Cham­pa­gne – Vol. 01 – Auf der Suche nach einem Mythos

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Im Laufe des Jah­res werde ich (vir­tu­ell) die gro­ßen Wein­bau­ge­biete Frank­reichs berei­sen. Ich habe mich dafür ent­schie­den, das nörd­lichste der Wein­ge­biete zuerst zu berei­sen. Zum einen, weil man es vom deut­schen Nord­wes­ten aus zuerst erreicht, zum ande­ren, weil die Cham­pa­gne gerne die Rolle des Ape­ri­tifs die­ser Reise über­neh­men kann. Dabei ist die Cham­pa­gne eine Her­aus­for­de­rung, bil­det sie doch ein aus­ge­spro­chen viel­schich­ti­ges und her­aus­for­dern­des Thema, denn das Gebiet ist auf prak­ti­sch allen Ebe­nen beson­ders. Nir­gendwo sonst ste­hen Qua­li­tät, Preis, Anspruch, Ver­spre­chen, Rea­li­tät und rei­nes Mar­ke­ting in einem so dif­fu­sen Ver­hält­nis zuein­an­der.

Was ist es also, was die Fas­zi­na­tion die­ses Getränks tat­säch­lich aus­macht? Ist es die Beson­der­heit sei­ner Her­stel­lung, das ein­zig­ar­tige Zusam­men­spiel von Reb­sor­ten, Klima und Böden, ist es eine erfolg­rei­che Mar­ke­ting­pla­zie­rung? Oder gibt es noch einen ande­ren Grund, wes­halb Mil­lio­nen Men­schen welt­weit zu schäu­men­den Geträn­ken grei­fen, die meist ober­halb von drei­ßig Euro zu haben sind, wäh­rend der Durch­schnitts­preis für eine Fla­sche gekauf­ten Weins doch sonst deut­lich unter fünf Euro liegt? Da ich die­se­Frage nicht all­ge­mein beant­wor­ten kann, begebe ich mich im Fol­gen­den auf eine per­sön­li­che Spu­ren­su­che um mal zu klä­ren, wel­che Bedeu­tung Cham­pa­gne in mei­ner Aus­ein­an­der­set­zung mit Wein heute hat und wes­halb.

Diese per­sön­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit der Cham­pa­gne ist eine noch recht junge. Das mag daran lie­gen, dass es in den Krei­sen aus denen ich stamme, nicht üblich war, Cham­pa­gne zu trin­ken. Auch wäh­rend mei­nes zuneh­men­den Inter­es­ses für Wein in den Neun­zie­gern spielte Cham­pa­gne keine Rolle. Damals habe mir lange Zeit Preis­gren­zen gesetzt, in denen ich Wein gekauft habe, und Cham­pa­gne lag außer­halb die­ser Gren­zen. So kam ich an die ers­ten Glä­ser und Fla­schen erst auf Ver­kos­tun­gen und Mes­sen. Seit­dem habe ich eini­ges pro­biert, bin selbst in die Region gefah­ren und habe deut­lich auf­ge­holt. In den letz­ten Jah­ren ist mir dabei immer kla­rer gewor­den, wofür in die­ser Reg­tion mein Herz schlägt, was mich total kalt lässt und wo ich höchs­tens dann bewun­dernd den Hut ziehe, wenn es um die Mar­ke­ting-Leis­tung und Kon­se­quenz geht, die die­ses Gebiet zwei­fels­ohne vor­zu­wei­sen hat.

Zugegeben, es gibt abwechslungsreichere Gegenden als die Champagne im Frühjahr

Zuge­ge­ben, es gibt abwechs­lungs­rei­chere Gegen­den als die Cham­pa­gne im Früh­jahr

