Alte Wein­ber­ge – Alte Reb­sor­ten: Ein­bli­cke in eine ganz ande­re Wein­bau­tra­di­ti­on Teil 1

Wäh­rend ich in den Urlaub fah­re, über­ge­be ich das Blog Andre­as Jung. Er ist einer der füh­ren­den Reb­sor­ten­for­scher, Ampelo­gra­phen genannt. Mich fas­zi­niert die Ampelo­gra­phie, das Erken­nen der Reb­sor­ten und vor allem ihre his­to­ri­sche Ver­brei­tung zuneh­mend. Ich mus­s­te aber kürz­li­ch in einem aus­tau­sch mit Andre­as Jung fest­stel­len, das alles noch viel kom­pli­zier­ter ist, als ich mir es vor­ge­stellt habe. Vie­le aus­sa­gen, die in der Ver­gan­gen­heit zur Namens­ge­bung und Abstam­mung von Reb­sor­ten getrof­fen wur­den, müs­sen immer wie­der in Zwei­fel gezo­gen wer­den.

So geht es in den nächs­ten Fol­gen um alte Wein­ber­ge mit alten Reb­be­stän­den und Andre­as Jung zeigt exem­pla­ri­sch anhand eini­ger Sor­ten, wie schwie­rig die Suche, die Bestim­mung und der Abgleich mit frü­he­ren Aus­sa­gen ist.

Ihr könnt die Arbeit von Andre­as Jung unter­stüt­zen. Die­ser baut näm­li­ch ein leben­di­ges Archiv mit alten Reb­sor­ten auf. Wie wäre es mit einer Reb­pa­ten­schaft? Sie hilft Andre­as dabei, sei­ne auf­wen­di­ge und teu­re Arbeit fort­zu­set­zen. Sie bedeu­tet auch, dass Reb­sor­ten kon­ser­viert wer­den kön­nen, die son­st – so wie vie­le ande­re auch – aus­ster­ben. Wer die Sor­ten­er­hal­tung in Reb­sor­ten­ar­chi­ven unter­stüt­zen will, kann dies durch Reb­sor­ten­pa­ten­schaf­ten tun: www.rebenpatenschaft.de. Wer alte Sor­ten wie­der in den Anbau neh­men will, kann sich hier ori­en­tie­ren: www.historische-rebsorten.de.

Alte Sor­ten frü­her und heu­te
Aktu­ell lis­tet das Bun­des­sor­ten­amt (BSA) in der Beschrei­ben­den Sor­ten­lis­te Reben 111 Ertrags­rebs­or­ten, die mit zer­ti­fi­ziert virus­frei­en, kom­mer­zi­ell genutz­ten Ertrags­klo­nen saat­gut­recht­li­ch zuge­las­sen sind (Stand 2013). Zieht man die Neu­züch­tun­gen des 21. und 20. Jahr­hun­derts ab, so ver­blei­ben 26 his­to­ri­sche Tra­di­ti­ons­sor­ten, die sich in klo­na­ler Bear­bei­tung durch deut­sche Erhal­tungs­züch­ter befin­den. Basie­rend auf ita­lie­ni­schen Zucht­klo­nen wer­den zer­ti­fi­zier­te Edel­rei­ser der EU-Sor­ten Caber­net Franc, Caber­net Sau­vi­gnon und Mer­lot mitt­ler­wei­le auch aus staat­li­cher Pro­duk­ti­on ange­bo­ten. Pflanz­gut der zum Anbau zuge­las­se­nen, aber nicht durch Züch­ter beim BSA ein­ge­tra­ge­nen EU-Sor­ten Syrah, Sau­vi­gnon vert, Chen­in blanc oder Grü­ner Velt­li­ner muss wei­ter­hin in der EU ein­ge­kauft wer­den. Die über­gro­ße Mehr­heit der auto­chtho­nen Sor­ten wird zusam­men mit ande­rem Zucht­ma­te­ri­al in Kleinst­men­gen ohne amt­li­che Sor­ten­prü­fung und ohne phy­to­sa­ni­tä­re Auf­la­gen in staat­li­chen Züch­ter­sor­ti­men­ten erhal­ten. Nur weni­ge die­ser Sor­ten sind in den geneh­mig­ten Ver­suchs­an­bau gelangt oder wie in Hes­sen zum Anbau frei­ge­ge­ben wor­den. Die erfolg­reichs­te Aus­nah­me stellt der Rote Ries­ling, eine rote Farb­va­ri­an­te des Rhein­ries­lings dar, der 2014 beim BSA zur Sor­ten­prü­fung ange­mel­det wur­de.

