Saumur-Champigny – zu Gast bei Thierry Germain, Domaine des Roches Neuves

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Auf der Liste der Rebsorten, die ich reinsortig am liebsten mag, gibt es schon lange einen Favoriten. Es ist der Pinot, wen wunderts… An die zweite Stelle vor Syrah und Blaufränkisch hat sich jedoch in meine interne Richterskala schon seit einiger Zeit die große alte Bordeaux-Rebsorte Cabernet Franc geschoben. Ob sie tatsächlich aus dem Bordelais stammt oder nicht vielmehr aus Spanien, ist noch nicht ganz klar. Allerdings gibt es eine eindeutige Verwandschaft zu zwei baskischen Rebsorten namens Morenoa und Hondarribi Beltza. Wenn man liest, dass die Abtei von Roncesvalles an der heute baskisch-französischen Grenze im elften Jahrhundert einer der wichtigen Anlaufpunkte für Pilger nach und von Santiago de Compostela war und man dort schon früh Weingärten angelegt hat, und zwar vom baskischen Hondarriba bis ins französische Irouléguy und dort schon früh Achéria gepflanzt hat, die basische Bezeichnung für Cabernet Franc, dann ist es durchaus schlüssig, dass die Rebsorte in diesem Grenzgebiet entstanden sein könnte. Was ganz sicher ist, ist die Tatsache, dass im Bereich Südwesten/Bordeaux durch Wildkreuzungen irgendwann der Cabernet Sauvignon aus Cabernet Franc x Sauvignon Blanc, die Carmenère aus Cabernet Franc x Gros Cabernet und der Merlot aus Cabernet Franc x Magdaleine Noire des Charentes entstanden ist. Cabernet Franc ist also nicht nur selber Teil der Bordeaux-Familie, ohne ihn wäre diese gar nicht entstanden.

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So früh der Cabernet Franc im Südwesten auftaucht, so schnell ist er wohl auch an die Loire gelangt. Möglicherweise hat schon der Comte d’Anjou Geoffroi Martel im Jahre 1050 den Cabernet Franc ins Loire-Tal gebracht. Dort heißt er bis heute in manchen Gegenden Breton, abgeleitet vom Namen des Abbé Breton, der ihn im Auftrag des Cardinals Richelieu in Chinon und Bourgeuil hat pflanzen lassen.

Auch wenn Cabernet Franc im Bordelais eine wichtige Rolle spielt, ist er dort immer nur Teil einer Cuvée. Mich interessiert jedoch vor allem die reinsortige Stilistik dieses Weins. Und diese gibt es in nahezu vollendeter Schönheit eigentlich nur an der relativ kühlen Loire. Die wichtigsten Gebiete sind hier Bourgeuil, Sankt Nicolas de Bourgeuil, Chinon und Saumur-Champigny. Im Februar habe ich zusammen mit dem Betreiber der Plattform opentrips.co.uk, Florian Siepert, eine Reise in die Region Saumur organisiert. Dort gibt es nicht nur einige der zur Zeit besten Cabernet Francs überhaupt, es gibt zudem einige Chenin Blancs von besonderer Schönheit. Diese Kombination macht die Gegend für mich zu einem Weinparadies, denn was gibt es neben Riesling und einigen Chardonnay Schöneres als Chenin Blanc?

Auf dem Programm stand der Besuch der Weingüter von Thierry Germain (Domaine des Roches Neuves), der Foucault Frères (Clos Rougeard), Romain Guiberteau und spontan der Besuch des Clos Cristal. Schließlich hat uns Alex Zülch von Vins Vivants, der den Trip glücklicherweise gedolmetscht hat, noch in zwei seiner Partner-Weingüter gebracht. So hatten wir das Glück, mit Agnès und René Mosse zu trinken und Schinken zu essen und die Newcomer Nicolas Bertin und Geneviève Delatte kennenzulernen.

