Was den 40. Geburtstag des Judgment of Paris noch aktuell macht

Über das Judgment of Paris ist ja schon häufig geschrieben und gesprochen worden. Das von Steven Spurrier organisierte Tasting im Paris des Jahres 1976 hat eine immense Bedeutung erlangt. Eigentlich war es just for fun angesetzt worden. Vor allem, um mit Spurriers Laden und Weinschule ein bisschen Presse in Paris zu bekommen. Doch hat sich dieses Tasting, wo einige der versiertesten Verkoster Frankreichs und ein einzelner Time-Magazin-Journalist namens George M. Taber anwesend waren, zu einem singulären Ereignis der Weinwelt entwickelt. Es wurden – um es doch noch mal kurz aufzurollen – kalifornische Chardonnay mit besten Gewächsen aus dem Burgund verkostet und kalifornische Cabernet Sauvignons mit Cabernet-lastigen Grand Cru des Médoc. Was damals keiner erwartet hat – auch nicht der Organisator Steven Spurrier – war, das in beiden Kategorien kalifornische Weine den ersten Platz erringen würden. Für die französischen Verkoster wie Odette Kahn, die Herausgeberin der Revue du Vin de France oder Aubert de Villaine, dem Miteigentümer der Domaine de la Romanée-Conti war das ein Affront. Die französische Presse hat das Ereignis später stark herunter runterzuspielen versucht und Steven Spurrier bekam in vielen Weingütern Hausverbot – und das, obwohl er eigentlich ein hochangesehener Händler französischer Weine war und mit kalifornischen Gewächsen überhaupt nichts zu tun hatte.

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Mitte der 1970er Jahre aber war es noch so, dass in der Weinwelt Frankreich alles zählte und der Rest so gut wie nichts. Die “Neue Welt” war nicht existent, in Europa gab es sonst nur Madeira, Sherry, Port und vielleicht noch deutsche Auslesen. Italien kam auf der Weinlandkarte kaum vor, ebensowenig die iberische Halbinsel – von einigen wenigen Icon-Weingütern mal abgesehen. Das alles ist heute kaum noch vorstellbar. Doch die Veränderung von damals zu heute führt über jenes Ereignis in Paris, das in diesem Jahr seinen 40. Geburtstag feiert. Obwohl George M. Taber, der darüber ein durchaus lesenswertes Buch geschrieben hat, nur eine Randnotiz auf der vorletzten Seite der Times verfassen konnte, hat diese ausgereicht, um eine enorme Aufmerksamkeit zu bekommen. Das Tasting war so etwas wie eine Initialzündung für den kalifornischen Weinbau und in Folge dessen für den gesamten Übersee-Weinbau.

Gewonnen hat das Rotwein-Tasting  der 1973er Stag’s Leap Wine Cellars Cabernet Sauvignon des Weinmachers Warren Winiarski. Der aus der polnischen Community von Chicago stammende Winiarski war eigentlich Uni-Dozent, hatte einen Studienaufenthalt in Italien hinter sich, wo er sich für Wein begeistert hat, wollte für sich und seine Frau irgendwann ein anderes Leben als das der grauen Großstadt und ist Mitte der 1960er mit etwas mehr als Nichts nach Kalifornien ausgewandert um dort Weinmacher zu werden. Er wurde Assistent von André Tchelistcheff der ebenso sein Wurzeln in Osteuropa hatte wie die Famiie von Winiarski und wie übrigens auch Mike Grgich, der den Chardonnay gemacht hat, der das Judgment of Paris der Weißweine gewonnen hat. Nach seiner Lehrzeit hat Winiarski nach einem geeigneten Stück Land gesucht, es im Stag’s Leap District gefunden, Geldgeber gesucht und gefunden und im Jahr 1970 sein Weingut gegründet. Im Herbst 1970 hat er die ersten Cabernet-Sauvignon-Reben gepflanzt. Im Jahr 1973 hat er die ersten Trauben geerntet und 1976 mit diesem Wein 1970er und 1971er Gewächse von Mouton-Rothschild, Haut-Brion, Leoville Las Cases und Montrose geschlagen.

Copyright: Stag's Leap Wine Cellar

Copyright: Stag’s Leap Wine Cellar

Es dürfte kaum ein Zweifel bestehen, dass ein solches Tasting eine Momentaufnahme ist und  nur begrenzten Aussagewert hat. Auch wenn das Ergebnis natürlich bemerkenswert ist. Was ich viel erstaunlicher finde, ist der Umstand, dass dieser Wein beim 30th Years Anniversary Tasting, quasi einem Reenactment, das ebenfalls von Steven Spurrier und seiner damaligen Assistentin Pat Gallagher zu beiden Seiten des Atlantiks organisiert wurde, knapp hinter dem 1971er Ridge Monte Bello den zweiten Platz belegt hat.

Was mir vor der Lektüre des Buches gar nicht so ganz klar war, was mich irritiert und auch etwas ratlos macht ist, dass wir Weinleute ständig von alten Reben und Tradition reden, vom Wert alter Reben, von der Tiefe und Komplexität, die solche Reben hervorbringen, dass das Alter der Reben entscheidend dafür sei, dass auch die Weine altern können. Und da kommt dann so ein 1973er Stag’s Leap, der das zwar nicht in Frage stellt, wohl aber zeigt, dass auch ein Wein von völlig jungen Reben auf einem erstmals mit Weinreben bepflanzten Boden von einem vergleichsweise noch unerfahrenen Weinmacher ohne jeglichen weinbaulichen Hintergrund ein genauso beeindruckendes Ergebnis liefern kann. Dass ein Wein von einem drei Jahre alten Weinstock auch nach dreißig Jahren noch Hochgewächse wie Haut-Brion und Mouton auf die Plätze verweisen kann. Oder, wenn man den Wein einfach nur für sich nimmt, was mir persönlich eher behagt, immer noch ein hervorragender Wein sein kann. Es zeigt mir, dass wir immer noch sehr wenig wissen von dem, was in der Pflanze und im Boden passiert. Dass wir viel zu schnell in Kategorien denken, statt offen zu sein. Dass wir Dinge schnell als gegeben annehmen und vertreten, die oft nicht wirklich haltbar sind. Und, dass wir der Natur und auch den Weinmachern gegenüber demütig sein sollten statt ständig alles, was wir nicht kennen oder zunächst nicht verstehen, klein zu machen.

Das macht das Judgment of Paris für mich auch vierzig Jahre später noch aktuell.

Das Buch zum Ereignis von George Taber ist dies hier. Außerdem gbit es einen müsanten Film, der aber Popcorn-Kino ist. Er heißt Bottleshock.

3 Kommentare

  1. Thomas Riedl

    Hallo Christoph,

    Danke für Deinen besonnenen und selbstkritischen Kommentar und Deine hintergründige Nachlese. War ein Volltreffer! Ich lese Deinen Artikel, während ich ausgerechnet drei Proben mit Weinen von z. T. uralten Reben vorbereite: Wurzelechte Gemischte Sätze aus dem Jg. 2015, Weine von alten Silvaner-Reben und Rotweine von alten Portugieser-Reben.

    Darum werde ich mich hüten und nicht behaupten, dass nur Weine von alten Reben etwas taugen. Anschließende Hausverbote habe ich sicher nicht zu befürchten, weil ich keine “Heiligen Kühe” schlachte.

    Nebenbei: “Weine von Junganlagen” wäre auch mal ein Thema, oder?
    Oder “How you can drink perfect Riesling without buying Grosses Gewachs” – Dann klappt’s vielleicht doch mit den Hausverboten 😉

    Herzliche Grüße

    Thomas

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  3. Jürgen Steinke

    Auch der 1985er Sassicaia, der als bester Wein des Gutes gilt und an 86 Mouton erinnert, stammte von blutjungen Reben. Nicht zu vergessen viele der sensationellen 61er Bordeaux, die ja Neuanpflanzungen nach dem verheerenden 1956er Frost waren. So muss man also die oft zu Marketingzwecken benutzte Formel “alte Reben – Vielles Vignes” – doch auch mit einer gewissen Skepsis betrachten.

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