Champagne – Vol. 01 – Auf der Suche nach einem Mythos

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Im Laufe des Jahres werde ich (virtuell) die großen Wein­bauge­bi­ete Frankre­ichs bereisen. Ich habe mich dafür entsch­ieden, das nördlich­ste der Weinge­bi­ete zuerst zu bereisen. Zum einen, weil man es vom deutschen Nord­westen aus zuerst erre­icht, zum anderen, weil die Cham­pagne gerne die Rolle des Aper­i­tifs dieser Reise übernehmen kann. Dabei ist die Cham­pagne eine Her­aus­forderung, bildet sie doch ein aus­ge­sprochen vielschichtiges und her­aus­fordern­des Thema, denn das Gebiet ist auf prak­tisch allen Ebe­nen beson­ders. Nir­gendwo sonst ste­hen Qual­ität, Preis, Anspruch, Ver­sprechen, Real­ität und reines Mar­ket­ing in einem so dif­fusen Ver­hält­nis zueinan­der.

Was ist es also, was die Fasz­i­na­tion dieses Getränks tat­säch­lich aus­macht? Ist es die Beson­der­heit seiner Her­stel­lung, das einzi­gar­tige Zusam­men­spiel von Reb­sorten, Klima und Böden, ist es eine erfol­gre­iche Mar­ket­ing­plazierung? Oder gibt es noch einen anderen Grund, weshalb Mil­lio­nen Men­schen weltweit zu schäu­menden Getränken greifen, die meist ober­halb von dreißig Euro zu haben sind, während der Durch­schnittspreis für eine Flasche gekauften Weins doch sonst deut­lich unter fünf Euro liegt? Da ich diese­Frage nicht all­ge­mein beant­worten kann, begebe ich mich im Fol­gen­den auf eine per­sön­liche Spuren­suche um mal zu klären, welche Bedeu­tung Cham­pagne in meiner Auseinan­der­set­zung mit Wein heute hat und weshalb.

Diese per­sön­liche Auseinan­der­set­zung mit der Cham­pagne ist eine noch recht junge. Das mag daran liegen, dass es in den Kreisen aus denen ich stamme, nicht üblich war, Cham­pagne zu trinken. Auch während meines zunehmenden Inter­esses für Wein in den Neun­ziegern spielte Cham­pagne keine Rolle. Damals habe mir lange Zeit Preis­gren­zen gesetzt, in denen ich Wein gekauft habe, und Cham­pagne lag außer­halb dieser Gren­zen. So kam ich an die ersten Gläser und Flaschen erst auf Verkos­tun­gen und Messen. Seit­dem habe ich einiges pro­biert, bin selbst in die Region gefahren und habe deut­lich aufge­holt. In den let­zten Jahren ist mir dabei immer klarer gewor­den, wofür in dieser Reg­tion mein Herz schlägt, was mich total kalt lässt und wo ich höch­stens dann bewun­dernd den Hut ziehe, wenn es um die Mar­ket­ing-Leis­tung und Kon­se­quenz geht, die dieses Gebiet zweifel­sohne vorzuweisen hat.

Zugegeben, es gibt abwechslungsreichere Gegenden als die Champagne im Frühjahr

Zugegeben, es gibt abwech­slungsre­ichere Gegen­den als die Cham­pagne im Früh­jahr

