Drei Flaschen Wein – 2014er Sancerre

Wenn es eine Rebsorte gibt, die im letzten Jahrzehnt wirklich was bewegt hat, dann ist es der Sauvignon Blanc. Das liegt im Zweifel einzig und allein an Cloudy Bay, dem Bestseller, der sich mittlerweile im Portfolio von Louis Vuitton Moët Hennessy befindet. Ein Wein aus Neuseeland, der ein Geschmacksbild des Sauvignon Blanc geprägt hat, das enorm polarisiert. Auf der einen Seite wird in jeder halbwegs gut sortierten Strandbar und in den Cafés der Innenstädte heute im Sommer Wein bestellt, wo es noch vor zehn Jahren ein Bier gewesen wäre. Es ist dann meist Sauvignon Blanc, der weingewordene Hugo. Die Winzer freut es. Denn Sauvignon Blanc ist eine cash cow, die auch auf zweitrangigen Böden gedeiht und hohe Erträge halbwegs verzeiht.

Auf der anderen Seite haben Cloudy Bay und seine zahllosen Epigonen unzählige Weinfreaks zu Sauvignon-Blanc-Hassern erzogen. Denn Sauvignon Blanc wird gerne zum einen mit „grün“ gleichgesetzt (grüne Paprika, Kiwi, Stachelbeere, Gras) und zum anderen mit aufdringlicher Frucht (Grapefruit, Maracuja, Cassis). Dabei hat diese Rebsorte aromatisch so viel mehr zu bieten als das. Und sie ist eine Terroir-Rebsorte, die insbesondere die von Kimmeridgien- und Portlandian-Kalk geprägten Böden rund um Sancerre und Chavignol sowie Pouilly-Fumé sehr klar wiederspiegelt. Wer einen Chablis und einen Sancerre verwechselt, macht sich nicht lächerlich.

Es gibt einige Orte auf der Welt, in denen großartige Sauvignon Blancs erzeugt werden: Südtirol, die Steiermark, das Friaul, Slowenien, Neuseeland abseits von Cloudy Bay & Co., und zukünftig sicher auch in Deutschland. Auch wenn das streitbar ist, kommen für mich die großartigsten Sauvignon Blancs von der Loire, nämlich aus Pouilly-Fumé und Sancerre. Das war an sich schon immer so, obwohl das Image der Loire-Sauvignons in den letzten Jahrzehnten reichlich leiden musste. Jahrelang stand Sancerre in der breiten Öffentlichkeit für einen Wein wie den Chablis, dessen Image durch zu hohe Erträge, eine nachlässige chemische Bodenbewirtschaftung und daraus resultierend schlechte Weine abgewirtschaftet wurde. Die Weine wurden trotzdem gekauft und vor allem im Restaurant bestellt. Warum einen Exoten aus der Steiermark bestellen, wenn ein Sancerre auf der Karte steht? Damit machte man vermeintlich noch nie etwas falsch. Aber Sancerre und Pouilly-Fumé sind keine Selbstläufer mehr, der Selbstläufer heißt jetzt Cloudy Bay.

Moden kommen und gehen und trotz Instagram, Facebook, Delectable und Twitter bleiben manche Qualitätsveränderungen, ja Qualitätsrevolutionen doch manchmal erstaunlich lang unter dem Radar. Bei Sancerre und Pouilly-Fumé ist das der Fall. Mit Ausnahme von Didier Dagueneau und Edmond Vatan, deren Weine recht hochpreisig sind, sind die besten Weine aus dieser ja nicht einmal unbekannten Region für nicht mehr als 30 Euro ab Hof und allenfalls knapp mehr als 40 Euro im deutschen Handel zu haben – kein allzu hoher Preis für den ambitionierten Weinfreund. Das wird nicht ewig so bleiben, aber derzeit ist es noch so. Zeit, sich drei Weine aus dem hochgelobten 2014er Jahrgang anschauen. Es handelt sich jeweils um den Einstiegs-Sancerre dreier traditioneller Weingüter.

Den Anfang macht der 2014 Sancerre “Chavignol” von Gérard Boulay. Mehr als 600 Jahre ist dieses Weingut schon alt und auch Gérard Boulay ist schon eine Weile dabei. 1972 war sein erster Jahrgang. Die Domaine ist klein, 11,5 Hektar werden in Chavignol (dort Sauvignon Blanc), Bué und Crézancy (dort jeweils Pinot Noir) bewirtschaftet. Der Sancerre Chavignol macht ca. zwei Drittel der Produktion des Weinguts aus, von den Lagenweinen Clos de Beaujeu, Monts Damnées und La Grande Côte werden hingegen nur ein paar tausend Flaschen produziert. Der Sancerre Chavignol stammt überwiegend auch aus diesen bekannten Weinbergen, es wird aber die Frucht der jüngeren Reben (was hier ca. 40 Jahre alt bedeutet) verwendet. Als einziger Wein der Domaine wird der Sauvignon Chavignol nicht in Holzfässern ausgebaut, sondern in Edelstahltanks. Er wird leicht filtriert, nicht geschönt und nur sehr schwach geschwefelt.

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Von den drei Sauvignon Blancs dieser Drei Flaschen Wein ist der Boulay der unruhigste und am unfertigsten wirkende. Über mehrere Tage getrunken, wechselt er seinen Ausdruck ständig. Spiegelt er manchmal die unangenehmen Seiten der Rebsorte wieder (grüne Paprika, Gras), so kommt nur Minuten später eine schön reife Frucht durch. Die Säure ist recht prägend, zitronig und frisch. Ein recht kräftiger Extrakt puffert die Säure aber ab, so dass sie nicht spitz, sondern harmonisch wirkt. Das ist ein großartiger Einstiegs-Sancerre, der sich aber aktuell etwas jugendlich-ungestüm-nervös trinkt.

