Eindrücke von der Naturweinmesse RAW Winefair in London – Teil 2

Von den tendenziell bekannteren Weingütern nun zu den (mir) bisher unbekannten, zumindest hatte ich von ihnen noch keinen Wein im Glas. Bevor es jedoch mit Wein weitergeht, gibt es noch ein paar Impressionen aus dem Umfeld der RAW.

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Im Vorfeld wurde eine Kooperation mit Ottolenghi angekündigt und ich hatte erwartet, dass es eine Küchenecke mit einigen Kreationen geben würde. Stattdessen gab es einen Ottolenghi-Weinladen, in dem man eine Auswahl jener Weine erwerben konnte, die auf der Messe präsentiert wurden. Ehrlich gesagt, i give it a pass. Wo ich schon dabei bin: die zusätzlichen Veranstaltungen und Vorträge hatten im letzten Jahr mehr Substanz, das tat dem Ganzen jedoch keinen Abbruch. Neben frisch geröstetem Kaffee und Gebäck gab es Austern aus Kent, exzellenten Käse aus England und der Schweiz, im Hof stand ein Grill (der dafür gesorgt hat, dass zwischenzeitlich in einem Teil der Halle alle Weine nach Holz gerochen haben) und neben dem ganzen Wein gab es auch Bier. Nicht irgendein Bier natürlich, sondern Biere von The Kernel, einer der angesagtesten und definitiv besten kleinen Brauereien in England.

Entdeckungen
Von den insgesamt 160 Ausstellern habe ich ca. 120 besucht. Davon eine Auswahl zu erstellen, ist immer schwierig. Der folgende Überblick ist daher nur ein kleiner Ausschnitt, und da ich letzten Monat auf der Vinitaly so viel Italien probiert habe und ich darauf aus war, Weine mit weniger Holz zu finden, finden sich hier keine Italiener. Mein Fokus lag auf Frankreich, auf Österreich und Slowenien, vor allem beeindruckt haben mich aber die Überseer, aber dazu etwas später.

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Luc Lybaert war früher Physiotherapeut. Heute macht er zusammen mit seiner Frau Trees erfolgreich Weine auf lous Grezes.

Begonnen habe ich mit dem frischen Petillant Natur Pet’ Nat und dem weißen BlaBLaBLanc Südfrankreich, der mir vom ausgesprochen witzigen Winzer Jolly Ferriol präsentiert wurde. Sein Weine fallen unter die Kategorie einfach aber lecker und sie sind alle sauber und ohne Fehltöne, obwohl sie ohne zugesetzten Schwefel auskommen müssen. Das finde ich schon mal bemerkenswert. Die Weine sind pures, einfaches Südfrankreich, saftig, frisch, würzig und stammen von einer Domaine, die vor Urzeiten schon Napoleon III. und die Queen beliefert hat.

Etwas mehr Substanz, ja ungewöhnlicher waren die Weine von Lous Grezes. Die Winemakers of the Year 2010 und 2011 Languedoc des Gault Millau sind nicht biozertifiziert, gehören aber dem Bund VinNaturel an. Viel Substanz hatte der gRandiOSE, ein Rosé aus Grenache und Alicante Bouschet, der zwei Jahre in Demi Muits ausgebaut wird. Ziemlich gelungen auch der Château Chapeau, ein Cuvée von Carignan, Merlot und Tempranillo. Besonders gut gefallen haben mir zwei Jahrgänge des D&D (Destiny & Desire). 100% Grenache, wie ich sie in der Tiefe und Komplexität an der südlichen Rhône auf einem Spitzenweingut vermutet hätte.

Ganz anders dagegen die Weine von La Sorga. Zwei junge Typen arbeiten als Nego-Weinhändler, sie kaufen aus 40 verschiedenen Lagen Trauben und machen ein Dutzend schräger Weine. Das ist noch nicht alles ganz ausgereift, das ist wild und teilweise ist da zu viel Säure oder ein wenig zu viel Bret im Spiel. Im Ganzen aber machen diese Weine Spaß. Man kommt sich vor wie bei einer Craftbeer-Brauerei wie Mikeleer. Experimentierweine in lauten, bunten Flaschen. Ich finde das gut. Hier steht Carignan von alten Reben neben einem Orangewine, Rot und Weiß wird zusammengemischt, Trauben werden vorher getrocknet. Das hat alles Charakter.

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Klarer und klassischer wird es an der Loire. Muscadet, Sauvignon Blanc, Chenin und Cabernet Franc heißen hier die Rebsorten. Den Sancerre von Riffault habe ich schon vorgestellt, den Pouilly Fumé von Alexandre Bain noch nicht. Zwei hochartifizielle Weine, toller Stoff, voller Charakter und Würze, Sauvignon Blanc, wie man in selten findet. Überhaupt, bei den Naturalisti verändert sich diese Sorte – wenn sie korrekt ausgebaut wurde – am deutlichsten. Das hat mit irgendeinem grasig grünen, stachelbeerigen Stoff, wie wir ihnen eigentlich kennen nur noch sehr entfernt etwas zu tun.