Zuerst der Fehler dann der Glam­our
Cham­pagne war immer Glam­our und ist bis heute Glam­our. Doch eigentlich ist es im Grund­satz das Ergeb­nis einer fehler­haften Fül­lung. Die Winzer in der Cham­pagne hat­ten damals, also im 17. Jahrhun­dert das Prob­lem, dass bei küh­ler Wit­terung, und in der Cham­pagne gibt es eine lange Peri­ode küh­ler Wit­terung, der Gär­prozess im Keller stoppte und erst im Früh­jahr wieder in Gang kam, wenn es wärmer wurde. Vorher wurde der Wein allerd­ings schon exportiert, der Export von Flaschen war noch ver­boten und so gelangten die Fässer auch nach Lon­don. Es war vor allem der franzö­sis­che Satiriker Mar­wuis de Saint Evre­mond der damals das Fass ins rollen brachte – bildlich gesprochen, ver­steht sich. Er musste Mitte des 17. Jahrhun­derts nach Lon­don ins Exil nach­dem er es sich nach­haltig mit Lud­wig XIV. ver­scherzt hatte. Der Mar­quis hatte einige Fässer Wein aus der Cham­pagne im Gepäck und genauer dieser begann im Früh­jahr zu gären und wurde so auf Flaschen gefüllt und wurde als Spar­kel­ing Cham­pagne zum Sze­negetränk. Kurze Zeit später wurde es auch in Paris pop­ulär und ab dann bewusst in der Cham­pagne hergestellt. Die Her­stel­lung von Cham­pag­ner allerd­ings war damals lebens­ge­fährlich und teuer. Mehr als achtzig Prozent der damals noch nicht so hochw­er­ti­gen Glas­flaschen sollen während des Gär­prozesses regelmäßig explodiert sein und die Weinkeller in der Cham­pagne dürften Schlacht­feldern geglichen haben dürften. Der von vorn­herein hohe Preis erk­lärt sich also mit den erschw­erten Pro­duk­tions­be­din­gun­gen – doch der Adel war damals bereit, prak­tisch jeden Preis für das knall­süss aus­ge­baute Getränk zu bezahlen. Neben dem heimis­chen Markt und dem englis­chen war es vor allem der rus­sis­che Zaren­hof und später auch die  Ober­schicht in den USA, die von Cham­pag­ner, dessen Her­stel­lung im 19. Jahrhun­dert zunehmend opti­miert wurde – nicht genug bekom­men sollte und längst schon hatte man das Flasch­en­ex­port ver­bot aufge­hoben. Was vor dem zweiten Weltkrieg allein dem Adel und der reichen Bürg­er­schicht vor­be­hal­ten war, trat ab den Sech­szigern auch in der Mit­telschicht den Siegeszug an, bis der Schaumwein irgend­wann auch in den Regalen der Dis­counter gelandet ist. Der Pop­u­lar­ität quer durch die Schichten tat dies allerd­ings keinen Abbruch. Die Han­dels­marken für das ein­fache Volk, der Brut für die Mit­telschichte, die mit Klunker beset­zten Flaschen für die Rap­per und Pop-Queens und die Jahrgangscu­vée und Pres­tige-Abfül­lun­gen für die wirk­lich Reichen. All das lässt sich unter einer Dachmarke erfol­gre­ich ver­mark­ten – kann so allerd­ings nur funk­tion­ieren, weil man sich erfol­gre­ich, kon­se­quent und über Jahrzehnte hin­weg ein bes­timmtes Image aufge­baut hat. Dieses Image lautet etwa wie folgt: Die Cham­pagne ist ein men­gen­mäßig klar abge­gren­ztes, ver­gle­ich­sweise kleines Gebiet mit unver­wech­sel­barer Boden­struk­tur und beson­derem Klima, aus dessen Kom­bi­na­tion ein Wein­ty­pus entsteht, wie es ihn sonst auf der Welt nir­gendwo gibt, weshalb dieser Wein sehr begehrt ist und deshalb teuer. Für die gemeinde Bevölkerung dieses Land­striches ist der Erfolg ihres Pro­duk­tes eine Wohltat, eine, die man ihr gön­nen sollte. Denn das Land an der Marne war lange Zeit ein armes und wurde durch beide Weltkriege, vor allem jedoch durch den Stel­lungskrieg im ersten Weltkrieg stark zer­stört.