Zuerst der Feh­ler dann der Gla­mour
Cham­pa­gne war immer Gla­mour und ist bis heute Gla­mour. Doch eigent­lich ist es im Grund­satz das Ergeb­nis einer feh­ler­haf­ten Fül­lung. Die Win­zer in der Cham­pa­gne hat­ten damals, also im 17. Jahr­hun­dert das Pro­blem, dass bei küh­ler Wit­te­rung, und in der Cham­pa­gne gibt es eine lange Peri­ode küh­ler Wit­te­rung, der Gär­pro­zess im Kel­ler stoppte und erst im Früh­jahr wie­der in Gang kam, wenn es wär­mer wurde. Vor­her wurde der Wein aller­dings schon expor­tiert, der Export von Fla­schen war noch ver­bo­ten und so gelang­ten die Fäs­ser auch nach Lon­don. Es war vor allem der fran­zö­si­sche Sati­ri­ker Mar­wuis de Saint Evre­mond der damals das Fass ins rol­len brachte – bild­lich gespro­chen, ver­steht sich. Er mus­ste Mitte des 17. Jahr­hun­derts nach Lon­don ins Exil nach­dem er es sich nach­hal­tig mit Lud­wig XIV. ver­scherzt hatte. Der Mar­quis hatte einige Fäs­ser Wein aus der Cham­pa­gne im Gepäck und genauer die­ser begann im Früh­jahr zu gären und wurde so auf Fla­schen gefüllt und wurde als Spar­ke­ling Cham­pa­gne zum Sze­ne­ge­tränk. Kurze Zeit spä­ter wurde es auch in Paris popu­lär und ab dann bewusst in der Cham­pa­gne her­ge­stellt. Die Her­stel­lung von Cham­pa­gner aller­dings war damals lebens­ge­fähr­lich und teuer. Mehr als acht­zig Pro­zent der damals noch nicht so hoch­wer­ti­gen Glas­fla­schen sol­len wäh­rend des Gär­pro­zes­ses regel­mä­ßig explo­diert sein und die Wein­kel­ler in der Cham­pa­gne dürf­ten Schlacht­fel­dern gegli­chen haben dürf­ten. Der von vorn­her­ein hohe Preis erklärt sich also mit den erschwer­ten Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen – doch der Adel war damals bereit, prak­ti­sch jeden Preis für das knall­süss aus­ge­baute Getränk zu bezah­len. Neben dem hei­mi­schen Markt und dem eng­li­schen war es vor allem der rus­si­sche Zaren­hof und spä­ter auch die  Ober­schicht in den USA, die von Cham­pa­gner, des­sen Her­stel­lung im 19. Jahr­hun­dert zuneh­mend opti­miert wurde – nicht genug bekom­men sollte und längst schon hatte man das Fla­schen­ex­port ver­bot auf­ge­ho­ben. Was vor dem zwei­ten Welt­krieg allein dem Adel und der rei­chen Bür­ger­schicht vor­be­hal­ten war, trat ab den Sechs­zi­gern auch in der Mit­tel­schicht den Sie­ges­zug an, bis der Schaum­wein irgend­wann auch in den Rega­len der Dis­coun­ter gelan­det ist. Der Popu­la­ri­tät quer durch die Schich­ten tat dies aller­dings kei­nen Abbruch. Die Han­dels­mar­ken für das ein­fa­che Volk, der Brut für die Mit­tel­schichte, die mit Klun­ker besetz­ten Fla­schen für die Rap­per und Pop-Queens und die Jahr­gang­s­cu­vée und Pres­tige-Abfül­lun­gen für die wirk­lich Rei­chen. All das lässt sich unter einer Dach­marke erfolg­reich ver­mark­ten – kann so aller­dings nur funk­tio­nie­ren, weil man sich erfolg­reich, kon­se­quent und über Jahr­zehnte hin­weg ein bestimm­tes Image auf­ge­baut hat. Die­ses Image lau­tet etwa wie folgt: Die Cham­pa­gne ist ein men­gen­mä­ßig klar abge­grenz­tes, ver­gleichs­weise klei­nes Gebiet mit unver­wech­sel­ba­rer Boden­struk­tur und beson­de­rem Klima, aus des­sen Kom­bi­na­tion ein Wein­ty­pus ent­steht, wie es ihn sonst auf der Welt nir­gendwo gibt, wes­halb die­ser Wein sehr begehrt ist und des­halb teuer. Für die gemeinde Bevöl­ke­rung die­ses Land­stri­ches ist der Erfolg ihres Pro­duk­tes eine Wohl­tat, eine, die man ihr gön­nen sollte. Denn das Land an der Marne war lange Zeit ein armes und wurde durch beide Welt­kriege, vor allem jedoch durch den Stel­lungs­krieg im ers­ten Welt­krieg stark zer­stört.

