Alte Wein­berge – Alte Reb­sor­ten: Ein­bli­cke in eine ganz andere Wein­bau­tra­di­tion Teil 1

Wäh­rend ich in den Urlaub fahre, über­gebe ich das Blog Andreas Jung. Er ist einer der füh­ren­den Reb­sor­ten­for­scher, Ampelo­gra­phen genannt. Mich fas­zi­niert die Ampelo­gra­phie, das Erken­nen der Reb­sor­ten und vor allem ihre his­to­ri­sche Ver­brei­tung zuneh­mend. Ich mus­ste aber kürz­lich in einem aus­tau­sch mit Andreas Jung fest­stel­len, das alles noch viel kom­pli­zier­ter ist, als ich mir es vor­ge­stellt habe. Viele aus­sa­gen, die in der Ver­gan­gen­heit zur Namens­ge­bung und Abstam­mung von Reb­sor­ten getrof­fen wur­den, müs­sen immer wie­der in Zwei­fel gezo­gen wer­den.

So geht es in den nächs­ten Fol­gen um alte Wein­berge mit alten Reb­be­stän­den und Andreas Jung zeigt exem­pla­ri­sch anhand eini­ger Sor­ten, wie schwie­rig die Suche, die Bestim­mung und der Abgleich mit frü­he­ren Aus­sa­gen ist.

Ihr könnt die Arbeit von Andreas Jung unter­stüt­zen. Die­ser baut näm­lich ein leben­di­ges Archiv mit alten Reb­sor­ten auf. Wie wäre es mit einer Reb­pa­ten­schaft? Sie hilft Andreas dabei, seine auf­wen­dige und teure Arbeit fort­zu­set­zen. Sie bedeu­tet auch, dass Reb­sor­ten kon­ser­viert wer­den kön­nen, die sonst – so wie viele andere auch – aus­ster­ben. Wer die Sor­ten­er­hal­tung in Reb­sor­ten­ar­chi­ven unter­stüt­zen will, kann dies durch Reb­sor­ten­pa­ten­schaf­ten tun: www.rebenpatenschaft.de. Wer alte Sor­ten wie­der in den Anbau neh­men will, kann sich hier ori­en­tie­ren: www.historische-rebsorten.de.

Alte Sor­ten frü­her und heute
Aktu­ell lis­tet das Bun­des­sor­ten­amt (BSA) in der Beschrei­ben­den Sor­ten­liste Reben 111 Ertrags­rebs­or­ten, die mit zer­ti­fi­ziert virus­freien, kom­mer­zi­ell genutz­ten Ertrags­klo­nen saat­gut­recht­lich zuge­las­sen sind (Stand 2013). Zieht man die Neu­züch­tun­gen des 21. und 20. Jahr­hun­derts ab, so ver­blei­ben 26 his­to­ri­sche Tra­di­ti­ons­sor­ten, die sich in klo­na­ler Bear­bei­tung durch deut­sche Erhal­tungs­züch­ter befin­den. Basie­rend auf ita­lie­ni­schen Zucht­klo­nen wer­den zer­ti­fi­zierte Edel­rei­ser der EU-Sor­ten Caber­net Franc, Caber­net Sau­vi­gnon und Mer­lot mitt­ler­weile auch aus staat­li­cher Pro­duk­tion ange­bo­ten. Pflanz­gut der zum Anbau zuge­las­se­nen, aber nicht durch Züch­ter beim BSA ein­ge­tra­ge­nen EU-Sor­ten Syrah, Sau­vi­gnon vert, Chenin blanc oder Grü­ner Velt­li­ner muss wei­ter­hin in der EU ein­ge­kauft wer­den. Die über­große Mehr­heit der auto­chtho­nen Sor­ten wird zusam­men mit ande­rem Zucht­ma­te­rial in Kleinst­men­gen ohne amt­li­che Sor­ten­prü­fung und ohne phy­to­sa­ni­täre Auf­la­gen in staat­li­chen Züch­ter­sor­ti­men­ten erhal­ten. Nur wenige die­ser Sor­ten sind in den geneh­mig­ten Ver­suchs­an­bau gelangt oder wie in Hes­sen zum Anbau frei­ge­ge­ben wor­den. Die erfolg­reichste Aus­nahme stellt der Rote Ries­ling, eine rote Farb­va­ri­ante des Rhein­ries­lings dar, der 2014 beim BSA zur Sor­ten­prü­fung ange­mel­det wurde.

