Alte Weinberge – Alte Rebsorten: Einblicke in eine ganz andere Weinbautradition Teil 1

Während ich in den Urlaub fahre, übergebe ich das Blog Andreas Jung. Er ist einer der führen­den Reb­sorten­forscher, Ampel­o­graphen genannt. Mich fasziniert die Ampel­o­gra­phie, das Erken­nen der Reb­sorten und vor allem ihre his­torische Ver­bre­itung zunehmend. Ich musste aber kür­zlich in einem aus­tausch mit Andreas Jung fest­stellen, das alles noch viel kom­plizierter ist, als ich mir es vorgestellt habe. Viele aus­sagen, die in der Ver­gan­gen­heit zur Namensge­bung und Abstam­mung von Reb­sorten getrof­fen wur­den, müssen immer wieder in Zweifel gezo­gen wer­den.

So geht es in den näch­sten Fol­gen um alte Wein­berge mit alten Rebbestän­den und Andreas Jung zeigt exem­plar­isch anhand einiger Sorten, wie schwierig die Suche, die Bes­tim­mung und der Abgle­ich mit früheren Aus­sagen ist.

Ihr könnt die Arbeit von Andreas Jung unter­stützen. Dieser baut näm­lich ein lebendi­ges Archiv mit alten Reb­sorten auf. Wie wäre es mit einer Reb­paten­schaft? Sie hilft Andreas dabei, seine aufwendige und teure Arbeit fortzuset­zen. Sie bedeutet auch, dass Reb­sorten kon­serviert wer­den kön­nen, die sonst – so wie viele andere auch – ausster­ben. Wer die Sorten­er­hal­tung in Reb­sorte­nar­chiven unter­stützen will, kann dies durch Reb­sorten­paten­schaften tun: www.rebenpatenschaft.de. Wer alte Sorten wieder in den Anbau nehmen will, kann sich hier ori­en­tieren: www.historische-rebsorten.de.

Alte Sorten früher und heute
Aktuell lis­tet das Bun­dessorte­namt (BSA) in der Beschreiben­den Sorten­liste Reben 111 Ertragsreb­sorten, die mit zer­ti­fiziert virus­freien, kom­merziell genutzten Ertragsklo­nen saatgutrechtlich zuge­lassen sind (Stand 2013). Zieht man die Neuzüch­tun­gen des 21. und 20. Jahrhun­derts ab, so verbleiben 26 his­torische Tra­di­tion­ssorten, die sich in klonaler Bear­beitung durch deutsche Erhal­tungszüchter befinden. Basierend auf ital­ienis­chen Zuchtk­lo­nen wer­den zer­ti­fizierte Edel­reiser der EU-Sorten Caber­net Franc, Caber­net Sauvi­gnon und Mer­lot mit­tler­weile auch aus staatlicher Pro­duk­tion ange­boten. Pflanzgut der zum Anbau zuge­lasse­nen, aber nicht durch Züchter beim BSA einge­tra­ge­nen EU-Sorten Syrah, Sauvi­gnon vert, Chenin blanc oder Grüner Velt­liner muss weit­er­hin in der EU eingekauft wer­den. Die über­große Mehrheit der autochtho­nen Sorten wird zusam­men mit anderem Zucht­ma­te­r­ial in Kle­in­st­men­gen ohne amtliche Sorten­prü­fung und ohne phy­tosan­itäre Aufla­gen in staatlichen Züchter­sor­ti­menten erhal­ten. Nur wenige dieser Sorten sind in den genehmigten Ver­such­san­bau gelangt oder wie in Hes­sen zum Anbau freigegeben wor­den. Die erfol­gre­ich­ste Aus­nahme stellt der Rote Ries­ling, eine rote Far­b­vari­ante des Rhein­ries­lings dar, der 2014 beim BSA zur Sorten­prü­fung angemeldet wurde.