Mehr Noblesse geht kaum - Champagne Salon in Le Mesnil

Mehr Noblesse geht kaum – Cham­pa­gne Salon in Le Mes­nil

Pres­tige und Main­stream zugleich
Cham­pa­gne, das Kult­ge­tränk, ist heute also Pres­tige und Main­stream zugleich. Mei­ner Mei­nung nach macht es sich aller­dings im Main­stream nicht beson­ders. Nur sel­ten gelingt es einer der 295 Mil­lio­nen Fla­schen Main­strea­m­ab­fül­lung, aus dem Ein­heits­heer der welt­weit pro­du­zier­ten Schaum­weine wirk­lich her­vor­zu­ste­chen. Und natür­lich ist Cham­pa­gne auch kein beson­ders rares Pro­dukt, es gibt immer mehr als genug auf Vor­rat und der Ver­band der Cham­pa­gne-Win­zer legt Jahr für Jahr neu fest, wie hoch die Ern­te­men­gen jeweils sein dür­fen. Die Trau­ben, die für den Cham­pa­gner geern­tet wer­den, wach­sen auf unzäh­li­gen, teils klei­nen Par­zel­len, die ent­we­der zu Grand Cru Lagen, zu Pre­mier Cru Lagen oder zu unqua­li­fi­zier­ten Lagen gehö­ren. Je nach Güte der Lagen wer­den unter­schied­li­che Trau­ben­preise bezahlt, die im bes­ten Fall bei 7 bis 8 Euro pro Kilo lie­gen. Das ist in der Tat ziem­lich viel, zumal die Hekt­ar­er­träge hoch sind (10.000 Kilo pro Hektar in 2013). Dabei wurde lange, allzu lange sel­ten dar­auf geach­tet, wie gut die Trau­ben­qua­li­tät tat­säch­lich ist. Eine phy­sio­lo­gi­sch reife Trau­ben zu haben ist ja bekannt­lich das eine. Eine Traube mit Sub­stanz und Qua­li­tät zu ver­ar­bei­ten aber etwas ande­res. Die Erkennt­nis, dass inten­sive Wein­bergs­ar­beit zu einem bes­se­ren Pro­dukt führt, setzt sich nur lang­sam durch und ist vor allem jenen Win­zern zu ver­dan­ken, die selb­stän­dig Wein kel­tern und ver­mark­ten.

Handlese fordert Tribut © John Hodder, Collection CIVC

Hand­lese ist anstren­gend und for­dert Tri­but © John Hod­der, Collec­tion CIVC

Wie Cham­pa­gne ent­steht
Geern­tet wer­den die Trau­ben übri­gens laut Gesetz per Hand. So ziem­lich alles, was danach kommt, erfolgt mecha­ni­sch. Die Trau­ben wer­den in gro­ßen Kel­tern abge­presst, wobei – wie bei der Ern­te­menge auch – im vor­aus fest­ge­legt wird, wie hoch der Pres­ser­trag sein darf. Danach wer­den die Reben, die früh gele­sen wer­den und dank der Nörd­lich­keit des Gebie­tes ent­spre­chend eine so hohe Säure auf­wei­sen, dass man aus ihnen kaum einen trink­ba­ren Still­wein kel­tern könnte, zu Wein gekel­tert. Im All­ge­mei­nen pas­siert das bei den Mar­ken, auf die man im Lebens­mit­tel­ein­zel­han­del und in der Wer­bung trifft, in gro­ßen Edel­stahl­tanks. Der Wein wird in der Zeit kom­plett durch­ge­go­ren. Nun erfolgt ein Pro­duk­ti­ons­pro­zess, der die Crux des Gan­zen bil­det. Denn die gro­ßen Häu­ser ver­fü­gen meist sel­ber über hun­derte von Hektar eige­ner Reb­flä­che, dann kau­fen sie noch von hun­der­ten ande­ren Hektar dazu. Die Erträge stam­men meist aus allen vier Teil­ge­bie­ten und sind dann auch noch auf­ge­teilt nach die drei übli­chen Reb­sor­ten Char­don­nay, Pinot Noir und Pinot Meu­nier. Diese Sor­ten fin­den meist alle drei Ver­wen­dung im klas­si­schen Brut. Die­ser Brut hat kei­nen Jahr­gang, das heißt, es ist ein Schaum­wein, der aus (meist) drei Reb­sor­ten sowie aus zig ver­schie­de­nen Reb­ber­gen und zusätz­lich noch aus unter­schied­li­chen Jah­ren stammt. Die Auf­gabe des Kel­ler­meis­ters ist es, aus die­sen Dut­zen­den von Pro­ben durch Selek­tion und Zusam­men­füh­rung der Grund­weine einen Cham­pa­gner zu kre­ieren, der dem Stil des Hau­ses ent­spricht. Er muss dies natür­lich in einer Form tun, in der die Grund­weine noch knall­tro­cken und sehr sauer sind, wäh­rend das End­pro­dukt spä­ter ver­gleichs­weise süß ist. Hut ab vor jenen, die diese Kunst beherr­schen, denn ihnen obliegt es, schon mit dem ein­fa­chen Brut den Stil des Hau­ses aus­zu­drü­cken und die Qua­li­tät über Jahre kon­stant zu hal­ten.

