Drei Flaschen Wein: Nicaise, de Souza, Vouette & Sorbée

Letzte Woche war ich mal wieder zu Gast in meiner alten Bonner Weinrunde und gleichzeitig Co-Gastgeber. Das Thema war Schaumwein und wie es so ist, brachten die meisten Champagner mit. Einige der schönsten Exemplare des Abends waren gereift und man bekommt sie wahrscheinlich nicht mehr. Den Paul Bara 2002 Special Club zum Beispiel. Paul Para ist ein  Haus, das in Bouzy angesiedelt ist und entsprechend vom Pinot Noir geprägte Champagner füllt. Chantale Bara, die das Haus leitet, ist Mitglied in der Winzervereinigung Trésors de Champagne wo auch Chiquet, Gimmonet oder Lassalle Mitglieder sind. Einmal im Jahr suchen sie in ihrer Vereinigung einen Chamapgner aus, der dann die Bezeichnung Special Club erhält, weil er in den Augen der Winzer genau das Ideal der Gruppe widerspiegelt. Im Ausnahmejahr 2002 war es ein Pinot Noir Brut von Bara und der hatte es in sich. Er war, amüsanter Weise, der einzige Brut-Schaumwein des gesamten Abends. Alles Andere war Brut Nature oder Extra Brut. Die Special Clubs sind immer sehr weinige, recht üppige und hedonistische Champagner, die eigentlich immer über ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis verfügen. Es gibt den Bara 2002 allerdings in der “normalen” Ausführung bei Champagne Characters. Inwieweit er sich unterscheidet, kann ich nicht beurteilen.

champagner_nicaiseNun aber zu den Champagnern, die ich vorstellen möchte. Der eindeutige Preis-Genuss-Sieger des Abends war der Extra Brut Millésime 2007 Champagne Louis Nicaise. Das 1928 gegründete Haus wird von Laure und Clément Nicaise in Hautvilliers geführt, also dort, wo der berühmte Dom Pérignon gewirkt hat. Clement hat ein Jahr lang bei Anselm Selosse gearbeitet und die beiden zählen Aurelien Laherte und die Bérèches zu ihren Freunden und Inspirateuren. Ähnlich grün und gepflegt sehen auch die Weinberge aus. Im Gegensatz zu Laherte und Bérèche sind die beiden heirzulande noch so gut wie unbekannt. Lediglich bei Wine in Black tauchen schon mal Weine von Nicaise auf. Diese Flasche jedoch wurde direkt ab Hof gekauft und zwar für sage und schreibe € 20,-. Ja, das gibt es natürlich noch in der Chamapgne, man muss nur hinfahren und suchen und dann das Glück haben, bei einem so mustergültigen Betrieb vorbei zu kommen.

Obwohl 2007 kein einfacher Jahrgang war, der nur dadurch gerettet wurde, dass es ab Ende August endlich Sonne gab, haben Laure und Clément bei dieser Cuvée aus 50% Chardonnay und 50% Pinot das Beste rausgeholt. Nach zwei warmen Jahren war 2007 wieder ein säurebetonter Jahrgang. Der befindet sich jedoch in schöner Balance mit satter Frucht (roter, reifer Apfel, Zitrusfrucht in Orange), Kräuter, Blüten und einem schönen Hauch Brioche. Nicht zu kompliziert aber mit großem Trinkfluss. Ein Chamapgner, wo man sich direkt ne Kiste kaufen möchte.

champagner_souzaEine meiner frühesten Champagne-Erfahrungen war eine mit dem Champagne-Haus de Sousa. Die Kinder portugiesischer Einwanderer haben das Haus in Avize an der Côte des Blancs gegründet und es wird seit langer Zeit nach biodynamischen Prinizpien geführt. Ich habe das Haus hier schon mal ausführlicher vorgestellt. Die Weine sind praktisch immer rein Chardonnay (außer dem Rosé natürlich) und immer von Battônage geprägt. Damit bezeichnet man das Aufrühren der Hefe während der Reifung im Fass. Manchmal war mir das zwischenzeitlich zu üppig doch insgesamt mag ich den etwas fülligeren Stil des Hauses immer wieder gerne. Und, seitdem die Kinder stärker beteiligt sind, ist der Stil etwas schlanker und vielleicht noch präziser geworden. Die Cuvée Mycorhize Grand Cru Extra Brut Champagne de Sousa & Fils liegt ganz am Anfang ihrer Trinkreife. Ihr Name steht für die Verbindung der Pflanzenwurzeln und den Pilzen, die das Bodenleben prägen. Man steht noch am Anfang der Forschung, weiß aber, dass es eine ausgeprägt Symbiose zwischen Pflanzen und Pilzen gibt, die sich gegenseitig mit Nährstoffen und Mineralien versorgen. Glyphosat, die Allzweck-Chemie-Waffe für den Wein- und Gartenbau tötet diese Myccorhiza komplett ab, auch das weiß man. Biodynamisch arbeitende Winzer aber versuchen natürlich, genau dieses Bodenleben zu fördern und so  ist der Champagne quasi eine Hommage daran. Der 2012er Jahrgang wurde Ende 2015 degorgiert. Der Chardonnay kommt ausschließlich von Grand-Cru-Gärten der Côtes des Blancs, die ausschließlich mit dem Pferd bearbeitet werden.

