Alte Weinberge – Alte Rebsorten: Einblicke in eine ganz andere Weinbautradition Teil 3

Stammt der Cabernet aus Albanien und der Pinot noir aus Moldawien? Wenn man nachvollzieht, was Andreas Jung schreibt, dann ist zumindest klar, dass die Rebsorten europäischer sind als wir Menschen uns häufig gebärden. Es gibt seit Jahrhunderten einen Rebsortenaustausch innerhalb der europäischen Völker. Vom Schwarzmeer bis zum Mittelmeer.

Andreas Jung, der Autor dieses Textes ist einer der führenden Rebsortenforscher, Ampelographen genannt. Mich fasziniert die Ampelographie, das Erkennen der Rebsorten und vor allem ihre historische Verbreitung zunehmend. Ich musste aber kürzlich in einem Austausch mit Andreas Jung feststellen, das alles noch viel komplizierter ist, als ich mir es vorgestellt habe. Viele Aussagen, die in der Vergangenheit zur Namensgebung und Abstammung von Rebsorten getroffen wurden, müssen immer wieder in Zweifel gezogen werden.

So geht es in den nächsten Folgen um alte Weinberge mit alten Rebbeständen und Andreas Jung zeigt exemplarisch anhand einiger Sorten, wie schwierig die Suche, die Bestimmung und der Abgleich mit früheren Aussagen ist.

Ihr könnt die Arbeit von Andreas Jung unterstützen. Dieser baut nämlich ein lebendiges Archiv mit alten Rebsorten auf. Wie wäre es mit einer Rebpatenschaft? Sie hilft Andreas dabei, seine aufwendige und teure Arbeit fortzusetzen. Sie bedeutet auch, dass Rebsorten konserviert werden können, die sonst – so wie viele andere auch – aussterben. Wer die Sortenerhaltung in Rebsortenarchiven unterstützen will, kann dies durch Rebsortenpatenschaften tun: www.rebenpatenschaft.de. Wer alte Sorten wieder in den Anbau nehmen will, kann sich hier orientieren: www.historische-rebsorten.de.

 

Historische Ampelographie
Beim Sortenvergleichen hat sich grundsätzlich gezeigt, dass insbesondere die deutschsprachige Sortenliteratur des frühen 19. Jahrhunderts von einem hohen Qualitätsstandard zeugt und das Differenzierungstalent der meisten Autoren belegt. Allerdings macht die uneinheitliche Terminologie der verschiedenen Autoren große Probleme. Das Phänomen, dass diverse Autoren unterschiedliche Sorten aus verschiedenen Regionen identisch (homonym) oder ähnlich bezeichnet haben, zieht sich wir ein roter Faden durch die ampelographische Literatur. Dabei sind es nicht nur die Irrtümer, Verwechslungen oder vorschnelle Gleichsetzungen, die zum Phänomen der Homonomie (gleicher Name für verschiedene Sorten) geführt haben. Insbesondere alte Sorten waren Bestandteile mittelalterlicher Sortenschwärme, deren Sorten aufgrund ihrer Ähnlichkeit oder Herkunft einen gemeinsamen Familiennamen trugen. So gibt es unter dem Gruppenlabel Blaue Silvaner / Zierfandler (= Blaue Reben aus Schirwan) mittlerweile acht differenzierbare Sorten, darunter der Blaue Silvaner Trummer (= Petit Béclan ENTAV), der Blaue Silvan Kerner (= Süßroth = Tauberschwarz BSA), der Blaue Silvaner Babo&Metzger (= Bodenseeclävner = Bethlentraube = Affenthaler-Genotyp), die Bodenseetraube Trummer (=Affenthaler Metzger), der schwarze Zierfandler aus Franken und Ostdeutschland (=Süßschwarz, Blauer Hängling Babo&Metzger), die zuvor ausgestorbene Süßblaue aus dem Thurgau, der Blaue Silvaner Sprenger im Sortiment in Magaratch und der in Saale-Unstrut gefundene, ebenfalls vom Bodensee dokumentierte falsche Blaue Silvaner / Großer Burgunder Single. Letzterer ähnelt wie beschrieben im Blatt sehr dem Spätburgunder, unterscheidet sich aber durch eine nicht wollige, nur fein borstige Blattunterseite und grauduftige, eher elliptische Beeren an größeren Trauben. Von Roten Traminern und Ortliebern gibt es je vier Sorten, von weißen Traminern / Weißfränkischen mindestens drei Sorten. Fünf differenzierbare Weißweinsorten wurden unter dem Namen Elbling beschrieben, darunter auch der lothringische Aubin vert (GALET) und der Schweizer Completer. Ähnliche Sortenkomplexe existierten von Honiglern (Mezes, Meslier, Metsüße als Verballhornung von Mezes), von roten und weißen Veltlinern oder Zierfandlern, schwarzen und weißen Tokayern, von Kölnern und Schlehentrauben, von Großschwarzen, Schwarzelblingen, Wildbachern, Augstern und Mohrenkönigen (Black Prince). Multiple Sorten gibt es von Malvasiern, von blauen und schwarzen Muskatellern, von Gutedeln, der dinarisch-moreotischen Pinneaux-Gruppe, in der Weißburgunder-Familie oder in der Gruppe der Brégins / Briegler. Die Sorten innerhalb dieser Sortenfamilien ähneln sich teils frappierend; oft sind sie geschwisterlich oder stiefgeschwisterlich miteinander verwandt oder haben sich mit Geschwistern, Elternsorten oder entfernteren Verwandten rückgekreuzt. Es sind Sortenpopulationen, die nach Völkerwanderungen, Kriegswirren und Epidemien in den verbuschenden Kulturbrachen als Sämlinge frühantiker Stammsorten spontan entstanden und mit Sträuchern und Pionierbäumen aufgewachsen sind.