Die Auswahl der Grundweine ist so etwas wie angewandte Kunst, ©Alain Cornu, Collection CIVC

Die Aus­wahl der Grund­weine ist so etwas wie ange­wandte Kunst, ©Alain Cornu, Collec­tion CIVC

Ist die Ent­schei­dung über die Zusam­men­set­zung gefal­len und der Wein ver­mischt, wird er in Fla­schen abge­füllt und erhält eine Dosage aus Hefe und Zucker­stoff. Dann kommt ein Kron­kor­ken auf die Fla­sche und diese wan­dert samt ihrer Kol­le­gen in einen der unzäh­li­gen, teils kilo­me­ter­lan­gen Kel­ler, und zwar für min­des­tens 12 Monate. Danach erfolgt das so genannte Rüt­teln. Da hat man noch das Bild im Kopf vom Rüt­tel­pult, in der von Hand die Fla­schen lang­sam und kopf­über  in eine fast auf­rechte Posi­tion gerüt­telt wer­den um den abge­stor­be­nen Hefe­satz unter den Kron­kor­ken zu bekom­men, ohne dass der Satz auf­ge­rüt­telt wird. Dies geschieht heute mit einer aus­ge­klü­gel­ten Mecha­nik in so genann­ten Giro­pa­let­tes, in denen gleich­zei­tig einige hun­dert Fla­schen gerüt­telt wer­den kön­nen – auf Knopf­druck. Beim Degor­ge­ment wird der Kor­ken ent­fernt, der Hefe­pfrop­fen fliegt durch Druck aus der Fla­sche und diese wird danach wie­der auf­ge­füllt mit einer Mischung aus Wein und Likör (Trau­ben­most oder ähn­li­ches) um den letzt­end­li­chen Süß­egrad zu bestim­men. Der meist ver­wen­dete Grad heißt, wie schon gesagt brut und liegt bei weni­ger oder gleich 12 Gramm je Liter. Cham­pa­gne mit der Bezeich­nung extra brut hat höchs­tens 6 Gramm Dosage, ultra brut oder brut nature haben keine, im höchs­ten Fall 3 Gramm Dosage. Ver­gleichs­weise süß wird es beim extra dry mit 12 bis 17 Gramm. Da fragt man sich, warum extra dry denn süß sein soll doch das liegt daran, dass Cham­pa­gner im 19. Jahr­hun­dert, Anfang des 20. Jahr­hun­derts so süß war, dass dry mit 17 bis 32 Gramm schon tro­cken wirkte und extra dry ent­spre­chend sehr tro­cken. Beide Bezeich­nun­gen wur­den für den eng­li­schen Markt ein­ge­führt, wo man es ins­ge­samt lie­ber etwas tro­cke­ner hatte. Demi-sec liegt bei 32 bis 50 Gramm wäh­rend doux bei über 50 Gramm liegt und übri­gens auch ganz wun­der­bar sein kann – es gibt aller­dings nicht mehr viele, die einen sol­chen Cham­pa­gner her­stel­len.

Um es klar zu sagen, es gibt exzel­lente Brut-Cham­pa­gner, so wie es exzel­lente tro­ckene oder auch süße Cham­pa­gner gibt. Wor­auf ich hier gerade hin­aus will ist, zu ver­deut­li­chen, dass die Her­stel­lung von 98% aller han­dels­üb­li­chen Cham­pa­gner heute ein eher tech­ni­sches Ver­fah­ren ist, dass bis auf die Aus­wahl der Grund­weine für eine Cuvée nicht mehr viel Hand- und Gau­men­ar­beit erfor­dert. Da ist also keine Spur von Roman­tik mehr dabei. Ob die Reben von den viel­be­schwo­re­nen unver­gleich­li­chen Kreide-Kalk­bö­den stam­men, ist übri­gens auch nicht gesi­chert. Es gibt in der Cham­pa­gne genü­gend Böden, die die­ses Ter­rain nicht auf­wei­sen – und übri­gens trotz­dem des­we­gen nicht schlecht sein müs­sen. Auf der Suche nach einem Wein, der zu mir passt, werde ich jedoch bei die­ser Kate­go­rie Cham­pa­gner nicht fün­dig. Ent­we­der, ich suche mir bei den gro­ßen Häu­sern ein Pres­ti­ge­pro­dukt, bei dem ich davon aus­gehe, dass dort mehr Hand­ar­beit und Indi­vi­dua­li­tät im Spiel ist, oder ich suche bei klei­ne­ren Cham­pa­gne-Häu­sern oder sogar beim Win­zer.