Ziemlich umgehauen haben mich die Weine von Sébastien Bobinet und Emeline Calvez. Hanami ist ein leichter Sommer-Cabernet, ein roter Saumur, der weiter oben abgebildete Échalier ist ein komplexer, würziger Cabernet Franc-Stoff aus Saumur, der das gewisse Etwas an Tiefe und Charakter hat.

Bemerkenswert schon wegen der schrägen Anbaumethode ist der Les Murs von Clos Cristal. Der Wein wurde tatsächlich vor ca. hundert Jahren auf der einen Seite der Mauer gepflanzt und durch Löcher auf die andere Seite gebunden, wo er noch heute seine Früchte trägt. Der Cabernet Franc aus dem Saumur hat einiges an schönem Tannin und reifer Frucht, noch jung, trotzdem tief und komplex. Zwei Saumur-Weingüter, die mir ausgesprochen gut gefallen haben und die ich sehr gerne weiter beobachten würde, wenn mir die Gelegenheit dazu gegeben würde. Wahrscheinlich muss ich bis zur nächsten RAW warten, bis das der Fall ist.

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Zum Schluss noch ein bemerkenswertes Weingut aus Mallorca. Eloi Cedó Perelló hat sein Weingut Sistema Vinari 2010 gegründet und seinen Wein zunächst als lokale Tauschware angeboten. Erst seit 2012 ist das Gut kommerziell und hat auf der RAW seine ersten Weine, allesamt Fassproben, vorgestellt. Reinsortiger Callet, reinsortiger Prensal blanc, dazu eine Cuvée aus regionalen Sorten wie Callet, Fogoneu, Manto Negro und etwas Syrah. Leider wird der Callet später in die Cuvée eingehen und nicht sortenrein ausgebaut. Der Wein hat einigen Charakter. Die Cuvée jedoch hat mir schon als Fassprobe ausnehmend gut gefallen. Für den ersten Jahrgang echt ein Knaller und es würde mich freuen, von Eloi noch was zu hören. Es würde mich wundern, wenn nicht.

Übersee
Die größte Überraschung für mich waren die Weine aus Übersee. Nicht, dass ich an deren Kunst gezweifelt hätte, aber so einen frischen Syrah aus dem Barossa-Valley, so einen Riesling aus Kanada, so einen Pinotage bar jeder Röstnoten habe ich vorher selten getrunken. Alle Weine waren gut, teilweise großartig und alle waren frisch, schlank, klar, einfach zum Schwärmen.

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Alan Cooper von Cobaw Ridge oben, unten Tom Shobbrook (Mitte) im Gespräch.

Da wäre zum Beispiel der Lagrein von Alan und Nelly Cooper, Cobaw Ridge, Macedon Ranges. Mace What? Yes, Macedon Ranges. Cool Climate in Südost-Australien. Der Weinberg der seit 1985 bestehenden Winery befindet sich in einem natürlichen Amphietheater auf 610 Meter Höhe, eine Autostunde von Melbourne entfernt. Hier wird biodynamisch gearbeitet. Die Weine sind fruchtig, schlank, der Pinot wirkt geradezu deutsch mit seinen Erdbeer- und Himbeertönen, der Lagrein steht gutem Lagrein aus Südtirol in nichts nach. Die Sorte hat ja gerne mal üppig Alkohol. nicht dieser hier. Auch er wirkt schlank und fruchtbetont, mit feiner Würze.

Neben ihm steht Tom Shobbrook, der bei Sean O’Callghan im toskanischen Weingut Riecine gelernt hat – ich hatte dieses kurz im Vinitaly-Artikel erwähnt. Tom ist herzlich und nett – überhaupt ist das auf der RAW alles sehr persönlich und angenehm offenherzig – und spricht lange mit mir über seine Weine. Er ist sechs Jahre lang durch Europa gereist und hat hier und dort verschiedene Techniken gelernt um in Australien einen eigenen Stil zu entwickeln. Hier wird im alten Holz und im Zement-Ei ausgebaut. Hier schmeckt nichts nach breitem, alkoholischen, marmeladigen, ultraüppigem Barossa. Das ist alles so saftig und frisch, kaum zu glauben, dass diese Weine aus einem der wärmsten Weingebiete kommen. Das ist wirklich gut gemacht. Sein Syrah und Mourvèdre sind zwei der Stars dieser Show.

Vielleicht noch nicht ganz auf gleichem Niveau aber auch nicht weit dahinter sind die Si Vintners, Sarah Morris und Iwo Jakimowicz. Ihr Weingut liegt im Bereich Margret River und die Weine sind ähnlich frisch wie die von Shopbrook. Nur zwei wurden im Holz ausgebaut, der Rest im Zement oder alten Fass.

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Craig Hawkins von Lammershoek. Das linke Etikett, El Bandito ist ein Monty Python Motiv. Gerade mal 185 Kisten dieses feinen kanadischen Chardonnays werden bei Pearl produziert.

