Balance – ein ausführlicher Jahrgangsbericht 2020 aus der Domaine Belargus

Wer das Blog und vor allem die Podcasts des letzten Jahres verfolgt hat, dem wird die Domaine Belargus nicht entgangen sein. Ich habe im Frühjahr die ersten Weine vorgestellt (OVP100) und für den Loire-Verband zusammen mit Matthias Neske (OVP114) nochmal gesondert darüber geredet. Für mich ist Belargus eines der Leuchtturm-Projekte an der Loire und insbesondere im Anjou. Während Teile des ersten Jahrgangs in diesem Jahr verkauft wurden, wurde im Weingut selbst der dritte Jahrgang eingefahren. Und so, wie Oliver Müller und Daniel Wagner einen Jahresbericht schreiben, tut dies auch Ivan Massonnat, der die Domaine Belargus gegründet hat. Hier also, was es Interessantes aus dem Jahr 2020 gibt: 

Die dritte Lese ist für das Team Belargus in diesem Herbst zu Ende gegangen, inklusive einiger botrytisierter Chenins aus Quarts-de-Chaume.

Der Winter hat Einzug gehalten, die Tage sind kurz und die Reben sind in ihre Ruhephase eintreten. Im Keller erfreuen wir uns am hübschen Gluckern der Fässer, während einige der trockenen Weine ihre Gärung bereits beendet haben. Nun ist es an der Zeit, auf das Jahr 2020 zurückzublicken, das auch in den Weinbergen so besonders war!

In dieses Jahr wollen wir uns nicht scheuen, zu sagen, dass die Natur uns regelrecht verwöhnt hat. Sie hat uns in jeder Phase genau das gebracht, was die Reben brauchten und sich sogar den Luxus geleistet, ganz nach den Jahreszeiten zu gehen. Im Frühling gab es reichlich Wasser, trockenes und heißes Wetter im Sommer inklusive einiger rettender Regenfälle vor der Lese … und das alles mit perfektem Sonnenschein. Am Ende wird es ein Jahrgang, dessen Charakter man mit Ausgewogenheit, mit Balance umschreiben kann. Als Nachfolger des winzigen – aber großartigen – Jahrgangs 2019 hat uns auch dieser neue, frische und knackige Jahrgang bisher viel Vergnügen bereitet. Trotzdem, einfach war es selbst in diesem Jahr nicht immer. Aber von vorne:

Von Menschen und Tieren 
Während die Düfte der 2019er Gärungen noch den Keller füllten, gab uns das Wetter eine wunderbare Gelegenheit, die Böden zu bearbeiten, und das mit noch mehr Präzision als schon im letzten Jahr.

Gegen Ende des letzten Herbstes kreuzte unser Weg den von Béranger Arnould, einem jungen Schäfer, der sich in der Region niederlassen und seine Herde von 130 Schafen weiden lassen wollte.

Béranger Arnould und seine Schafe

Als Hirte, der sich für alte Schaf-Rassen einsetzt, stellte uns Béranger seine Herde zur Verfügung, die wir den ganzen Winter über von Hügel zu Hügel ziehen ließen. Sein , seine Ardennais-Roux sind hervorragende Arbeiter und haben unermüdlich das fette Gras abgegrast und uns gleichzeitig den Wertvollen Humus gebracht.

Ardennais Roux

Unser Wintersport …
Der friedliche und strahlende Herbst wich einem milden und regnerischen Winter, mit mehr Regentagen als Frosttagen. Nach dem Trauma von 2019 haben wir uns entschieden, die Schnittarbeiten auf mehrere Monate zu verteilen und die am meisten frostgefährdeten Terroirs so spät wie möglich in der Saison zu belassen.

Das Frühjahr hingegen war nicht einfach. Wie im letzten Jahr galt dem Frost von Mitte März bis Anfang Mai unser Hauptaugenmerk. Trotz kalter morgendlicher Temperaturen, die sich regelmäßig dem Nullpunkt näherten, hatten wir mehr Glück als 2019. Wir wurden von anhaltenden Winden und sehr niedriger Luftfeuchtigkeit gerettet, die die zarten Knospen vor dem Erfrieren bewahrten.

Arbeiten am berühmten Coteau des Treilles.

Wir haben unsere Kontrollbemühungen auf einige wenige Terroirs konzentriert und unsere Kerzen während der gesamten Frostperiode fünfmal angezündet und es geschafft, den Clos des Ruchères und Veau in Quarts-de-Chaume zu schützen. 

Fackeln in der Lage Veau in Quarts-de-Chaume am 4.4.2020

Die Frühjahrsarbeit
Die darauffolgende Zeit war für unser Weinbergsteam über Wochen hinweg ein Wettrennen auf Hochtouren, um die in einem unglaublichen Tempo wachsenden Reben einzuholen. 

Die Grünarbeit (vor allem das Ausbrechen und Entblättern) war besonders intensiv und endete erst Mitte Juli. Amaury und sein Team, unterstützt von einem Dutzend motivierter Saisonarbeiter, haben diese Saison mit Bravour gemeistert. Wir setzten auch unsere tiefgreifenden Arbeiten in den Weinbergen fort: Reben pflegen, Pfähle austauschen, binden, etc.

Pole Dancing mit Amaury, dem Außenbetriebsleiter.

