2004 – zehn Jahre später: Cornas, St. Estèphe und eine Spätlese

Domaine du Tunnel/Stèphane Robert, Cornas Vin Noir, Vincent Paris Cornas Granite 60, Thierry Allemand Cornas Reynard
Bisher war es jedes Mal so, dass es in der Runde ein großes Oh! und Ah! gab, wenn ich Weine von der Nordrhône auf den Tisch gestellt habe. Das Erstaunliche ist, dass diese Weine oft fantastisch sind, dass die meisten Erzeuger dort zumindest eine gewisse Klasse haben, das überdurchschnittlich viele Weine geradezu sensationell gut und eigenständig sind und das man anfangen könnte zu weinen, wenn man dann die Preise sieht, für die diese Weine verkauft werden – und sie trotzdem nicht den Stand von gutem Bordeaux oder Burgunder haben, ja weit davon entfernt sind. Ein gutes Beispiel dafür ist der Granit 60 von Vincent Paris. Dieser Wein wird in der Weinhalle aktuell in zwei Jahrgängen für jeweils €34,- angeboten. Dort findet man gerade die Jahrgänge 2008 und 2012. Wir hatten in der Runde natürlich den 2004er. Ich glaube, die Meinung war einhellig, dass das ein großer Wein war. Und zwar einer, der dem teureren, aber im Vergleich zu Spitzengewächsen aus dem Burgund und dem Bordelais geradezu billigen Reynard von Thierry Allemand nicht nachstand. Wir reden hier über Weine, die meiner Ansicht nach irgendwo in der Skala zwischen 93 und 95 Punkten liegen könnten. Die Weine aus dem Cornas sind schon in ihrer Jugend wunderbar zu trinken, das Tannin ist häufig sehr fein, die Primäraromen sind meist sehr sexy weil neben der Frucht häufig Veilchen und auch schon Leder, rohes Fleisch und weißer Pfeffer mit einfließen. Dann verschließen sie sich oft ein paar Jahre und werden mit dem Alter immer elegant und tiefer und dichter. Ich würde sagen, sie reifen ein wenig wie Burgund und bei den Winzern, die ihr Handwerk verstehen, gibt es immer ein schönes Säuregerüst, das den Wein frisch bleiben lässt. Von der Struktur her sind sie angenehm leicht und selten marmeladig, wie einem das im Bordelais viel häufiger passieren kann. Im Gegensatz zu Bordeaux sind die Weine dabei auch nicht so gemacht, nicht so überelegant, nicht so geschliffen und rund. Cornas ist ein Gebiet von gerade einmal 100 Hektar. Also so viel wie es größere Grand-Cru-Classé-Weingüter alleine hinkriegen. Die Betriebe sind meist klein und arbeiten traditionell und sicher mit weniger Kellertechnik als die Kollegen aus dem Bordelais. Cornas, was aus dem keltischen stammt und gebrannte Erde heißt, ähnlich wie die nahegelegene Appellation Côte Rôtie, gehört zu den Cru-Appellationen an der Rhône. Im Gegensatz zu den anderen Appellationen der Nordrhône, wo traditionell auch kleine Mengen Roussanne und Marsanne in die Cuvée mit einfließen dürfen, besteht ein Cornas zu 100% aus Syrah.

Syrah_Onglet

Stéphane Robert hat 1994 seine ersten Weinberge in St. Joseph und St. Péray erworben und 1996 seine eigenen Domaine du Tunnel eröffnet. Noch im selben Jahr konnte er 1,5ha sehr guter Parzellen in Cornas pachten und später auf insgesamt 3ha in Cornas erweitern. Hier entsteht in besonders guten Jahren der Cornas Vin Noir. Der Wein der Parzellen, die früher dem Altmeister des Cornas, Marcel Juge gehörten, wird in kleinen Eichenfässern ausgebaut. Der Wein wirkt von den dreien am modernsten, was wahrscheinlich unter anderem auch genau an dem Umstand liegt, dass hier teils neue Barriques verwendet werden (auch wenn man es nicht direkt schmeckt) und vbis zu 60% entrappt wird. Der Wein wirkt ganz frisch und jung und schmeichelt geradezu mit seiner fruchtbetonten Art, in der sich Waldhimbeeren und Blaubeeren treffen, unterlegt mit dem typischen Cornas-Flair aus rohem Fleisch und Duft nach rohem Wildgeflügel. Dazu gesellt sich der ebenfalls schon angesprochene Duft von Veilchen.