Pressen, traditionell und modern, © John Hodder, Collection CIVC

Pres­sen, tra­di­tio­nell und modern, © John Hod­der, Collec­tion CIVC

Jahr­gang­s­cham­pa­gner und Pres­tige-Cuvée
Der Ruhm der füh­ren­den Cham­pa­gne-Häu­ser beruht oft, wen wundert’s, auf ihren Pres­ti­ge­pro­duk­ten. Das kön­nen Jahr­gang­s­cham­pa­gner sein, das kön­nen aber auch beson­ders kom­po­nierte Weine aus meh­re­ren Jahr­gän­gen sein. Meist sind es spe­zi­elle Abfül­lun­gen bestimm­ter Jahre. Einige die­ser teils legen­dä­ren Weine sind zum Bei­spiel der Cris­tal aus dem Hause Roederer, die Grande Dame aus dem Hause Veuve-Clic­quot oder der Dom Péri­gnon aus dem Hause Moët. Sie ste­hen stell­ver­tre­tend für die ganze Pracht, die ein Cham­pa­gner haben kann. Dar­über geht nicht mehr viel, es sei denn man kauft etwas aus dem höchst ange­se­he­nen Hause Salon oder Jahr­gang­s­cham­pa­gne oder sogar Ein­zel­la­gen­cham­pa­gner von Krug. All diese ange­spro­che­nen Weine kön­nen ganz wun­der­bar sein (auch der Dom Péri­gnon in bestimm­ten Jah­ren, wenn man eine gute Fla­sche erwischt, obwohl auch die­ser in Mil­lio­nen­zahl abge­füllt wird). Allein, sagen wir es ganz offen, die­ses Ver­gnü­gen bleibt tat­säch­lich ande­ren vor­be­hal­ten und ich suche lie­ber das Indi­vi­du­elle und auch das Groß­ar­tige, das Beson­dere in Fla­schen, die mir eher zu Gesicht ste­hen und die ich mir hier und da leis­ten will. Ent­spre­chend fällt die Wahl auf die klei­ne­ren Häu­ser oder die Win­zer.

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Kleine Häu­ser und echte Win­zer
Worin besteht der Unter­schied zwi­schen Häu­sern und Win­zern? Dazu werfe ich einen Blick auf die Struk­tur die­ses Gebie­tes und glei­che das mal mit dem ab, was man all­ge­mein von einem Wein­pro­du­zen­ten erwar­tet. Ich behaupte ein­mal, dass die meis­ten auf die Frage, wel­che Trau­ben ein Win­zer nor­ma­ler­weise ver­ar­bei­tet, sagen würde: die eige­nen. Das mag grund­sätz­lich rich­tig sein, muss aber nicht. Denn ein Win­zer darf Trau­ben dazu kau­fen. Er darf sogar Wein aus kom­plett zuge­kauf­tem Mate­rial abfül­len, auch bei uns. Aller­dings muss er dies kenn­zeich­nen. In der Cham­pa­gne gibt es für die unter­schied­li­chen Mög­lich­kei­ten, die ein Her­stel­ler hat, acht Kür­zel, die auf dem Eti­kett ste­hen:

CM – Coo­pé­ra­tive de Mani­pu­la­tion > die Marke einer Genos­sen­schaft

MA – Mar­que d’Acheteur > Spe­zi­al­marke für Lebens­mit­tel­ein­zel­han­del oder Restau­rant

ND – Négo­ci­ant Dis­tri­bu­teur > kauft fer­ti­gen Cham­pa­gner und ver­kauft ihn unter eige­nem Label

NM – Négo­ci­ant Mani­pu­lant > kauft Trau­ben oder Most und ver­ar­bei­tet und ver­kauft ihn

