Alte Weinberge – Alte Rebsorten: Einblicke in eine ganz andere Weinbautradition Teil 2

Andreas Jung, der Autor dieses Textes ist einer der führenden Rebsortenforscher, Ampelographen genannt. Mich fasziniert die Ampelographie, das Erkennen der Rebsorten und vor allem ihre historische Verbreitung zunehmend. Ich musste aber kürzlich in einem Austausch mit Andreas Jung feststellen, das alles noch viel komplizierter ist, als ich mir es vorgestellt habe. Viele Aussagen, die in der Vergangenheit zur Namensgebung und Abstammung von Rebsorten getroffen wurden, müssen immer wieder in Zweifel gezogen werden. 

So geht es in den nächsten Folgen um alte Weinberge mit alten Rebbeständen und Andreas Jung zeigt exemplarisch anhand einiger Sorten, wie schwierig die Suche, die Bestimmung und der Abgleich mit früheren Aussagen ist.

Ihr könnt die Arbeit von Andreas Jung unterstützen. Dieser baut nämlich ein lebendiges Archiv mit alten Rebsorten auf. Wie wäre es mit einer Rebpatenschaft? Sie hilft Andreas dabei, seine aufwendige und teure Arbeit fortzusetzen. Sie beduetet auch, dass Rebsorten konserviert werden können, die sonst – so wie viele andere auch – aussterben. Wer die Sortenerhaltung in Rebsortenarchiven unterstützen will, kann dies durch Rebsortenpatenschaften tun: www.rebenpatenschaft.de. Wer alte Sorten wieder in den Anbau nehmen will, kann sich hier orientieren: www.historische-rebsorten.de.

 

Nur historische Referenzen erschließen Sortengeschichte
Der Existenz multipler Sorten unter homonymen Sortenlabels wie Cibeben, Damaszener, Geisdutten und Eicheltrauben, Weiße / Gouays, Orleans, Ortlieber, Urban oder Schiava / Frankenthaler / Vernatsch wird man nur gerecht, wenn man jede einzelne Lebendakzession mit den ampelographischen Beschreibungen abgeglichen und richtig, falsch oder homonym benannte Akzessionen anhand botanischer Sortendefinitionen und Abbildungen identifiziert und entsprechend der botanischen Nomenklatur neu bezeichnet oder bestätigt hat. Das ist mühsam und geht für unsere zentraleuopäische Sorten nicht immer und nicht immer 100% sicher, aber doch sehr oft. Auf der Suche nach Sortimentsentsprechungen von Freilandfunden konnte ich in fünf deutschen Rebsortimenten rund 140 Sortenakzessionen mit falschen, künstlichen oder referenzlosen Sortimentsnamen aufspüren und mehrheitlich ihren botanisch-ampelographischen Referenzen zuordnen. Zieht man Fotografien und naturgetreue Sortentafeln aus älteren Ampelographien heran, erschließt sich visuell und für jeden nachvollziehbar, dass scheinbar referenzlose Sortimentsakzessionen wie Blanchier (= Weißer Elbling GOK  = Completer in Graubünden), Bozener Seidentraube (= Früher Gutedel TRUMMER 0 (falsche) Perle von Csaba DGR), Friauler (= Weißer Bartheiner TRUMMER), Hartroete (= Roter Portugieser TRUMMER), Lübeck (von Ljubac in Dalmatien = Pontac KERNER), Ofner (= Weiße Schapatna TRUMMER), Weißer Frankenthaler DGR (= Eichenblättrige Tantowina TRUMMER), Weißer Frankenthaler (coll. Leth) (= Weißer Mehlweiß TRUMMER), Pecasoré (= Rotgestreifter Heunisch TRUMMER) oder Aspirant (= Weißer Grobheunisch TRUMMER) durchaus historisch fassbare Sorten sind, denn sie alle wurden vor mehr als 150 Jahren aus der slowenischen Steiermark ampelographisch beschrieben und über die Tiroler und Schweizer Südalpen nach Deutschland gebracht.

Jahrhunderte alter Oröéans am Disibodenberg. Foto: Matthias Adams

Jahrhunderte alter Orléans am Disibodenberg. Foto: Matthias Adams

Erst damit erschließt sich die Herkunfts- und Verbreitungsgeschichte dieser Sorten, die offenbar nicht nur in den Südalpen, sondern auch in Karantanien, Slawonien und Transdanubien angebaut wurden. Die Edelreiser des Grünen Bartheiner wurden als Walheimer (Walmer) bereits im 16. Jahrhundert auf dem Weinmarkt in Esslingen angeboten und bis nach Besançon verkauft (KRÄMER). Genanalysen erschließen solche Zeithorizonte nicht. Auch bei ausgestorbenen, nur historisch dokumentierten Sorten oder singulären Genotypen helfen vergleichende Genanalysen nicht weiter, denn mit was soll man einen singulären Genotyp vergleichen? Seit Jahrzehnten wird kaum noch gesammelt, aber seit 1750 werden Unikate zwischen internationalen Genbanken hin- und her getauscht. Die genotypisch der Enfariné (GALET) nahe stehende Akzession des Blauen Kölners in europäischen Sortimenten bezieht sich auf eine einzige Herkunft. Hier wird vergleichende Genotypenanalyse zur Feststellung der Sortenechtheit selbstreferentiell, wenn man die Bezugsquellen nicht in Betracht zieht. Selbstverständlich muss ein 5 x getauschter Kölner denselben Genotyp wie die Ausgangsakzession aus Trier haben. Dennoch wir der Name dadurch nicht richtiger. Nur visuell lässt sich erkennen, dass die Lebendakzession des Blauen Kölner aus den Sortimenten in Vassal, im Tessin, in Haßloch, Weinsberg und im Wagram der historischen Sorte Blauer Champagner (TRUMMER) entspricht, während der Rote Champagner (KERNER) die Sorte Enfariné (ROUGET) beschreibt, die als Kölner aus Oppenheim (BRANAS&TRUEL) dokumentiert wurde. Beide Sorten sind genetisch fast identisch, aber eben nur fast. Obwohl die beiden Sorten im VIVC unter dem Leitnamen Enfariné zusammengefasst wurden, sind sie ampelographisch klar verschieden. Der Blaue Kölner unterscheidet sich durch kleinere, schlehenblaue und immer runde Beeren und ein stark borstiges, seltener schwach wolliges, insgesamt spitzzahnigeres Blatt von der Enfariné du Jura GALET, die recht große, rötlich blaue, rund bis leicht ovale Beeren aufweist und auf der Blattunterseite häufig dicht wollig behaart ist.