27 beim Bun­des­sor­ten­amt ein­ge­tra­gene Tra­di­ti­ons­rebs­or­ten, das sind 6,7 % der 400 Sor­ten, die noch 1878 in den Reb­schu­len von ADOLF BLANKENHORN im Kai­ser­stuhl käuf­lich erhält­lich waren. Heute nicht mehr pra­xis­re­le­vant also sind 93,3 % der noch vor 120 Jah­ren käuf­lich erhält­li­chen Reb­sor­ten, die jeder Win­zer damals für ein paar Kreu­zer frei erwer­ben konnte und ohne Auf­la­gen oder Kon­trol­len anbauen durfte. Dar­un­ter befan­den sich neben rei­nen Wein­sor­ten auch Tafel­trau­ben und Sor­ten für bei­der­lei Gebrauch, die in Wein­berge, Gär­ten und an Spa­liere gepflanzt wur­den. Nach dem Tief­punkt der Klei­nen Eis­zeit um 1788 wur­den in der Gärt­ne­rei CORTHUM (1816) in Zerbst, Sach­sen-Anhalt, bereits zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts rund 300 Reb­sor­ten zum Kauf ange­bo­ten, zusam­men mit Rosen und Obst­ge­höl­zen. Die Sor­ti­mente von CARL BRONNER (1875) und FREIHERR VON BABO (1844) in Wein­heim und Wies­loch beweg­ten sich in einer Grö­ßen­ord­nung von 300–400 Sor­ten. 1522 Sor­ten hatte GUISEPPE ACERBI bis 1846 in Ita­lien gesam­melt, dar­un­ter waren 400 unga­ri­sche Sor­ten, 619 Sor­ten aus Ita­lien und 503 Sor­ten aus dem rest­li­chen Europa. Kurz vor dem Erschei­nen der Reb­laus sol­len im Turi­ner Sor­ti­ment des Le COMTE DE ROVASENDA 6666 Reb­sor­ten kon­zen­triert gewe­sen sein. In Ungarn hatte FRANZ SCHAMS fast 10.000 Akzes­sio­nen aus Ungarn und ganz Europa zusam­men­ge­tra­gen. Dann kam die Reb­laus und die Krise…

Rebsortenarchiv

Andreas Jung mit dem Frü­hen Leip­zi­ger in Rade­beul: Foto Copy­right: rebenpatenschaft.de

Und immer wie­der: das Pro­blem mit der Sor­ten­echt­heit
Nach Reb­laus­krise, zwei Welt­krie­gen, der Zer­stö­rung der Ori­gi­nal­sor­ti­mente, mehr­fa­chen Umpflan­zun­gen, Sor­ti­ments­ver­klei­ne­run­gen und der Rodung von fünf 5 staat­li­chen Sor­ti­men­ten bestand in Deutsch­land das Pro­blem, dass viele der bis 1878 beschrie­be­nen Sor­ten nicht mehr fass­bar und schein­bar aus­ge­stor­ben waren. Umge­kehrt wur­den Hun­derte von Sor­ti­ments­pflan­zen mit his­to­ri­schen Sor­ten­na­men als Lebend­re­fe­ren­zen in den Sor­ti­men­ten der staat­li­chen Reb­züch­ter geführt, jedoch stellte sich nach ampelo­gra­phi­scher Über­prü­fung her­aus, dass z.B. die Rot­wein­sor­ten mit den Ein­füh­rungs­na­men Arbst, Batt­traube, Bett­ler­traube, Blau­frän­ki­sch, Blauer Dama­sze­ner, Blauer Gut­edel, Blauer Häng­ling, Gamay hatif des Vos­ges, Hart­weg­straube, Köl­ner, Moh­ren­kö­nig, Römer, Rosen­mus­ka­tel­ler, Rot­blätt­ri­ger Wild­ba­cher, Spät­blauer Bluss­ard, Blaue Urba­ni­traube, Schwar­zer Urban (Trier-Vas­sal) oder Wild­ba­cher (aus Ungarn) u.a. nicht mit den his­to­ri­schen Sor­ten über­ein­stimm­ten, wel­che unter die­sen Namen in der Lite­ra­tur beschrie­ben und abge­bil­det wor­den waren. Das­selbe traf für die schein­ba­ren Ver­tre­ter von Weiß­wein­sor­ten wie z.B. Agos­tenga, Bart­hai­ner, Beer­hel­ler, Grauer und Roter Velt­li­ner, Hart­hengst, Javor, Kilia­ner, Lam­bert­traube, Olber, Oran­ge­traube, wei­ßer Fran­ken­tha­ler oder weiße Urba­ni­traube zu.