Der Fall des römischen Reiches ging mit der vorübergehenden Abschaffung der Sklaverei einher: Die teils 50 ha großen Weinberge der römischen Großgrundbesitzer in Pannonien fielen brach, tausende Reben aus einer noch überschaubaren Zahl von antiken Gründersorten verwilderten. Insbesondere südlich des 45. Breitengrads, in wintermilden Weinbaugebieten mit regelmäßigen Sommerniederschlägen, entstanden aus herabgefallenen Kernen antiker Stammsorten regional spezifische, kreuz und quer gekreuzte Sämlingspopulationen, die unter dem perhumid subtropischen Weinbauklima Galiziens, Aquitaniens, der Balearen und Korsikas sowie im regenreichen Luv der Südwestalpen, des westlichen Apennins und des westlichen Balkans ganze Sekundärwälder überwucherten. Je mehr Sämlingsgenerationen auf diesem Wege in den Kulturbrachen entstanden, desto häufiger konnten sich die jüngeren Sorten mit älteren Generationen und deren antiken Stammeltern rückkreuzen, sodass sich die Sortensämlinge untereinander immer ähnlicher und inzestuöser wurden. Insbesondere wenn die Stammeltern wie am Kaspischen Meer sehr alt waren und noch viele Homozygotien der Allelpaare aufwiesen, blieben sich auch die Geschwistersorten genetisch sehr ähnlich, ohne sich notwendigerweise ähnlich zu sein. In Friedenszeiten schnitt man von den verwilderten Reben Stecklinge und begründete so die früh- und hochmittelalterlichen Mischsätze in Ost- und Südeuropa neu mit einem Gemisch aus antiken Stammsorten und ihren geschwisterlichen, stiefgeschwisterlichen und inzestuösen Sämlingen. In der Warmphase des Hochmittelalters gelangten ganze Schiffsladungen von Edelreisbündeln aus Despotaten, Handelskolonien und Kreuzfahrerbastionen nach Italien und Südfrankreich. Am Zielort wurden die Edelreiser zu Stecklingen zurechtgeschnitten, bewurzelt und in den Weinberg gepflanzt. So duplizierte man 1:1 die Sortenspiegel in den Weinbergen der Exportregionen, die seit den demographischen Verwerfungen der Völkerwanderungen Mischsätze mit Dutzenden untereinander verwandter Sorten waren. Nach der Herkunftsregion oder Entnahmelokalität wurden die importierten Sortengemische mit einem gemeinsamen Familiennamen bezeichnet. Das machten bereits die Römer so. Wer wollte daran zweifeln, dass die von den vorchristlichen Römern gepriesenen, kampanischen Rebsorten Aminea syriaca und Aminea germanyka Importe aus Nordsyrien waren. Der Weinort Germanikeia lag im Westen der antiken, syrischen Landschaft Kommagene (späthethitisch: Kummuḫ), die schon Wein nach Assur in Mesopotamien exportierte, noch bevor dort Wein selbst angebaut wurde. Nach Kummuh ist die historische Rebsorte Blauer Kummer (KERNER) benannt, die nicht zufällig der Sorte Syrah (syn. Schiras, Sirac) frappierend ähnlich sieht. Im Nordosten von Kommagene befindet sich die urartäische, heute armenische Weinregion Schirak, die wie die iranische Stadt Shiraz nach den Shiraken bzw. Sarrazenen benannt ist, die im vedischen Indien als Kiratas bekannt waren. Diese Stammesunion aus koreanischen Ghor und ostsibirischen Rusz gab auch der nordiranischen Weinregion Chorasan und dem ungarischen Körös ihren Namen. Die Grk, die Verkürzung von Ghor-Rug kennen wir aus dem eisenzeitlichen Griechenland.