27 beim Bun­des­sor­ten­amt ein­ge­tra­ge­ne Tra­di­ti­ons­rebs­or­ten, das sind 6,7 % der 400 Sor­ten, die noch 1878 in den Reb­schu­len von ADOLF BLANKENHORN im Kai­ser­stuhl käuf­li­ch erhält­li­ch waren. Heu­te nicht mehr pra­xis­re­le­vant also sind 93,3 % der noch vor 120 Jah­ren käuf­li­ch erhält­li­chen Reb­sor­ten, die jeder Win­zer damals für ein paar Kreu­zer frei erwer­ben konn­te und ohne Auf­la­gen oder Kon­trol­len anbau­en durf­te. Dar­un­ter befan­den sich neben rei­nen Wein­sor­ten auch Tafel­trau­ben und Sor­ten für bei­der­lei Gebrauch, die in Wein­ber­ge, Gär­ten und an Spa­lie­re gepflanzt wur­den. Nach dem Tief­punkt der Klei­nen Eis­zeit um 1788 wur­den in der Gärt­ne­rei CORTHUM (1816) in Zerbst, Sach­sen-Anhalt, bereits zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts rund 300 Reb­sor­ten zum Kauf ange­bo­ten, zusam­men mit Rosen und Obst­ge­höl­zen. Die Sor­ti­men­te von CARL BRONNER (1875) und FREIHERR VON BABO (1844) in Wein­heim und Wies­loch beweg­ten sich in einer Grö­ßen­ord­nung von 300–400 Sor­ten. 1522 Sor­ten hat­te GUISEPPE ACERBI bis 1846 in Ita­li­en gesam­melt, dar­un­ter waren 400 unga­ri­sche Sor­ten, 619 Sor­ten aus Ita­li­en und 503 Sor­ten aus dem rest­li­chen Euro­pa. Kurz vor dem Erschei­nen der Reb­laus sol­len im Turi­ner Sor­ti­ment des Le COMTE DE ROVASENDA 6666 Reb­sor­ten kon­zen­triert gewe­sen sein. In Ungarn hat­te FRANZ SCHAMS fast 10.000 Akzes­sio­nen aus Ungarn und ganz Euro­pa zusam­men­ge­tra­gen. Dann kam die Reb­laus und die Kri­se…

Rebsortenarchiv

Andre­as Jung mit dem Frü­hen Leip­zi­ger in Rade­beul: Foto Copy­right: rebenpatenschaft.de

Und immer wie­der: das Pro­blem mit der Sor­ten­echt­heit
Nach Reb­laus­kri­se, zwei Welt­krie­gen, der Zer­stö­rung der Ori­gi­nal­sor­ti­men­te, mehr­fa­chen Umpflan­zun­gen, Sor­ti­ments­ver­klei­ne­run­gen und der Rodung von fünf 5 staat­li­chen Sor­ti­men­ten bestand in Deutsch­land das Pro­blem, dass vie­le der bis 1878 beschrie­be­nen Sor­ten nicht mehr fass­bar und schein­bar aus­ge­stor­ben waren. Umge­kehrt wur­den Hun­der­te von Sor­ti­ments­pflan­zen mit his­to­ri­schen Sor­ten­na­men als Lebend­re­fe­ren­zen in den Sor­ti­men­ten der staat­li­chen Reb­züch­ter geführt, jedoch stell­te sich nach ampelo­gra­phi­scher Über­prü­fung her­aus, dass z.B. die Rot­wein­sor­ten mit den Ein­füh­rungs­na­men Arbst, Batt­trau­be, Bett­ler­trau­be, Blau­frän­ki­sch, Blau­er Dama­sze­ner, Blau­er Gut­edel, Blau­er Häng­ling, Gamay hatif des Vos­ges, Hart­weg­strau­be, Köl­ner, Moh­ren­kö­nig, Römer, Rosen­mus­ka­tel­ler, Rot­blätt­ri­ger Wild­ba­cher, Spät­blau­er Bluss­ard, Blaue Urba­ni­trau­be, Schwar­zer Urban (Trier-Vas­sal) oder Wild­ba­cher (aus Ungarn) u.a. nicht mit den his­to­ri­schen Sor­ten über­ein­stimm­ten, wel­che unter die­sen Namen in der Lite­ra­tur beschrie­ben und abge­bil­det wor­den waren. Das­sel­be traf für die schein­ba­ren Ver­tre­ter von Weiß­wein­sor­ten wie z.B. Agos­ten­ga, Bart­hai­ner, Beer­hel­ler, Grau­er und Roter Velt­li­ner, Hart­hengst, Javor, Kilia­ner, Lam­bert­trau­be, Olber, Oran­ge­trau­be, wei­ßer Fran­ken­tha­ler oder wei­ße Urba­ni­trau­be zu.