R – Récol­tant > selb­stän­di­ger Win­zer, der sei­nen Cham­pa­gner im Lohn­ver­fah­ren her­stel­len lässt

RC – Récol­tant Coo­pé­ra­teur > Genos­sen­schafts­mit­glied, das sich in Cham­pa­gner ent­loh­nen lässt

RM – Récol­tant Mani­pu­lant > der klas­si­sche Win­zer, der alles selbst macht

SR – Société de Récol­tants > Erzeu­ger-Ver­ei­ni­gung

Talentierter Aube-Winzer Olivier Horiot und einige Exemplare aus gutem Hause

Talen­tier­ter Aube-Win­zer Oli­vier Horiot und einige Exem­plare aus gutem Hause

Im All­ge­mei­nen kau­fen prak­ti­sch alle Cham­pa­gne-Häu­ser dazu  auch wenn sie natür­lich auch über eigene Wein­berge ver­fü­gen. Doch jeder Hektar Land in die­sem Gebiet ist hor­rend teuer und so arbei­tet man eben oft über Jahr­zehnte hin­weg mit den immer glei­chen Ver­trags­win­zern zusam­men. Im Gegen­satz zu den Win­zern ver­fü­gen die meis­ten klei­ne­ren Häu­ser über ein deut­lich brei­te­res Ange­bot, dass dem der grö­ße­ren Häu­ser oder Mar­ken gleicht. Die Stan­dard-Cuvée gibt es dann in ver­schie­de­nen Süße-Vari­an­ten, dazu kom­men Jahr­gang­s­cham­pa­gner und Rosé. Im bes­ten Falle gren­zen sie sich im Stil von den Gro­ßen ab, sind indi­vi­du­el­ler und pfle­gen einige beson­dere Pro­dukte. Der klas­si­sche Win­zer, der in der Cham­pa­gne sei­nem Beruf so nach­geht, wie er es im Bur­gund oder an der Mosel tut, ist dage­gen ver­gleichs­weise sel­ten. Es hat dort keine aus­ge­prägte Tra­di­tion, was wohl auch mit der auf­wen­di­gen Her­stel­lungs­weise zu tun hat. Trotz­dem hat sich längst sowohl auf Win­zer- als auch auf Kon­su­men­ten­seite eine Szene ent­wi­ckelt, die den Wein­bergs­be­sit­zern eine Basis dafür bie­tet, auch selbst aus­zu­bauen und zu ver­mark­ten. Aus die­sen bei­den Grup­pen, den klei­ne­ren Häu­sern wie Bille­cart-Sal­mon, Pail­lard, Fleury, Jac­ques­son oder Win­zern wie Selosse, Bérè­che, Lecla­part, Agra­part, Las­sai­gne und vie­len ande­ren stam­men für mich auch jene Weine, die für mich unterm Strich Cham­pa­gne bedeu­ten. Diese sind auf Grund klei­ne­rer Men­gen viel eher in der Lage, neue Wege zu gehen, bei jeder Fla­sche auf Qua­li­tät zu ach­ten, mit Trau­ben­sor­ten und Aus­bau­ar­ten zu expe­ri­men­tie­ren. Ich will das nicht ver­klä­ren, aber wol­len nicht wir, die wir Wein mögen auch gerne ein hand­werk­li­ches Pro­dukt in der Hand hal­ten? Wir reden sonst so viel über Ter­roir und Win­zer­kunst und warum sol­len diese Maß­stäbe nicht auch für die Cham­pa­gne gel­ten? Zumal diese Erzeug­nisse für das glei­che Geld zu haben sind wie die mit hohem Mar­ke­ting- und Wer­be­auf­wand künst­lich ver­teu­er­ten Pro­dukte der gro­ßen Mar­ken. Man muss sie halt suchen und fin­det doch mitt­ler­weile auch in Deutsch­land eine zuneh­mend brei­ter wer­dende Palette sol­cher Erzeug­nisse. Auch wenn ein gereif­ter Cris­tal oder ein Cham­pa­gner aus dem Hause Krug ein exzel­len­ter Cham­pa­gner von gro­ßer Finesse und Ele­ganz sein kann, mag ich per­sön­lich die etwas weni­ger ele­gan­ten und dafür häu­fig kom­pro­miss­lo­se­ren Erzeug­nisse eines Bouchard, Horiot, Las­sai­gne oder Bérè­che meist lie­ber. Bei Häu­sern wie Pail­lard, Gos­set, de Souza, Jac­ques­son oder Drap­pier schließ­lich fin­det man so etwas wie das Beste aus den bei­den Wel­ten. Cham­pa­gner von gro­ßer Strahl­kraft, indi­vi­du­ell und mit Per­sön­lich­keit, jedoch nicht so kom­pro­miss­los und quer­köp­fig wie bei den Win­zern. Wenn ich mich da für das Eine und gegen das Andere ent­schei­den müsste, würde es mir schwer fal­len. Bei den genann­ten Namen und natür­lich vie­len mehr, fin­det sich defi­ni­tiv das, was für mich Cham­pa­gne wirk­lich aus­macht. Hier fin­det sich das Indi­vi­du­elle der ein­zel­nen Unter­ge­biete wie der Mon­ta­gne de Reims, dem Tal der Marne der Côte de Blancs, Sézanne, oder der Côte de Bar. Hier bil­det sich der Boden ab in Kom­bi­na­tion mit den Haupt­rebs­or­ten. Hier wird jedoch ebenso, wenn auch sel­ten mit den weni­ger typi­schen Sor­ten expe­ri­men­tiert. Mal wird Holz genom­men dann nur Edel­stahl, mal spon­tan, mal mit Rein­zucht­he­fen ver­go­ren. Man­che machen einen bio­lo­gi­schen Säu­re­ab­bau, andere ver­mei­den ihn, koste es was es wolle. Einige beackern ihre Wein­berge wie­der mit Pfer­den wie anno dazu­mal und schwö­ren auf Bio­dy­na­mie. Andere ver­zich­ten dan­kend auf Stei­ner, ver­zich­ten jedoch trotz­dem auf Grund bes­se­ren Wis­sens auf  Stick­stoff-Dün­ger und Che­mie. All das wird von den gro­ßen Mar­ken sehr genau ver­folgt und hier und da auch adap­tiert. Der Cham­pa­gne kann das nur gut tun.