27 beim Bun­dessorte­namt einge­tra­gene Tra­di­tion­sreb­sorten, das sind 6,7 % der 400 Sorten, die noch 1878 in den Reb­schulen von ADOLF BLANKENHORN im Kaiser­stuhl käu­flich erhältlich waren. Heute nicht mehr prax­is­rel­e­vant also sind 93,3 % der noch vor 120 Jahren käu­flich erhältlichen Reb­sorten, die jeder Winzer damals für ein paar Kreuzer frei erwer­ben kon­nte und ohne Aufla­gen oder Kon­trollen anbauen durfte. Darunter befan­den sich neben reinen Wein­sorten auch Tafel­trauben und Sorten für bei­der­lei Gebrauch, die in Wein­berge, Gärten und an Spaliere gepflanzt wur­den. Nach dem Tief­punkt der Kleinen Eiszeit um 1788 wur­den in der Gärt­nerei CORTHUM (1816) in Zerbst, Sach­sen-Anhalt, bere­its zu Beginn des 19. Jahrhun­derts rund 300 Reb­sorten zum Kauf ange­boten, zusam­men mit Rosen und Obst­ge­hölzen. Die Sor­ti­mente von CARL BRONNER (1875) und FREIHERR VON BABO (1844) in Wein­heim und Wies­loch bewegten sich in einer Größenord­nung von 300–400 Sorten. 1522 Sorten hatte GUISEPPE ACERBI bis 1846 in Ital­ien gesam­melt, darunter waren 400 ungarische Sorten, 619 Sorten aus Ital­ien und 503 Sorten aus dem restlichen Europa. Kurz vor dem Erscheinen der Reblaus sollen im Turiner Sor­ti­ment des Le COMTE DE ROVASENDA 6666 Reb­sorten konzen­tri­ert gewe­sen sein. In Ungarn hatte FRANZ SCHAMS fast 10.000 Akzes­sio­nen aus Ungarn und ganz Europa zusam­menge­tra­gen. Dann kam die Reblaus und die Krise…

Rebsortenarchiv

Andreas Jung mit dem Frühen Leipziger in Rade­beul: Foto Copy­right: rebenpatenschaft.de

Und immer wieder: das Prob­lem mit der Sortenechtheit
Nach Reblauskrise, zwei Weltkriegen, der Zer­störung der Orig­i­nal­sor­ti­mente, mehrfachen Umpflanzun­gen, Sor­ti­mentsverkleinerun­gen und der Rodung von fünf 5 staatlichen Sor­ti­menten bestand in Deutsch­land das Prob­lem, dass viele der bis 1878 beschriebe­nen Sorten nicht mehr fass­bar und schein­bar aus­gestor­ben waren. Umgekehrt wur­den Hun­derte von Sor­ti­mentspflanzen mit his­torischen Sorten­na­men als Leben­dref­eren­zen in den Sor­ti­menten der staatlichen Rebzüchter geführt, jedoch stellte sich nach ampel­o­graphis­cher Über­prü­fung her­aus, dass z.B. die Rotwein­sorten mit den Ein­führungsna­men Arbst, Batt­traube, Bet­tler­traube, Blaufränkisch, Blauer Damaszener, Blauer Gut­edel, Blauer Hängling, Gamay hatif des Vos­ges, Hartwegstraube, Köl­ner, Mohrenkönig, Römer, Rosen­muskateller, Rot­blät­triger Wild­bacher, Spät­blauer Blus­sard, Blaue Urban­i­traube, Schwarzer Urban (Trier-Vas­sal) oder Wild­bacher (aus Ungarn) u.a. nicht mit den his­torischen Sorten übere­in­stimmten, welche unter diesen Namen in der Lit­er­atur beschrieben und abge­bildet wor­den waren. Das­selbe traf für die schein­baren Vertreter von Weißwein­sorten wie z.B. Agostenga, Barthainer, Beer­heller, Grauer und Roter Velt­liner, Harthengst, Javor, Kil­ianer, Lam­bert­traube, Olber, Orange­traube, weißer Franken­thaler oder weiße Urban­i­traube zu.