Wurzelechter Gemischter Satz. Foto: Thomas Riedl

Wurzelechter Gemischter Satz. Foto: Thomas Riedl

Nördlich der Alpenpässe und nördlich der Loire in der klimatischen Region Zentraleuropa stießen die meisten der eher subtropisch geprägten Sortenstecklinge an ihre natürlichen Frost- und Reifegrenzen. Die mittelalterlichen Sortenspiegel Zentraleuropas gehen deshalb nahezu ausschließlich auf Importe von Edelreisbündeln aus osteuropäischen oder zentralasiatischen Weinbauregionen mit subkontinentalem Waldsteppenklima, Sommertrockenheit und kalten Wintern zurück, wo die subtropisch geprägten, neolithischen Urrebsorten in den winterkalten Grenzgebieten des Weinbaus durch Einkreuzung von baktrisch-turanischen, araxisch-hyrkanischen und danubisch-pontischen Wildreben eine gewisse Frosthärte, verkürzte Wachstumszyklen und eine frühere Reife erlangt hatten, zum Preis teils erheblicher Ertragsreduzierung. Der Rebanbau in der Walachei und in Moldawien ist bereits in den Hinterlassenschaften der Cucuteni-Tripolje- Kultur (4900 – 3500 v.Chr.) belegt, auch die Vinca-Kultur (5500-4500 v.Chr.) kultivierte bereits Reben. Die Rebe der Vinaca (Vin-Nakh, Vainakh) kennen wir vom westlichen Balkan als Phinatz (Phöniz, Banat), in der steirischen Schreibweise als Pineaux (Pinac, Pinoz, Pinot). Für den wiederholten Export ins Frankenreich schnitten die bairisch- fränkischen Siedler bereits seit dem Frühmittelalter bündelweise Edelreiser, zunächst aus den Weinbergen der Awarenmark, Karantaniens und des Bairischen Ostlands, später auch aus dem Heanzenland (Burgenland), aus Goßmähren, Siebenbürgen, dem Banat oder dem Burzenland. Aus den deutschen Siedlungsgebieten in Osteuropa exportierte man so die lokalen Mischsätze nach Zentraleuropa, wo neue Weinberge mit bewurzelten Stecklingen dieser altfränkischen und hüntschen Edelreiser angelegt wurden. Hansen (Kleiner Veltliner), Hinschen (Putzschere), Heinzen (Räuschling), Hennequin (Meslier) oder Hüntsch (Heunisch) haben nichts mit den frühmittelalterlichen Hunnen zu tun, umso mehr mit den Hienzen, den fränkischen Siedlern im Burgenland, die seit etwa 1000 n.Chr. dort siedelten. Aus Dokumenten des Klosters St. Gallen geht hervor, dass eine Abfolge sehr strenger Winter den Weinbau in der Nordschweiz um die Jahrtausendwende zum Erliegen brachte, was in den Folgejahren eine enorme Nachfrage nach Rebsetzlingen aus Ungarn und der Ostmark geschaffen haben dürfte. Insbesondere die alten Mischsätze Rheinhessens, der Bergstraße, Schwabens, Frankens und an der Saale sind ein über die Zeit verzerrtes Spiegelbild des historischen Sortenspektrums aus Herkunftsregionen wie Südtirol,