Zudem gab es Sor­ten­ak­zes­sio­nen mit impro­vi­sier­ten Arbeits- und Fan­ta­sie­be­zeich­nun­gen oder tra­dier­ten Lokal­na­men wie Boze­ner Sei­den­traube, Lübek, Mond­wein, Ofner oder Plat­terle, die in der Lite­ra­tur weder als Syn­onyme noch als Leit­na­men auf­ge­führt waren. Die Inter­pre­ta­tion der his­to­ri­schen Sor­ten blieb den Nach­kriegs­ge­ne­ra­tio­nen von ampelo­gra­phi­sch uner­fah­re­nen Reben­züch­tern über­las­sen, die zumeist die fal­sch benann­ten Sor­ti­ments­ak­zes­sio­nen als Refe­renz­ex­em­plare für gleich­na­mige his­to­ri­sche Sor­ten akzep­tier­ten, ohne sich an den Wider­sprü­chen zu den bota­ni­schen Sor­ten­de­fi­ni­tio­nen in den ampelo­gra­phi­schen Quel­len zu sto­ßen. In Sor­ten­ka­ta­lo­gen wur­den his­to­ri­sche Sor­ten­na­men wie Roter Trol­lin­ger (BABO&METZGER 1836) intui­tiv der rot­bee­ri­gen Vari­ante des Blauen Trol­lin­gers als Syn­onym zuge­ord­net, obwohl die Abbil­dung die Sorte Cal­eb­straube / Grec Rose (GALET) zeigt. Zwi­schen 1803 und 1815 por­trä­tierte der Stutt­gar­ter Hof­bo­ta­ni­ker J.S. KERNER ver­meint­lich tri­viale Sor­ten wie Roter Gut­edel, Mus­cat blanc, Gouais blanc, Forment, Unga­ri­scher Gut­edel und Roter Häni­sch, die sich bei genauem Hin­se­hen nicht als die erwar­te­ten Sor­ten von heute ent­pupp­ten, son­dern die Sor­ten Har­tro­ete / Roter Por­tu­gie­ser (TRUMMER), Mus­ca­delle (GALET), Grü­ner Orleans (METZGER), Erdei (NEMETH), Öster­rei­chi­sch Weiße (coll. Klos­ter­neu­burg) und Pamid (NEMETH) dar­stel­len. Ker­ners Ries­linge von Würz­burg, von der Mosel und aus Rüdes­heim dürf­ten Sau­vi­gnon, den jüngst an der Mosel wie­der­ent­deck­ten Gamay blanc (NEMETH) und die unga­ri­sche Mäd­chen­traube dar­stel­len, nicht jedoch den Rhein­gau­ries­ling. Im Atlas des Frei­herrn von Gok por­trä­tiert die Abbil­dung des Cläv­ners den Klei­nen Frän­ki­schen Bur­gun­der (Pinot Franc Guicherd s. 17), wäh­rend Chris­tian Sin­gle (1860) und Johann Metz­ger (1827) unter Cläv­ner den Spät­bur­gun­der (Pinot rouge de Bourgo­gne Guicherd) ver­stan­den. Den Schwarz­blauen Bur­gun­der hin­ge­gen bezeich­net Sin­gle als Boden­see­traube (Syn. Blauer Sil­va­ner) oder auch als Gro­ßer Bur­gun­der. Die­ser ist mit der Refe­renz des Blauen Sil­va­ners (Boden­see­cläv­ner) von Babo&Metzger (1836) iden­ti­sch, des­sen Lebend­ak­zes­sion unter dem Namen „Bett­ler­traube“ in der DGR in Sie­bel­din­gen steht. Diese Sorte Boden­see­traube / Blauer Sil­va­ner ent­spricht geno­ty­pi­sch einem Affentha­ler, weicht aber mit dem eher ungel­app­ten Blatt mor­pho­lo­gi­sch vom Affentha­ler-Typus (Sin­gle) aus Schwa­ben stark ab. Die­ser Boden­see­cläv­ner (=Affentha­ler-Geno­typ) war zusam­men mit sei­ner Mut­ter, dem Blauen Sil­va­ner (Blauer Häng­ling Babo&Metzger, Boden­see­traube Trummer ) flä­chen­de­ckend am Boden­see und in der Nord­schweiz bis zum Gen­fer See ver­brei­tet. Als Pinot Franc Guicherd gehörte der würt­tem­ber­gi­sche Cläv­ner Gok mit Gamay noir und Gouais noir zu den Haupt­rot­wein­sor­ten der Cham­pa­gne, gefun­den habe ich ihn in einer Wein­bergs­bra­che bei Halle, dort asso­zi­iert mit Gouais noir Guicherd und Moril­lon / Möhr­chen Babo&Metzger.