Der Wein zeigt eine ganz wunderbare Balance zwischen reifer Frucht und den typischen Autolyse-Hefe-Brioche-Noten, die ein Champagner von De Sousa immer hat, und einer enormen mineralischen, säurebetonten Frische, die wie eine Welle über die Zunge schwappt und von Salz- und Mentholnoten begleitet wird. Diese Attacke wird mit drei Gramm Dosage abgepuffert, bleibt aber die gesamte Zeit über erfrischend präsent. Was dann folgt, finde ich bei De Sousas Champagnern im speziellen, aber natürlich insgesamt bei im Holz ausgebauten Blanc de Blancs von den Côtes des Blancs immer wieder beeindruckend: die Frische und die Säure sind zwar mehr als präsent, doch das Holz (und die Battônage) samt biologischem Säureabbau puffern diese Attacke und der Champagner wirkt am Gaumen trotzdem weich. Dabei hat der Mycorhize, von dem leider gerade mal 1.200 Flaschen hergestellt werden, eine große Dichte und Länge mit einem Finish, das von gelber Frucht und Gewürzen geprägt wird.

champagner_fideleNach einem Champagne-Besuch im April bin ich noch überzeugter davon, dass Bertrand Gautherot a.k.a Vouette & Sorbée zu den innovativsten Kräften der gesamten Champagne-Szene gehört. Ich habe ihn hier bereits vorgestellt. Das Champagne-Haus ist nach den beiden wichtigsten Weinbergen benannt und liegt weit unten an der Aube, also dort, wo die Böden nicht von Kreide sondern von Kalkstein geprägt sind. Gautherot ist weniger ein strickter Biodynamiker im Kopf als im Weinberg, ist aber seit 1998 demeter-zertifiziert. Übrigens war es auch hier der (Über)-Vater Anselm Selosse, der entscheidenden Einfluss auf Gautherot hatte und ihn in den 90ern überredet hat, seine eigenen Weine zu machen. Zum Glück! Im April habe ich sein neuestes Werk probiert, einen reinsortigen Pinot Blanc aus der Amphore, was für die Champagne natürlich total ungewöhnlich ist, aber zu den drei beeindruckendsten Erlebnissen gehörte, die ich unter ca. 300 im Laufe einer Woche probiert habe.

Der erste Wein, den er überhaupt gemacht hat, ist der Fidèle Blanc de Noirs Vouette & Sorbée: reiner Pinot Noir vom Kimmeridge-Kalk der Lagen Biaunes und Vouette. Wir probierten den R08, der also aus dem Jahr 2008 stammt und höchstens sieben Prozent Reserve-Wein aus einer Mini-Solera beinhaltet. Er war in Top-Verfassung und jetzt sehr schön auf dem Punkt. Der Kalk bringt natürlich eine ganz andere Spannung in den Wein als wenn der Pinot jetzt zum Beispiel aus Bouzy käme. Hier spielt das Kristalline, die Transparenz, die Klarheit und das Pure die wichtigste Rolle. Die Farben dieses Champagners liegen im hellroten Bereich von roten Beeren über einen roten Apfel bis zu Blutorangen und Pomelos. Dazu gesellen sich Blüten und Kräuter. Der Wein hat eine faszinierende Länge, eine schöne Tiefe und präsentiert sich ganz harmonisch rund. Fidéle und Mycorhize gibt es vinaturel.

 

 

 

 

5 Kommentare

  1. In der Tat großartige und einzigartige Champagner.
    Haben nur einen Schönheitsfehler: keiner kann sie nicht ab Hof kaufen.
    Geschlossene Tore, oder aber arrogant abgewiesen, wenn überhaupt zugänglich.
    Ich persönliche halte nicht davon, solchen entrückten und arroganten Winzer Geltung zu verschaffen.
    L’art pour l’art.
    BM

  2. Nun, der Nicaise war ab Hof und es gibt immer noch viele, die mit Terminvereinbarung ab Hof verkaufen…. Gerade waren Bekannte dort und haben bei Agrapart, Bara, Gimmonet, Huré, Vergnon und anderen gekauft.

  3. Bernhard Meyer

    Rechtlich gesehen sicher nicht. Ist aber üblich unter den RM da diese oft einen großen Teil der Weine direkt verkaufen an Belgier, Holländer, Schweizer und Engländer die in die Region kommen.
    Im übrigen ist jeder dieser RM seines eigenen Glückes Schmied.
    Es gibt so viele gute Champagner mit freundlichen Winzern; warum nicht diese hervorheben statt die Abweisenden?

  4. Bernhard Meyer

    Vouettte et Sorbée empfängt nicht, kein Verkauf ab Hof und er führt eine Warteliste selbst für professonelle Käufer. Toller Champagner, ohne Zweifel.
    Wie Peters oder Larmandier-Bernier, denen ebenfalls der Erfolg in den Kopf gestiegen ist. Schade dass diese Winzer abgehoben haben, ich kannte sie noch, als sie bescheidener waren. Sic transit gloria mundi.
    Muß nicht sein, es gibt auch auch Gegenbeispiele: z.B. Pierre Gimonnet, Montcuit u.a.

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