Wein am Sonntag: Weingut Knewitz, Chardonnay Réserve 2015, Rheinhessen

Habt Ihr schon mal vom Nieder-Hilbersheimer Steinacker gehört? Nein? Ich kannte den Acker bis vor kurzem auch nicht. Es ist auch gar kein Acker sondern ein Weinberg der direkt neben dem Appenheimer Hundertgulden liegt. Auch der Appenheimer Hundergulden ist noch nicht so bekannt wie die bedeutenden rheinhessischen Lagen im Wonnegau oder an der Rheinfront. Aber es gibt dort ein paar Winzer, die am Renommee dieses kalkreichsten Weinbergs Deutschlands (das gilt zumindest für den Kern der Weinbergslage) arbeiten. Renommee hatte der Hundertgulden lange Zeit, wurde schon im Mittelalter von Mönchen bepflanzt und wechselte später mehrfach für viel Geld (daher der Name) den Besitz. Der Steinacker nebenan übrigens wurde zu einer ähnlichen Zeit angelegt und 1362 das erste Mal erwähnt.

Tobias Knewitz ist einer, der vom Weingutaus direkt auf den Hundertgulden schaut, der für ihn seine Kernlage ist, was Riesling angeht. Im benachtbarten Nordhang des Steinackers besitzt er auf 245 Meter Höhe direkt am Waldrand einen Satz Chardonnay-Reben. Im Boden des Steinacker findet man jede Menge Kalk und zudem Eisenerz. Kühle, Kalk und Eisenerz also bilden zusammen mit einem zurückhaltenden Holzeinsatz, einer spontanen Vergärung und einem reduktiven Ausbau den Rahmen dieses Chardonnay Réserve der mit zum Besten gehört, was ich an Chardonnay aus Deutschland bisher getrunken habe. »Das ist nicht schwierig«, mag manch einer sagen. Stimmt, würde ich entgegen, aber es tut sich was in Deutschland. Neben wenigen Langstreckenläufern wie dem Hard von Hanspeter Ziereisen (habe ich schon mal erwähnt, dass ich ihn für seine Weißweine mehr schätze als für seine ungleich bekannteren Rotweine?) und dem Chardonnay Alte Reben von Huber sowie dem »R« von Hansjörg Rebholz gab es meiner Ansicht nach wenig wirklich Interessantes. Doch Ende letzten Jahres konnte ich ein paar Lichtblicke probieren. Der Chardonnay der Aldingers aus Württemberg hatte noch etwas viel Holz nach meinem Geschmack, war aber von beeindruckender Komplexität und Tiefe. Außerdem gibt es bei Daniel Wagner (Wagner-Stempel) einen beeindruckenden Chardonnay zu probieren, den er im November letzten Jahres zur Meininger’s Finest 100 Probe dabei hatte. Dabei fällt mir dann der Chardonnay der Runkel-Brüder im Weingut Bischel ein. Bischel liegt wie Knewitz in Appenheim, doch während Knewitz’ Chardonnay im Nordosten wächst, liegt Bischels »Kapelle« unterhalb der Laurenzikapelle in Gau-Algesheim, also eher westlich, auch auf Kalk, eher Kalkmergel, ohne Eisen, dafür mit Kies. Doch zurück zu dem Wein, um den es hier eigentlich geht.

Natürlich sucht man, wenn man einen solchen Wein im Glas hat, immer Vergleiche und bei Chardonnay ist die Referenz immer Burgund. Dieser Referenz hält der Wein ohne weiteres stand. Es wäre nur die Frage, wo im Burgund man schaut. Also stellte ich den Wein einem erfahrenen Verkoster vor und er hat auf einen der raren Weißen der Côte de Nuits getippt. Doch dieser Côte de Nuits ist an einem ehemaligen Riff des Oberrheingrabens entstanden. Tobias Knewitz konnte der Versuchung standhalten, zu viel Holz einzusetzen. So sindn Röstnote der Fässer subtil, der Wein zeigt leicht reduktive Noten. Besonders schön ist die helle aber intensive Frucht von Blüten und bissfestem Steinobst. Am Gaumen hat der Wein eine gelungene Tiefe und viel Volumen. Dabei ist er jedoch in keinster Weise warm oder mollig. Im Gegenteil, der Chardonnay Reserve zeigt Finesse, Kühle und einen immensen Druck am Gaumen. Dazu wirkt er rauchig uns salzig, was sicher auch am Ausbau liegt, vielleicht aber auch am Gestein, in dem die Reben wachsen, wer weiß das schon immer? Was neben dem Punch, den der Wein liefert jedoch ganz offensichtlich ist, ist die Lebendigkeit, die sich in Form einer 9-Volt-Blockbatterie ausrückt, die durch den Chardonnay direkt auf die Zunge geleitet wird. Rauchige Noten, Salz und vibrierend lebendige Säure und Lebendigkeit – wie sonst soll das ausgedrückt werden, was wir Mineralität nennen? Beim 2015er Chardonnay Reserve zieht sich diese Frische und Klarheit bei gleichzeitiger Tiefe bis ins lange Finale. Sehr gelungen ist das.

Man erhält den Wein bei Riesling & Co. für € 23,-

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