In Portugal oder die Suche nach der Reinsortigkeit (1): Alvarinho

Kürzlich war ich im Minho. Das ist das grüne Gebiet im Norden Portugals, das schon an den Ufern des Douro beginnt und am Grenzfluss zu Spanien, eben dem Minho endet. Viel besser bekannt ist der Landstrich als das Ursprungsgebiet des Vinho Verde. Vinho Verde kennt so gut wie jeder. Der Weißwein, so meint man, ist der typische spritzige, leicht moussierende, leicht süßliche Sommerwein mit wenig Alkohol, der keinem weh tut. Er hat den Blick auf das Weinland Portugal genauso geprägt wie Mateus Rosé und Portwein. Vinho Verde ist einerseits ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, andererseits schränkt er den Blick ein. Denn zum einen gibt es in Portugal viel mehr zu entdecken als Vinho Verde und zum anderen beschränkt sich Vinho Verde eben nicht nur auf die oben angesprochenen Attribute.

morgenstimmung

Dass Portugal viel mehr ist als der leichte, moussierende Sommerwein, der Rosé in der Boxbeutelflasche und Portwein, der hierzulande fast ausschließlich in supermarktkompatibler Qualität konsumiert wird, wird in den letzten Jahren immer stärker offensichtlich. Auch wenn es ein langsamer, fast schleichender Prozess bleibt. Immerhin haben Botschafter wie beispielsweise Dirk van de Niepoort sehr viel dafür getan, den Blick auf Portugal zu erweitern. Um Dirk van de Niepoort und seine Kollegen der Douro Boys geht es allerdings erst später, in einem weiteren Teil dieser Kleinserie. Der aktuelle Teil handelt von einem gnadenlos unterschätzen Weintyp und seiner bekanntesten Rebsorte.

Wer sich ein wenig mit portugiesischem Weinbau beschäftigt, der stolpert schnell über die immense Anzahl an Rebsorten, die das vergleichsweise kleine Land zu bieten hat. Diese autochthonen Rebsorten, die man teilweise noch im Nachbarland der iberischen Halbinsel, in Spanien findet, sind ein riesiger Schatz, der mindestens 400 unterschiedliche Rebsorten umfasst. Dass diese große Anzahl unterschiedlicher Rebsorten tatsächlich einen Wert darstellt, war den meisten dortigen Winzern allerdings lange Zeit nicht bewusst. Es ist nicht anders zu erklären, dass über Jahrzehnte hinweg alten Weinanlagen mit gemischten Sätzen voller seltener Rebsorten gerodet und durch bekannte Rebsorten, teils portugiesischer, teils internationaler Art ersetzt wurden. Es ist kein spezifisch portugiesisches Phänomen, dass man die alten Sorten und Klone nicht zu schätzen wusste. Das dürfte gerade in den tiefsten Tiefen der 1970er und 1980er Jahre, wo auch in unserem Land alles, was ging durch Müller-Thurgau ersetzt wurde, europaweit so gewesen sein. Schade ist es trotzdem. Und immerhin hat sich der Blick bei vielen in den letzten Jahren geändert und erweitert.

Copyright: C. Raffelt: Alvarinho

Copyright: C. Raffelt: Alvarinho

Alvarinho
Üblicherweise sind portugiesische Weine Cuvées. Auch das stammt noch aus der Zeit der gemischten Sätze, wo die Cuvée ja quasi schon im Weinberg entstanden ist. Egal wo man hin schaut in Portugal, die Weine sind bis heute nur selten reinsortig ausgebaut. Und wenn, dann ist das ein Phänomen des letzten Jahrzehnts. Entsprechend kennt man noch kaum die portugiesischen Rebsorten – bis auf wenige Ausnahmen. Eine Ausnahme ist der Alvarinho. Und der hat seine Bekanntheit auch nicht unbedingt den portugiesischen Winzern zu verdanken sondern zunächst einmal den spanischen auf der anderen Seite des Minho, in Galizien, genauer gesagt in den Rias Baixas, wo die Sorte Albariño genannt wird, was so viel heißt wie die „die Weiße von Rhein“. Ihren Namen hat sie daher, dass sie tatsächlich geschmacklich und auch vom aussehen eine gewisse Ähnlichkeit zum Riesling aufweist und man lange davon ausgegangen ist, dass Zisterziensermönche sie irgendwann zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert vom Rhein über den Jakobsweg bis ins spanisch-portugiesische Grenzgebiet gebracht haben könnten. Neuere DNA-Tests konnten das widerlegen, die Sorte hat nichts mit dem Riesling zu tun. Sie hat vielmehr eine enge Verwandtschaft zum Loureiro, der zweiten wichtigen Rebsorte des Vinho Verde. Der Loureiro – übersetzt heißt das so viel wie Lorbeer – ist ebenfalls eine alte Sorte, die rund um den Minho beheimatet ist. Ihr Name dürfte vom häufig vorkommenden Lorbeer-Aroma stammen, dass sich neben Orange, Akazienblüte und Apfel als Primäraroma der Sorte findet. Sie ist weniger blumig als der Alvarinho und wirkt, sortenrein ausgebaut, immer etwas breiter, während der Alvarinho etwas fokussierter, geradliniger und ein wenig frischer scheint, wenn auch ein wenig stärker im Alkohol. Diese beiden Sorten sind die wichtigsten im Vinho Verde und auch die, denen man am ehesten reinsortig begegnet. Entsprechend der unterschiedlichen klimatischen Gegebenheiten vom Douro hoch bis zum Minho und vom Atlantik bis ins Hinterland von Amarante ist der Anbau der Rebsorten weitgehend aufgeteilt. Loureiro findet man vor allem im direkten atlantischen Einfluss der Subregionen Lima, Cávado und Ave, Alvarinho in der Subregion Monção e Melgaço ganz oben im Norden. Dort hat ein Winzer zunächst fast im Alleingang für eine deutliche Steigerung der Bekanntheit von Alvarinho gesorgt.

Anselmo Mendes
Sein Name ist Anselmo Mendes und er ist in Portugal eine Institution. Ich denke, man übertreibt nicht, wenn man behauptet, dass Mendes sich mit seiner intensiven Auseinandersetzung mit Vinho Verde und seinen Rebsorten und der Art, wie er sie interpretiert und ihnen ihre Eigenheiten lässt, zum wichtigsten Vertreter des Vinho Verde und vielleicht sogar der gesamten handwerklichen Weißweinproduktion Portugals geworden ist. Er hat gezeigt, dass Vinho Verde mehr ist als ein schlankes Weinchen. Das haben natürlich im Vinho Verde auch schon andere vor ihm gewusst, einer derjenigen war João Antonio Cerdeira, der bereits 1974 die ersten Alvarinho-Reben angepflanzt hat und 1982 die Quinta de Soalheiro eröffnet hat. Doch nicht mal er hat so konsequent für Aufsehen rund um diese weiße Rebsorte gesorgt.

Copyright: C. Raffelt. Muros Antigos

Copyright: C. Raffelt. Muros Antigos

Mendes hat als Grundlage eine eher typische Vinho-Verde-Cuvée im Programm. Typisch heißt hier, dass er die wichtigsten drei Rebsorten für den Wein nutzt, der leicht und trocken daher kommt und ohne Mousseux. Mousseux, also das leicht Perlende, was man mit Vinho Verde in Verbindung bringt, ist bei ernsthaften Weinmachern dort eigentlich verpönt. Es ist ein Gag, den sich die großen Erzeuger weiterhin erlauben, weil man das halt lange so gemacht hat. Entstanden ist die leicht Perlung aus einem ähnlichen Grund, weshalb Champagne entstanden ist. Beide Weine konnten oft im kalten Winter am Minho (oder der Champagne) nicht richtig durchgären. Wurde es im Frühling wärmer, kam die Gärung wieder in Gang. Da waren die Weine aber möglicherweise schon auf Flaschen gefüllt und selbst im Fass sprudelten sie dann irgendwann vor sich hin. Während man in der Champagne daraus ein eigenes Schaumweinverfahren entwickelt hat, pumpt man beim einfachen Weißwein einfach ein wenig Kohlendioxyd in den Weintank (wie beim Prosecco, nur nicht so viel). Das CO2 braucht der Muros Antigos 2015 von Anselmo Mendes nicht. Er lebt von der feinen (und nicht etwa aufgesetzten) Frucht und den floralen Elementen, von der Säure und der damit verbundenen Frische. Ein schöner, sehr erfrischender Weißer, der unkompliziert ist, aber nicht langweilig und der im allgemeinen, wenn man ihn denn bekommt, keine sieben Euro kostet.

Spannender ist es natürlich, die drei darin enthaltenen Rebsorten Loureiro, Avesso und Alvarinho nebeneinander zu probieren. Avesso? Was es damit auf sich hat, da komme ich später noch zu. Der Muros Antigos 2015 Loureiro zeigt sich aromatisch kühler als die Cuvée, erdverbundener, steiniger, darüber floral mit einer Kernobstnote und viel Säure. Der Muros Antigos 2015 Avesso ist aromatisch ganz hell, in der Nase zurückhaltend und so klar wie das Meer am Atlantik. Er hat auch ein wenig von dieser Salzigkeit und und zusammen mit der Säure wirkt der Wein sehr, sehr mineralisch. Der Muros Antigos 2015 Alvarinho gibt sich dagegen viel saftiger mit gelber Frucht und leichter Würze. Auch hier besticht die klare, unverfälschte Säure. Ebenso spannend ist es, neben dem klassisch ausgebauten Alvarinho den Alvarinho Contacto 2015 zu probieren. Der hatte zwölf Stunden Kontakt mit den Schalen, schmeckt nach einem niedrigeren pH-Wert, zeigt natürlich mehr Würze und mehr Textur bei einer leichten Cremigkeit und einem Gefühl, als würde man auf einem Kieselstein lutschen. Dazu kommt eine animierende Zitrusfrische samt deren herber Note und dann schaut dann noch so ein vorwitziger Streifen Schinkenspeck um die Ecke und fragt sich vielleicht, was er da eigentlich soll, in so einem Sommerwein. Nein, der Contacto ist nicht einfach nur ein banaler Sommerwein (die anderen natürlich auch nicht), doch vor allem der Contacto passt auch zu einer winterlichen, frischen Küche. Um noch mal zurückzukommen auf den Muros Antiguos Alvarinho… Den haben wir vor Ort auch noch aus dem hervorragenden Jahrgang 2009 probiert. Und da zeigt sich ein erstes Mal die Alterungsfähigkeit der Rebsorte, die sich im Alter durchaus einer Riesling-Charakteristik annähert mit ihrer leichten Petrol- und Schwarzteearomatik, einer Frucht, die nur noch leicht mitschwingt und der Mineralik der Granitböden die Bühne überlässt.

Copyright: C. Raffelt. Weine von alten Trokenmauern. Cuvée, Loureiro, Avesso, Alvarinho

Copyright: C. Raffelt. Weine von alten Trokenmauern. Cuvée, Loureiro, Avesso, Alvarinho

Alvarinho aus dem Holz
Was folgt sind vier Interpretationen des Alvarinho, die Mendes zu einem der großen Weißweinmacher Portugals macht. Das beginnt mit dem im Holz ausgebauten Muros de Melgaço, der Heimatgemeinde Mendes’. Der Wein ist eine Institution auf Portugals Weinkarten und hat vielleicht irgendwann mal ähnliche Diskussionen ausgelöst wie die Weine Stephan Attmanns, als er als neuer Weinmacher bei von Winning die großen Lagen der Pfalz ins Barrique gelegt hat. Riesling im schmeckbaren Barrique? Alvarinho im kleinen, frischen Holzfass? Ja, kann man machen. Mendes verbindet eine durchaus passende, präsente, aber nicht überbordende Holznote mit einem leicht oxydativ ausgebauten Alvarinho, der nach ein wenig Apfelmost duftet, dann aber den frischen roten und gelben Äpfeln den Vortritt lässt. Der Wein wird während seines sechsmonatigen Ausbaus immer wieder aufgerührt. Das gibt ihm eine Cremigkeit, die aber in gewissem Maße konterkariert wird durch die helleFrische der Rebsorte, durch das Grapefruit, dass nun immer offensichtlicher wird, durch die salzige Frische, die ebenfalls immer stärker wird, je länger sich der Wein im Glas befindet. Im gleichen Wein aus dem Jahr 2009 wird die Wandlungsfähigkeit der Sorte noch offensichtlicher. Mit Holz wird der Alvarinho cremiger, ja schmelziger, weicher in der Textur, noch gelbfruchtiger und trotzdem durchzieht bei allen gereiften Alvarinhos ein feiner, betonter Säurenerv die Struktur. Alvarinho und reife passt definitiv zusammen. Mit dem Expressões, Curtimenta und Parcella Unica schraubt Mendes die Ausdrucksstärke des Alvarinho noch höher. Der Expressões 2014 lag sieben Monate in zweitbelegten, französischen Barriques. Das Holz ist trotzdem deutlich spürbar, mir zu stark spürbar. Die Frucht ist voll, saftig, gelbfruchtig, am Gaumen cremig und dürfte im Einsatz mit Fisch und Beurre Blanc viel Spaß machen. Aus der Reihe der holzbetonten Weine hat mir der Curtimenta 2012 am meisten Spaß gemacht. Er erinnert mich mit seiner leichten Reduktivität und dem präzisen Holzeinsatz ein wenig an Dirk van den Niepoorts Coche. Hier lag der Alvarinho 24 Stunden auf den Traubenhäuten, bevor gepresst wurde. Danach wurde er bis Mitte 2013 in 400-Liter-Fässern ausgebaut. die Präsenz, die Klarheit in der Frucht, das Holz, die Struktur und die Säure passen sehr stimmig zusammen. Ein exzellenter Wein und für mich im Stil deutlich besser zur Rebsorte passend als der voluminöse Parcella Unica 2013, der neun Monate in neuer französischer Eiche lag und bei dem sich über die Zeit hinweg zeigen muss, wie sich das Holz integriert und sich der Alvarinho entwickelt.

Copyright: C. Raffelt, Mendes’ Alvarinhos aus dem Holz

Copyright: C. Raffelt, Mendes’ Alvarinhos aus dem Holz

Das Schmankerl zum Schluss der Probe war ein Curtimenta 2009, der leicht süße Fruchtnoten mit Candy, Karamell, Käse und Pilz verbindet und mit Luft immer stärker in die Salzkaramell-Richtung geht. Die EIche ist deutlicher spürbar als beim 2012er, dessen Stilistik mir deutlich besser gefällt. Aber die Säure der Rebsorte findet ihren Weg und schlägt sich mit der Axt durch das karamellisierte Holz. Fein, fein.

Copyright: C. Raffelt. Der Blick von der Quinta von Anselmo Mendes

Copyright: C. Raffelt. Der Blick von der Quinta von Anselmo Mendes

Andere Alvarinho-Projekte
Anselmo Mendes ist natürlich nicht der einzige, der sich so intensiv mit der Rebsorte auseinandersetzt. Ein weiteres, nicht weit entfernt gelegenes Weingut in Melgaço ist die oben schon erwähnte Quinta de Soalheiro. Da ich sie bei dieser Reise nicht besucht habe, findet sie hier nur kurz Erwähnung, ausführlicher aber im November-WRINT-Podcast. Großen Spaß gemacht hat der Besuch bei Vinho Verde Young Projects. Der Name steht für eine Gruppe von aktuell vier Weingütern mit jungen Weinmachern, die zwar über das ganze Gebiet verteilt sind, mit zwei Beinen aber in der Erde von Monção e Melgaço stehen. Zu der Gruppe gehören Casas Novas aus der Subregion Baião, dessen Marketing-Frontmann Vasco Magalhães auch für Anselmo Mendes tätig ist. Außerdem gehören dazu João Camizão Rocha mit seinem Projekt 100 Igual, und die im Alvarinho-Gebiet beheimateten Quinta de Santiago und Vales dos Ares, wo wir uns auch getroffen haben.

Copyright: C. Raffelt, Die Weine und ihre Macher. Miguel Queimado, Joana Santiago, Vasco Magalhães

Copyright: C. Raffelt, Die Weine und ihre Macher. Miguel Queimado, Joana Santiago, Vasco Magalhães

Die vier Projekte sind das Ergebnis des Aufschwungs, den die Region verzeichnen kann. Sie macht es selbständigen Weinmachern nicht leicht, denn sie ist sehr zersplittert. 21.000 Hektar teilen sich in 129.000 unterschiedliche Parzellen auf, die von 19.000 Weinbauern bewirtschaftet werden. Entsprechend gibt es gerade einmal 600 Abfüller und 2.000 Marken. Doch Weinmacher wie Anselmo Mendes oder João Antonio Cerdeira haben mit ihrer Arbeit das Gebiet so aufgewertet, dass sich beispielsweise eine Joana de Santiago getraut hat, mit den Parzellen ihrer Großmutter ein eigenes Weingut zu gründen. Die Weine der Gruppe haben natürlich stilistische Unterschiede und zeigen auch je nach Lage einen anderen Rebsortenspiegel. Doch durchziehen die Weine eine exzellente Frische und jeweils eine sehr angenehme Textur, die sich auch im signature widerspiegelt. Das ist die aktuelle Quintessenz der Arbeit, einer Wein der ganzen Gruppe, auf wenige hundert Magnums gefüllt und cremig und stoffig am Gaumen, salzig geradezu und mit der typischen, präsenten Säure des Gebiets. Die Winzer experimentieren mit anteiliger Maischevergärung, und das tut den Weinen durchaus gut. Sie wirken erwachsen, stoffig und salzig und ja, auch sehr mineralisch.

Wie positiv sich dieser Stil auch auf die anderen, Vinho-Verde-typischen Sorten und Weine auswirkt, ist Thema des nächsten Teils dieser kleinen Rundreise.

Den zweiten Teil dieser Kleinserie gibt es hier.

Das Gebiet des Vinho Verde habe ich auf Einladung der Agentur ff.k und dem Verband der Vinho Verde Winzer im September 2016 bereist.

1 Kommentare

  1. Ich finde, dass es ein schöner Gedanke ist, wenn man sagt, dass das Terroir nicht durch eine Sorte zum Ausdruck kommt, sondern durch viele -> wie im Gemischten Satz. Jedes Land/Gebiet hat seine eigene Sortenzusammensetzung. Reinsortigkeit ist viel austauschbarer..

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.