Egal wie man Ähnlichkeiten und Fastidentitäten zwischen Genotypen interpretiert, nach der Sortendefinition des BSA sind dies zwei verschiedene, historisch definierte Sorten, so wie die Farb-, Reife- und Behaarungsvarianten des Pinot auch verschiedene Sorten sind, die zudem für unterschiedliche Weintypen stehen. Nebenbei informieren die historischen Sortennamen Champagner und Kölner darüber, dass die Sorten in der Champagne und am Ostalpenrand angebaut wurden, wo sie zwei eng verwandte Sorten aus dem mittelalterlichen Sortenkomplex der ungarisch-slawonischen Kölner und Schlehentrauben waren. Zum Sortenkomplex der Schlehentrauben gehörten der Große Kölner (TRUMMER) (= Kölner TURKOVIC) aus Regensburg, Höhnstedt, Slowenien und Ungarn (= Baratcsuha Kek NEMETH = Scheuchner KERNER = Schaibkern coll. Leth) sowie der ungarisch-rumänische, von VICTOR PULLIAT beschriebene Kölner (= Czigani Szölö NEMETH) und der stark milchgrau beduftete, österreichische Kölner Nr. 1624 von BRANAS&TRUEL (= Bonda coll. Schneider). Die Sortenreferenz der Enfariné aus der Ampelographie von VIALA&VERMOREL (1901-1910) weicht mit ihren großen, elliptischen Beeren und dem Zahn in der Blattseitenbucht von den beiden Champagnertrauben ab. Möglicherweise versteckte sich unter den Synonymen Brégin bleu, Enfariné à gros fruit oder Brézin de Pampan noch eine weitere Kölner-Sorte: die dem Steirischen Kölner in der Form des Blatts zum Verwechseln ähnliche Schweizer Sortimentsakzession Valais noir coll. Pully. Sie besitzt wie der Kölner mittelgroße bis große Trauben, aber nicht runde, sondern elliptische Beeren und borstig-kahle Blätter. Kölner ist synonym für Großer Wälscher, der offenbar in der Westschweiz kein Großer Kölner, sondern der Gros Valais (Pully) war. Er darf nicht mit dem kleinfrüchtigen und nacktblättrigen Valais noir im Frümsener Sortiment (= Valais noir GALET = Béclan VIALA&VERMOREL) verwechselt werden und auch nicht mit dem filzig haarig-borstigen Valais noir / Dameret (ROUGET) aus einem alten Weinberg in Speyer. Der von CHARLES ROUGET (1897) beschriebene, historische Valet noir d ́Arbois (= Valais noir PULLIAT) besaß auf den Blattunterseiten spinnwebartig-borstig behaarte Blätter und stellt eine weitere welsche Sorte dar. Dieser Valet noir (syn. Mourlon) korrespondiert gut mit dem Phänotyp des oberrheinischen Blauen Räuschling (TRUMMER), der wie der Kleine und Große Welscher ebenfalls durch Blattzähne in den Blattseitenbuchten gekennzeichnet ist. Offensichtlich war der Welschriesling am Zürichsee nicht die einzige welsche Sorte, die auf die Welschen zurückgeht.

Und es werden immer mehr…
Im Bewusstsein der nomenklatorischen Probleme habe ich einmal versucht, einen Gesamtüberblick über die historischen Sorten zu bekommen, die zwischen 1750 und 1855 in den wichtigsten, deutschsprachigen Ampelographien erwähnt oder beschrieben wurden. Das ampelographische Handbuch von HERMANN GOETHE (1878) habe ich ausgeklammert, da dieser alle Sorten einbezogen hat, die damals in Europa beschrieben waren, ohne die meisten dieser Sorten je gesehen zu haben. Nach der Synchronisierung der synonymen Sortennamen sind immer noch 760 Sorten von Kelter- und Tafeltrauben übrig geblieben, die als eigenständige Sorten in den deutschsprachigen Ampelographien bis zum Jahr 1855 erwähnt wurden. Von diesen 760 gezählten Sorten können rund 150 Sorten mangels Abbildungen oder wegen unzureichender Beschreibungen nicht zweifelsfrei zugeordnet werden. Nicht zuordnungsfähige Sorten könnten so auch Synonyme sein, umgekehrt findet man in alten Weinbergen oder in Sortimenten immer wieder Sorten, deren Zuordnung zu einer historischen, ampelographischen Referenz schwierig ist. Fazit: Es gab in Zentraleuropa rund 580 ampelographisch fassbare Traditionssorten mit einer recht großen Grauzone nach oben (Stand April 2014).

 

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