Saumur-Champigny – zu Gast im Clos Cristal, einem höchst ungewöhnlichen Weinberg

Haeder Weinland Frankreich Saumur-Champigny

Als ich 2013 auf der RAW in London am Stand des Clos Cristal stand, wusste ich, da muss ich irgendwann hin. Einen solchen Weinberg hatte ich noch nie gesehen und als ich ihn damals auf Fotos betrachtete, dachte ich zunächst, es wäre das Werk eines Bekloppten, eines Winzers, der seinen Spleen mit voller Leidenschaft ausgelebt hat.

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Auf der Rückfahrt von Clos Rougeard und Romain Guiberteau haben wir dann noch einen Abstecher gemacht, um uns diesen umfriedeten Weinberg anzusehen. Zufälligerweise trafen wir Marc Gensollen (siehe Foto) auf dem Parkplatz, der es sich trotz gerade absolvierter längerer Autofahrt und durchzechter Nacht nicht nehmen lassen wollte, uns eine ausführliche Weinberg- und Kellerbesichtigung angedeihen zu lassen. Das Wetter war frühlingshaft und also ging es in diesen einzigartigen Weinberg.

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Der Name Clos Cristal stammt vom Gründer des Weinbergs, Antoine Cristal, geboren 1837 ganz in der Nähe. Cristal hat eine erstaunliche Lebensgeschichte. Er ist damit wohlhabend geworden, Kleidungsstücke auf der Straße zu verkaufen, ein fliegender Händler also. Aber einer, der sein erworbenes kleines Vermögen daraufhin in die Textilproduktion gesteckt hat und damit erst recht erfolgreich war. Gleichzeitig war er ein Förderer von modernen Künstlern seiner Zeit. Mit 50 (ein durchaus fortgeschrittenes Alter für das 19. Jahrhundert) entschied er sich, die Textilproduktion zu verkaufen und stattdessen ein Weingut in seiner Heimat zu erwerben. Er entschied sich für das Château de Parnay, direkt an der Loire in Souzay-Champigny gelegen. Das Weingut verfügte über einige Hektar Chenin Blanc. Da Cristal aber ein Freund des Cabernet Francs war, kaufte er noch zehn Hektar etwas weiter im Landesinneren bei Champigny dazu.

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Antoine Cristal musste sich erst ein Gefühl für den Weinbau erarbeiten – er kam nicht aus einer Winzerfamilie. Das tat er wohl mit voller Passion und Aufgeschlossenheit und er experimentierte im Weinberg wie im Keller. So war er einer der ersten, die ihre Rebsorten auf amerikanische Unterlagsreben pfropften, als die Reblaus die Weinberge bedrohte. Darüber hinaus gründete er die erste Rebschule der Region, um die veredelten Reben auch anderen Winzern anbieten zu können. Weiterhin gehörte er zu den ersten, die auf die Drahtrahmenerziehung setzten und – er sprach sich für eine Ethik beim Weinbau aus. Er sprach damals schon von vin naturel als einzig akzeptabler An- und Ausbauweise. Ein fortschrittlicher Geist also, dessen erstaunlichstes Experiment noch heute im mit drei Kilometern Mauer umfriedeten Clos zu besichtigen ist.

Cristal war die ganze Zeit über bemüht, den besten nur möglichen Wein herzustellen, der im Boden von Champigny zu erzeugen war. Da die Gegend trotz der etwas wärmeren Lagen von Champigny insgesamt durchaus kühl war, kam er auf die Idee, einen Teil der Cabernet-Stöcke durch Mauern zu pflanzen. vielleicht hatte er die 350(!) Kilometer Mauerwein in Thomery bei Fontainbleau besichtigt und kam dort auf die Idee, dass Mauern Wärme speichern und sie wieder an die Reben abgeben können. Während in Thomery die Reben jedoch komplett in der prallen Sonne der Südseite der Mauer stehen, hat Cristal weiter gedacht. Er ließ die Stöcke auf die Nordseite der Mauer pflanzen, Löcher durch die Mauern bohren um dann die Stöcke durch die Löcher auf die Südseite zu leiten, wo dann die Reben reifen. so wird nicht der gesamte Stock erhitzt sondern lediglich die Reben. Das hat tatsächlich den Effekt, dass die Reben damals wie heute drei bis vier Wochen früher reif sind. Heute führt das zu einem etwas heißen und mir tendenziell etwas zu konzentrierten Wein. Damals muss der Effekt dieses genialen Einfalls perfekt gewesen sein. Jedenfalls führten alle Bemühungen dazu, dass Cristal einer der erfolgreichsten Weinmacher der damaligen Zeit wurde. Seine Weine, gerade die Roten, die aus einer Gegend stammten die damals nur für ihre Weißweine bekannt war, verkauften sich in die Pariser und Londoner High Society, standen auf der Karte der besten Restaurants Frankreichs, sollen an den Japanischen Kaiserhof exportiert worden sein und wurden die Lieblingsweine von George Clemenceau, seines Zeichens Premierminister Frankreichs während des 1. Weltkriegs. So hat Cristal in gewisser Weise die Grundlage für die heutige Appellation Saumur-Champigny als Region für einige der besten Cabernet Francs Frankreichs gelegt.