Mehr Noblesse geht kaum - Champagne Salon in Le Mesnil

Mehr Noblesse geht kaum – Cham­pagne Salon in Le Mes­nil

Pres­tige und Main­stream zugle­ich
Cham­pagne, das Kult­getränk, ist heute also Pres­tige und Main­stream zugle­ich. Meiner Mei­n­ung nach macht es sich allerd­ings im Main­stream nicht beson­ders. Nur sel­ten gelingt es einer der 295 Mil­lio­nen Flaschen Main­stream­abfül­lung, aus dem Ein­heit­sheer der weltweit pro­duzierten Schaumweine wirk­lich her­vorzustechen. Und natür­lich ist Cham­pagne auch kein beson­ders rares Pro­dukt, es gibt immer mehr als genug auf Vor­rat und der Ver­band der Cham­pagne-Winzer legt Jahr für Jahr neu fest, wie hoch die Ern­te­men­gen jew­eils sein dür­fen. Die Trauben, die für den Cham­pag­ner geern­tet wer­den, wach­sen auf unzäh­li­gen, teils kleinen Parzellen, die entweder zu Grand Cru Lagen, zu Pre­mier Cru Lagen oder zu unqual­i­fizierten Lagen gehören. Je nach Güte der Lagen wer­den unter­schiedliche Trauben­preise bezahlt, die im besten Fall bei 7 bis 8 Euro pro Kilo liegen. Das ist in der Tat ziem­lich viel, zumal die Hek­tar­erträge hoch sind (10.000 Kilo pro Hek­tar in 2013). Dabei wurde lange, allzu lange sel­ten darauf geachtet, wie gut die Trauben­qual­ität tat­säch­lich ist. Eine phys­i­ol­o­gisch reife Trauben zu haben ist ja bekan­ntlich das eine. Eine Traube mit Sub­stanz und Qual­ität zu ver­ar­beiten aber etwas anderes. Die Erken­nt­nis, dass inten­sive Wein­bergsar­beit zu einem besseren Pro­dukt führt, setzt sich nur langsam durch und ist vor allem jenen Winz­ern zu ver­danken, die selb­ständig Wein kel­tern und ver­mark­ten.

Handlese fordert Tribut © John Hodder, Collection CIVC

Han­dlese ist anstren­gend und fordert Tribut © John Hod­der, Col­lec­tion CIVC

Wie Cham­pagne entsteht
Geern­tet wer­den die Trauben übri­gens laut Gesetz per Hand. So ziem­lich alles, was danach kommt, erfolgt mech­a­nisch. Die Trauben wer­den in großen Kel­tern abge­presst, wobei – wie bei der Ern­te­menge auch – im voraus fest­gelegt wird, wie hoch der Presser­trag sein darf. Danach wer­den die Reben, die früh gele­sen wer­den und dank der Nördlichkeit des Gebi­etes entsprechend eine so hohe Säure aufweisen, dass man aus ihnen kaum einen trinkbaren Still­wein kel­tern kön­nte, zu Wein gekel­tert. Im All­ge­meinen passiert das bei den Marken, auf die man im Lebens­mit­teleinzel­han­del und in der Wer­bung trifft, in großen Edel­stahltanks. Der Wein wird in der Zeit kom­plett durchge­goren. Nun erfolgt ein Pro­duk­tion­sprozess, der die Crux des Ganzen bildet. Denn die großen Häuser ver­fü­gen meist sel­ber über hun­derte von Hek­tar eigener Rebfläche, dann kaufen sie noch von hun­derten anderen Hek­tar dazu. Die Erträge stam­men meist aus allen vier Teil­ge­bi­eten und sind dann auch noch aufgeteilt nach die drei üblichen Reb­sorten Chardon­nay, Pinot Noir und Pinot Meu­nier. Diese Sorten finden meist alle drei Ver­wen­dung im klas­sis­chen Brut. Dieser Brut hat keinen Jahrgang, das heißt, es ist ein Schaumwein, der aus (meist) drei Reb­sorten sowie aus zig ver­schiede­nen Reb­ber­gen und zusät­zlich noch aus unter­schiedlichen Jahren stammt. Die Auf­gabe des Keller­meis­ters ist es, aus diesen Dutzen­den von Proben durch Selek­tion und Zusam­men­führung der Grundweine einen Cham­pag­ner zu kreieren, der dem Stil des Hauses entspricht. Er muss dies natür­lich in einer Form tun, in der die Grundweine noch knall­trocken und sehr sauer sind, während das End­pro­dukt später ver­gle­ich­sweise süß ist. Hut ab vor jenen, die diese Kunst beherrschen, denn ihnen obliegt es, schon mit dem ein­fachen Brut den Stil des Hauses auszu­drücken und die Qual­ität über Jahre kon­stant zu hal­ten.