Zudem gab es Sorte­nakzes­sio­nen mit impro­visierten Arbeits- und Fan­tasiebeze­ich­nun­gen oder tradierten Lokalna­men wie Bozener Sei­den­traube, Lübek, Mondwein, Ofner oder Plat­terle, die in der Lit­er­atur weder als Syn­onyme noch als Leit­na­men aufge­führt waren. Die Inter­pre­ta­tion der his­torischen Sorten blieb den Nachkriegs­gen­er­a­tio­nen von ampel­o­graphisch uner­fahre­nen Reben­züchtern über­lassen, die zumeist die falsch benan­nten Sor­ti­mentsakzes­sio­nen als Ref­eren­zex­em­plare für gle­ich­namige his­torische Sorten akzep­tierten, ohne sich an den Wider­sprüchen zu den botanis­chen Sor­tende­f­i­n­i­tio­nen in den ampel­o­graphis­chen Quellen zu stoßen. In Sortenkat­a­lo­gen wur­den his­torische Sorten­na­men wie Roter Trollinger (BABO&METZGER 1836) intu­itiv der rot­beeri­gen Vari­ante des Blauen Trollingers als Syn­onym zuge­ord­net, obwohl die Abbil­dung die Sorte Caleb­straube / Grec Rose (GALET) zeigt. Zwis­chen 1803 und 1815 porträtierte der Stuttgarter Hof­b­otaniker J.S. KERNER ver­meintlich triv­iale Sorten wie Roter Gut­edel, Mus­cat blanc, Gouais blanc, For­ment, Ungarischer Gut­edel und Roter Hänisch, die sich bei genauem Hin­se­hen nicht als die erwarteten Sorten von heute ent­pup­pten, son­dern die Sorten Hartroete / Roter Por­tugieser (TRUMMER), Mus­cadelle (GALET), Grüner Orleans (METZGER), Erdei (NEMETH), Öster­re­ichisch Weiße (coll. Klosterneuburg) und Pamid (NEMETH) darstellen. Kern­ers Ries­linge von Würzburg, von der Mosel und aus Rüdesheim dürften Sauvi­gnon, den jüngst an der Mosel wieder­ent­deck­ten Gamay blanc (NEMETH) und die ungarische Mäd­chen­traube darstellen, nicht jedoch den Rhein­gau­ries­ling. Im Atlas des Frei­herrn von Gok porträtiert die Abbil­dung des Clävn­ers den Kleinen Fränkischen Bur­gun­der (Pinot Franc Guicherd s. 17), während Chris­t­ian Sin­gle (1860) und Johann Met­zger (1827) unter Clävner den Spät­bur­gun­der (Pinot rouge de Bour­gogne Guicherd) ver­standen. Den Schwarzblauen Bur­gun­der hinge­gen beze­ich­net Sin­gle als Bodensee­traube (Syn. Blauer Sil­vaner) oder auch als Großer Bur­gun­der. Dieser ist mit der Ref­erenz des Blauen Sil­van­ers (Bodenseeclävner) von Babo&Metzger (1836) iden­tisch, dessen Leben­dakzes­sion unter dem Namen „Bet­tler­traube“ in der DGR in Siebeldin­gen steht. Diese Sorte Bodensee­traube / Blauer Sil­vaner entspricht geno­typ­isch einem Affen­thaler, weicht aber mit dem eher unge­lappten Blatt mor­phol­o­gisch vom Affen­thaler-Typus (Sin­gle) aus Schwaben stark ab. Dieser Bodenseeclävner (=Affen­thaler-Geno­typ) war zusam­men mit seiner Mut­ter, dem Blauen Sil­vaner (Blauer Hängling Babo&Metzger, Bodensee­traube Trum­mer ) flächen­deck­end am Bodensee und in der Nord­schweiz bis zum Gen­fer See ver­bre­itet. Als Pinot Franc Guicherd gehörte der würt­tem­ber­gis­che Clävner Gok mit Gamay noir und Gouais noir zu den Haup­trotwein­sorten der Cham­pagne, gefun­den habe ich ihn in einer Wein­bergs­brache bei Halle, dort assozi­iert mit Gouais noir Guicherd und Moril­lon / Möhrchen Babo&Metzger.