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Nach seinem Tod im nun wirklich fortgeschrittenen Alter von über 90 hat Cristal das Weingut übrigens dem Hospice de Saumur übereignet und tatsächlich reiht sich das Krankenhaus bis heute in die Reihe der Spitäler (Hospice de Beaune, Bürger- und Juliusspital in Würzburg etc.) ein, die ein Weingut betreiben. Die Verwaltung des Hospice lässt den Verwalter und Weinmacher Eric Dubois und sein Team gewähren, solange es nicht zu stark in die Miesen gerät.

Das Weingut mit seinen ziemlich sandigen Tuffsteinböden wird seit mehr als 18 Jahren biologisch-organisch bewirtschaftet und die Cabernet-Reben haben ein Durchschnittsalter von 50 Jahren. Neben Cabernet Franc gibt es ein Cabernet Sauvignon, Pinot Noir und Pineau d’Aunis sowie eine winzige Menge Chenin Blanc unweit des Hospice de Saumur, dessen Erzeugnis, ein Saumur blanc jedoch immer direkt ausverkauft ist.

Durchaus erstaunlich ist auch der Keller, denn der liegt tatsächlich bis heute komplett unter der Erde. Auch hier war Cristal seiner Zeit voraus. So hat er bestimmte Weine reduktiv ausgebaut in dem er große Holzfässer mit böhmischem Glas ausgegossen hat. Entsprechend den Ideen des Gründers und der eigenen Vorstellungen werde die Weine heute spontan vergoren, nicht filtriert und nur mit Minimalmengen von Schwefel behandelt – und das nur am Tag der Ernte und nicht mehr bei der Abfüllung.

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Wir haben mit Marc Gensollen drei Weine probiert. Die entrappten Trauben des Clos Cristal Saumur-Champigny 2012 wurden drei Wochen lang vergoren, ohne dass umgepumpt wurde. Er wird in Stahl und großen Fuder ausgebaut, aber nur ein dreiviertel Jahr. Entsprechend jung, dunkelfruchtig und frisch präsentierte sich der Wein mit einer Johannisbeernote, mit Waldboden, etwas Efeu und Kräutern. Der Clos Cristal Boutifolle 2010 (es hört sich nach beautiful an aber eigentlich ist das der Katastername des Grundstücks auf dem der Clos steht) stammt von den Cabernet-Reben innerhalb des Clos, jedoch ohne den Mauerwein. Der Cabernet Franc wird zwei Jahre lang in gebrauchten 600-Liter-Fässern (demi-muid) ausgebaut. Der Wein wirkt kräftig und ebenfalls jung und ungestüm. Gleichzeitig findet sich eine wunderbar reife Frucht und Würze mit einem Hauch von Holz, Minze und Stein. Der Clos Cristal Les Murs 2010 schließlich ist der Mauerwein und stammt ausschließlich von den frühreifen Rebstöcken mit einem Anteil von 80% Franc und 20% Sauvignon. Der Wein wirkt, wie gesagt, konzentrierter und dichter und auch etwas wärmer als die anderen beiden Weine, was durchaus schön gemacht ist. Doch wenn ich an Saumur denke, habe ich immer die Frische im Kopf, die ich im Cabernet Franc haben möchte. Die hat Les Murs nicht so ganz. Trotzdem ein schöner Wein.

Den Saumur-Champigny gibt es mitlweile bei Alex Zülch von Vins Vivants, der mit dabei und ebenso begeistert war wie ich. Ansonsten hinfahren – es lohnt sich wie man sieht, nicht wahr?

Zum ersten Teil Zu Gast bei Thierry Germain, Domaine des Roches Neuves geht es hier.

Zum zweiten Teil Zu Gast bei Nady Foucault, Clos Rougeard geht es hier.

Zum dritten Teil Zu Gast bei Romain Guiberteau geht es hier.

 

 Copyright Fotos: Holger Klein, Christoph Raffelt

 

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