Die Auswahl der Grundweine ist so etwas wie angewandte Kunst, ©Alain Cornu, Collection CIVC

Die Auswahl der Grundweine ist so etwas wie ange­wandte Kunst, ©Alain Cornu, Col­lec­tion CIVC

Ist die Entschei­dung über die Zusam­menset­zung gefallen und der Wein ver­mis­cht, wird er in Flaschen abge­füllt und erhält eine Dosage aus Hefe und Zuck­er­stoff. Dann kommt ein Kro­nko­rken auf die Flasche und diese wan­dert samt ihrer Kol­le­gen in einen der unzäh­li­gen, teils kilo­me­ter­lan­gen Keller, und zwar für min­destens 12 Monate. Danach erfolgt das so genan­nte Rüt­teln. Da hat man noch das Bild im Kopf vom Rüt­telpult, in der von Hand die Flaschen langsam und kopfüber  in eine fast aufrechte Posi­tion gerüt­telt wer­den um den abgestor­be­nen Hefe­satz unter den Kro­nko­rken zu bekom­men, ohne dass der Satz aufgerüt­telt wird. Dies geschieht heute mit einer aus­gek­lügel­ten Mechanik in so genan­nten Giropalettes, in denen gle­ichzeitig einige hun­dert Flaschen gerüt­telt wer­den kön­nen – auf Knopf­druck. Beim Degorge­ment wird der Korken ent­fernt, der Hefepfropfen fliegt durch Druck aus der Flasche und diese wird danach wieder aufge­füllt mit einer Mis­chung aus Wein und Likör (Trauben­most oder ähn­liches) um den let­z­tendlichen Süße­grad zu bes­tim­men. Der meist ver­wen­dete Grad heißt, wie schon gesagt brut und liegt bei weniger oder gle­ich 12 Gramm je Liter. Cham­pagne mit der Beze­ich­nung extra brut hat höch­stens 6 Gramm Dosage, ultra brut oder brut nature haben keine, im höch­sten Fall 3 Gramm Dosage. Ver­gle­ich­sweise süß wird es beim extra dry mit 12 bis 17 Gramm. Da fragt man sich, warum extra dry denn süß sein soll doch das liegt daran, dass Cham­pag­ner im 19. Jahrhun­dert, Anfang des 20. Jahrhun­derts so süß war, dass dry mit 17 bis 32 Gramm schon trocken wirkte und extra dry entsprechend sehr trocken. Beide Beze­ich­nun­gen wur­den für den englis­chen Markt einge­führt, wo man es ins­ge­samt lieber etwas trock­ener hatte. Demi-sec liegt bei 32 bis 50 Gramm während doux bei über 50 Gramm liegt und übri­gens auch ganz wun­der­bar sein kann – es gibt allerd­ings nicht mehr viele, die einen solchen Cham­pag­ner her­stellen.

Um es klar zu sagen, es gibt exzel­lente Brut-Cham­pag­ner, so wie es exzel­lente trock­ene oder auch süße Cham­pag­ner gibt. Worauf ich hier ger­ade hin­aus will ist, zu verdeut­lichen, dass die Her­stel­lung von 98% aller han­del­süblichen Cham­pag­ner heute ein eher tech­nis­ches Ver­fahren ist, dass bis auf die Auswahl der Grundweine für eine Cuvée nicht mehr viel Hand- und Gau­me­nar­beit erfordert. Da ist also keine Spur von Roman­tik mehr dabei. Ob die Reben von den vielbeschwore­nen unver­gle­ich­lichen Kreide-Kalk­bö­den stam­men, ist übri­gens auch nicht gesichert. Es gibt in der Cham­pagne genü­gend Böden, die dieses Ter­rain nicht aufweisen – und übri­gens trotz­dem deswe­gen nicht schlecht sein müssen. Auf der Suche nach einem Wein, der zu mir passt, werde ich jedoch bei dieser Kat­e­gorie Cham­pag­ner nicht fündig. Entweder, ich suche mir bei den großen Häusern ein Pres­tige­pro­dukt, bei dem ich davon aus­gehe, dass dort mehr Han­dar­beit und Indi­vid­u­al­ität im Spiel ist, oder ich suche bei kleineren Cham­pagne-Häusern oder sogar beim Winzer.