Kärnten und Slowenien, dem Burgenland, Westungarn und Syrmien, dem Banat und Transsilvanien sowie Mähren und das Ofner- oder Tokayer Gebirge. Hüntsche Sorten wie Fütterer, Weißer Heunisch, Honigler, Langstieler (= Hosszünyelü-NEMETH), Lindenblättriger (= Harselevelue NEMETH), Ellender (=Weißer Tokayer TRUMMER), Orleans, Welschriesling, Mittelgroßer und Großer Veltliner, Pamid, blauer Blank, Bettlertraube, blauer Elbling, Kadarka, Lemberger, Portugieser, Laska, Gänsfüsser oder Primitivo stehen bis heute wurzelecht an der Bergstraße, als hätte man gerade einen heanzen Mischsatz aus „Deutsch-Westungarn“ importiert. Auch bundesweit zeigt die Zusammensetzung der deutschen und schlesischen Mischsätze, dass die mittelalterliche und postosmanische Siedlungstätigkeit deutscher und wallonischer Siedler im winterkalten Osteuropa wesentlich zur Herausbildung des nordalpid, zentraleuropäischen Sortenspektrums in der Nordschweiz, in Deutschland, der Franche-Compté und in Nordfrankreich beigetragen hat. Um 1200 gründeten Zisterzienser ein Kloster in Abtsdorf, das zur Mutterabtei von Pontigny im Chablis gehörte und die Präsenz Siebenbürgischer Sorten im Herzogtum Burgund erklärt. 1223 wurde in der Südslowakei das Zisterzienserkloster Zips (Spišský Štiavnik) gegründet, das eine Tochterabtei des Kloster Morimond in der Champagne war. In unmittelbarer Nachbarschaft von Zips liegen die Ortschaften Kelemer, Jardanazha und Kissitator, die fatal an die Sorten Klemmer (Klemmer = Elbling, Gelbhölzer oder Pinot), Chardonnay, Jardovany und Iordan, sowie Visitator (= Fütterer) erinnern. Damit dürfte sich der Name Fütterer auf Feldioara (Föld-var, Marienburg) in Siebenbürgen beziehen, wo der Deutschritterorden 1211 eine Burg mit Weinbergen in den Hanglagen errichtete. Riesling und Fütterer teilen elf von zwölf Allelen, somit dürfte auch die Herkunft des Rheingaurieslings geklärt sein. Deutsche siedelten auch in den Südalpen. Die engen Beziehungen des Herzogtums Schwabens in die churrätische Ostschweiz, die Lombardei und Südtirol spiegeln sich bis heute in den Sortengruppen der Blau-, Rot-, Zottel- und Römerwelschen oder in den Vernatsch-Sorten an Neckar und Enz wider.