Jetzt aber noch zu zwei Weingütern, die es in sich haben. Das eine liegt auf der Niagara-Halbinsel in Kanada und nennt sich Pearl Morissette. Es wurde erst 2008 gegründet und zwar in der Zusammenarbeit eines Geldgebers und Francois Morissette, der im Burgund gelernt hat. Es liegt auf der Hand, dass er Pinot und Chardonnay im Angebot hat, doch mittlerweile hat er sich in Cabernet Franc verliebt und nicht zuletzt auch in Riesling. So bietet Francois auf der Messe seinen Riesling, den Chardonnay und seinen Cabernet Franc an. Drei sehr elegante, komplexe und dichte Weine. Ich habe Francois eine Flasche Cabernet Franc abschwatzen können, um sie in naher Zukunft mal neben ein paar andere Größen dieser Sorte stellen zu können. Ich bin mal gespannt, wie der Wein, dessen 2010er Jahrgang natürlich eigentlich noch viel zu jung ist, abschneiden wird.

Der nächste hochbegabte Weinmacher und auch der letzte, den ich hier vorstellen will, ist Craig Hawkins von Lammershoek im Swartland, Südafrika. Auf dem Familienweingut gibt es drei Weinlinien. Die erste ist LAM, quasi Gutsweine auf gutem Niveau. Dann kommt die nach dem Weingut benannte Serie. Von der hatte er Chenin und Syrah dabei, sehr sortentypisch, auch hier wieder diese frische Stil, ohne vordergründig, einfach oder primärfruchtig zu sein, nein, Weine von sehr guter Qualität und einem eigenen Charakter. In der Serie Cellar Foot werden besondere Rebsorten vorgestellt. Craig Hawkins hatte einen Harslevelü dabei, also eine ungarische Sorte, die bei uns Lindenblättriger heißt. In dieser Serie gibt es auch einen pinken Pinotage, einen Mourvèdre oder einen Wein, der unter Wasser gereift ist. Der Weinmacher zeigt auch bei seinen Weinen El Bandito und El Bandito Cortez Experimentierfreude. Die Chenin Blancs wurden beide sauber ohne SO2 ausgebaut, der eine wurde mit den Füßen gepresst, der andere längere Zeit auf den Traubenhäuten belassen. Auch hier zeigt sich für mich, wer es sowieso kann, kann auch einen guten Orangewine produzieren. Craig Hawkins jedenfalls dürfte ebenfalls zu jenen gehören, von denen man noch viel mehr hören und probieren wird, da bin ich mir ziemlich sicher.

Fazit? Ich wäre gerne nächstes Jahr wieder dabei. Die Messe macht großen Spaß, weil die Bandbreite an Weinen hoch ist und einfach viel, viel Wein von hohem Unterhaltungswert dabei ist. Dass so viele Weine dann doch irgendwie fehlerhaft sind, irritiert mich ein bisschen, ich verstehe einfach nicht, wie Winzer mit solchen Weinen irgendwo auftauchen oder es anscheinend irgendwie in der “Szene” akzeptiert oder sogar goutiert wird. Es gab jedoch manche Winzer, mit denen ich gesprochen habe, die mich gefragt haben, ob ich dies oder jenes probiert hätte und ob es sauber gewesen sei. Auf Winzerseite gibt es diese Irritation also auch.

Hier geht es zu Teil 1

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7 Kommentare

  1. Hach! Do I need to say more? …Doch natürlich: Danke für den ausführlichen Bericht…

  2. Der Besuch dieser Messe scheint wirklich lohnenswert zu sein. Dass deutsche Winzer dort derart unterrepräsentiert sind, ist natürlich bedauerlich und mir etwas unverständlich. Kannst du dir das erklären?
    Angesichts der nicht unerheblichen Menge offensichtlich fehlerhafter Weine würde mich interessieren, wie die Produzenten dieser Weine dazu standen. Gab es Gelegenheiten, den einen oder anderen dieser Winzer darauf diplomatisch anzusprechen?

    Zwei sehr spannende Berichte. Danke!

  3. Zwei spannende Beiträge und ein wenig Ärger, dass ich es in diesem Jahr nicht geschafft habe 😉 Vielen Dank dafür, das ich es durch deinen Bericht trotzdem etwas miterleben durfte. Im letzten Jahr (erste RAW) waren aus dem deutschen Lager übrigens Kühn und Busch dort!

    Generell habe ich bei vielen dieser Messen über die letzten Jahre eine beeindruckende Steigerung der Qualität wahrnehmen können. Man findet viel seltener offensichlich fehlerhafte Weine. Das kannst du gerne noch ein bisschen ausführen, was genau du da gefunden resp. was dich gestört hat?

    Schön auch, das dir einige unbekannte Winzer aufgefallen sind, die auch mir besonders viel Spaß machen.

    Besten Gruß

    Alex

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