Pressen, traditionell und modern, © John Hodder, Collection CIVC

Pressen, tra­di­tionell und mod­ern, © John Hod­der, Col­lec­tion CIVC

Jahrgangscham­pag­ner und Pres­tige-Cuvée
Der Ruhm der führen­den Cham­pagne-Häuser beruht oft, wen wundert’s, auf ihren Pres­tige­pro­duk­ten. Das kön­nen Jahrgangscham­pag­ner sein, das kön­nen aber auch beson­ders kom­ponierte Weine aus mehreren Jahrgän­gen sein. Meist sind es spezielle Abfül­lun­gen bes­timmter Jahre. Einige dieser teils leg­endären Weine sind zum Beispiel der Cristal aus dem Hause Roed­erer, die Grande Dame aus dem Hause Veuve-Clic­quot oder der Dom Pérignon aus dem Hause Moët. Sie ste­hen stel­lvertre­tend für die ganze Pracht, die ein Cham­pag­ner haben kann. Darüber geht nicht mehr viel, es sei denn man kauft etwas aus dem höchst ange­se­henen Hause Salon oder Jahrgangscham­pagne oder sogar Einzel­la­gen­cham­pag­ner von Krug. All diese ange­sproch­enen Weine kön­nen ganz wun­der­bar sein (auch der Dom Pérignon in bes­timmten Jahren, wenn man eine gute Flasche erwis­cht, obwohl auch dieser in Mil­lio­nen­zahl abge­füllt wird). Allein, sagen wir es ganz offen, dieses Vergnü­gen bleibt tat­säch­lich anderen vor­be­hal­ten und ich suche lieber das Indi­vidu­elle und auch das Großar­tige, das Beson­dere in Flaschen, die mir eher zu Gesicht ste­hen und die ich mir hier und da leis­ten will. Entsprechend fällt die Wahl auf die kleineren Häuser oder die Winzer.

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Kleine Häuser und echte Winzer
Worin besteht der Unter­schied zwis­chen Häusern und Winz­ern? Dazu werfe ich einen Blick auf die Struk­tur dieses Gebi­etes und gle­iche das mal mit dem ab, was man all­ge­mein von einem Wein­pro­duzen­ten erwartet. Ich behaupte ein­mal, dass die meis­ten auf die Frage, welche Trauben ein Winzer nor­maler­weise ver­ar­beitet, sagen würde: die eige­nen. Das mag grund­sät­zlich richtig sein, muss aber nicht. Denn ein Winzer darf Trauben dazu kaufen. Er darf sogar Wein aus kom­plett zugekauftem Mate­r­ial abfüllen, auch bei uns. Allerd­ings muss er dies kennze­ich­nen. In der Cham­pagne gibt es für die unter­schiedlichen Möglichkeiten, die ein Her­steller hat, acht Kürzel, die auf dem Etikett ste­hen:

CM – Coopéra­tive de Manip­u­la­tion > die Marke einer Genossen­schaft

MA – Mar­que d’Acheteur > Spezial­marke für Lebens­mit­teleinzel­han­del oder Restau­rant

ND – Négo­ciant Dis­trib­u­teur > kauft fer­ti­gen Cham­pag­ner und verkauft ihn unter eigenem Label

NM – Négo­ciant Manip­u­lant > kauft Trauben oder Most und ver­ar­beitet und verkauft ihn

R – Récoltant > selb­ständi­ger Winzer, der seinen Cham­pag­ner im Lohn­ver­fahren her­stellen lässt