Cham­pa­gner, die noch im bezahl­ba­ren Bereich lie­gen und mei­ner Mei­nung nach abso­lut emp­feh­lens­wert sind:

Roederer Brut Pre­mier, Ein Bei­spiel für exzel­len­ten, ele­gan­ten und kräf­ti­gen Brut aus einem berühm­ten Haus, zum Bei­spiel im Köl­ner Wein­kel­ler

Veuve Clic­quot Demi Sec, der Demi-Sec hat das, was die übli­che Witwe meist ver­mis­sen lässt: Cha­rak­ter, zum Bei­spiel bei Kar­stadt

Drap­pier Rosé, für mich viel­leicht der beste Rosé unter 30,-, zum Bei­spiel bei Champagner-Genuss.de

Agra­part, Le Sept Crus, Momen­tan viel­leicht das Non­plus­ul­tra für Win­zer­cham­pa­gner unter 30,- bei Kier­dorf

David Lécla­part Ama­teur extra brut Blanc de Blancs, Kaum einer ist so kon­se­quent und im bes­ten Falle bril­lant, bei Cham­pa­gne Cha­rac­ters

Lar­man­dier-Ber­nier Terre de Ver­tus, gro­ßer Cham­pa­gner, mitt­ler­weile teu­rer aber immer noch preis­wür­dig, zum Bei­spiel bei Vina­tu­rel

Pierre Peters Cuvée de Reserve, Aus­druck von Noblesse und der Kraft der Lagen von Le Mes­nil, bei Noble Wine

Tar­lant Zerò, Stan­dard­cu­vée ohne Dosage, bei Cham­pa­gne Cha­rac­ters

Céd­ric Bouchard Inflo­re­scence, hoch indi­vi­du­ell und kon­se­quent, bei Wein Kreis

Vou­ette & Sor­bée fidèle, zusam­men mit Bouchard und Lécla­part Cha­rak­ter­stoff par excel­lence, bei Vina­tu­rel

De Souza Brut Tra­di­tion, Blanc de Blancs im Stile eines klas­si­schen Bur­gun­ders, bei Vina­tu­rel

Oli­vier Horiot Sève Rosé de Sai­gnée, blut­rot und kraft­voll, bei Vina­tu­rel

Aure­lien Sue­nen, Blanc de Blancs, bei tvino.de

 