Was wis­sen wir über die Bur­gun­der­sor­ten, wenn keine ein­zige der his­to­ri­schen Abbil­dun­gen von Sava­gnin, Ser­va­nin, Pineau, Möhr­chen (Moril­lon), Bour­gu­i­gnon oder Bur­gun­der den heu­ti­gen Spät­bur­gun­der abbil­dete, wel­cher noch vor 200 Jah­ren als Frühe Per­si­sche Korin­the (KERNER) oder als Cläv­ner (METZGER) (Cläv­ner SINGLE) bezeich­net wurde, ohne den Abbil­dun­gen des Cläv­ners bei Ker­ner oder des Cläv­ners im Sor­tenat­las von Babo&Metzger 1836 zu ent­spre­chen. Noch im Jahr 1905 stufte JEAN GUICHERD in sei­ner Beschrei­bung der Reb­sor­ten der Cham­pa­gne (Dpt. Aube) die von VICTOR PULLIAT (1888) beschrie­bene Sorte Enfa­riné rich­tig als Syn­onym des Gouais noir der Cham­pa­gne ein. Beide Refe­renz­ab­bil­dun­gen eines ungel­app­ten, spitz gezähn­ten Blatts sind zwei­fels­ohne iden­ti­sch. Mit der Jahr­zehnte spä­ter von PIERRE GALET als Enfa­riné des Jura GALET beschrie­be­nen Roten Cham­pa­gner­traube KERNER haben die über­ein­stim­men­den Sor­ten­be­schrei­bun­gen der Enfa­riné / Gouais noir von PULLIAT und GUICHERD jedoch nichts mehr zu tun. Zwi­schen Gouais noir (= Enfa­riné PULLIAT) und dem tief 5-lap­pi­gen Blatt der Roten Cham­pa­gner­traube (= Enfa­riné du Jura ROUGET) bestehen nicht ein­mal Ähn­lich­kei­ten. Aber mit der Ein­stu­fung des Gouais noir der Cham­pa­gne als Syn­onym der Enfa­riné du Jura (GALET) war des­sen eigen­stän­dige Sor­ten­iden­ti­tät getilgt wor­den, obwohl die Sorte in der Cham­pa­gne mit fast 7000 ha einst die dritt­häu­figste Rot­wein­sorte nach Petit Gamay und Gamay d’ Orleans gewe­sen war und als Gouais noir (GAILLARD) auch im Dpt. Côte-d’Or und als Goix noir an der Aisne gebaut wurde. Ähn­lich geheim­nis­voll ver­schwand der Gamay d’ Orleans (PULLIAT), der heute als Syn­onym der Abon­d­ance / Gros Gamay (GALET) oder des Troyen (GALET) ein­ge­stuft ist, in der Ori­gi­nal­be­schrei­bung aber die Sorte Gou­ge­not (VIALA&VERMOREL) mit run­den Bee­ren reprä­sen­tiert. Diese Sorte Gou­ge­not wurde von (PIERRE GALET 1990) als Syn­onym der Sorte Franc noir de la Saone bewer­tet, die mit lan­go­va­len Bee­ren kein Gou­ge­not gewe­sen sein kann. Als (fal­sches) Syn­onym des Franc noir de la Saone war die eigen­stän­dige Iden­ti­tät des Gou­ge­not alias Gamay d’ Orleans getilgt. Man­gels Deutsch­kennt­nis­sen lis­tete PIERRE GALET (1990) den Adel­frän­ki­sch als blo­ßes Syn­onym des Sava­gnin blanc (Wei­ßen Tra­mi­ner), obwohl diese alt­frän­ki­sche, mit Tra­mi­ner direkt ver­wandte Sorte vom Stei­ger­wald von FREIHERR VON BABO (1844) als Wei­ßer Grün­ling / Adel­frän­ki­sch beschrie­ben wurde.