Zudem gab es Sor­ten­ak­zes­sio­nen mit impro­vi­sier­ten Arbeits- und Fan­ta­sie­be­zeich­nun­gen oder tra­dier­ten Lokal­na­men wie Boze­ner Sei­den­trau­be, Lübek, Mond­wein, Ofner oder Plat­ter­le, die in der Lite­ra­tur weder als Syn­ony­me noch als Leit­na­men auf­ge­führt waren. Die Inter­pre­ta­ti­on der his­to­ri­schen Sor­ten blieb den Nach­kriegs­ge­ne­ra­tio­nen von ampelo­gra­phi­sch uner­fah­re­nen Reben­züch­tern über­las­sen, die zumeist die fal­sch benann­ten Sor­ti­ments­ak­zes­sio­nen als Refe­renz­ex­em­pla­re für gleich­na­mi­ge his­to­ri­sche Sor­ten akzep­tier­ten, ohne sich an den Wider­sprü­chen zu den bota­ni­schen Sor­ten­de­fi­ni­tio­nen in den ampelo­gra­phi­schen Quel­len zu sto­ßen. In Sor­ten­ka­ta­lo­gen wur­den his­to­ri­sche Sor­ten­na­men wie Roter Trol­lin­ger (BABO&METZGER 1836) intui­tiv der rot­bee­ri­gen Vari­an­te des Blau­en Trol­lin­gers als Syn­onym zuge­ord­net, obwohl die Abbil­dung die Sor­te Cal­eb­strau­be / Grec Rose (GALET) zeigt. Zwi­schen 1803 und 1815 por­trä­tier­te der Stutt­gar­ter Hof­bo­ta­ni­ker J.S. KERNER ver­meint­li­ch tri­via­le Sor­ten wie Roter Gut­edel, Mus­cat blanc, Gouais blanc, Forment, Unga­ri­scher Gut­edel und Roter Häni­sch, die sich bei genau­em Hin­se­hen nicht als die erwar­te­ten Sor­ten von heu­te ent­pupp­ten, son­dern die Sor­ten Har­tro­ete / Roter Por­tu­gie­ser (TRUMMER), Mus­ca­del­le (GALET), Grü­ner Orleans (METZGER), Erd­ei (NEMETH), Öster­rei­chi­sch Wei­ße (coll. Klos­ter­neu­burg) und Pamid (NEMETH) dar­stel­len. Ker­ners Ries­lin­ge von Würz­burg, von der Mosel und aus Rüdes­heim dürf­ten Sau­vi­gnon, den jüngst an der Mosel wie­der­ent­deck­ten Gamay blanc (NEMETH) und die unga­ri­sche Mäd­chen­trau­be dar­stel­len, nicht jedoch den Rhein­gau­ries­ling. Im Atlas des Frei­herrn von Gok por­trä­tiert die Abbil­dung des Cläv­ners den Klei­nen Frän­ki­schen Bur­gun­der (Pinot Franc Guicherd s. 17), wäh­rend Chris­ti­an Sin­gle (1860) und Johann Metz­ger (1827) unter Cläv­ner den Spät­bur­gun­der (Pinot rouge de Bourgo­gne Guicherd) ver­stan­den. Den Schwarz­blau­en Bur­gun­der hin­ge­gen bezeich­net Sin­gle als Boden­see­trau­be (Syn. Blau­er Sil­va­ner) oder auch als Gro­ßer Bur­gun­der. Die­ser ist mit der Refe­renz des Blau­en Sil­va­ners (Boden­see­cläv­ner) von Babo&Metzger (1836) iden­ti­sch, des­sen Lebend­ak­zes­si­on unter dem Namen „Bett­ler­trau­be“ in der DGR in Sie­bel­din­gen steht. Die­se Sor­te Boden­see­trau­be / Blau­er Sil­va­ner ent­spricht geno­ty­pi­sch einem Affentha­ler, weicht aber mit dem eher ungel­app­ten Blatt mor­pho­lo­gi­sch vom Affentha­ler-Typus (Sin­gle) aus Schwa­ben stark ab. Die­ser Boden­see­cläv­ner (=Affentha­ler-Geno­typ) war zusam­men mit sei­ner Mut­ter, dem Blau­en Sil­va­ner (Blau­er Häng­ling Babo&Metzger, Boden­see­trau­be Trummer ) flä­chen­de­ckend am Boden­see und in der Nord­schweiz bis zum Gen­fer See ver­brei­tet. Als Pinot Franc Guicherd gehör­te der würt­tem­ber­gi­sche Cläv­ner Gok mit Gamay noir und Gouais noir zu den Haupt­rot­wein­sor­ten der Cham­pa­gne, gefun­den habe ich ihn in einer Wein­bergs­bra­che bei Hal­le, dort asso­zi­iert mit Gouais noir Guicherd und Moril­lon / Möhr­chen Babo&Metzger.