Was wis­sen wir über die Bur­gun­der­sorten, wenn keine einzige der his­torischen Abbil­dun­gen von Sav­agnin, Ser­vanin, Pineau, Möhrchen (Moril­lon), Bour­guignon oder Bur­gun­der den heuti­gen Spät­bur­gun­der abbildete, welcher noch vor 200 Jahren als Frühe Per­sis­che Korinthe (KERNER) oder als Clävner (METZGER) (Clävner SINGLE) beze­ich­net wurde, ohne den Abbil­dun­gen des Clävn­ers bei Kerner oder des Clävn­ers im Sorte­nat­las von Babo&Metzger 1836 zu entsprechen. Noch im Jahr 1905 stufte JEAN GUICHERD in seiner Beschrei­bung der Reb­sorten der Cham­pagne (Dpt. Aube) die von VICTOR PULLIAT (1888) beschriebene Sorte Enfar­iné richtig als Syn­onym des Gouais noir der Cham­pagne ein. Beide Ref­eren­z­ab­bil­dun­gen eines unge­lappten, spitz gezäh­n­ten Blatts sind zweifel­sohne iden­tisch. Mit der Jahrzehnte später von PIERRE GALET als Enfar­iné des Jura GALET beschriebe­nen Roten Cham­pag­n­er­traube KERNER haben die übere­in­stim­menden Sortenbeschrei­bun­gen der Enfar­iné / Gouais noir von PULLIAT und GUICHERD jedoch nichts mehr zu tun. Zwis­chen Gouais noir (= Enfar­iné PULLIAT) und dem tief 5-lap­pi­gen Blatt der Roten Cham­pag­n­er­traube (= Enfar­iné du Jura ROUGET) beste­hen nicht ein­mal Ähn­lichkeiten. Aber mit der Ein­stu­fung des Gouais noir der Cham­pagne als Syn­onym der Enfar­iné du Jura (GALET) war dessen eigen­ständige Sorteniden­tität getilgt wor­den, obwohl die Sorte in der Cham­pagne mit fast 7000 ha einst die drit­thäu­fig­ste Rotwein­sorte nach Petit Gamay und Gamay d’ Orleans gewe­sen war und als Gouais noir (GAILLARD) auch im Dpt. Côte-d’Or und als Goix noir an der Aisne gebaut wurde. Ähn­lich geheimnisvoll ver­schwand der Gamay d’ Orleans (PULLIAT), der heute als Syn­onym der Abon­dance / Gros Gamay (GALET) oder des Troyen (GALET) eingestuft ist, in der Orig­i­nalbeschrei­bung aber die Sorte Gougenot (VIALA&VERMOREL) mit run­den Beeren repräsen­tiert. Diese Sorte Gougenot wurde von (PIERRE GALET 1990) als Syn­onym der Sorte Franc noir de la Saone bew­ertet, die mit lan­go­valen Beeren kein Gougenot gewe­sen sein kann. Als (falsches) Syn­onym des Franc noir de la Saone war die eigen­ständige Iden­tität des Gougenot alias Gamay d’ Orleans getilgt. Man­gels Deutschken­nt­nis­sen lis­tete PIERRE GALET (1990) den Adel­fränkisch als bloßes Syn­onym des Sav­agnin blanc (Weißen Traminer), obwohl diese alt­fränkische, mit Traminer direkt ver­wandte Sorte vom Steiger­wald von FREIHERR VON BABO (1844) als Weißer Grün­ling / Adel­fränkisch beschrieben wurde.

Ähn­lich wie Adel­fränkisch und Gouais noir erg­ing es in Deutsch­land lange ver­schol­lenen Sorten wie Klein­berger, Grün­fränkisch, der Vogel­fränkischen, den Möhrchen, dem Kleinen Bur­gun­der, der Hartweg­traube, der Süßschwarzen, der Bern­hard­traube, dem Späten Blauen Räuschling, der (echten) Blauen Franken­traube oder der Mohrenköni­gin. Diese Sorten wur­den teils schon zu Beginn des 20. Jahrhun­derts als bloße Syn­onyme bekan­nterer Sorten wie Elbling, Sil­vaner, Ries­ling, Spät­bur­gun­der, Tauber­schwarz, Gamay, Gelb­hölzer oder Lem­berger eingestuft, obwohl sie alle noch im 19. Jahrhun­dert als eigen­ständige Sorten ampel­o­graphisch beschrieben oder abge­bildet wor­den waren. So lange diese Sorten aus­gestor­ben blieben, fie­len solche Fehler nicht weiter auf. Prob­lema­tisch wurde es, als ich in alten Wein­ber­gen über 100 aus­gestor­bene Sorten wieder­fand, die es mehrheitlich gar nicht mehr hätte geben dür­fen, da sie in den virtuellen Sortenkat­a­lo­gen als Syn­onyme triv­ialer Sorten geführt waren.