Wer hier schon gelesen hat, als ich noch meinen Shop hatte, weiß, dass ich damals die Weine von Thierry Germain verkauft habe. Ich war schon früh ein Fan seiner Chenins und Cabernet Francs. Mittlerweile ist er richtig durchgestartet und im letzten Jahr Winzer des Jahres in der Revue du Vin de France geworden. Das muss man erst einmal schaffen. Wer die Weine der letzten Jahre probiert, dürfte diese Entscheidung allerdings nachvollziehen können. An die Loire gekommen ist Thierry 1991, als erster einer Familie, die ihre Wurzeln eigentlich im bordelaiser Weinbau hat. Thierry hat das bereits bestehende kleine Weingut Domaine des Roches Neuves übernommen und mit ihm auch den ökologischen Anbau. Witziger Weise ist ihm kurze Zeit später sowohl sein Vater Bernard als auch sein Bruder Phillipe gefolgt. Bernard hat für kurze Zeit das berühmte Château de Fesles in den Coteaux du Layon übernommen und gleichzietig das Château de Varesses in Savennières sowie zwei weitere Weingüter – womit er sich allerdings wohl etwas übernommen hat.

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Thierrys Weingut dagegen ist alles andere als ein Château, es ist vielmehr ein großer, unscheinbarer Bretterverschlag an der Straße von Saumur nach Varrains – unter dem sich allerdings ein ewig alter in Tuff gehauener Gewölbekeller befindet. Thierry hat in den letzten Jahren stark an seinen Weinen gefeilt. Das fängt mit der intensiven Weinbergarbeit an, die zwar von Anfang an biodynamisch war, die er aber, wie er selbst sagt, er seit wenigen Jahren wirklich beherrscht und deren Auswirkungen sich eben auch erst nach einigen Jahren klar im Wein niederschlagen. Hinzu kommt, dass er alte Parzellen hinzugewinnen konnte, ihn denen auf sandigem Untergrund noch wurzelechte Rebstöcke stehen. Die Erträge dieser intensiven Arbeit sind gering und liegen bewusst bei 15 bis ca. 30 hl/ha. Der Wein wird nicht zu spät gelesen – auch hier macht sich das bemerkbar, wovon vor allem jene biodynamisch arbeitenden Winzer profitieren, die weiter im Süden arbeiten – denn, die phenolische Reife wird früher erreicht als bei konventionell arbeitenden Nachbarn. Das führt zu weniger Zucker und entsprechend zu weniger Alkoholgehalt. Genau dies hat zu einem gewünschten Stilwechsel geführt, der den Weinen sehr gut tut. Was früher noch ein wenig sehr rustikal, gerbstoffreich und überholzt wirkte, ist viel feiner und klarer geworden. Fast wie ein Wechsel von einem Dubourdieu-beeinflussten Bordeaux zu einem Leflaive-beeinflussten Burgund.

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Thierry Germain, rechts, erläutert die Entstehung seiner Weine während Alex Zülch übersetzt

Dieser Stilwechsel geht entsprechend einher mit dem Einsatz anderer Kellertechnik. Die Weine gären in großen Holzfudern, reifen tun sie allerdings längst nicht mehr in den üblichen kleinen Barriquefässern – zumindest nicht alle Weine. Neben einer Experimentalamphore fällt vor allem die Reihe Stockinger auf, die er seit einiger Zeit besitzt. Stockinger scheint mit das große neue Ding in den Kellern der interessanten Winzer an der Loire und vor allem auch im Burgund zu sein. Darüber hinaus hat er das Portfolio deutlich erweitert – auch auf Grund der Zukäufe, die er machen konnte. Als ich seine Weine kennengelernt habe, gab es den einfachen reinsortigen Saumur-Champigny, dann La Marginale und Terres Dorées, zudem den weißen l’Insolite. Im Rotweinbereich sind der Franc de Pied von wurzelechten Rebstöcken dazugekommen. Außerdem ein Cabernet Franc aus dem Clos de l’Echelier und Les Memoieres. Neben dem Brut Nature Bulles de Roche gibt es im Weißweinbereich einen Chenin aus dem Clos de l’Echelier sowie den Clos Romans.