Der Cornas Granite 60 von Vincent Paris wirkt dagegen etwas traditioneller – auch wenn der Winzer selbst jünger ist. Vincent hat bei einem weiteren Altmeister des Cornas gelernt, bei Robert Michel und bezeichnet Thierry Allemand als seinen Meister, als seinen Mentor. Das erklärt den Stil, wo eher altes, großes Holz eingesetzt wird und weniger entrappt wird. Daher ist der Wein in seiner Jugend – ähnlich wie später der Reynard – kantiger und unnahbarer. Jetzt aber, mit zehn Jahren hat sich der Wein schon deutlich geöffnet, wirkt aber natürlich immer noch blutjung. Auch wenn hier betörend viel Frucht mit im Spiel ist, wirkt der Wein doch deutlich steinig-mineralischer, kühler und neben den dunklen Früchten spielen hier Kirschen eine Rolle, Oliven und Leder. Wunderbar ist die Textur, das feinkörniger Tannin, die Präsenz am Gaumen, die Spannung und wieder Das Frische in Verbindung mit Mineralität.

Ähnlich tief und strukturiert kommt der Cornas Reynard von Paris‘ Sensei Thierry Allemand daher. Der Mann ist momentan definitiv Top oft he Pops im Cornas und die Weine sehr gesucht. Die Weine der alten Reben werden etwa zur Hälfte in gebrauchten Holzfässern und zur Hälfte im Edelstahl ausgebaut. Auch hier findet sich wieder dieses überaus feinkörnige Tannin, der Wein hat Grip, Fleisch, ist kraftvoll, würzig, pfeffrig und extrem lebendig und vibrierend und vielleicht noch einen Tacken komplexer als der Wein von Paris, etwas nachhaltiger, etwas tiefer in dieser Melange aus Oliventapenade, dunkler Frucht, rohem Fleisch, Pfeffer, Veilchen, einer salzigen Note und einer vielleicht leicht rostig-eisernen Komponente. Das waren drei wunderbare Weine an diesem Abend, die noch Jahre, vielleicht ein, zwei Jahrzehnte Spaß machen werden.

Calon_Cos_Montrose

Château Calon-Ségur St. Estéphe 3ième Grand Cru Classé, Château Cos d’Estournel St. Estéphe 2ième Grand Cru Classé, Château Montrose St. Estéphe 2ième Grand Cru Classé

Die Bordeaux haben dagegen weit weniger Spaß gemacht. Der Calon-Ségur noch am meisten, ja, doch, da war schon Lust auf ein zweites Glas vorhanden Bei Cos d’Estournel allerdings gar nicht, aber bei diesem Weinut hatte ich, ehrlich gesagt, noch nie Lust auf ein zweites Glas weil mir die Weine immer zu schwerfällig und überextrahiert vorkamen. Und der Montrose ließ hinter einer noch hohen, verschlossenen Mauer nur leicht erahnen, was mal aus ihm wird. Diese St. Estèphe-Weine zeigen sich gerade jetzt sehr maskulin, strikt, abwehrend, das Tannin wirkt beim Montrose noch ein wenig brutal, auch wenn es einem das Gefühl gibt, sich irgendwann zu integrieren – im Gegensatz zum Cos. Den Montrose sollte man dann einfach noch mal zehn Jahre im Keller liegen lassen, das hatte ich bei diesem Jahrgang zumindest nicht in diesem Ausmaß erwartet. Gott sei Dank hat der Calon-Ségur, der in der Klassifikation als Troisième Cru Classé Gut eine Klasse unter den anderen beiden liegt, den Frust nicht zu hoch werden lassen. Der Calon-Ségur präsentierte sich offener, runder, eigentlich sehr schön gereift, wenn auch noch mit einer leichten tanninigen Bitternote, die wohl irgendwann noch verschwinden wird. Ein kraftvoller Wein mit immer noch viel Frucht in Nase, dazu Vanille von durchaus modernem Holzeinsatz, etwas Zigarrenbox und Tabak, strukturiert am Gaumen und mit einer guten Länge. Doch, das ist schon schöner Stoff.