Den Sancerre Chavignol gibt es bei Weine Visentin für ca. 17 Euro.

Ganz anders als der Boulay ist der 2014 Sancerre “La Moussière” von Alphonse Mellot. Das ist wie Boulays Sancerre Chavignol der Einstiegs-Sancerre bei Alphonse Mellot. Er kommt nur aus einer Lage, nämlich La Moussière nahe des Städtchens Sancerre. Die Familie Mellot, deren Weinbaugeschichte bis in das Jahr 1513 zurückgeht, ist der einzige Besitzer in der Lage La Moussière, einem 30 ha großen Weinberg auf Kimmeridge-Kalk. Aus diesem Weinberg produziert die Domaine drei Weine: die Prestige-Cuvées Edmond und Génération XIX sowie den Basis-Wein der Domaine, in den die Frucht junger (ca. 5 Jahre alt) und älterer Reben (bis ca. 40 Jahre alt) einfließt. Die Domaine ist bio-zertifiziert und befindet sich in Umstellung auf biodynamischen Weinbau. Der Sancerre La Moussière wird ca. acht Monate zur Hälfte in Holzbottichen und zur anderen Hälfte in gebrauchten 228 l Fässern ausgebaut. Mehr als 200.000 Flaschen werden von diesem Wein jedes Jahr abgefüllt.

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Ist der Boulay Sancerre Chavignol nervös und unruhig, findet sich im La Moussière eine beeindruckende Non-Chalance und Harmonie wider. Der Wein ist erstaunlich ähnlich in der Nase wie die Vorgängerjahrgänge – eher fruchtbetont (Aprikose, Zitrone), aber nicht von Primärfrucht geprägt. Im Vordergrund stehen eher Harmonie und Souplesse. Im Mund beeindruckt der La Moussière mit einer sehr schönen Dynamik und viel Schwung ohne Druck. Wie auch schon beim Boulay zeigt sich die für den 2014er Jahrgang offenbar stilbildende lebhafte Säure, die aber auch hier fein und nicht grob wirkt. Wegen seiner schon jetzt beispiellosen Eleganz und Harmonie trinkt sich der Mellot vielleicht gerade einen Tick besser als der Boulay, aber da geht es um Nuancen.

Zu haben ist der 2014er La Moussiére für 19 Euro bei Feine Weine.

Zum Schluss noch mal was ganz anderes. 2014 Sancerre Les Caillotes von François Cotat. François Cotat ist neben seinem Cousin Pascal, Edmond Vatan (Clos de la Neoré), Gérard Boulay, Vacheron und Benjamin Dagueneau im Zweifel einer der Kultwinzer aus Sancerre. In Deutschland sind beide Cotats eher unbekannt, in England und den USA hingegen reißen sich die Sommeliers und Weinhändler um die paar Flaschen, die François Cotat von seinen nicht mal 5 Hektar Weinbergen erzeugt. Cotat ist Nachbar von Gérard Boulay in Chavignol und hat seine Reben in denselben Weinbergen stehen: La Grande Côte, Les Monts Damnées, Cul de Beaujeu. Erst vor ein paar Jahren stieß der Weinberg hinzu, aus dem der Les Caillotes erzeugt wird. Der Kalkboden ist hier von kleinen Kieseln durchsetzt und die Reben – im Vergleich zu den anderen Weinbergen von François Cotat – relativ jung (ca. 15 Jahre). Zeichnen sich die Weine von Cotat allgemein – je nach Jahrgang – durch ihre Sperrigkeit in der Jugend, eine gewisse Opulenz und manchmal auch eine spürbare Süße aus, ist Les Caillotes ein früher zugänglicher Wein.

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Der 2014er Les Caillotes ist sofort nach dem Öffnen da. Er ist farblich der hellste der drei Weine und unterscheidet sich auch in der Nase nennenswert von dem Boulay Chavignol und dem Mellot La Moussière. Frucht ist hier weitgehend Fehlanzeige, etwas Zitrone und Limette können allenfalls erahnt werden. Vielmehr zeigen sich hier zum einen Kalk und Feuerstein und zum anderen pflanzliche Noten, vorallem Brennnessel, Koriander, Holunderblüte und Aloe Vera. Im Mund beginnt er sehr speziell, anfangs fast stumpf, bereits im Antrunk knalltrocken und extrem karg, dann entfaltet sich aber eine faszinierende Aromenfülle, die von einer laserstrahlartigen Säure getrieben ist. Nach ein paar Tagen offen wirkt die Säure harmonischer, die kreidige Kargheit ist aber immer noch stark zu spüren. Erstaunlicherweise passt der Wein besonders gut zu säuregeprägtem Essen (Falafel mit Tomatensalsa und Paprika mit Zitrone), die Säure des Weins und die Säure des Essens harmonieren miteinander und potenzieren sich nicht.

Von den drei Flaschen Sancerre ist der Cotat mit ziemlich großem Abstand der spannendste Wein, auch wenn das Niveau des Boulay und des Mellot schon sehr, sehr hoch ist. Leider ist der Wein auch der Gefragteste der drei Weine und deshalb mittlerweile ausverkauft. Gekauft wurde er für 27 Euro bei La Vinotheque du Sommelier.

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