Was wis­sen wir über die Bur­gun­der­sor­ten, wenn kei­ne ein­zi­ge der his­to­ri­schen Abbil­dun­gen von Sava­gnin, Ser­va­nin, Pine­au, Möhr­chen (Moril­lon), Bour­gu­i­gnon oder Bur­gun­der den heu­ti­gen Spät­bur­gun­der abbil­de­te, wel­cher noch vor 200 Jah­ren als Frü­he Per­si­sche Korin­the (KERNER) oder als Cläv­ner (METZGER) (Cläv­ner SINGLE) bezeich­net wur­de, ohne den Abbil­dun­gen des Cläv­ners bei Ker­ner oder des Cläv­ners im Sor­tenat­las von Babo&Metzger 1836 zu ent­spre­chen. Noch im Jahr 1905 stuf­te JEAN GUICHERD in sei­ner Beschrei­bung der Reb­sor­ten der Cham­pa­gne (Dpt. Aube) die von VICTOR PULLIAT (1888) beschrie­be­ne Sor­te Enfa­ri­né rich­tig als Syn­onym des Gouais noir der Cham­pa­gne ein. Bei­de Refe­renz­ab­bil­dun­gen eines ungel­app­ten, spitz gezähn­ten Blatts sind zwei­fels­oh­ne iden­ti­sch. Mit der Jahr­zehn­te spä­ter von PIERRE GALET als Enfa­ri­né des Jura GALET beschrie­be­nen Roten Cham­pa­gner­trau­be KERNER haben die über­ein­stim­men­den Sor­ten­be­schrei­bun­gen der Enfa­ri­né / Gouais noir von PULLIAT und GUICHERD jedoch nichts mehr zu tun. Zwi­schen Gouais noir (= Enfa­ri­né PULLIAT) und dem tief 5-lap­pi­gen Blatt der Roten Cham­pa­gner­trau­be (= Enfa­ri­né du Jura ROUGET) bestehen nicht ein­mal Ähn­lich­kei­ten. Aber mit der Ein­stu­fung des Gouais noir der Cham­pa­gne als Syn­onym der Enfa­ri­né du Jura (GALET) war des­sen eigen­stän­di­ge Sor­ten­iden­ti­tät getilgt wor­den, obwohl die Sor­te in der Cham­pa­gne mit fast 7000 ha ein­st die dritt­häu­figs­te Rot­wein­sor­te nach Petit Gamay und Gamay d’ Orleans gewe­sen war und als Gouais noir (GAILLARD) auch im Dpt. Côte-d’Or und als Goix noir an der Ais­ne gebaut wur­de. Ähn­li­ch geheim­nis­voll ver­schwand der Gamay d’ Orleans (PULLIAT), der heu­te als Syn­onym der Abon­d­an­ce / Gros Gamay (GALET) oder des Troy­en (GALET) ein­ge­stuft ist, in der Ori­gi­nal­be­schrei­bung aber die Sor­te Gou­ge­not (VIALA&VERMOREL) mit run­den Bee­ren reprä­sen­tiert. Die­se Sor­te Gou­ge­not wur­de von (PIERRE GALET 1990) als Syn­onym der Sor­te Franc noir de la Sao­ne bewer­tet, die mit lan­go­va­len Bee­ren kein Gou­ge­not gewe­sen sein kann. Als (fal­sches) Syn­onym des Franc noir de la Sao­ne war die eigen­stän­di­ge Iden­ti­tät des Gou­ge­not ali­as Gamay d’ Orleans getilgt. Man­gels Deutsch­kennt­nis­sen lis­te­te PIERRE GALET (1990) den Adel­frän­ki­sch als blo­ßes Syn­onym des Sava­gnin blanc (Wei­ßen Tra­mi­ner), obwohl die­se alt­frän­ki­sche, mit Tra­mi­ner direkt ver­wand­te Sor­te vom Stei­ger­wald von FREIHERR VON BABO (1844) als Wei­ßer Grün­ling / Adel­frän­ki­sch beschrie­ben wur­de.