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Die Weißweine
L’Insolite war für mich immer eine Bank. Der Wein stammt von knapp hundert Jahre alten Chenin-Stöcken auf Tuff- und Silexböden. Der Wein hat Holz gesehen, aber auch hier hat sich das Holz immer weiter in den Hintergrund geschoben. 2013 zeigt einen kühlen Jahrgang und zeigt auch deutlich, dass dieser Wein immer Zeit braucht – wenn es geht eine ganze Reihen von Jahren. Der 2013er hat eine Menge Säure, wirkt noch etwas harsch, bräuchte etwas wärme, die sich im kühlen Tuffsteinkeller Anfang Februar allerdings nicht einstellt. Mit den Händen um das Glas öffnet sich der Wein ein wenig und verströmt ganz scheu einige gelbe Noten und zeigt einen leicht cremigen Charakter. Der 2012er ist da schon offener. Gelbe, zurückhaltende Frucht, Birne natürlich, etwas Pfirsich, vor allem aber Creme, Wachs, Kräuter und weiße Blüten mit deutlicher Säure und Grip. auch dieser Wein muss erst noch weiter im Keller bleiben. 2010 wäre die Wahl für einen gelungenen Abend. Breit gefächert die weiße und gelbe Frucht, dazu wieder Wachs, Zitronenschale, etwas Grapefruit, Anisplätzchen, feines, hintergründiges Holz, eine hervorragende Länge.

Neu in der Reihe der Weißweine ist der Clos de l’Echelier, ein kleiner zwei Hektar-Weinberg mit Umfriedung der zu 90% mit Cabernet bestockt ist und zusätzlich mit einem kleinen Teil 15jähriger Chenin-Blanc-Rebstöcke. Der Wein stammt vom Tuff-Kalkboden und wird in großen alten Fudern ausgebaut. Der 2013er Clos de l’Echelier ist deutlich offener und etwas breiter als der l’Insolite. Der Wein wirkt mineralisch mit lebendiger Säure, die Birne ist grüner als beim l’Insolite, hinzu kommen weiße Blüten, etwas frische Kräuter und Grapefruit. Der 2012er ist noch offener und expressiver mit –Limette, Grapefruit, weißem Pfirsich und Kräutern. Das ist ein guter Einstieg und ein Wein, der viel Spaß macht, wenn er auch nicht die Komplexität und tiefe des l’Insolite aufweist.

Neben einem bemerkenswerten, präzisen, komplexen Clos de l’Écotard, den sein Mitarbeiter Michel Chevré im benachbarten Anjou vinifiziert (mit Michel macht Thierry den Bulles des Roches Brut Nature, einen exzellenten, charaktervollen Schaumwein aus Chenin Blanc), beeindruckte uns vor allem der Clos Romans, der burgundischste der Chenins von Thierry Germain. Das erinnert mich in seiner Art tatsächlich an Meursault von Anne-Claude Leflaive: zurückhaltendes subtiles Holz, Salz, Minerale, Stein, kühle gelbe Frucht, Konzentration, Tiefe – eine exzellenter, ja großer Chenin Blanc, von dem es jährlich vielleicht 600 Flaschen gibt.

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Die Rotweine
Der Einstiegsrotwein, dessen Etikett in jeden Jahr eine andere Farbe hat – passend zum Charakter des Weins und Jahrgangs, ist für mich schon immer die Empfehlung gewesen für grundsoliden, günstigen Cabernet Franc mit hohem Spaßfaktor. Im 2012er Saumur-Champigny findet sich Pflaume, etwas Blaubeere und schwarze Johannisbeere, etwas grüne Paprika und Kräuter, am Gaumen frisch, säurebetont, dabei elegant und poliert. Immer noch der beste Einstieg in die Welt der Cabernet Francs der Loire.

Le Marginale 2011 riecht frisch und floral, expressiv und dicht-konzentriert. Auch hier stehen die dunklen Früchte neben den leicht grünen Noten. Am Gaumen ist der Wein ebenso konzentriert, dabei durch seine Säure und die Tatsache, dass hier nichts überreif gelesen wurde, immer leicht schwebend. Die Tannin sind feinkörnig und der Wein hinterlässt insgesamt einen eleganten Eindruck.

Terres Chaudes, mein erster Kontakt mit den Weinen von Thierry Germain, hat sich mit dem Jahrgang 2012 wieder weiter entwickelt. Der Wein aus einer relativ warmen Lage auf Tuff und Silex ist übberaus saftig, dabei hintergründig mit einer wiederum exzellenten Säure. Die Kirsch- und Pflaumenfrucht wirkt reif und pur. Er ist im kalten Proberaum nie richtig warm geworden und blieb deshalb immer etwas scheu, zeigte aber eine wunderbare Feinheit und Balance. Ein wunderbarer Saumur-Champigny.