Die ist der Auf­takt zu einer Reihe von ins­ge­samt 13 Tei­len. Die Links zu den wei­te­ren Arti­keln fin­det Ihr hier:

Teil 13: Epi­log

Teil 12: Côte des Bar von Cour­te­ron nach Urville

Teil 11: Côte des Bar von Bar-sur-Seine nach Les Riceys

Teil 10: Von Ver­tus nach Mont­gueux

Teil 9: Côte des Blancs in Ver­tus

Teil 8: Côte des Blancs in Le-Mes­nil-sur-Oger

Teil 7: Côte des Blancs in Avize

Teil 6: Côte des Blancs von Épernay nach Cra­mant

Teil 5: Val­lée de la Marne, am lin­ken Ufer zurück nach Épernay

Teil 4: Val­lée de la Marne, am rech­ten Ufer von Dizy nach Crout­tes

Teil 3 Val­lée de la Marne, rund um Aӱ

Teil 2: Mon­ta­gne de Reims

Teil 1: Auf der Suche nach einem Mythos

 

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19 Kommentare

  1. Hallo Chris­toph,
    wun­der­schön und mir aus der Seele her­aus geschrie­ben. Auch wenn einige sagen wer­den “das weiß man doch”, bin ich froh wenn einer der ange­se­he­nen Blog­ger es doch noch ein­mal mit sol­cher Deut­lich­keit beschreibt und ent­mys­ti­fi­ziert. Zudem regt dein Bericht auch noch­mal an, über Wer­tig­keit und Rela­ti­vi­tät der Preise und des Auf­wands nach­zu­den­ken.
    In einem bin ich genau dei­ner Mei­nung, (Schaum)Weine machen mir auch mehr Spaß, wenn eine Geschichte, ein Men­sch, oder eine Beson­der­heit dahin­ter steht und nicht “nur” eine mons­tröse Machi­ne­rie und ein tech­ni­sches Labor.
    Aller­dings würde dein Ver­gleich mit den 5 Euro Durch­schnitts­sprei­sen auch auf andere Gebiete zutref­fen, in denen die Grund­preise im Gros deut­lich drü­ber lie­gen. Na ja – viel­leicht nicht so extrem.
    So würde ich jetzt ein­mal ver­mu­ten, dass dein Bericht über Frank­reich, wenn er voll­stän­dig sein wird einen Gesichts­punkt deut­lich her­aus­stel­len wird – inter­es­sant wird es wenn Eigen­stän­dig­keit und eine gewisse “Schräg­heit” dazu kom­men. Das Beson­dere wird zwar von den “Gro­ßen” nach außen gekehrt, aber die Schätz­chen, die Sachen zum Ver­lie­ben, wird man bei den Klei­nen fin­den.
    Ich bin auch ein­mal gespannt, wie Du im Ver­gleich zu Matze die Loire­ge­biete für Dich einnor­dest. Und wenn Du denn mal in den Süd­wes­ten kommst (der ja dann am Wei­tes­ten von H weg ist), würde ich mich freuen dich zu tref­fen und im “Vigne en Foule” was Net­tes zu genie­ßen.
    beste Grüße

  2. Hallo Karl,

    vie­len Dank für die Blu­men. Ich glaube auch, dass das, was ich schreibe so einige schon wis­sen – zhu­min­dest die, die sich in der Weinszene bewe­gen. Ich schreibe aller­dings nicht zuletzt auch für jene, die die sich noch nicht allzu lange inten­si­ver mit Wein beschäf­ti­gen und für die wollte ich das noch mal klar machen. 

    Ich hoffe ja sehr, dass wir uns bald mal im Vigne en Foule tref­fen wer­den. Viel­leicht schaffe ich das im Herbst.

    herz­li­che Grüße,
    C.

  3. Nabend Chris­toph,
    wenn Du es tat­säch­lich im schon Herbst schaffst würde es mich freuen. Ich warte aber auch län­ger – habe jeden­falls nicht vor das Gebiet zu ver­las­sen. Sobald Du einen unge­fäh­ren Zeit­rah­men weißt, kön­nen wir uns ja noch ein­mal abstim­men, damit es nicht mit einer mei­ner Fahr­ten nach Köln kol­li­diert, bzw. kann man es ja mit einem Event in der Nähe­ren Umge­bung paa­ren das um den Dreh statt fin­det.
    Um Unter­kunft kann ich mich küm­mern. Da gibt es so ein paar eheim­tipps.
    schö­nen Abend noch

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