Wenn die an der Bergstraße und am Neckar ent­deckte, steirische Bet­tler­traube (TRUMMER) in Frankre­ich als Ser­vanin von der Isère (PULLIAT) doku­men­tiert wurde, in deutschen Sor­ti­menten aber als (falscher) Rot­blät­triger Wild­bacher und als einer von mehreren Köl­nern steht, während die Bet­tler­traube der Deutschen Gen­bank Reben (DGR) eigentlich ein Massen­klon des Affen­thalers ist und richtig Beth­len­traube (Rebe aus Bethlen / Beclean) heißen müsste, dann wird es mit der Benen­nung von Frei­land­fun­den kom­pliziert. Bis heute rächt es sich, dass es in der Wein­wis­senschaft nie zwin­gend botanis­che Regeln einzuhal­ten gab. Bei Sortenbeschrei­bun­gen pick­ten sich Ampel­o­graphen und Züchter nach eigenem Gut­dünken die ihnen geläu­fig­sten Namen als Haupt­na­men aus der Summe von richti­gen und falschen Lokalna­men her­aus oder sie erfan­den ein­fach neue, auch lateinis­che Namen. Nicht sel­ten wur­den lokale Sorten mit ähn­lichen Sorten aus anderen Regio­nen gle­ichge­setzt und deren Namen als echte oder ver­meintliche Syn­onyme akku­muliert. Nicht immer basierten solche Gle­ich­set­zun­gen auf geprüftem Anschau­ungs­ma­te­r­ial: In einer offen­sichtlich am Schreibtisch gefäll­ten Entschei­dung stufte der Elsässer J.L. STOLTZ (1852) den im franzö­sis­chen Reb­sorti­ment bei Mont­pel­lier erhal­te­nen Kleinen Räuschling der Bergstraße (= Füt­terer BABO&METZGER) fälschlicher­weise als iden­tisch mit dem elsäs­sis­chen Klein­räuschling / Knip­perlé und der Folle Blanche aus dem Arma­gnac ein; ebenso falsch inter­pretierte er die von mir im Tauber­tal ent­deckte Elsässer Moren­dutte (= Blauer Aug­ster / Bajor Fekete NEMETH) als Poul­sard noir (GALET), Olivette noir (GALET) und Urban Blau (BRANAS&TRUEL). Außer einer gewis­sen Ähn­lichkeit haben diese Sorten abso­lut nichts miteinan­der zu tun. Spätere Gen­er­a­tio­nen kopierten diese Syn­onymsamm­lun­gen und fügten neue aus anderen Quellen hinzu. Ganze Akku­mu­la­tio­nen solcher Syn­onymschwärme finden sich heute ver­mengt ohne spez­i­fis­che Quel­lenangaben in sorten­be­zo­ge­nen Inter­netkat­a­lo­gen. Heute stellt sich her­aus, dass viele dieser ver­meintlich syn­ony­men Sorten einst eigen­ständige Sorten waren, die mancherorts in den alten Mis­chsätzen noch zu finden sind. Den Grü­nen Kanigl, die Bet­tler­traube, den Blauen Köl­ner, den Schwarzen Alben, Schwarzen Heunisch oder den Gel­ben Aug­ster kan­nte ich nur von den pho­to­re­al­is­tis­chen Bildtafeln aus Slowe­nien der Gebrüder KREUZER (2001); es war aber nicht schwer, diese und andere gut doku­men­tierte, zuvor ver­schol­lene Sorten wie den Römer Purcsin (NEMETH), den Cha­tus (GALET), die Weiße Ali­cante (BABO&METZGER), den Gel­ben Ortlieber (STOLTZ) oder den perl­mut­t­far­bigen Chas­se­las (KERNER) im Wein­berg wiederzuerken­nen. Nicht sel­ten musste ich dabei gel­tende Lehrmei­n­ung in Frage stellen. Die zahlre­ichen Syn­onyme des Cot (GALET) beziehen sich his­torisch auf min­destens die drei in Deutsch­land und in der Schweiz gefun­dene Sorten: den Kaiser­stüh­ler Cot (GALET) mit kleinen, schle­hen­blauen, run­den Beeren (= Arbst BABO&METZGER), den Mal­bek (PULLIAT) von der Mosel mit großen, pur­purschwarzen Beeren (= Samoreau / Cot GUICHERD) und den Cot der deutschen und schweizer Sor­ti­mente mit recht lan­gen Trauben und blauschwarzen, kur­zo­valen Beeren (= Cot rouge Viala&Vermorel = Jacobin BABO&METZGER = Mal­bech CALO ET AL. = Gros­bec / Noir de Lor­raine PULLIAT).