Die Speisebegleitung kam in diesem Fall übrigens beim Übergang vom Syrah zum Bordeaux. Filet und Onglet vom Galloway-Ochsen, kurz aber heftig angebraten, eine kleine Maillard-Reaktion auf dem ansonsten abgehangenen, rohen, köstlichen Fleisch eines Tieres, dem ich schon selber in die Augen geschaut hatte und das sein Leben auf einer Weide hinterm Haus des Freundes verbracht hat – unvergleichlich. Nur mit Fleur de Sel und schwarzem Kampot-Pfeffer gewürzt und von Rosmarin-Kartoffeln begleitet. Zum Syrah noch mehr als zum Bordeaux eine ganz fantastische Begleitung.

Pruem

Zum Abschluss eines langen Weinabends habe ich zum Käse eine leicht scharfe Quittenmarmelade gereicht, die ihre Note von etwas Ingwer und Pfeffer erhalten hat. Dazu eine Wehlener Sonnenuhr Spätlese aus dem Hause J.J.Prüm. Muss man dazu noch etwas sagen? Wunderbar gereift, harmonisch in der Balance zwischen Restzucker und Säure mit feiner Frucht und viel Vitalität. Besonders zur Rotschmiere ein Genuss.

Wunderbar zu trinken sind heute die 2004er Großen Gewächse, die haben zwar noch Zeit, aber es macht überhaupt nichts, wenn man sie jetzt öffnet. Noch viel mehr Zeit haben die Syrah aus dem Cornas, die gerade am Anfang ihrer Reife stehen. Aber, man kann sie jetzt (wieder) öffnen, sie können einem den Abend auf wunderbare Weise verschönern. Das schaffen Barolo und Bordeaux aus diesem Jahr jetzt noch nicht, besser Finger weg. Das ist keine umwerfende sondern eine schon antizipierte Erkenntnis, die an diesem Abend bestätigt wurde.

Hier gehts zum ersten Teil des Abends.

2 Kommentare

  1. Sehr schöne Verkostung! Ich muss auch sagen, dass ich in letzter Zeit immer mehr Freude an den Nordrhône-Weinen gefunden habe, weil sie gleichzeitig ein wenig roh und für ihre Kraft oft richtig schön frisch sind. Von Vincent Paris hatte ich sogar mal einen 2002er St-Joseph gekauft, angeblich ja ein katastrophaler Jahrgang, aber in diesem Fall ein echt guter, wenngleich ein bisschen wilder Wein.

    Was mir zusätzlich gefällt (hatte ich früher nie so drauf geachtet und deshalb gedacht, dass die Nordrhône “viel zu teuer” sei), ist die Tatsache, dass die allermeisten Klassewinzer auch einen kleinen Syrah herstellen, bei dem man schon sehr gut schmecken kann, wohin die Reise geht. Neulich habe ich mir den Côtes du Rhône von Jamet gekauft (reiner Syrah), Clape macht ja auch einen Côtes du Rhône. Das ist alles Meilen entfernt von den mumpfigen Dingern aus dem Süden, die es komischerweise immer noch gibt. Das wäre jedenfalls eine Gegend, in der ich mich auch gern mal näher umschauen würde…

  2. Pingback: 2004 – zehn Jahre später: Schaumweine, Rieslinge und Barolo » originalverkorkt

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