RC – Récoltant Coopéra­teur > Genossen­schaftsmit­glied, das sich in Cham­pag­ner ent­lohnen lässt

RM – Récoltant Manip­u­lant > der klas­sis­che Winzer, der alles selbst macht

SR – Société de Récoltants > Erzeuger-Vere­ini­gung

Talentierter Aube-Winzer Olivier Horiot und einige Exemplare aus gutem Hause

Tal­en­tierter Aube-Winzer Olivier Horiot und einige Exem­plare aus gutem Hause

Im All­ge­meinen kaufen prak­tisch alle Cham­pagne-Häuser dazu  auch wenn sie natür­lich auch über eigene Wein­berge ver­fü­gen. Doch jeder Hek­tar Land in diesem Gebiet ist hor­rend teuer und so arbeitet man eben oft über Jahrzehnte hin­weg mit den immer gle­ichen Ver­tragswinz­ern zusam­men. Im Gegen­satz zu den Winz­ern ver­fü­gen die meis­ten kleineren Häuser über ein deut­lich bre­it­eres Ange­bot, dass dem der größeren Häuser oder Marken gle­icht. Die Stan­dard-Cuvée gibt es dann in ver­schiede­nen Süße-Vari­anten, dazu kom­men Jahrgangscham­pag­ner und Rosé. Im besten Falle gren­zen sie sich im Stil von den Großen ab, sind indi­vidu­eller und pfle­gen einige beson­dere Pro­dukte. Der klas­sis­che Winzer, der in der Cham­pagne seinem Beruf so nachgeht, wie er es im Bur­gund oder an der Mosel tut, ist dage­gen ver­gle­ich­sweise sel­ten. Es hat dort keine aus­geprägte Tra­di­tion, was wohl auch mit der aufwendi­gen Her­stel­lungsweise zu tun hat. Trotz­dem hat sich längst sowohl auf Winzer- als auch auf Kon­sumenten­seite eine Szene entwick­elt, die den Wein­bergs­be­sitzern eine Basis dafür bietet, auch selbst auszubauen und zu ver­mark­ten. Aus diesen bei­den Grup­pen, den kleineren Häusern wie Bil­le­cart-Salmon, Pail­lard, Fleury, Jacques­son oder Winz­ern wie Selosse, Bérèche, Lecla­part, Agra­part, Las­saigne und vie­len anderen stam­men für mich auch jene Weine, die für mich unterm Strich Cham­pagne bedeuten. Diese sind auf Grund kleinerer Men­gen viel eher in der Lage, neue Wege zu gehen, bei jeder Flasche auf Qual­ität zu achten, mit Trauben­sorten und Aus­bauar­ten zu exper­i­men­tieren. Ich will das nicht verk­lären, aber wollen nicht wir, die wir Wein mögen auch gerne ein handw­erk­liches Pro­dukt in der Hand hal­ten? Wir reden sonst so viel über Ter­roir und Winz­erkunst und warum sollen diese Maßstäbe nicht auch für die Cham­pagne gel­ten? Zumal diese Erzeug­nisse für das gle­iche Geld zu haben sind wie die mit hohem Mar­ket­ing- und Wer­beaufwand kün­stlich ver­teuerten Pro­dukte der großen Marken. Man muss sie halt suchen und findet doch mit­tler­weile auch in Deutsch­land eine zunehmend bre­iter wer­dende Palette solcher Erzeug­nisse. Auch wenn ein gereifter Cristal oder ein Cham­pag­ner aus dem Hause Krug ein exzel­len­ter Cham­pag­ner von großer Finesse und Ele­ganz sein kann, mag ich per­sön­lich die etwas weniger ele­gan­ten und dafür häu­fig kom­pro­miss­loseren Erzeug­nisse eines Bouchard, Horiot, Las­saigne oder Bérèche meist lieber. Bei Häusern wie Pail­lard, Gos­set, de Souza, Jacques­son oder Drap­pier schließlich findet man so etwas wie das Beste aus den bei­den Wel­ten. Cham­pag­ner von großer Strahlkraft, indi­vidu­ell und mit Per­sön­lichkeit, jedoch nicht so kom­pro­miss­los und querköp­fig wie bei den Winz­ern. Wenn ich mich da für das Eine und gegen das Andere entschei­den müsste, würde es mir schwer fallen. Bei den genan­nten Namen und natür­lich vie­len mehr, findet sich defin­i­tiv das, was für mich Cham­pagne wirk­lich aus­macht. Hier findet sich das Indi­vidu­elle der einzel­nen Unterge­bi­ete wie der Mon­tagne de Reims, dem Tal der Marne der Côte de Blancs, Sézanne, oder der Côte de Bar. Hier bildet sich der Boden ab in Kom­bi­na­tion mit den Haup­treb­sorten. Hier wird jedoch ebenso, wenn auch sel­ten mit den weniger typ­is­chen Sorten exper­i­men­tiert. Mal wird Holz genom­men dann nur Edel­stahl, mal spon­tan, mal mit Reinzuchthe­fen ver­goren. Manche machen einen biol­o­gis­chen Säure­ab­bau, andere ver­mei­den ihn, koste es was es wolle. Einige beack­ern ihre Wein­berge wieder mit Pfer­den wie anno dazu­mal und schwören auf Bio­dy­namie. Andere verzichten dank­end auf Steiner, verzichten jedoch trotz­dem auf Grund besseren Wis­sens auf  Stick­stoff-Dünger und Chemie. All das wird von den großen Marken sehr genau ver­folgt und hier und da auch adap­tiert. Der Cham­pagne kann das nur gut tun.