Der einzige Ausweg aus dem Dilemma miteinan­der ver­wech­sel­ter oder irrtüm­lich gle­ichge­set­zter und getil­gter Sorten ist, bei der Benen­nung von Wieder­ent­deck­un­gen, Neu­fun­den und Erst­nach­weisen, genauso wie bei der Iden­tität­süber­prü­fung von Sor­ti­mentsakzes­sio­nen, auf botanisch definierte Sorten­na­men zurück­zu­greifen, wie sie in den ampel­o­graphis­chen Orig­i­nalquellen des 19. und 20. Jahrhun­derts hin­ter­legt wur­den. Jede his­torische Sorte sollte ein­mal durch einen Namen und einen Autor definiert wor­den sein, der die Sorte in ihren phäno­typ­is­chen Merk­malen aus­re­ichend beschrieben und möglichst abge­bildet sowie lokale Syn­onyme gesam­melt hat. Wen­det man dieses Gesetz der botanis­chen Art­de­f­i­n­i­tion kon­se­quent auf Sortenebene an, so wer­den aus den in alten Wein­ber­gen gefun­de­nen Sorten Schwarzer Albe (TRUMMER), Elbing noir de Hon­grie (KERNER, SICKLER), Schwarzel­bling (BABO&METZGER) und Schwarzer Burger (PULLIAT) (Burger als Syn­onym des Elblings) vier ein­deutig, durch Autor und Jahr der Veröf­fentlichung dif­feren­zier­bare Sorten, deren Lit­er­aturquellen, Syn­onyme und Stan­dorte strikt getrennt zu hal­ten sind. Sor­ti­mentsakzes­sio­nen ohne Lit­er­atur­ref­eren­zen kön­nen nur durch ihren Stan­dort in Sor­ti­menten definiert wer­den, denn wie sollte man den am Neckar mit Trollinger, Lagrein, Rotem und Blauem Urban in einem alten Wein­berg gefun­de­nen Schwarzel­bling der Deutschen Gen­bank Reben (DGR, BS) sonst zuord­nen. Ähn­liches gilt für den Mohrenkönig im Sor­ti­ment von Mag­a­ratch (Krim), der mit dem steirischen Mohrenkönig (TRUMMER) bzw. der Mohrenköni­gin (RATH), aber nicht mit der Akzes­sion Mohrenkönig Gf, Gm (= Schweizer Briegler) oder dem Weins­berger Schwarzen König (= Schwarzer Mal­vasier METZGER) in deutschen Sor­ti­menten iden­tisch ist, ebenso wenig mit der in Seußlitz und in Grün­berg (Polen) gefun­de­nen schwarzen Muskat­traube Black Prince BROOKSHAW, auch nicht mit dem Black Prince in Mag­a­ratch und nicht mit der bei Klin­gen­berg ent­deck­ten, vom Bodensee beschriebe­nen Mohrenköni­gin (MOHR). Die Wider­sprüche zwis­chen Sor­ti­mentsakzes­sio­nen und his­torischen Ref­eren­zen sind wahrlich zahlre­ich, nicht nur in Deutsch­land.