Ähn­li­ch wie Adel­frän­ki­sch und Gouais noir erging es in Deutsch­land lan­ge ver­schol­le­nen Sor­ten wie Klein­ber­ger, Grünfrän­ki­sch, der Vogel­frän­ki­schen, den Möhr­chen, dem Klei­nen Bur­gun­der, der Hart­weg­trau­be, der Süß­schwar­zen, der Bern­hard­trau­be, dem Späten Blau­en Räusch­ling, der (ech­ten) Blau­en Fran­ken­trau­be oder der Moh­ren­kö­ni­gin. Die­se Sor­ten wur­den teils schon zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts als blo­ße Syn­ony­me bekann­te­rer Sor­ten wie Elb­ling, Sil­va­ner, Ries­ling, Spät­bur­gun­der, Tau­ber­schwarz, Gamay, Gelb­höl­zer oder Lem­ber­ger ein­ge­stuft, obwohl sie alle noch im 19. Jahr­hun­dert als eigen­stän­di­ge Sor­ten ampelo­gra­phi­sch beschrie­ben oder abge­bil­det wor­den waren. So lan­ge die­se Sor­ten aus­ge­stor­ben blie­ben, fie­len sol­che Feh­ler nicht wei­ter auf. Pro­ble­ma­ti­sch wur­de es, als ich in alten Wein­ber­gen über 100 aus­ge­stor­be­ne Sor­ten wie­der­fand, die es mehr­heit­li­ch gar nicht mehr hät­te geben dür­fen, da sie in den vir­tu­el­len Sor­ten­ka­ta­lo­gen als Syn­ony­me tri­via­ler Sor­ten geführt waren.