Cham­pag­ner, die noch im bezahlbaren Bere­ich liegen und meiner Mei­n­ung nach abso­lut empfehlenswert sind:

Roed­erer Brut Pre­mier, Ein Beispiel für exzel­len­ten, ele­gan­ten und kräfti­gen Brut aus einem berühmten Haus, zum Beispiel im Köl­ner Weinkeller

Veuve Clic­quot Demi Sec, der Demi-Sec hat das, was die übliche Witwe meist ver­mis­sen lässt: Charak­ter, zum Beispiel bei Karstadt

Drap­pier Rosé, für mich vielle­icht der beste Rosé unter 30,-, zum Beispiel bei Champagner-Genuss.de

Agra­part, Le Sept Crus, Momen­tan vielle­icht das Non­plusul­tra für Winz­er­cham­pag­ner unter 30,- bei Kier­dorf

David Lécla­part Ama­teur extra brut Blanc de Blancs, Kaum einer ist so kon­se­quent und im besten Falle bril­lant, bei Cham­pagne Char­ac­ters

Lar­mandier-Bernier Terre de Ver­tus, großer Cham­pag­ner, mit­tler­weile teurer aber immer noch preiswürdig, zum Beispiel bei Vina­turel

Pierre Peters Cuvée de Reserve, Aus­druck von Noblesse und der Kraft der Lagen von Le Mes­nil, bei Noble Wine

Tar­lant Zerò, Stan­dard­cu­vée ohne Dosage, bei Cham­pagne Char­ac­ters

Cédric Bouchard Inflo­res­cence, hoch indi­vidu­ell und kon­se­quent, bei Wein Kreis

Vou­ette & Sor­bée fidèle, zusam­men mit Bouchard und Lécla­part Charak­ter­stoff par excel­lence, bei Vina­turel

De Souza Brut Tra­di­tion, Blanc de Blancs im Stile eines klas­sis­chen Bur­gun­ders, bei Vina­turel

Olivier Horiot Sève Rosé de Saignée, blutrot und kraftvoll, bei Vina­turel

Aure­lien Sue­nen, Blanc de Blancs, bei tvino.de

 

Die ist der Auf­takt zu einer Reihe von ins­ge­samt 13 Teilen. Die Links zu den weit­eren Artikeln findet Ihr hier:

Teil 13: Epi­log

Teil 12: Côte des Bar von Courteron nach Urville

Teil 11: Côte des Bar von Bar-sur-Seine nach Les Riceys

Teil 10: Von Ver­tus nach Montgueux

Teil 9: Côte des Blancs in Ver­tus

Teil 8: Côte des Blancs in Le-Mes­nil-sur-Oger

Teil 7: Côte des Blancs in Avize

Teil 6: Côte des Blancs von Éper­nay nach Cra­mant

Teil 5: Val­lée de la Marne, am linken Ufer zurück nach Éper­nay

Teil 4: Val­lée de la Marne, am rechten Ufer von Dizy nach Crouttes

Teil 3 Val­lée de la Marne, rund um Aӱ

Teil 2: Mon­tagne de Reims

Teil 1: Auf der Suche nach einem Mythos

 

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19 Kommentare

  1. Hallo Christoph,
    wun­der­schön und mir aus der Seele her­aus geschrieben. Auch wenn einige sagen wer­den “das weiß man doch”, bin ich froh wenn einer der ange­se­henen Blog­ger es doch noch ein­mal mit solcher Deut­lichkeit beschreibt und ent­mys­ti­fiziert. Zudem regt dein Bericht auch nochmal an, über Wer­tigkeit und Rel­a­tiv­ität der Preise und des Aufwands nachzu­denken.
    In einem bin ich genau deiner Mei­n­ung, (Schaum)Weine machen mir auch mehr Spaß, wenn eine Geschichte, ein Men­sch, oder eine Beson­der­heit dahin­ter steht und nicht “nur” eine mon­ströse Machinerie und ein tech­nis­ches Labor.
    Allerd­ings würde dein Ver­gle­ich mit den 5 Euro Durch­schnittsspreisen auch auf andere Gebi­ete zutr­e­f­fen, in denen die Grund­preise im Gros deut­lich drüber liegen. Na ja – vielle­icht nicht so extrem.
    So würde ich jetzt ein­mal ver­muten, dass dein Bericht über Frankre­ich, wenn er voll­ständig sein wird einen Gesicht­spunkt deut­lich her­ausstellen wird – inter­es­sant wird es wenn Eigen­ständigkeit und eine gewisse “Schrägheit” dazu kom­men. Das Beson­dere wird zwar von den “Großen” nach außen gekehrt, aber die Schätzchen, die Sachen zum Ver­lieben, wird man bei den Kleinen finden.
    Ich bin auch ein­mal ges­pannt, wie Du im Ver­gle­ich zu Matze die Loirege­bi­ete für Dich ein­nordest. Und wenn Du denn mal in den Süd­westen kommst (der ja dann am Weitesten von H weg ist), würde ich mich freuen dich zu tre­f­fen und im “Vigne en Foule” was Nettes zu genießen.
    beste Grüße

  2. Hallo Karl,

    vie­len Dank für die Blu­men. Ich glaube auch, dass das, was ich schreibe so einige schon wis­sen – zhumin­d­est die, die sich in der Wein­szene bewe­gen. Ich schreibe allerd­ings nicht zuletzt auch für jene, die die sich noch nicht allzu lange inten­siver mit Wein beschäfti­gen und für die wollte ich das noch mal klar machen. 

    Ich hoffe ja sehr, dass wir uns bald mal im Vigne en Foule tre­f­fen wer­den. Vielle­icht schaffe ich das im Herbst.

    her­zliche Grüße,
    C.

  3. Nabend Christoph,
    wenn Du es tat­säch­lich im schon Herbst schaffst würde es mich freuen. Ich warte aber auch länger – habe jeden­falls nicht vor das Gebiet zu ver­lassen. Sobald Du einen unge­fähren Zeitrah­men weißt, kön­nen wir uns ja noch ein­mal abstim­men, damit es nicht mit einer meiner Fahrten nach Köln kol­li­diert, bzw. kann man es ja mit einem Event in der Näheren Umge­bung paaren das um den Dreh statt findet.
    Um Unterkunft kann ich mich küm­mern. Da gibt es so ein paar eheimtipps.
    schö­nen Abend noch

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