Schweizer Sortennamen wie Mörchel (slowenisch: Morshina), Kriechentraube (vom Kriechenberg in Slovenien), geschlachter Burger (vom Schlachtenberg im Burgenland), Scheuchner (von ungarisch Sheikürn), Himpertscha (aus Himpeetz oder Himberg in Westungarn bzw. Niederösterreich), Completer (nach Kamp in Niederösterreich), die weiße Urbanitraube, Urban und Vernatsch (nach Vrbanje, Vrban und Vernaz in Kroatien) oder Lafnetscha (aus Lafnitz oder Laßnitz) zeugen von direkten Verbindungen der Schweizer Alemannen nach Niederösterreich, Westungarn und in die Steiermark. Die 1644 als Puznising im Tirol erwähnte Rebsorte Pozsonyi Feher (NEMETH) stammte aus Pozsony (Pressburg, Bratislava). Auch alte, französische Sortennamen wie Les Moreotés (von Morea), Les Pineaux, Les Troyens (Drauiens, von der Drau), Les Trussiaux, Les Gamez, Goix (Gouais), Gueuches, Les Cots rouges et verts, Romieux (Römer) oder Les Gros noirs sind im Plural gehalten. Sie spiegeln mittelalterliche Sortenimporte des 13. und 14. Jahrhunderts wider. Vermutlich aus Anlass des Jahrtausendhochwassers von 1342 dürften die Herrscher aus dem älteren Haus Anjou bündelweise Rebsetzlinge aus ihren Königreichen und Despotaten in Ungarn (1308–1395), in Kroatien, Dalmatien und in der Romania (Albanien, Durrazo, Epirus, 1313–1374) sowie aus Neapel, Sizilien, Achäa und Jerusalem (1266–1435) in ihre Besitzungen nördlich der Loire eingeführt haben. Ab 1375 bzw. 1394 tauchen erstmals die Sortengruppen Pynots, Terceaulx und Servigneans an der Yonne auf. Bisher niemand aufgefallen sind die häufigen Korrespondenzen, die zwischen albanischen Ortsbezeichnungen und französischen Sortennamen bestehen. Mindestens 30 französische Rotweinsorten leiten sich ab von albanischen Orten wie Armen (Aramon, Arménien), Berat und Kotë (Béraou = Côte = Côt = Coté), Durres oder Darëzezë (Duret, Dureza, Duraze, Durasa), Ferres (Fer agg. = 7 Sorten), Vlorë (Flouren, Fleuron), Laparda (Lampart, Lampert, Lambert, Lombard), Lezhë (Laska), Lushnjë (Luckens, Lucens = Cot), Kamëz (Gamez), Karbunarë (Cabernet), Kavajë (Cavalier = Len de l`El), Kratine (Crédinet = Pinot Meunier), Kutalli (Coutaillaud = Pinot), Pinet (Pinot), Pinar (Pineau), Pukë (Pouket, Pougnet), Shkozë (Sciocchera = Fuella), Trush (Troussé, Trousseau, Tressot, Trouchet = Cabernet Franc oder Cruchen blanc) oder Valias (Valais). Dasselbe gilt für mindestens 16 Weißweinsorten: Allgjatë (Aligoté), Arbanë (Arbane), Bërdicë (Verdesse), Fier (Fier-Sauvignon), Lushnjë (Lauzet, Lausan, Laussannois), Kaninë (Chenin), Kërkovë (Cargomuou = Calitor, Cargue), Mëzes (Meslier), Kolonjë (Colon = Gros Verdot, Colombé = Colombard), Qerret (Cérès), Seman (Sème), Tërpan (Terbain = Trebbiano = Ugne), Zejmen (Semillon) oder Trevëlassër (Tressallier). Ähnliche Bezüge zwischen albanischen Ortschaften und Sortennamen könnten für Pëllumbas (Palumbo in Bari, Palombara Sizilien), Rërëzë (Rèze im Wallis), Bërxullë (Versualin im Südtirol, Brusselois = Frankenthaler) und Risili / Risilia (Riesling) geltend gemacht werden. Der albanische Stamm der Arbëresh dürfte namensgebend für die oberrheinische Sorte Arbst gewesen sein, die epirotischen Tschamen (Çamët) finden sich im Ort Kamëz und in der Sortenbezeichnung Gamay (Les Gamez) wieder. Offensichtlich wären die französischen Weine ohne den Import albanischer Sorten nach Frankreich nie berühmt geworden. Wenn ganze Sortenschwärme wie Les Cots rouges et Les Cots verts aus Kotë in Albanien stammen, muss Sortengeschichte neu geschrieben werden. Wenn antike Stammsorten zusammen mit ihren Sämlingssorten als Sortengemische nach Frankreich exportiert wurden, was sagen Verwandtschaftsverhältnisse dann noch über die Herkunft aus? Mutter- und Kind-Sorten können genauso gut importiert worden sein, insbesondere dann, wenn französisch vereinnahmte Sorten wie Merlot vor 200 Jahren in Deutschland noch Alicante hießen.