Wenn die an der Berg­stra­ße und am Neck­ar ent­deck­te, stei­ri­sche Bett­ler­trau­be (TRUMMER) in Frank­reich als Ser­va­nin von der Isè­re (PULLIAT) doku­men­tiert wur­de, in deut­schen Sor­ti­men­ten aber als (fal­scher) Rot­blätt­ri­ger Wild­ba­cher und als einer von meh­re­ren Köl­nern steht, wäh­rend die Bett­ler­trau­be der Deut­schen Gen­bank Reben (DGR) eigent­li­ch ein Mas­sen­klon des Affentha­lers ist und rich­tig Beth­len­trau­be (Rebe aus Beth­len / Beclean) hei­ßen müss­te, dann wird es mit der Benen­nung von Frei­land­fun­den kom­pli­ziert. Bis heu­te rächt es sich, dass es in der Wein­wis­sen­schaft nie zwin­gend bota­ni­sche Regeln ein­zu­hal­ten gab. Bei Sor­ten­be­schrei­bun­gen pick­ten sich Ampelo­gra­phen und Züch­ter nach eige­nem Gut­dün­ken die ihnen geläu­figs­ten Namen als Haupt­na­men aus der Sum­me von rich­ti­gen und fal­schen Lokal­na­men her­aus oder sie erfan­den ein­fach neue, auch latei­ni­sche Namen. Nicht sel­ten wur­den loka­le Sor­ten mit ähn­li­chen Sor­ten aus ande­ren Regio­nen gleich­ge­setzt und deren Namen als ech­te oder ver­meint­li­che Syn­ony­me akku­mu­liert. Nicht immer basier­ten sol­che Gleich­set­zun­gen auf geprüf­tem Anschau­ungs­ma­te­ri­al: In einer offen­sicht­li­ch am Schreib­ti­sch gefäll­ten Ent­schei­dung stuf­te der Elsäs­ser J.L. STOLTZ (1852) den im fran­zö­si­schen Reb­sor­ti­ment bei Mont­pel­lier erhal­te­nen Klei­nen Räusch­ling der Berg­stra­ße (= Füt­te­rer BABO&METZGER) fälsch­li­cher­wei­se als iden­ti­sch mit dem elsäs­si­schen Klein­räu­sch­ling / Knip­per­lé und der Fol­le Blan­che aus dem Arma­gnac ein; eben­so fal­sch inter­pre­tier­te er die von mir im Tau­ber­tal ent­deck­te Elsäs­ser Moren­dut­te (= Blau­er Augs­ter / Bajor Feke­te NEMETH) als Poul­sard noir (GALET), Oli­vet­te noir (GALET) und Urban Blau (BRANAS&TRUEL). Außer einer gewis­sen Ähn­lich­keit haben die­se Sor­ten abso­lut nichts mit­ein­an­der zu tun. Spä­te­re Gene­ra­tio­nen kopier­ten die­se Syn­onym­samm­lun­gen und füg­ten neue aus ande­ren Quel­len hin­zu. Gan­ze Akku­mu­la­tio­nen sol­cher Syn­onym­schwär­me fin­den sich heu­te ver­mengt ohne spe­zi­fi­sche Quel­len­an­ga­ben in sor­ten­be­zo­ge­nen Inter­net­ka­ta­lo­gen. Heu­te stellt sich her­aus, dass vie­le die­ser ver­meint­li­ch syn­ony­men Sor­ten ein­st eigen­stän­di­ge Sor­ten waren, die man­cher­orts in den alten Misch­sät­zen noch zu fin­den sind. Den Grü­nen Kanigl, die Bett­ler­trau­be, den Blau­en Köl­ner, den Schwar­zen Alben, Schwar­zen Heu­ni­sch oder den Gel­ben Augs­ter kann­te ich nur von den pho­to­rea­lis­ti­schen Bild­ta­feln aus Slo­we­ni­en der Gebrü­der KREUZER (2001); es war aber nicht schwer, die­se und ande­re gut doku­men­tier­te, zuvor ver­schol­le­ne Sor­ten wie den Römer Purcsin (NEMETH), den Cha­tus (GALET), die Wei­ße Ali­can­te (BABO&METZGER), den Gel­ben Ort­lie­ber (STOLTZ) oder den perl­mutt­far­bi­gen Chas­sel­as (KERNER) im Wein­berg wie­der­zu­er­ken­nen. Nicht sel­ten mus­s­te ich dabei gel­ten­de Lehr­mei­nung in Fra­ge stel­len. Die zahl­rei­chen Syn­ony­me des Cot (GALET) bezie­hen sich his­to­ri­sch auf min­des­tens die drei in Deutsch­land und in der Schweiz gefun­de­ne Sor­ten: den Kai­ser­stüh­ler Cot (GALET) mit klei­nen, schle­hen­blau­en, run­den Bee­ren (= Arbst BABO&METZGER), den Mal­bek (PULLIAT) von der Mosel mit gro­ßen, pur­pur­schwar­zen Bee­ren (= Samo­reau / Cot GUICHERD) und den Cot der deut­schen und schwei­zer Sor­ti­men­te mit recht lan­gen Trau­ben und blau­schwar­zen, kurz­o­va­len Bee­ren (= Cot rouge Viala&Vermorel = Jaco­bin BABO&METZGER = Mal­be­ch CALO ET AL. = Gros­bec / Noir de Lor­rai­ne PULLIAT).