2020 markierte auch die Ankunft eines neuen Spielzeugs: ein brandneues Raupenfahrzeug, … Ein Hybridwesen, halb Traktor, halb Panzer. Dieser Chenillard ist ein stämmiges und kraftvolles Biest. Es ist die einzige Maschine, die auf dem Coteau des Treilles klettern kann, um z.B. die Erntekisten aus den steilen Weinbergen zu holen.

Der Sommer, Jahreszeit der Verheißungen
Der trockene und sonnige Sommer hat unseren Reben nicht geschadet, so wie etwa im letzten Jahr. Im Gegenteil, dank der im Frühjahr gebildeten Wasserreserven behielten sie ein strahlendes Grün und brachten nach einer perfekten Blüte wunderschöne Trauben hervor. Offensichtlich versprach die Weinlese 2020 früh zu beginnen als in 2019. Nach mehreren heißen und sonnigen Monaten befürchteten wir Trockenstress … doch die Natur hatte ein letztes Geschenk für uns in Reserve: einige feine und regelmäßige Regenfälle ab Mitte August sorgten dafür, dass sich die Reben entspannten und der Chenin noch mal einen richtigen Schub bekommen hat, um noch zwei weitere wertvolle Wochen zu reifen.

Zwei unserer großen Terroirs: Links der Clos des Ruchères in Savennières, rechts Le Veau in Quarts-de-Chaume.

Bereit für den großen Moment des Jahres
Montag, der 31. August war der Startschuss für die Ernte. Wir begannen mit unserer Parzelle namens La Fresnaye, einem schönen Kies-Terroir im Dorf Saint-Aubin de Luigné, das aromatische und fruchtige Weine hervorbringt: Früher bekannt als Einzellage in der Reihe Pithon-Paillé, ist dies nun eine der Parzellen, die in die Komposition unserer Cuvée Anjou Noir einfließt, die 2019 zum ersten Mal vinifiziert wurde wird. 

Unser Protokoll zur Überwachung der Reife, und zwar Parzelle für Parzelle,  war in diesem Jahr sehr heterogen. Die Zuckerwerte stiegen nur langsam, der Säuregehalt war vergleichsweise niedrig aber mit gutem pH-Werten. Das Ernteteam legte daher eine Pause ein und nahm die Arbeit erst nach einer Woche Pause wieder auf, beginnend mit dem Coteau des Treilles. Dies ermöglichte es den restlichen Reben, ihre optimale Reife zu erreichen, um das Beste aus den Weinbergen herauszuholen, nämlich den Chenin al dente, für uns der Heilige Gral nach dem wir alle streben. 

Ivan ist glücklich über die Qualität der Trauben.

Insgesamt verlief die Lese der trockenen Weine bei strahlendem Sonnenschein problemlos. Die Trauben erreichten eine perfekte Reife und bewahrten eine herrliche Ausgewogenheit und niedrige Alkoholgrade (zwischen 12,5° und 13,5°, niedriger als der Durchschnitt der letzten Jahre). In gewisser Weise erinnert diese Ausgewogenheit an den Jahrgang 2012, einem frischen Jahrgang mit gutem Trinkfluss. Wie jedes Jahr wurden die letzten trockenen Chenin-Trauben auf Clos des Bonnes Blanches, unserem kältesten Terroir, geerntet.

Auch Adrien, der Weinmacher ist voll dabei.

Botrytis-Zeit!
Einige Wochen später verändert sich die Trauben auf dem Quarts-de-Chaume-Hügel auf fast magische Weise. Unter der Einwirkung des Pilzes Botrytis cinerea konzentrierten die Beeren den Zucker und verwandelten sich in wahre Bienenstöcke. 

In diesem Jahr haben wir uns auf Les Rouères konzentriert, unser großes Puddingstein-Terroir in Quarts-de-Chaume. Die Chenin-Trauben waren prächtig und reichten von knackig goldenen bis zu den eingeschrumpelten noble rots. Um diese kostbaren Säfte zu extrahieren (es werden nur wenige Fässer produziert), beschlossen wir, die alte Weinpresse von Jo Pithon wiederzubeleben. Sein Sohn Jules lieh sie uns freundlicherweise aus und bot uns sogar eine Einweisung in die Arbeit an.

Die Präzision und Geschmeidigkeit dieses Pressvorgangs ist unübertroffen, selbst von der modernen Technik: Die so sanft gepressten Säfte durchlaufen den gesamten Trester-Kuchen der Trauben und laufen schließlich brillant und klar ins Fass.  Es ist ein besonderes Gefühl auf so traditionelle Art diese zu traditionsreichen Weines des uralten Terroirs zu bearbeiten um Weine zu erzeugen, die uns viele Jahrzehnte lang erfreuen werden. Es ist unsere Pflicht, diese Tradition der großen Süßweine aus dem Anjou weiterzuführen. 

Kurzum: Was für ein Jahr! Die Natur hat so unterschiedlich entscheiden. Einerseits hat sie uns mit diesem Virus daran erinnert, dass wir längst nicht alles beherrschen, andererseits war sie in diesem bescheidenem, persönlichen Umfang sehr wohlwollend und hat es gut gemeint mit uns. Wir werden sie weiterhin respektieren, durch unsere Entscheidungen und in unserem täglichen Handeln.

Photo credits: Jean-Yves Bardin und Estelle Offroy

Die Weine gibt es in der Weinhandlung Kreis und bei Pinard de Picard.

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