Ähn­lich wie Adel­frän­ki­sch und Gouais noir erging es in Deutsch­land lange ver­schol­le­nen Sor­ten wie Klein­ber­ger, Grünfrän­ki­sch, der Vogel­frän­ki­schen, den Möhr­chen, dem Klei­nen Bur­gun­der, der Hart­weg­traube, der Süß­schwar­zen, der Bern­hard­traube, dem Späten Blauen Räusch­ling, der (ech­ten) Blauen Fran­ken­traube oder der Moh­ren­kö­ni­gin. Diese Sor­ten wur­den teils schon zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts als bloße Syn­onyme bekann­te­rer Sor­ten wie Elb­ling, Sil­va­ner, Ries­ling, Spät­bur­gun­der, Tau­ber­schwarz, Gamay, Gelb­höl­zer oder Lem­ber­ger ein­ge­stuft, obwohl sie alle noch im 19. Jahr­hun­dert als eigen­stän­dige Sor­ten ampelo­gra­phi­sch beschrie­ben oder abge­bil­det wor­den waren. So lange diese Sor­ten aus­ge­stor­ben blie­ben, fie­len sol­che Feh­ler nicht wei­ter auf. Pro­ble­ma­ti­sch wurde es, als ich in alten Wein­ber­gen über 100 aus­ge­stor­bene Sor­ten wie­der­fand, die es mehr­heit­lich gar nicht mehr hätte geben dür­fen, da sie in den vir­tu­el­len Sor­ten­ka­ta­lo­gen als Syn­onyme tri­via­ler Sor­ten geführt waren.