Wurzelechter Gemischter Satz. Foto: Thomas Riedl

Wurzelechter Gemischter Satz. Foto: Thomas Riedl

Aussagekräftiger sind Sortennamen und ihre Bedeutungen wie z.B. Haida. Wer waren die Heiden, deren Weingärten die Walser bei der Kolonisierung des Oberwallis auf künstlich bewässerten Terrassen vorfanden und deren Rebsorten sie nach den vertriebenen Mauren Heidentrauben (Haida / Paien) nannten? Die Häufung von Mohrenkönigen, Morillons (Maurillons), Mouron, Negrettos, Negret, Orious (arabisch für pflaumenblau), Ouron / Mouret (Chatus), Maiolet (tadschikisch: Mai = Rebe), Schirwanern (Servanins, Savagnin), Persern (Persagne, Persan), Barbaren und Heidentrauben im sarazenisch besetzten Alpenraum ist augenfällig. Diese Sorten verdanken wir höchstwahrscheinlich den ostmediterranen Mauren, iranischen Sarazenen und nordafrikanischen Berbern, die wie schon die Römer, Punier, Amorriter, Iberer und Tartasser nordsyrische, iranische und kaspische Sorten in die Kalifate in Nordafrika, Al Andaluz und auf die Balearen importierten, aber offenbar auch zum Sortenspektrum auf dem Westbalkan, in Malta und Sizilien, in Korsika und Sardinien, im Piemont, im Wallis und im Königreich Burgund beigetragen haben. Mehrere Orte mit dem Namen Sarak (Sarrak, Sarrag) in Aserbaidschan und den iranischen Nordprovinzen Alborz, Gilan und Khorasan sowie Khuzestan (Susiana) und Hormozgan im West- und Südiran weisen auf die kaspisch-westiranische Herkunft der Sarazenen hin. Sie wurden gewöhnlich mit den frühmittelalterlichen Mauren gleichgesetzt, die jedoch auf die syrisch-mesopotamischen Amorriter bzw. auf die Mavro in der Region Margiana im Nordiran zurückgehen. Wenig Zweifel bestehen daran, dass auch die oberrheinischen Sorten Da-meron (syn. Pinot rouge, Valais noir), Si-moro (Noir de Lorraine, Noir got, Gros Bec, Cot rouge) und Sa-moreau (Cot, Mal Bek, Negrier) auf den Wortstamm Ceau Moreau (Rebe der Mauren) zurückgehen, ebenso wie Dutzende von Sorten mit den Familiennamen Moret, Moreau, Morineau, Morillon, Moreoté, Morastrel und Negretto. Malbek dürfte von der Stadt Baalbek in der Bekka-Ebene abgeleitet sein. KERNER zeichnete den Dameron (ROUGET) als Clariet rouge, was mit dem Basler und Straßburger Claretwein (Hypokras) korrespondiert, der die Urform des mit Zucker und orientalischen Gewürzen gewürzten Glühweins darstellt. Bereits 1487 wurden im Schweizer Altdorf Weine von Malvoisie, Klaret, Hypokras, Veltliner und Elsässer verköstigt. Es spricht einiges dafür, dass der mit Zimt, Nelken, Muskatnuss, Orangenblüten, Ingwer und Kardamom gewürzte Claretwein auf die Mauren im sarazenisch besetzten Königreich Niederburgund zurückgeht, die im Frühmittelalter keine Probleme hatten, die teuren und seltenen orientalischen Zutaten aus ihrem vom Indus bis nach Westafrika reichenden Weltreich zu beschaffen. Sarrazenen aus Fraxinetum (Freixenet) bildeten die Schutztruppen von Hugo I, König der Lombardei und von Niederburgund.

Nach der Vertreibung der Sarrazenen spielten im Mittelalter der Kreuzzüge und der Reconquista christliche Mönchsritterorden wie die Templer und Kreuzritter sowie genuesische und venezianische Handelskolonisten eine große Rolle, die im Zuge ihrer Unternehmungen auch Edelreisbündel aus Durrazo (Durasa), Koron auf Morea (Walliser Rebsorte Goron), Smyrna (Izmir), Candia (Kreta), Zante, Malvasia (Monemvasia), dem venezianischen Romania (Peloponnes) und Zypern, aus dem Königreich Kleinarmenien (Kilikien, Nordsyrien) und aus dem Gelobten Land (Damaszener) in französischen und norditalienischen Häfen anlandeten. Französische Kolonisten schickten Rebsorten aus dem zuvor maurischen Al Andaluz in ihre südfranzösische Heimat. Die Staufer importierten Sorten aus ihren Besitzungen in Rätien, der Lombardei, Neapel und Sizilien an den Neckar. Herrscherdynastien wie die Habsburger sorgten für die innereuropäische Verbreitung von Sorten aus Spanien und Burgund in die K&K-Monarchie. Im 18. Jahrhundert nach dem Abzug der Türken war die Weinhauptstadt Oedenburg (Sopron) in Westungarn Umschlagplatz für Sortenexporte aus Deutsch Westungarn ins Herzogtum Württemberg. Über Jahrhunderte hinweg wurden diese importierten Sortenfamilien zusammen mit später hinzugefügten Sorten in Mischsätzen gepflanzt. Was heute nach dem Ende der Kleinen Eiszeit noch übrig ist, wurde über Jahrhunderte positiv im winterkalten Klima Zentraleuropas selektioniert. Erst die Klonenzüchter des 20. Jahrhunderts begannen einzelne Klone von Sorten wie Grüner Silvaner, Pinot noir, Ruländer, Riesling oder den Gewürztraminer herauszupicken und massenhaft zu vermehren. Nach Veröffentlichung der Reichssortenliste im Jahr 1929 durfte die große Mehrheit der „ausländischen Sorten“ und „Bastardsorten“ unter Androhung von Strafe gar nicht mehr vermehrt oder gepflanzt werden. Mit jeder Rodung eines Altbestandes wurden die alten Sorten sukzessive aus dem Anbau genommen und durch Monokulturen mit 15, nach dem Krieg nur noch 12 klassifizierten Traditionssorten ersetzt.

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