Der ein­zi­ge Aus­weg aus dem Dilem­ma mit­ein­an­der ver­wech­sel­ter oder irr­tüm­li­ch gleich­ge­setz­ter und getilg­ter Sor­ten ist, bei der Benen­nung von Wie­der­ent­de­ckun­gen, Neu­fun­den und Erst­nach­wei­sen, genauso wie bei der Iden­ti­täts­über­prü­fung von Sor­ti­ments­ak­zes­sio­nen, auf bota­ni­sch defi­nier­te Sor­ten­na­men zurück­zu­grei­fen, wie sie in den ampelo­gra­phi­schen Ori­gi­nal­quel­len des 19. und 20. Jahr­hun­derts hin­ter­legt wur­den. Jede his­to­ri­sche Sor­te soll­te ein­mal durch einen Namen und einen Autor defi­niert wor­den sein, der die Sor­te in ihren phä­no­ty­pi­schen Merk­ma­len aus­rei­chend beschrie­ben und mög­lichst abge­bil­det sowie loka­le Syn­ony­me gesam­melt hat. Wen­det man die­ses Gesetz der bota­ni­schen Art­de­fi­ni­ti­on kon­se­quent auf Sor­ten­ebe­ne an, so wer­den aus den in alten Wein­ber­gen gefun­de­nen Sor­ten Schwar­zer Albe (TRUMMER), Elbing noir de Hon­grie (KERNER, SICKLER), Schwar­zelb­ling (BABO&METZGER) und Schwar­zer Bur­ger (PULLIAT) (Bur­ger als Syn­onym des Elb­lings) vier ein­deu­tig, durch Autor und Jahr der Ver­öf­fent­li­chung dif­fe­ren­zier­ba­re Sor­ten, deren Lite­ra­tur­quel­len, Syn­ony­me und Stand­or­te strikt getrennt zu hal­ten sind. Sor­ti­ments­ak­zes­sio­nen ohne Lite­ra­tur­re­fe­ren­zen kön­nen nur durch ihren Stand­ort in Sor­ti­men­ten defi­niert wer­den, denn wie soll­te man den am Neck­ar mit Trol­lin­ger, Lag­rein, Rotem und Blau­em Urban in einem alten Wein­berg gefun­de­nen Schwar­zelb­ling der Deut­schen Gen­bank Reben (DGR, BS) son­st zuord­nen. Ähn­li­ches gilt für den Moh­ren­kö­nig im Sor­ti­ment von Mag­a­ratch (Krim), der mit dem stei­ri­schen Moh­ren­kö­nig (TRUMMER) bzw. der Moh­ren­kö­ni­gin (RATH), aber nicht mit der Akzes­si­on Moh­ren­kö­nig Gf, Gm (= Schwei­zer Brieg­ler) oder dem Weins­ber­ger Schwar­zen König (= Schwar­zer Mal­va­sier METZGER) in deut­schen Sor­ti­men­ten iden­ti­sch ist, eben­so wenig mit der in Seuß­litz und in Grün­berg (Polen) gefun­de­nen schwar­zen Muskat­trau­be Black Prin­ce BROOKSHAW, auch nicht mit dem Black Prin­ce in Mag­a­ratch und nicht mit der bei Klin­gen­berg ent­deck­ten, vom Boden­see beschrie­be­nen Moh­ren­kö­ni­gin (MOHR). Die Wider­sprü­che zwi­schen Sor­ti­ments­ak­zes­sio­nen und his­to­ri­schen Refe­ren­zen sind wahr­li­ch zahl­reich, nicht nur in Deutsch­land.

Literaturliste:Bibliographie
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KREUZER, V. (1809–1888) UND C. KREUZER (1810–1861): Zbir­ka ampelo­grafs­kih upo­do­b­itev Vin­zen­za
in Con­ra­da Kreu­zer­ja [bese­di­la Joze Mlinaric…[et al.]; ure­di­la Pri­moz Premzl, Igor
Kram­ber­ger; pres­li­ka­ve Voj­ko Sti­plov­sek; foto­gra­fi­ja Mar­jan Smer­ke] Umet­nis­ki
cabi­net Pri­moz Premzl, 2001.NAST, J. C., SPPRENGER, B. (1766): Voll­stän­di­ge
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Mez­ler, Frank­furt und Leip­zig.
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