Wenn die an der Berg­straße und am Neckar ent­deckte, stei­ri­sche Bett­ler­traube (TRUMMER) in Frank­reich als Ser­va­nin von der Isère (PULLIAT) doku­men­tiert wurde, in deut­schen Sor­ti­men­ten aber als (fal­scher) Rot­blätt­ri­ger Wild­ba­cher und als einer von meh­re­ren Köl­nern steht, wäh­rend die Bett­ler­traube der Deut­schen Gen­bank Reben (DGR) eigent­lich ein Mas­sen­klon des Affentha­lers ist und rich­tig Beth­len­traube (Rebe aus Beth­len / Beclean) hei­ßen müsste, dann wird es mit der Benen­nung von Frei­land­fun­den kom­pli­ziert. Bis heute rächt es sich, dass es in der Wein­wis­sen­schaft nie zwin­gend bota­ni­sche Regeln ein­zu­hal­ten gab. Bei Sor­ten­be­schrei­bun­gen pick­ten sich Ampelo­gra­phen und Züch­ter nach eige­nem Gut­dün­ken die ihnen geläu­figs­ten Namen als Haupt­na­men aus der Summe von rich­ti­gen und fal­schen Lokal­na­men her­aus oder sie erfan­den ein­fach neue, auch latei­ni­sche Namen. Nicht sel­ten wur­den lokale Sor­ten mit ähn­li­chen Sor­ten aus ande­ren Regio­nen gleich­ge­setzt und deren Namen als echte oder ver­meint­li­che Syn­onyme akku­mu­liert. Nicht immer basier­ten sol­che Gleich­set­zun­gen auf geprüf­tem Anschau­ungs­ma­te­rial: In einer offen­sicht­lich am Schreib­ti­sch gefäll­ten Ent­schei­dung stufte der Elsäs­ser J.L. STOLTZ (1852) den im fran­zö­si­schen Reb­sor­ti­ment bei Mont­pel­lier erhal­te­nen Klei­nen Räusch­ling der Berg­straße (= Füt­te­rer BABO&METZGER) fälsch­li­cher­weise als iden­ti­sch mit dem elsäs­si­schen Klein­räu­sch­ling / Knip­perlé und der Folle Blan­che aus dem Arma­gnac ein; ebenso fal­sch inter­pre­tierte er die von mir im Tau­ber­tal ent­deckte Elsäs­ser Moren­dutte (= Blauer Augs­ter / Bajor Fekete NEMETH) als Poul­sard noir (GALET), Oli­vette noir (GALET) und Urban Blau (BRANAS&TRUEL). Außer einer gewis­sen Ähn­lich­keit haben diese Sor­ten abso­lut nichts mit­ein­an­der zu tun. Spä­tere Gene­ra­tio­nen kopier­ten diese Syn­onym­samm­lun­gen und füg­ten neue aus ande­ren Quel­len hinzu. Ganze Akku­mu­la­tio­nen sol­cher Syn­onym­schwärme fin­den sich heute ver­mengt ohne spe­zi­fi­sche Quel­len­an­ga­ben in sor­ten­be­zo­ge­nen Inter­net­ka­ta­lo­gen. Heute stellt sich her­aus, dass viele die­ser ver­meint­lich syn­ony­men Sor­ten einst eigen­stän­dige Sor­ten waren, die man­cher­orts in den alten Misch­sät­zen noch zu fin­den sind. Den Grü­nen Kanigl, die Bett­ler­traube, den Blauen Köl­ner, den Schwar­zen Alben, Schwar­zen Heu­ni­sch oder den Gel­ben Augs­ter kannte ich nur von den pho­to­rea­lis­ti­schen Bild­ta­feln aus Slo­we­nien der Gebrü­der KREUZER (2001); es war aber nicht schwer, diese und andere gut doku­men­tierte, zuvor ver­schol­lene Sor­ten wie den Römer Purcsin (NEMETH), den Cha­tus (GALET), die Weiße Ali­cante (BABO&METZGER), den Gel­ben Ort­lie­ber (STOLTZ) oder den perl­mutt­far­bi­gen Chas­selas (KERNER) im Wein­berg wie­der­zu­er­ken­nen. Nicht sel­ten mus­ste ich dabei gel­tende Lehr­mei­nung in Frage stel­len. Die zahl­rei­chen Syn­onyme des Cot (GALET) bezie­hen sich his­to­ri­sch auf min­des­tens die drei in Deutsch­land und in der Schweiz gefun­dene Sor­ten: den Kai­ser­stüh­ler Cot (GALET) mit klei­nen, schle­hen­blauen, run­den Bee­ren (= Arbst BABO&METZGER), den Mal­bek (PULLIAT) von der Mosel mit gro­ßen, pur­pur­schwar­zen Bee­ren (= Samo­reau / Cot GUICHERD) und den Cot der deut­schen und schwei­zer Sor­ti­mente mit recht lan­gen Trau­ben und blau­schwar­zen, kurz­o­va­len Bee­ren (= Cot rouge Viala&Vermorel = Jaco­bin BABO&METZGER = Mal­bech CALO ET AL. = Gros­bec / Noir de Lor­raine PULLIAT).