Aus dem oben schon beschriebenen neuen kleinen Weinberg Clos de l’Echelier bei Dampierre stammt der neue Cabernet in der Reihe. wunderbare, pure Cabernet-Frucht, elegant, parfümiert mit Veilchen, balanciert zwischen Frucht, Säure und Tannin, jetzt schon elegant und offen, strukturiert und fein gewebt. Ein Wein, der sich mir in die Erinnerung gebrannt hat.

Der Franc de Pied stammt von einem sandigen Weinberg, in dem wurzelechte Cabernet-Franc-Rebstöcke stehen. dieser Wein wirkt ein wenig dunkler und hintergründiger als die Vorgänger. die Tannine sind etwas trockener und präsenter, nicht so poliert wie beim Clos de l’Echalier. Dabei ist die Frucht dicht und kompakt. Braucht noch einige Zeit.

Das, was der Clos Romans für den Chenin, ist Les Memoires 2012 für den Cabernet Franc. Ein Wein, der ans Burgund erinnert in seiner Komplexität und Feinheit. Er stammt ebfealls von einem kleinen Plot in Dampierre mit 120 Jahre alten Rebstöcken. Der Wein hat eine wunderbare Tiefe, ist ernst und aufgeräumt, Holz findet sich angenehm im Hintergrund, spielt eine tragende, aber nie führende Rolle. Die Frucht ist konzentriert und reif, die Säure deutlich und klar doch eingebunden. Was hier vor allem beeindruckt ist der Stein, das Mineralische, der Grip am Gaumen, das Packende, das der Wein hat. Les Memoires gehört für mich – wir sprechen hier über den ersten Jahrgang – zu den kommenden großen Loire-Weinen. Im Stil anders als die Weine von Clos Rougeard oder Bernard Boudry, um nur zwei zu nennen. Das hier ist ein ganz eigener Stil, weniger wild als Boudry, weniger holzbetont als bei den Foucaults, aber er saugt einen förmlich in sich hinein, verlangt Aufmerksamkeit und Zuwendung. Er hat mich lange nicht losgelassen an diesem Abend und ich würde ihm sehr gerne einmal wieder begegnen.

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Es war eine Freude, mit Thierry seine Weine zu probieren und immer wieder vor und zurück druch den Keller zu eilen. Der Mann brennt für seine Weine. Die Fassproben versprechen eine weitere Verbesserung, der Chenin aus der Amphore war ebenso beeindruckend wie der aus einer vor Jahren aufgesetzten Solera. erstaunlich ist, wie wenig Wein der Mann noch im Keller hat. Fast alles ist weg, verkauft – so gefragt sind die Weine. Und alles was nicht vorher schon weg war, hat Sébastien Visentin nach Deutschland geholt. So gibt es bei Vin sur Vin die Jahrgänge 2010 bis 2013 l’Insolite (€23,80) sowie 2011 bis 2013 Terres Chaudes (€23,80) sowie alle anderen Weine in je zwei Jahrgängen. Preise auf Anfrage.

Zum zweiten Teil Zu Gast bei Nady Foucault, Clos Rougeard geht es hier.

Zum dritten Teil Zu Gast bei Romain Guiberteau geht es hier.

Zum vierten Teil Zu Gast im Clos Cristal geht es hier.

 

Weiterführend einige alte Notizen hier im Blog zu La Marginale 2006, Terres Chaudes 2007, L’Insolite 2007 und  Saumur-Champigny 2007.

Copyright Fotos: York Moeller und Christoph Raffelt

 

6 Kommentare

  1. Lieber Christoph, großartig, dass Du es doch noch hinbekommen hast, über Eure Loire-Tour zu schreiben. Bin schon sehr gespannt, was da noch folgen wird. Den Marginale 2006 (von dem ich, ganz gegen meine Gewohnheit, sogar ZWEI Flaschen gekauft hatte 😉 ) hatte sich jetzt im Frühjahr erstaunlich wild präsentiert, ganz anders als damals kurz nach der Abfüllung auf dem Hof. Naja, Wein ist halt auch nur ein Lebewesen… Die “noch größeren” Weine von Thierry Germain habe ich noch nicht probieren können, wobei ich gesehen habe, dass es den weißen Clos Romans auch bei Bernd Kreis gibt (für Freunde der unkomplizierten Bestellung per Mausklick 😉 ).

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