Trinkt mehr Sherry! Teil 1 – Manzanilla und die Equipo Navazos

Hand auf’s Herz. Wann habt Ihr das letzte Mal Sherry getrunken? Sherry gehört zu den Weinthemen, die in Deutschland nie populär waren. Zwar findet man die üblichen Verdächtigen wie Sandemann & Co. in jedem Supermarkt-Regal und auch im Weinladen gibt es die eine oder andere Flasche, doch das ist normalerweise Alibi. Muss man halt haben. Und warum sollte man auch mehr dort hinstellen, wenn es eh keiner kauft? In vielen anderen Ländern ist das anders. England hat eh eine lange Tradition bei Sherry (und Portwein), doch auch in Belgien oder Holland, ja selbst in Frankreich ist Sherry populärer als hierzulande. Ganz groß im Kommen ist Sherry in den US-Metropolen. In New York fand in diesem Jahr die zweite Sherry-Woche statt und einer ihrer Protagonisten, Peter Liem, eigentlich Champagne-Spezialist, hat mittlerweile ein Sherry-Buch geschrieben.Wer sich ein bisschen mit dem Thema befasst, merkt schnell, dass das eine quirrlige Szene ist. Diese wurde zwar traditionell von großen Häusern bestimmt, es hat sich jedoch längst eine alternative Szene dazu etabliert. Einer, wenn nicht der wichtigste Vertreter ist die Equipo Navazos, die ich hier mit ihrem Manzanilla 32 vorstellen möchte.

Ernte der Palomino-Trauben auf typischen Albariza-Kreideböden. © sherry.org

Ernte der Palomino-Trauben auf typischen Albariza-Kreideböden. © sherry.org

Die Equipo Navazos sind keine Weinmacher im eigentlichen Sinne sondern eher Jäger des verlorenen Schatzes. Sie haben sich 2005 gegründet, als sie in einer alten Bodega mehr oder weniger zufällig über einige alte Fässer Amontillado stolperten, die dort über zwei Jahrzehnte gereift waren. Man kaufte einen Teil und vertrieb ihn privat an Sherry-Liebhaber.  Bei dieser ersten 600 Flaschen-Abfüllung jedoch sollte es nicht bleiben. Die Equipo hatte Blut geleckt und machte sich auf die Suche nach weiteren, raren Abfüllungen. die nächsten beiden wurden immer noch privat verkauft, doch dann hat man sich entschlossen, das internationale Netzwerk von Freunden, die eh schon als Weinimporteure und Distributeure arbeiten zu nutzen, um diese teils stark, teils weniger stark limitierten Abfüllungen zu vertreiben. Mittlerweile ist man bei der 47. Abfüllung angelangt und manche Bota ist bereits Legende – zumindest unter den Sherry-Liebhabern. Die gesamte bisherige Serie findet man übrigens hier.

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Equipo Navazos No. 32 La Bota de Manzanilla
Es ist die fünfte Abfüllung aus der gleichen Solera (diesen Begriff erkläre ich im zweiten Teil). Insofern ist La Bota de Manzanilla 32  der direkte Nachfolger der Nummern 4, 8, 16 und 22. Der Manzanilla stammt aus den Bodegas M. Sánchez Ayala. Dies ist die Bodega, in der die Equipo damals die ersten Fässer Amontillado gefunden und La Bota de Amontillado No. 1 abgefüllt hat. Die Bodegas liegen in Sanlucar de Barrameda und somit im Herzen der D.O. Jerez-Xérès-Sherry. Die Küstenstadt liegt direkt an der Mündung des Guadalquivir, der Lebensader des Weingebietes. Manzanilla ist eine Spezialität der Stadt und nur ein hier entstandener Sherry besonderer Machart darf sich Manzanilla – Sanlúcar de Barrameda DO nennen. Obwohl die Produktionsmethoden und die verwendete Rebsorte die gleiche wie die für den Fino sind, der beispielsweise in Jerez entsteht, schreibt man dem Manzanilla doch einen anderen Duft und Geschmack zu. Und diese Besonderheit dürfte tatsächlich daher stammen, dass das Mikroklima von Sanlúcar Besonderheiten aufweist. Es ist die Feuchtigkeit der Luft, die diese Stadt prägt. Sanlúcar wird im Norden durch den Guadalquivir begrenzt, im Westen durch das Meer und des weiteren durch ein Feuchtgebiet namens Marsima. Das Klima innerhalb dieser Zone ist mild und, wie gesagt, leicht feucht, mit einer salzigen Note in der Luft. Dieses gleichmäßige Klima fördert das Wachstum der Flor-Schicht, die auf dem Sherry liegt, jene Hefe-Schicht, unter der Fino und Manzanilla traditionell reift.

Manzanilla reift auf Grund des Klimas unter der dichtesten Flor-Schicht. © sherry.org

Manzanilla reift auf Grund des Klimas unter der dichtesten Flor-Schicht. © sherry.org

Was man Manzanilla im Allgemeinen zuschreibt ist eine intensive Salzigkeit, und genau die findet man in diesem Wein. Salz, Walnuss, Brot und Blüten, etwas mürber Apfel, Aubergine und geröstete Haselnüsse. Das ist komplex, gereift und frisch zugleich. Der Wein hat Tiefe und Länge und einfach immens viel eigenen Charakter und Klasse. Er verändert sich über Stunden hinweg kontinuierlich an der Luft, das Salzige duftet immer wieder unterschiedlich, genauso die Nussaromen, die mal mehr Walnuss, mal mehr Haselstrauch oder Pekannüsse sind. Ich bin froh, dass man zumindest an einer Stelle eine Auswahl von Botas der Equipo Navazos bekommt, die momentan, das ist zumindest die Meinung so einiger aus dem englischsprachigen Raum, die Referenz an Sherrys auf den Markt bringen. Ihr findet den Wein hier bei Weine & Feinkost in Wuppertal und er wird dort auch treffend beschrieben. 29,90 Euro die Flasche sind jetzt nicht Portkasse aber für ein solches Prachtstück absolut angemessen, finde ich.

Während es hier allgemein üblich ist, Sherry solo zu trinken, wird er vor Ort praktisch immer mit Speisen kombiniert. Vor allem Tapas mit Fisch und anderem Seegetier bieten sich an und es darf natürlich salzig und kräftig sein, wie zum Beispiel ein salziger Hering. Ich selber habe den Manzanilla mit Artischocken-Pesto kombiniert. Bisher dachte ich immer, die Bitterstoffe der Artischocke würden jeden Wein platt machen, aber der Manzanilla schafft sie spielend, vor allem wenn das Gemüse mit etwas Zitrone gekocht wurde.

Im zweiten Teil der kleinen Sherry-Serie wird es um die verschiedenen Ausbauarten ghen, Soleo und Solera werden angesprochen, Fino, Amontillado und die anderen Stile.

Hier geht es weiter zu Teil 2 der kleinen Sherry-Serie

3 Kommentare

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