Der ein­zige Aus­weg aus dem Dilemma mit­ein­an­der ver­wech­sel­ter oder irr­tüm­lich gleich­ge­setz­ter und getilg­ter Sor­ten ist, bei der Benen­nung von Wie­der­ent­de­ckun­gen, Neu­fun­den und Erst­nach­wei­sen, genauso wie bei der Iden­ti­täts­über­prü­fung von Sor­ti­ments­ak­zes­sio­nen, auf bota­ni­sch defi­nierte Sor­ten­na­men zurück­zu­grei­fen, wie sie in den ampelo­gra­phi­schen Ori­gi­nal­quel­len des 19. und 20. Jahr­hun­derts hin­ter­legt wur­den. Jede his­to­ri­sche Sorte sollte ein­mal durch einen Namen und einen Autor defi­niert wor­den sein, der die Sorte in ihren phä­no­ty­pi­schen Merk­ma­len aus­rei­chend beschrie­ben und mög­lichst abge­bil­det sowie lokale Syn­onyme gesam­melt hat. Wen­det man die­ses Gesetz der bota­ni­schen Art­de­fi­ni­tion kon­se­quent auf Sor­ten­ebene an, so wer­den aus den in alten Wein­ber­gen gefun­de­nen Sor­ten Schwar­zer Albe (TRUMMER), Elbing noir de Hon­grie (KERNER, SICKLER), Schwar­zelb­ling (BABO&METZGER) und Schwar­zer Bur­ger (PULLIAT) (Bur­ger als Syn­onym des Elb­lings) vier ein­deu­tig, durch Autor und Jahr der Ver­öf­fent­li­chung dif­fe­ren­zier­bare Sor­ten, deren Lite­ra­tur­quel­len, Syn­onyme und Stand­orte strikt getrennt zu hal­ten sind. Sor­ti­ments­ak­zes­sio­nen ohne Lite­ra­tur­re­fe­ren­zen kön­nen nur durch ihren Stand­ort in Sor­ti­men­ten defi­niert wer­den, denn wie sollte man den am Neckar mit Trol­lin­ger, Lag­rein, Rotem und Blauem Urban in einem alten Wein­berg gefun­de­nen Schwar­zelb­ling der Deut­schen Gen­bank Reben (DGR, BS) sonst zuord­nen. Ähn­li­ches gilt für den Moh­ren­kö­nig im Sor­ti­ment von Mag­a­ratch (Krim), der mit dem stei­ri­schen Moh­ren­kö­nig (TRUMMER) bzw. der Moh­ren­kö­ni­gin (RATH), aber nicht mit der Akzes­sion Moh­ren­kö­nig Gf, Gm (= Schwei­zer Brieg­ler) oder dem Weins­ber­ger Schwar­zen König (= Schwar­zer Mal­va­sier METZGER) in deut­schen Sor­ti­men­ten iden­ti­sch ist, ebenso wenig mit der in Seuß­litz und in Grün­berg (Polen) gefun­de­nen schwar­zen Muskat­traube Black Prince BROOKSHAW, auch nicht mit dem Black Prince in Mag­a­ratch und nicht mit der bei Klin­gen­berg ent­deck­ten, vom Boden­see beschrie­be­nen Moh­ren­kö­ni­gin (MOHR). Die Wider­sprü­che zwi­schen Sor­ti­ments­ak­zes­sio­nen und his­to­ri­schen Refe­ren­zen sind wahr­lich zahl­reich, nicht nur in Deutsch­land.

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MOHR, J. (1834): Hand­buch für Wein­pflan­zer. 1. und 2. Theil. Her­der, Frei­burg.
NEGROUL, A.M. (1972): Les meilleurs cépa­ges de L´URSS. Kolos (Epi), Moscou.

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