropische Aromen oder frisch gemähtes Gras finden sich hier praktisch nicht. Wohl aber Cassis und etwas Stachelbeere. Wobei, das riecht eher wie Josta, diese Stachelbeer-Johannisbeer-Kreuzung. Dazu kommt ganz massiv Feuerstein, Brennnessel, Limettenschale, Maiglöckchen, Kräuter, weißer Pfeffer und ganz hinten drin dann doch noch eine scheue Maracuja. Das ist ziemlich dicht und komplex, dabei jedoch frisch und grün mit einer cremigen Note. Am Gaumen dann ist dieser Wein ganz anders und hier weiß ich auch tatsächlich gar nicht, wie ich das korrekt formulieren soll. Der Wein ist auch am Gaumen sehr frisch, wirkt jedoch gleichzeitig gereift. Es gibt Frucht, ein bisschen Steinobst, ein wenig, wirklich sehr wenig Maracuja. Dann wieder die Kräuter, viel Flint Stone-Mineralität und eine deutliche Note grüner Paprika dazu. Allerdings nicht in der Form, dass der Wein unreif wirken würde, ganz und gar nicht, die Trauben wurden offensichtlich sehr reif gelesen. Der Wein hat Balance am Gaumen, Struktur, Dichte und eine wunderbare Textur. Und wenn man damit schon glücklich ist, gibt es so was wie einen Afterburner, noch mal Kraft, Frucht, vor allem Citrus, mit einer leichten Schärfe dabei (nicht vom Alkohol sondern von der Zitrone) und einem langen Finale. Ein ziemlich verrücktes Ding, dieser Section 94. Aber eben auch richtig gut. Für mich ist dieser Wein eine Entdeckung, weil er mir einen zusätzlichen Weinstil aufzeigt, den ich bei neuseeländischem Wein so vorher noch nicht probiert hatte.

2 Kommentare

  1. Pingback: Weinreise Loire (VI): Sancerre und Auvergne | Chez Matze

  2. Pingback: In Neuseeland – Teil 9: Marlborough, Im Johanneshof, bei Greywacke und Dog Point » originalverkorkt

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