Literaturliste:Bibliographie
ARGE JUNG UND FISCHER GBR (2010): Erfas­sung reben­genetis­cher Ressourcen in Deutsch­land.
Zweit­eiliger Abschluss­bericht, 256 S. BMELV Akten­ze­ichen 114–50.10.0434/05-E.
BABO, L. von (1844): Der Wein­stock und seine Vari­etäten. Bron­ner, Frank­furt.
BABO, L. von & METZGER, J. (1836): Die Wein- und Tafel­trauben der deutschen Wein­berge
und Gärten, Hein­rich Hoff., Mannheim.
BLANKENHORN, A. (1878): Zweites Preisverze­ich­nis der Reben aus den Reb­schulen von Dr. A.
Blanken­horn. Gutsch, Karl­sruhe.
BRANAS, J. UND P. TRUEL (1965): Var­iétés de raisins de table. Tome 1. Edi­tions nou­velles du
Pro­grès Agri­cole et Viti­cole. Mont­pel­lier.
BRONNER, C. (1875): Verze­ich­nis der in der Reb­schule von Carl Bron­ner in Wies­loch
befind­lichen Wein- und Tafel­trauben. Zil­lig, Wies­loch.
BROOKSHAW, G. (2002): Pomona Bri­tan­nica, Taschen, Köln. Reprint.
BUNDESSORTENAMT, BSA (2008): Beschreibende Sorten­liste Reben.
CALO, A., SCIENZA, A. UND A. COSTACURTA (2006): Vit­igni d´Italia. Calderini, Bologna.
CORTHUM, J.C. (1816): Hand­buch für Garten­fre­unde und Blu­men­lieb­haber. 5. Band. Zerbst.
GALET, P. (1990): Cépages et vig­no­bles de France Tome II. L´Ampélographie fran­caise. Charles
Dehan, Mont­pel­lier.
GALET, P. (2000). Dic­tio­n­naire Ency­clopédique des Cépages, Hachette.
GOETHE, H. (1887): Hand­buch der Ampel­o­gra­phie: Beschrei­bung und Klas­si­fi­ca­tion der bis
jetzt bekan­nten Trauben­va­ri­etäten und Spielarten Europa’s und Amerika’s. Leykam–
Josef­sthal, Graz, 2.Auflage.
GOK, C. F. von (1836): Die Wein­rebe und ihre Früchte oder Beschrei­bung der für den
Wein­bau wichti­gen Wein-Reben-Arten nach einem naturgemäßen Clas­si­fika­tions–
Sys­tem. Georg Ebner, Stuttgart.
GUICHERD, J. (1905): Mono­gra­phie des Cépages de l´Aube. F.Frey, Troyes-Dijon.
KERNER, J. S. (1803–1815): Le raisin, ses espèces et var­iétés, dess­inées et col­orées d´après
nature. Stuttgart.
KRÄMER, CH. (2006): Reb­sorten in Würt­tem­berg. Thor­becke, Stuttgart.
KREUZER, V. (1809–1888) UND C. KREUZER (1810–1861): Zbirka ampel­o­graf­skih upodobitev Vinzenza
in Con­rada Kreuzerja [besedila Joze Mlinaric…[et al.]; ure­dila Pri­moz Pre­mzl, Igor
Kram­berger; pres­likave Vojko Sti­plovsek; fotografija Mar­jan Smerke] Umet­niski
cab­i­net Pri­moz Pre­mzl, 2001.NAST, J. C., SPPRENGER, B. (1766): Voll­ständige
Abhand­lung des gesamten Wein­baues und anderer daraus entste­hen­den Pro­ducte.
Mezler, Frank­furt und Leipzig.
MAS, A. ET PULLIAT, V. (1874–1879): Le Vig­no­ble Tome I-III. Mas­son, Paris.
METZGER, J. (1827): Der rheinis­che Wein­bau. Oswald, Hei­del­berg.
MOHR, J. (1834): Hand­buch für Weinpflanzer. 1. und 2. Theil. Herder, Freiburg.
NEGROUL, A.M. (1972): Les meilleurs cépages de L´URSS. Kolos (Epi), Moscou.

Flattr this!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *