Vin Natu­rel – Ein­tags­fliege oder Here to Stay?

Wenn sich jemand auf face­book zum Thema Natur­wein oder vin natu­rel äußerst, hagelt es inner­halb kür­zes­ter Zeit Kri­tik und Gegen­kri­tik. Das ist bis­her beim Anteasern die­ses Arti­kels aus­ge­blie­ben und das hat mög­li­cher­weise einen Grund. Ste­phan Bauer schreibt sach­lich über die Geschichte der vin natu­rels in Frank­reich, er wer­tet wenig son­dern erklärt. Das ist aus­ge­spro­chen ent­span­nend:

Seit gut einem Jahr wird in Deutsch­land heiß und lei­den­schaft­lich über „Natur­weine“, Vins Natu­rels, Natu­ral Wines, Raw Wines, Non-inter­ven­tio­nist wines, Vini Natu­rali oder wie auch immer man sie nen­nen mag, dis­ku­tiert, und das häu­fig eher abs­trakt als anhand kon­kre­ter Bei­spiele. Einige Schlau­meier machen es sich sehr ein­fach und sagen: „Natur­wein gibt es nicht.“ Das ist natür­lich auf einem sehr nied­ri­gen Niveau kor­rekt, denn Wein ist immer ein Kul­tur­pro­dukt. Es greift aber zu kurz, denn eine exis­tie­rende Szene ver­schwin­det nicht dadurch, dass man sie auf­grund for­mel­ler Argu­mente negiert.

Andere kom­men über die tech­ni­sche Defi­ni­tion. Weil nie­mand defi­nie­ren kann, was diese Vins Natu­rels eigent­lich sind, kön­nen sie auch nicht für sich in Anspruch neh­men, das zu sein, was sie vor­ge­ben. Auch die­ser Ansatz greift zu kurz. Aber er wirft natür­lich die Frage auf, was einen „Natur­wein“ eigent­lich tech­ni­sch gedacht aus­macht? Bio­lo­gi­scher oder bio­dy­na­mi­scher Anbau gehört dazu, ebenso wie der Ver­zicht auf Hilfs­mit­tel im Kel­ler wie Rein­zucht­he­fen, Schö­nungs­mit­tel (Eiweiß, u.ä.), Fil­tra­ti­ons­an­la­gen und vor allem Schwe­fel­di­oxid. Da einige in der Vin-Natu­rel-Szene erzeugte und geschätzte Weine zusätz­lich in die Kate­go­rie „Orange“ (d.h. mai­sche­ver­go­re­ner Weiß­wein) fal­len oder in Ampho­ren, Beton­ei­ern oder ande­ren unkon­ven­tio­nel­len Behäl­tern ver­go­ren und aus­ge­baut wer­den, wird auch über sol­che Weine im Zusam­men­hang mit Vins Natu­rels dis­ku­tiert, auch wenn sie nicht aus Bio-Anbau stam­men oder in nor­ma­lem Maße geschwe­felt wer­den.

Im Rah­men der eher tech­nik­ge­präg­ten Dis­kus­sion wird eini­gen Vins Natu­rels man­gelnde Kon­se­quenz vor­ge­wor­fen. Ist ein Wein aus nicht bio­lo­gi­sch oder bio­dy­na­mi­sch zer­ti­fi­zier­tem Anbau, wird aber unge­schwe­felt abge­füllt, wird seine Eigen­schaft als Vin Natu­rel in Zwei­fel gezo­gen. Das Glei­che gilt für Weine, die „schwach“ geschwe­felt sind, also z.B. mit maxi­mal 20 mg/l freiem Schwe­fel­di­oxid und das nur kurz vor der Abfül­lung oder nach der malolak­ti­schen Gärung. Mit sol­chen tech­ni­schen Dis­kus­sio­nen und der Frage nach der Kon­se­quenz kann man Stun­den ver­brin­gen und ist am Ende der Dis­kus­sion auch nicht viel schlauer, denn auch diese Dis­kus­sion streift das Thema nur am Rande.

Wodurch zeich­nen sich diese „Natur­weine“ denn dann aus? Das lässt sich des­halb nicht beant­wor­ten, weil es nicht den Natur­wein gibt, son­dern viele ver­schie­dene aus ganz vie­len ver­schie­de­nen Sze­nen und mit unter­schied­li­chen Vor­bil­dern. Zeit, sich diese Sze­nen ein­mal näher anzu­schauen, hier mit dem beson­de­ren Fokus auf Frank­reich.

Ein klei­ner Rück­blick – Jules Chau­vet, Pierre Over­noy, Nico­las Joly
Vin Natu­rel hat eine lange His­to­rie. Die Anhän­ger der Natur­wein-Kern­szene bezie­hen sich letzt­lich immer auf Jules Chau­vet (1907–1989), einen stu­dier­ten Che­mi­ker und Win­zer aus dem Beau­jo­lais. In der dunk­len Zeit des Beau­jo­lais, in der es um schnelle Vini­fi­ka­tion, die Bedie­nung von Märk­ten (vor allem des Mark­tes für Beau­jo­lais Nou­veau) und nicht in aller­ers­ter Linie um Qua­li­tät ging, strebte er danach, die Qua­li­tät sei­ner Beau­jo­lais und vor allem die Qua­li­tät sei­ner Weine als Beau­jo­lais zu ver­bes­sern. Das bedeu­tete für ihn eine Land­wirt­schaft unter Ver­zicht auf che­mi­sche Dün­ger und Her­bi­zide, den Ver­zicht auf Chap­ta­li­sa­tion, auf Rein­zucht­he­fen, auf Fil­tra­tion, auf Schö­nung und vor allem (mög­lich dank der reduk­ti­ven Ver­gä­rung mit­tels macé­ra­tion car­bo­ni­que) den Ver­zicht auf Schwe­fel­di­oxid.

Davon lie­ßen sich andere Win­zer im Beau­jo­lais inspi­rie­ren: zunächst Mar­cel Lapierre, Jean Foil­lard, Guy Bre­ton und Jean-Paul The­ve­net, spä­ter zahl­rei­che wei­tere. Wie in Ker­mit Lynch’s her­vor­ra­gen­dem Buch Adven­tures on the Wine Route (25th Anni­versary Edi­tion 2013) nach­zu­le­sen ist, waren bei Lapierre, Foil­lard, Bre­ton und The­ve­net aller­dings jah­re­lange Expe­ri­mente mit und ohne Schwe­fel­di­oxid, in der Vini­fi­ka­tion, im Aus­bau, etc. erfor­der­lich, bis die Weine das Level an Sta­bi­li­tät, Halt­bar­keit und auch kla­rem Geschmack hat­ten, die die Win­zer anstreb­ten. Den Berich­ten von Ker­mit Lynch zufolge ging es Jules Chau­vet am Ende darum, seine Weine beson­ders bekömm­lich (durch Ver­zicht auf Schwe­fel­di­oxid), mög­lichst pur und mög­lichst gut trink­bar zu vini­fi­zie­ren. Es ging also nicht um Ideo­lo­gie, son­dern um Qua­li­tät.

Eine wei­tere Refe­renz­per­son für die Vin-Natu­rel-Szene ist Pierre Over­noy. Over­noy über­nahm die fami­liä­ren Wein­berge in Arbois-Pupil­lin im Jura im Jahr 1968 und bewirt­schaf­tete diese von Beginn an öko­lo­gi­sch. Er war mit Jules Chau­vet befreun­det und tauschte sich mit die­sem regel­mä­ßig über Vini­fi­ka­ti­ons­tech­ni­ken, die Boden­be­wirt­schaf­tung, etc. aus. Ab den 80er Jah­ren ver­zich­tete Pierre Over­noy auf den Ein­satz von Schwe­fel­di­oxid und ebenso auf Chap­ta­li­sa­tion, Fil­tra­tion und Schö­nung. Diese Grund­sätze über­nahm auch sein Zieh­sohn Emma­nuel Houil­lon, der die Domaine heute führt. Over­noys Weine gehö­ren zurecht zu den meist­ge­such­ten welt­weit, wer­den streng zuge­teilt und fin­den sich auf den Wein­kar­ten der bes­ten Restau­rants. Auch Over­noy und Houil­lon fol­gen kei­ner Ideo­lo­gie, son­dern wol­len pure Weine erzeu­gen, die ihre Her­kunft zei­gen. Sie sind sich aber auch bewusst, dass ohne Schwe­fel­di­oxid Weine ohne offen­sicht­li­che Feh­ler nur mög­lich sind, wenn die Trau­ben reif, aber nicht über­reif geern­tet wer­den, faule Trau­ben rigo­ros aus­sor­tiert wer­den und im Kel­ler sau­ber gear­bei­tet wird. coulee

Inter­es­san­ter­weise bezieht sich kaum jemals jemand in der Vin-Natu­rel-Szene auf Nico­las Joly, einen der Vor­rei­ter des bio­dy­na­mi­schen Wein­an­baus in Europa. Er hat bereits Anfang der 1980er Jahre zunächst den berühm­ten Wein­berg Cou­lée de Ser­rant und spä­ter seine wei­te­ren Wein­berge auf bio­dy­na­mi­schen Anbau umge­stellt. Er hat seine Weine stets spon­tan ver­go­ren, nicht chap­ta­li­siert, sie aber leicht fil­triert und nor­mal geschwe­felt. Im Prin­zip sind die Saven­niè­res Cou­lée de Ser­rants von Nico­las Joly Para­de­bei­spiele für den heu­ti­gen Gout Vin Natu­rel mit ihrer urwüch­si­gen Art, ihrer manch­mal schwie­ri­gen Mischung aus oxi­da­tiv und reduk­tiv, ihrer unge­stü­men Botry­tis, ihrem manch­mal unge­zü­gel­ten Alko­hol­ne­bel und ihrer Unvor­her­seh­bar­keit. Geg­ner wer­fen den Wei­nen vor, sie seien reine Kon­zept­weine, bei denen die Trink­bar­keit sich dem Kon­zept unter­werfe. Fans prei­sen neben der häu­fig, aber nicht immer spür­ba­ren Expres­si­vi­tät und Qua­li­tät der Weine vor allem die Tat­sa­che, dass die Weine eine ziem­lich pure und unge­schminkte Inkar­na­tion ihrer Her­kunft und ihrer Erzeu­gung sind und viel Seele haben.

Dass Nico­las Joly in der Vin-Natu­rel-Szene eine eher unter­ge­ord­nete Rolle spielt, ist umso erstaun­li­cher, als er die Ver­ei­ni­gung Renais­sance des Appelati­ons ins Leben rief, in der viele der bes­ten Win­zer aus ver­schie­de­nen Län­dern (u.a. Zind-Hum­brecht, Domaine Leroy, Domaine Leflaive, Witt­mann, Reb­holz) zusam­men­ge­schlos­sen sind. Sie unter­wer­fen sich ver­schie­de­nen Regeln, in deren Zen­trum ein bio­dy­na­mi­scher Anbau steht, zu denen aber auch unter ande­rem der Ver­zicht auf Rein­zucht­he­fen, auf Schö­nungs­mit­tel, auf Holz­chips, auf Chap­ta­li­sa­tion und auf Ste­ril­fil­tra­tion gehört. Kein Wort fin­det sich in der Qua­li­täts-Charta der Renais­sance des Appelati­ons zum Thema Schwe­fel­di­oxid.

Vin Natu­rel und seine Sze­nen
So viel zu ein paar wich­ti­gen Figu­ren aus den Ursprün­gen des Vin Natu­rel. Wo ste­hen wir heute? Heute schwap­pen die Weine, die in diver­sen Restau­rants und Bars in Paris Anfang der 00er Jahre aus­ge­schenkt wur­den und in immer mehr Restau­rants und Bars in ganz Frank­reich aus­ge­schenkt wer­den, die Mitte bis Ende der 00er Jahre zuneh­mend auf den Wein­kar­ten in Kopen­ha­gen stan­den und auch heute noch ste­hen, lang­sam aber sicher auf andere Län­der über. Wie aber eigent­lich alles heut­zu­tage, hat sich die Szene aus­ge­wei­tet und aus­dif­fe­ren­ziert.

In der Vin-Natu­rel-Szene gibt es zum einen die Klas­si­ker, die schon seit recht lan­ger Zeit bio­lo­gi­sch oder bio­dy­na­mi­sch arbei­ten und ihre Weine nicht chap­ta­li­sie­ren, spon­tan ver­gä­ren, nicht oder allen­falls sanft fil­trie­ren, nicht schö­nen und nicht oder nur schwach (meist bis 20 mg/l) schwe­feln. Aus dem Beau­jo­lais gehö­ren immer noch Mat­t­hieu Lapierre (der die Domaine nach dem Tod sei­nes Vaters Mar­cel über­nom­men hat), Jean Foil­lard, Guy Bre­ton und Jean-Paul The­ve­net dazu, aber auch Yvon Mêtras, Jean-Louis Dutraive und andere. Im Jura sind neben Pierre Overnoy/Emmanuel Houil­lon Jean-Fran­cois Gane­vat, die Domaine Pignier und die Domaine Labet bekannt. Die Loire ist ein Hot-Spot der Vin Natu­rel Szene. Zu den bekann­tes­ten „Klas­si­kern“ an der Loire gehö­ren Mark Angeli (Ferme de la San­son­nière), Richard Leroy und Cathé­rine & Pierre Bre­ton. Wei­tere bekannte Namen sind Dard & Ribo (nörd­li­che Rhône), Cyril Fhal (Clos du Rouge Gorge, Rous­sil­lon), Tom Lubbe & Sam Har­rop (Matassa, Rous­sil­lon) oder Léon Bar­ral (Langue­doc).

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Was diese Klas­si­ker eint, ist, dass sie auf den Wein­kar­ten der bes­ten Restau­rants zu fin­den sind, dass sie sich nicht nur an Kun­den von Vin Natu­rel rich­ten, son­dern auch von eher kon­ser­va­ti­ven Wein­käu­fern gekauft wer­den und dass sie (Aus­nah­men bestä­ti­gen die Regel) über­wie­gend die offi­zi­el­len Appelatio­nen in ihren Gegen­den nut­zen und sich nicht auf die „alles ist mög­lich“ Appelation des Vin de France zurück­zie­hen. Bei die­sen Wein­gü­tern ist das aller­er­ste Kri­te­rium die Qua­li­tät der Weine. Fragt man sich, warum die Weine so gut sind, kann man auf die Idee kom­men, dass es die am Anfang des vor­he­ri­gen Absat­zes genann­ten Anbau- und Vini­fi­ka­ti­ons­me­tho­den sind. Es spre­chen durch­aus einige Argu­mente dafür. Aller­dings schmeckt auch die geschwe­felte Ver­sion des Mor­gon von Marcel/Mathieu Lapierre bril­lant, pur und abso­lut rein­tö­nig. Und auch die Weine von Jean-Fran­cois Gane­vat waren bereits her­aus­ra­gend, bevor er anfing, auf die Schwe­fe­lung sei­ner Weine zu ver­zich­ten. Unter Umstän­den liegt die hohe Qua­li­tät der Weine der Klas­si­ker des Vin Natu­rel daran, dass die ent­spre­chen­den Win­zer extrem sorg­fäl­tig arbei­ten, weil unsorg­fäl­ti­ges Arbei­ten nicht zu kaschie­ren ist.

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Neben den Klas­si­kern und zahl­rei­chen sehr viel­ver­spre­chen­den Win­zern, die sich von den Klas­si­kern inspi­rie­ren las­sen, von ihnen ler­nen und sie als Vor­bild neh­men, gibt es eine Viel­zahl von Wein­gü­tern, deren Weine deut­lich kon­tro­ver­ser dis­ku­tiert wer­den, als die der Klas­si­ker. In die­ser Gruppe, die eigent­lich keine ist, fin­det man alles, was das kon­tro­verse Herz begehrt.

Es gibt zum einen die Gruppe der Vins de Soif, der “Weine über den Durst“, der Spaß­weine, der unkom­pli­zier­ten Durst­lö­scher. Bei die­sen Wei­nen ist die Her­kunft an sich egal. Sehr viele wer­den ohne­hin nur als Vin de France oder Vin de Table, also als Wein ohne genauere Her­kunfts­be­zeich­nung aus­ge­wie­sen und zeich­nen sich opti­sch eher durch ein­gän­gige Namen und pop­pige Eti­ket­ten aus. „Soif du Plai­sir“, „Vin des Amis“, „You fuck my wine“, „Va te faire boire“, usw. Über diese Weine lässt sich nur sel­ten strei­ten, sie sind im bes­ten Falle genau das, was sie aus­drü­cken wol­len: jung zu trin­kende Weine, über die man nicht groß nach­den­ken muss.

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Dann gibt es die expe­ri­men­telle Frak­tion, zu der auch viele Quer­ein­stei­ger ohne nen­nens­werte öno­lo­gi­sche Erfah­rung gehö­ren. Auch hier fin­det man nur sel­ten AOCs auf dem Eti­kett, son­dern nur die Bezeich­nung Vin de France oder Vin de Table. Mit die­sen Wei­nen tue ich mich ganz beson­ders schwer und hier beginnt der Vin Natu­rel, kon­tro­vers zu wer­den. Bezeich­nend war eine Wein­be­glei­tung zu einem Lunch im Restau­rant Relae in Kopen­ha­gen im Früh­jahr letz­ten Jah­res. Das Relae und die gegen­über lie­gende Wein­bar Man­freds og Vin sind Hot­spots der Vin-Natu­rel-Lieb­ha­ber in Kopen­ha­gen, in denen man aller­dings leich­ter einen Platz kriegt als im noma. Die Wein­karte ist extrem Vin-Natu­rel-las­tig und ist ganz über­wie­gend mit eher obsku­ren Win­zern bestückt, die Nicht-Ken­nern der Szene eher kein Begriff sein dürf­ten (und mir zu einem gro­ßen Teil auch kein Begriff waren).

Eine miss­lun­gene Vin-Natu­rel-Wein­be­glei­tung in Kopen­ha­gen
Los ging es mit einem 2013er Char­don­nay aus der Ardè­che Gegend, ein wenig west­lich von der Rhône, von einem jun­gen Win­zer namens Gré­gory Guil­laume. Ein Vin Natu­rel mit allem was dazu­ge­hört (inkl. Bewirt­schaf­tung der Wein­berge mit Pfer­den). Trotz leich­ter Apfel­most­no­ten ließ er sich pas­sa­bel trin­ken, war aber am Ende harm­los und seicht. Hat die Boden­be­wirt­schaf­tung mit Pfer­den und der Ver­zicht auf Schwe­fel, Schö­nung, Fil­tra­tion, etc. hier irgend­ei­nen geschmack­li­chen Vor­teil? Aus mei­ner beschei­de­nen Sicht nicht. Viele 8 Euro Mâcons oder Bourgo­gne Blancs von Zweite-Reihe Win­zern aus dem Bur­gund wei­sen mehr geschmack­li­che Tiefe und vor allem mehr Span­nung auf. Es bleibt das Gefühl der Rat­lo­sig­keit. Nächs­ter Wein: ein 2007er Vin de France „Navine“ von der heute nicht mehr exis­tie­ren­den Domaine les Griot­tes, die von zwei Rebel­len namens Sébas­tien Der­vieux und Pat Des­plats geführt wurde. Auch hier wird nicht geschwe­felt, nicht ein­mal bei den Süß­wei­nen. Vin-Natu­rel-Freaks wird der Navine sicher begeis­tern, für Novi­zen bie­tet er eine span­nende Hori­zont­er­wei­te­rung. Er schmeckt aber auch ein wenig gene­ri­sch nach Vin Natu­rel mit sei­nen Mat­sch­ap­fel­no­ten, sei­nen Fino-Sherry-Noten, sei­ner kar­gen Adstrin­genz im Mund, der tee­ar­ti­gen Sprö­dig­keit und dem leicht stump­fen Mund­ge­fühl, das bleibt. Das ist beim ers­ten Mal span­nend, beim zwei­ten Mal wünscht sich der Vin-Natu­rel-Freak das glei­che noch­mal und der eher kon­ser­va­tive Wein­trin­ker (wie ich) einen La Lune von Mark Angeli oder einen Anjou “La Varenne du Poi­rier” der Domaine les Gran­des Vig­nes, also etwas ähn­li­ches, nur in gut und ohne stö­rende Oxi-Noten.
11037892_960741753970934_8068451969652870394_nEs ging zweit- bis dritt­klas­sig wei­ter mit einem Mou­lin-à-Vent „La Petite Oseille“ von Michel Gui­gnier aus dem Beau­jo­lais, der weni­ger mit Oxi­da­tion als viel­mehr mit über­mä­ßi­ger Reduk­tion zu kämp­fen hatte, Stich­wort: Brems­spur. Matt, ohne die unbe­schwerte Frucht guter Beau­jo­lais, zwar leicht, aber nicht süf­fig und ohne aus­rei­chend Geschmack. So einen Wein bekom­men andere Win­zer ohne Schwe­fel und wie­der andere Win­zer auch mit Schwe­fel deut­lich bes­ser hin. Wie­der bleibt ein Fra­ge­zei­chen. Zum Schluss wurde es dann noch ein­mal ganz obskur mit einem Vin de France “Orio­ni­des” der Domaine La Cou­lée d’Ambrosia, wie­der aus der Gegend um Anjou. Das ist ein Pétil­lant Natu­rel (Pet’Nat) aus Chenin Blanc, der regel­recht braun ist, nach Rog­gen­brot und ziem­lich oxi­da­tiv schmeckt und vor allem wie­der matt und seicht. Das, was die Vin Natu­rel Fans als Haupt­qua­li­täts­merk­mal der von ihnen geschätz­ten (unge­schwe­fel­ten) Weine ange­ben, näm­lich die Klar­heit und Pur­heit im Geschmack, war bei kei­nem der vier ser­vier­ten Weine zu erken­nen. Im Gegen­teil: alle vier wirk­ten matt und müde, span­nungs­arm und dumpf und mach­ten nur wenig Freude.

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Eine gelun­gene Vin Natu­rel Wein­be­glei­tung in Beziers
Ganz anders aller­dings die Vin Natu­rels, die vor ein paar Jah­ren im Restau­rant Octo­pus in Béziers im Langue­doc ein­ge­schenkt wur­den. Weni­ger obskur, klas­si­scher und weni­ger kate­go­ri­sch einer bestimm­ten Szene zuzu­ord­nen. Ser­viert wur­den unter ande­rem ein wei­ßer Vin de France Macc­a­beu und ein roter Vin de France „Tout Nature“, beide von der Domaine Ledo­gar aus Cor­biè­res-Bou­te­nac, beide groß­ar­tig, sau­ber, klar, pur. Ebenso klar und pur, aber noch mit einer Extra-Dimen­sion aus­ge­stat­tet, war ein Vin de Pays de la Val­lée du Para­dis “La Begou” von Maxime Magnon, eben­falls aus Cor­biè­res. Bezeich­nen­der­weise fin­det man die Weine von Domai­nes wie Ledo­gar und Maxime Magnon in den Kata­lo­gen von weg­wei­sen­den Wein­händ­lern wie Ker­mit Lynch oder Sebas­tien Visen­tin, nicht aber auf rei­nen Vin Natu­rel Wein­kar­ten wie im Relae oder in den Kata­lo­gen von strik­ten Vin Natu­rel Wein­händ­lern.

Vin Natu­rel und der Ein­heits­ge­schmack
Inter­es­sant wird es, wenn man sich mit der „Kern-Vin-Natu­rel Szene“ und ihren Wei­nen etwas näher beschäf­tigt. Zunächst fällt auf, dass die­sel­ben Namen immer wie­der auf­tau­chen, sei es in Kopen­ha­gen, Lon­don, Paris oder Ber­lin. Aus dem Elsass sind das z.B. die Domai­nes Meyer, Riet­sch, Bann­warth und Schu­el­ler, aus dem Jura die Domai­nes des Cavaro­des, de l’Octavin, Gane­vat und Labet, aus der Bourgo­gne die Domai­nes Phil­ippe Paca­let, A&O de Moor, Fanny Sabre und Vini Viti Vinci, von der öst­li­chen Loire Sébas­tien Rif­f­ault, von der mitt­le­ren Loire zu viele, um sie auf­zu­zäh­len, Hervé Sou­haut und Dard & Ribo an der nörd­li­chen Rhône, Mar­cel Rich­aud an der süd­li­chen Rhône und dann wie­der sehr viele aus dem Langue­doc und dem Rous­sil­lon.

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Bei eini­gen, aber bei wei­tem nicht allen, der oben auf­ge­zähl­ten ist ein gewis­ser geschmack­li­cher Kon­sens nicht zu ver­ken­nen. Beim Weiß­wein sind das Apfel­most, ganz leichte bis stär­kere oxi­da­tive Noten, hefige und bro­tige Anklänge, tee­ar­tige „weiße“ Tan­nine. Bei Rot­wein geht es mehr in eine stark erdige Rich­tung, Kräu­ter, Zweige und Blät­ter fin­den sich asso­zia­tiv auch häu­fig. Das lässt die Frage ent­ste­hen, ob es evtl. mitt­ler­weile einen „gout vin natu­rel“ gibt, der über Län­der- und Regi­ons­gren­zen hin­aus gemein­same Nen­ner hat. Ich bin davon über­zeugt, denn die geschmack­li­che Über­ein­stim­mung diver­ser Natur­weine ist ein­fach zu groß, um dar­über hin­weg­zu­se­hen. Ries­linge von Rita & Rudolf Tros­sen an der Mosel schme­cken z.B. in ers­ter Linie nach Vin Natu­rel und erst danach nach Mosel­ries­ling. Das­selbe gilt für die Weine von Patrick Meyer aus dem Elsass.

An die­ser Stelle wird deut­lich, warum der Vin Natu­rel so kon­tro­vers ist. Den „gout vin natu­rel“ mag nicht jeder. Für die Fans die­ser Weine sind kon­ven­tio­nelle Weine, die eher mit kla­rer Frucht als mit Erdig­keit punk­ten, nur noch lang­wei­lig. Die Geg­ner die­ser Weine wie­derum stö­ren sich an diver­sen Aspek­ten der wirk­lich „natu­rel“ schme­cken­den Weine: Oxdia­tion, Reduk­tion, Koh­len­säure, feh­lende Klar­heit, manch­mal flüch­tige Säure bzw. ein Essigstich, usw. Zur Kon­tro­verse trägt zudem bei, dass die Befür­wor­ter und die Geg­ner der Vin Natu­rels für sich bean­spru­chen, zu wis­sen, was einen guten Wein an sich aus­macht. Es geht um nicht weni­ger als Wahr­heit bzw. die Seele des Weins. Wenn die Orga­nis­to­rin der Raw Fair, Isa­belle Lege­ron, in einem Inter­view mit der Welt sagt, der Natur­wein sei per se der bes­sere Wein, da Fil­tra­tion den Geschmack ent­ferne, unter­drückte malolak­ti­sche Gärung der Per­sön­lich­keit im Wege stehe, spricht das Bände.

Trossen Schieferstein Purus

Würde ich nur noch Vin Natu­rel trin­ken, würde ich mich ver­mut­lich an einige Aro­men, die mich der­zeit stö­ren, schnell gewöh­nen. Ich würde im Wein nach bestimm­ten Merk­ma­len suchen, nach Apfel­mo­sta­ro­men im Weiß­wein, nach tee­ar­ti­ger Sprö­dig­keit, nach Erde und nicht nach kla­rer Frucht. Weine, die so nicht schme­cken, wür­den mir unter Umstän­den nicht mehr schme­cken. Für mich ist der manch­mal etwas uni­form wir­kende „gout vin natu­rel“ aber gerade das, was er nicht sein will: kon­ven­tio­nell in sei­ner Nische, gleich­ma­chend, Unter­schiede zwi­schen ver­schie­de­nen Reb­sor­ten und Ter­ro­irs eher negie­rend als unter­stüt­zend. Die ent­spre­chen­den Weine zei­gen gerade nicht ihre Her­kunft, son­dern sind so oder so ähn­lich mit den ent­spre­chen­den Mit­teln anderswo genauso gut repro­du­zier­bar.

Ganz anders sieht es bei den ein­gangs erwähn­ten Klas­si­kern aus, den wah­ren Kön­nern, den „Maß­stäbe-Set­zern“. Ein Char­don­nay von Jean-Fran­cois Gane­vat oder von Julien Labet und sei­nen Geschwis­tern schmeckt klar nach Char­don­nay, aber ganz anders als ein Char­don­nay von der Côte de Beaune oder aus dem Cha­blis. Wür­zi­ger, etwas nach Jura, mehr nach dem durch Lehm domi­nier­ten Boden im Sud-Rever­mont als nach dem durch Kalk domi­nier­ten Boden im Cha­blis. Für einen Poul­sard von Pierre Over­noy und Emma­nuel Houil­lon gilt das­selbe. Die Reb­sorte ist hier unver­kenn­bar, ihr Poul­sard fügt dem Geschmack­s­pro­fil aller­dings so viele wei­tere Aspekte hinzu, die bei den Poul­sards ande­rer Erzeu­ger feh­len. Der Mor­gon von Mar­cel Lapierre oder der Fleu­rie von Yvon Mêtras (aus guten Fla­schen) oder auch die Fleu­ries von Jean-Louis Dutraive sind Para­de­bei­spiele für Gamay aus ihrem jewei­li­gen Ort, an denen sich jeder andere Erzeu­ger ori­en­tie­ren kann. Die Aro­ma­tik ist so pur und klar, dass die Seele des Weins tat­säch­lich durch­scheint.

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Die Spreu vom Wei­zen tren­nen
Über Geschmack lässt sich bekannt­lich strei­ten, für mich sind aber die Unter­schiede zwi­schen den guten und den schlech­ten Vin Natu­rels so groß, dass es dem all­ge­mei­nen Image des Vin Natu­rel gut tun würde, wenn die ein­schlä­gi­gen Händ­ler, Som­me­liers und Blog­ger die Unter­schiede zwi­schen gut und schlecht bzw. mit­tel­mä­ßig noch etwas stär­ker her­aus­he­ben wür­den, die Spreu vom Wei­zen tren­nen wür­den. So wie es auch die guten Händ­ler kon­ven­tio­nel­ler Weine tun bzw. die guten Som­me­liers in Restau­rants, in denen kon­ven­tio­nelle Weine aus­ge­schenkt wer­den. Ein Vin Natu­rel ist nicht des­halb gut, weil er aus bio­dy­na­mi­schem Anbau kommt, spon­tan ver­go­ren, nicht geschwe­felt, nicht geschönt und nicht fil­triert ist, son­dern nur dann, wenn man seine Her­kunft schme­cken kann, wenn er Trink­ver­gnü­gen berei­tet, wenn er Tiefe und Kom­ple­xi­tät (jeweils auf der ent­spre­chen­den Stufe) auf­weist. Also die Qua­li­tä­ten hat, die Refe­renzweine bestimm­ter Gegen­den haben.

Es ist kein Zufall, dass Weine wie z.B. die Cha­blis von Jean-Marie Rave­neau und Vin­cent Dau­vis­sat, die Sancer­res von Edmond Vatan, von Fran­cois und Pas­cal Cotat oder von Gér­ard Bou­lay, die Saum­urs und Saumur-Cham­pi­gnys der Fou­cault-Brü­der, die Cor­nas von Thi­erry Alle­mand und Auguste Clape oder die roten Bur­gun­der von Jean-Marie Four­rier, Syl­vain Cathi­ard oder von Chris­to­phe Rou­mier welt­weit so begehrt sind. Wenn man diese Weine trinkt, erschließt sich einem sehr häu­fig (wenn auch nicht immer) die spe­zi­elle Typi­zi­tät von Reb­sor­ten, Ter­ro­irs und ihrem Zusam­men­spiel. Sich einen sol­chen Refe­renz­sta­tus zu erar­bei­ten, gelingt zuneh­mend auch strikt natu­rel arbei­ten­den Win­zern. Bei­spiele wur­den hier meh­rere genannt. Wenn der Vin Natu­rel aus der Nische her­aus will (wobei er das viel­leicht gar nicht will und erst recht nicht muss), dann gilt es, die Refe­renzwin­zer her­aus­zu­he­ben und die nicht so guten nicht bes­ser zu machen, als sie es sind, nur weil sie natu­rel erzeugt wur­den.

Vin Natu­rel ist mehr als nur ein vor­über­ge­hen­der Trend, das muss jedem klar sein, der sich mit Win­zern unter­hält und sich die Trends set­zen­den Wein­kar­ten anschaut, die nicht erst seit ges­tern, son­dern schon seit ein paar Jah­ren zuneh­mend bio­lo­gi­sch bzw. bio­dy­na­mi­sch arbei­tende Win­zer her­aus­stel­len, die auch im Kel­ler Maß wal­ten las­sen. Für Win­zer wie Syl­vain Pataille in Mar­s­an­nay, die auch zahl­rei­che andere Win­zer bera­ten, gibt es aktu­ell nur eine Rich­tung: weni­ger ist mehr, aber mit Maß. Ver­langt der Jahr­gang etwas mehr Schwe­fel­di­oxid, dann wird nicht kate­go­ri­sch damit gegeizt. Aber behut­sam wird aus­ge­lo­tet, was den Wei­nen durch Weg­las­sen gut tut und was unter Umstän­den risi­ko­reich ist.

Die Vin-Natu­rel-Bewe­gung wird sich mit der Zeit immer mehr in die Mitte bewe­gen, so, dass eta­blierte Win­zer ihre Metho­den über­den­ken, gerade wenn die nächste Gene­ra­tion das Ruder über­nimmt, dass auf der ande­ren Seite die Mat­sch­ap­fel­wein, die Orange Pet’Nats und die Elsäs­ser Pinot Gris sous voile das blei­ben, was sie sind: Nischen­weine für Freaks, die mal was ande­res trin­ken wol­len, die aber allen­falls ein­zel­fla­schen­weise gekauft wer­den und nicht kis­ten­weise. Die größte Gefahr für den Vin Natu­rel, der heute Gegen­stand der Kon­tro­verse ist, ist nicht der kon­ven­tio­nelle Wein, son­dern der gute Vin Natu­rel, bei dem u.U. dann doch kleine Kom­pro­misse gemacht wer­den und in dem jah­re­lan­ges Know-How und vor allem das Bestre­ben um ste­tige Ver­bes­se­rung ste­cken.

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22 Kommentare

  1. Prima his­to­ri­sche Auf­ar­bei­tung des The­mas. Stimme in vie­len Punk­ten auch in der Betrach­tung der aktu­el­len Situa­tion über­ein und sehe auch den Aus­blick in die Zukunft sehr ähn­lich. Ein sehr posi­ti­ver Bei­trag zum Thema.

  2. Thorsten Melsheimer

    Danke für viele neue Name (für mich neu). Da war­tet eini­ges ent­deckt zu wer­den.

  3. Hallo Chris­toph Ste­phan (Anm.d.Red.),
    tol­ler Arti­kel, der in vie­len Punk­ten den Nagel auf den Kopf trifft und zeigt, wie zer­split­tert die Szene inzwi­schen und schwie­rig es ist, da gemein­same Nen­ner zu fin­den.
    Ich erin­nere mich noch gut daran wie vor eini­gen Jah­ren schon einige Win­zer mit denen ich zusam­men arbeite die von der Raw in Lon­don zurück­ka­men, völ­lig ent­setzt waren über Zunahme an fast nicht geniess­ba­ren Wei­nen und über­leg­ten nicht mehr dort­hin zu gehen, um nicht in den glei­chen Topf gewor­fen zu wer­den.
    Aber die Bewe­gung ist nicht auf­zu­hal­ten und deine Pro­gnose zeigt ja auch den nor­ma­len Ver­lauf einer jeden Bewe­gung im kom­mer­zi­el­len Bereich.
    Mit­läu­fer sind da ja noch harm­los weil sie even­tu­ell ler­nen kön­nen. Schlimm ist die Anzahl an Pro­fi­tie­rern, die nur Zah­len im Kopf haben und die auf der Welle rei­tend, höhere Erträge erhof­fen.
    Ich komme gerade von den drei Salon off zur Mil­le­sime bio aus Mont­pel­lier zurück und frage mich, ob ich dar­über auf dem Blog etwas ver­öf­fent­li­che. Der Aus­schuss dort war groß. Auch wenn es nicht kom­plett deine kras­sen aber bekann­ten Erfah­run­gen in Kopen­ha­gen wider­spie­gelt.
    Aber wenn Domai­nen wie Jac­ques­son, Albert Mann, Fora­dori, Cou­let dort ste­hen (neben Foil­lard, Bre­ton – oder die­ses Wochen­ende auch Joly und Angeli in Angers), dann wun­dert man sich manch­mal, wie mutig man­che Win­zer sind, sich dane­ben zu stel­len.
    Aller­dings finde ich die dort anzu­tref­fende Qua­li­tät nicht so schlimm, wie Du es erfah­ren hast. Das liegt viel­leicht daran, das auf sol­chen Salons meist eher Ein­käu­fer sind, die nicht gerade den Laden um die Ecke oder jedes kleine Bis­tro belie­fern. Des­we­gen ist es manch­mal schwer, sol­che Weine über­haupt zu bekom­men. Und wenn man auf der Welle mit­schwim­men möchte, hat man ja auch kein Pro­blem andere Win­zer zu fin­den, die einem natür­lich auch alles Gute ver­spre­chen. Und da gehö­ren Schla­wi­ner­win­zer genau so dazu wie leicht­gläu­bige Händ­ler. So sehe ich eher das Pro­blem in den wenig wirk­lich ambi­tio­nier­ten oder völ­lig uner­fah­re­nen Laden­be­sit­zern, die Dir dann auch nur (hart aber fair) Müll anbie­ten kön­nen.
    Und ehr­lich, man muss auch 2 Dinge beden­ken.
    1. Gastro – Den nor­ma­len 400+ % Auf­schlag, der es von Anfang an ver­un­mög­licht, wirk­lich gute Weine prä­sen­tiert zu bekom­men und
    2.Handel – die Schwie­rig­keit durch feh­lende Bezie­hung (sprich Bezugs­quelle) oder feh­lende Menge über­haupt an die Weine zu kom­men.
    Einem All­ge­mein­ge­schmack von vin natu­rell kann ich nicht zustim­men in dem hier ver­mit­tel­ten Sinne. Es liegt doch eher an der lei­der breit auf­tre­ten­den nicht gerade hoch­wer­ti­gen Qua­li­tät die im brei­ten Han­del anzu­tref­fen ist. Aber auch das ken­nen wir doch von allen ande­ren kom­mer­zia­li­sier­ten Pro­duk­ten. Das ist somit kein Makel vom Pro­dukt sel­ber, son­dern zum Einen vom Macher, der sich wegen Unsi­cher­heit oder Unkön­nen an all­ge­mei­nen Maß­stä­ben fest­hält und das Pro­dukt dahin trimmt und zum Ande­ren an dem har­ten Gesetz des Mark­tes. Wenn in Deutsch­land halt nur 2,83 Euro pro Liter aus­ge­ge­ben wird und 90 % des Umsat­zes von Wei­nen unter 9 Euro bestrit­ten wird, wird es für wirk­lich gute VN’s sehr,sehr schwer. Und das wird auch nicht aus­rei­chend kom­mu­ni­ziert : Du kannst für unter 16 Euro in Deutsch­land im Han­del guten VN bekom­men, und unter 30 kei­nen Top­wein. Punkt. Strei­tet nicht dar­über, son­dern lie­ber über das miese Lohn­ni­veau durch das man sich Gutes nicht mehr leis­ten kann.
    Deine Argu­men­ta­tion könnte man ja auch auf die kon­ven­tio­nel­len Pro­dukte anwen­den. Du kannst nicht kri­ti­sie­ren, das ein Syrah der vin natu­rel ist, keine klare Sti­lis­tik zeigt. Jeder der die Pro­duk­tion kon­ven­tio­nel­len Wei­nes kennt, weiß auch um die Metho­den, warum da Aro­ma­tik so klar und deut­lich ist. Selbst in Jah­ren und bei Kon­di­tio­nen, die so etwas gar nicht zulas­sen wür­den bekommst Du da eine aus­ge­prägte fast glei­che Aro­ma­tik. Das ist doch absurd. Und von den ande­ren Inhalts­stof­fen beim Gift­pro­dukt “kon­ven­tio­nel­ler Wein” wol­len wir doch gar nicht spre­chen. Wenn ich daran denke, kann doch in kei­nem Fall so etwas wie Genuss auf­kom­men. So gese­hen, sind selbst die mie­ses­ten VN’s noch bes­ser als kon­ven­tio­nelle Weine. Und noch­mal : viele den­ken nicht daran, das nicht nur Leute wie Leroy, son­dern auch R-C bio­dy­na­mi­sch arbei­ten und somit eher strah­lende Bei­spiele für VN’s im wei­tes­ten Sinne sind, als für kon­ven­tio­nelle Weine.
    In einem Punkt bin ich abso­lut dei­ner Mei­nung : über die Pro­ble­ma­tik bei der Qua­li­tät sel­ber und ihrer Bewer­tung­me­tho­den , sowie der Betrach­tung der gan­zen Bewe­gung muss mehr dis­ku­tiert wer­den. Gerade wir Blog­ger sind da gefragt. Das sind dann oft nicht gerade ange­nehme Berichte und man läuft Gefahr als Mies­ma­cher oder noto­ri­scher Pes­si­mist ange­se­hen zu wer­den. Dem muss man sich stel­len.
    Aber in die andere Rich­tung geht es ja auch. Ich sage nur Cor­nas Bil­les noires” von Mat­t­hieu Bar­ret. Wein zum Träu­men. Und selbst wenn es das in kon­ven­tio­nell geben sollte, dann ist dass Bewußt­s­ein der kon­ven­tio­nel­len Gift­brühe doch nicht aus­ge­schal­tet und es stellt sich ein­fach die Frage, warum muss das so pro­du­ziert wer­den, wenn es auch anders geht – ohne Unter­stüt­zung der Che­mie­in­dus­trie und spä­te­ren Belas­tung der Kran­ken­kas­sen. Und da sind Som­me­lie­res und Fach­jour­na­lis­ten gefragt, das mal etwas kla­rer und deut­li­cher dar­zu­stel­len, statt süf­fi­sant VN’s gene­rell zu belä­cheln.

  4. Gottfried

    eigent­lich ist das Ganze schon sehr ver­wir­rend, aber der Arti­kel gefällt mir weil er viel Wahr­heit ent­hält!

    Und: wie war das noch schnell mit VDP und Natur­wein – das steht doch dort in den Sta­tu­ten. Hat aber nichts mit auf­oxi­dier­tem Wein zu tun..

  5. Der VDP ist die Nach­fol­ge­or­ga­ni­sa­tion des Ver­ban­des Deut­scher Natur­wein­ver­stei­ge­rer, die sich 1910 zusam­men­ge­schlos­sen hat­ten. Das hat aber mit dem heu­ti­gen Natur­wein nichts zu tun.

  6. Stephan Bauer

    Lie­ber Karl Brunk,

    mit vielem, was du schreibst, stimme ich voll über­ein. Wein­gü­ter wie die von Mathieu Bar­ret würde ich trotz Bio­dy­na­mie und Ver­zicht auf Chap­ta­li­sa­tion, Fil­tra­tion und Schö­nung trotz­dem nicht in die enge Vin Natu­rel Szene ste­cken, die in dem Blog­post beschrie­ben ist. Weil er seine Weine schwe­felt, wenn auch die Schwe­fe­lung Jahr für Jahr zurück­ge­fah­ren wird. In den ein­schlä­gi­gen Bars und Restau­rants sind seine Weine des­halb auch nur dann zu fin­den, wenn der Bar­be­sit­zer / Som­me­lier ein biss­chen offen für Undog­ma­ti­sches ist.

    Es ist auf jeden Fall auch rich­tig, dass es ganz selbst­ver­ständ­lich bei kon­ven­tio­nell erzeug­ten Wei­nen rie­sige Qua­li­täts­un­ter­schiede gibt und die ganz große Mehr­heit eine Reb­sorte oder eine bestimmte Her­kunft nicht zeigt. Mir ging es um das Argu­ment, dass vin natu­rels per se die Rebsorte(n) und die Her­kunft beson­ders gut zei­gen, WEIL sie erzeugt wur­den wie sie erzeugt wur­den. Die Pra­xis zeigt für mich, dass das so pau­schal nicht funk­tio­niert, son­dern nur bei den wah­ren Kön­nern.

  7. Lie­ber Ste­phan,

    Nico­las Joly zählst Du aller­dings auc zu den Natur­wein-Win­zern, obwohl er seine Weine immer geschwe­felt hat, Schwe­fel als Licht­quelle ansieht und die Schwe­fel­ga­ben mei­nes Wis­sens auch jetzt nicht zu knapp waren. Inwie­fern unter­schei­dest Du zwi­schen Bar­ret und Joly?

  8. Stephan Bauer

    Hallo Chris­toph,

    das kommt in dem Blog­post viel­leicht nicht so gut raus, aber Joly würde ich auch nicht als Natur­wein zäh­len, weil er schwe­felt. Aller­dings sind seine Prin­zi­pien der Bio­dy­na­mie und auch der Ver­zicht auf sehr viel (außer Fil­tra­tion und Schwe­fe­lung) m.E. weg­wei­send für die Vin Natu­rel Szene gewe­sen, und einige wie Mark Angeli bezie­hen sich ja auch offen auf ihn als Inspi­ra­ti­ons­quelle. Dane­ben finde ich den Cou­lée de Ser­rant geschmack­lich auch sehr ähn­lich wie einige Vin Natu­rels aus der Anjou Gegend. So hatte ich das gemeint.

  9. Zitat Karl Brunk:
    “Und selbst wenn es das in kon­ven­tio­nell geben sollte, dann ist dass Bewußt­s­ein der kon­ven­tio­nel­len Gift­brühe doch nicht aus­ge­schal­tet und es stellt sich ein­fach die Frage, warum muss das so pro­du­ziert wer­den, wenn es auch anders geht – ohne Unter­stüt­zung der Che­mie­in­dus­trie und spä­te­ren Belas­tung der Kran­ken­kas­sen. Und da sind Som­me­lie­res und Fach­jour­na­lis­ten gefragt, das mal etwas kla­rer und deut­li­cher dar­zu­stel­len, statt süf­fi­sant VN’s gene­rell zu belä­cheln.”

    Genau mit so etwas habe ich ein gro­ßes Pro­blem, da wird pau­schal von Gift­brühe bei kon­ven­tio­nell erzeug­ten Wei­nen gespro­chen, da wird behaup­tet, dass sol­che Weine krank machen und impli­ziert, dass dies Vin Natu­rel nicht machen wür­den. Sorry aber das ist doch bil­lige Pole­mik und hilft dem Gedan­ken der mög­lichst natur­be­las­se­nen Wei­nen nicht wirk­lich wei­ter.

  10. Ste­fan und Chris­toph :
    ich halte es auch für schwie­rig fest­zu­le­gen, wo VN anfängt und wo ein Wein es nicht mehr ist. Lei­der gibt es diese doofe Natur und die ver­ha­gelt einem manch­mal die Reben oder es gibt zuviel oder zuwe­nig oder zu den fla­schen Zei­ten Regen, Sonne oder gar nur Feuchte. Was soll ein Win­zer denn machen mit der Ernte wenn das Lese­gut letzt­end­lich nicht so per­fekt ist. Ich hatte letz­tes Jahr auf der Renais­sance des Ter­or­irs in Bor­deaux noch aus­gie­big mit Nico­las Joly über seine Schwe­fel­werte gespro­chen. Er ver­packt es gut in Argu­men­ten und ehr­lich gesagt finde ich es abso­lut auch nicht schlimm. Es ist nur erstaun­lich viel wenn man seine Werte mit denen ande­rer ver­gleicht und erstaun­lich wenig wenn man seine mit “nor­ma­len” Wei­nen ver­gleicht.
    In den Dis­kus­sio­nen mit vie­len VN-Win­zern kom­men immer drei wider­strei­tende Punkte ans Licht : Kon­se­quenz, Qua­li­tät, Rea­li­tät.
    Kei­ner von den Win­zern, die wir so gut fin­den würde ohne Grund Schwe­fel zuge­ben. Man sieht es ja an den Men­gen. In guten Jah­ren gibt es bei fast allen auch Abfül­lun­gen, wo nur Micro­dosen am Schluss zuge­ge­ben wer­den, oder gar gar nichts. Sie ent­schei­den das an der Qua­li­tät des Lese­guts im jewei­li­gen Jahr. Um da auf Dauer hin zu kom­men, liegt ihr Haupt­au­gen­merk auf der Unter­stüt­zung der Par­zel­len wäh­rend des Jah­res­ver­laufs mit den Mit­teln, die im wei­tes­ten Sinne nicht inva­siv sind, hier also : nichts Art­frem­des der Rebe oder spä­ter dem Saft zufü­gend. Da kann durch Lüf­tung, Beschat­tung, Rück­schnitt, Ent­lau­bung oder För­de­rung der Bio­di­ver­si­tät von Pflan­zen oder Tie­ren, För­de­rung der Micro­or­ga­nis­men im Boden viel getan wer­den, um den spä­te­ren sta­bi­li­sie­ren­den oder auch glät­ten­den Ein­satz von S zu ver­rin­gern.
    Auf Teu­fel komm raus kei­nen rein zu tun, ist eher für die gesamte Szene kon­tra­pro­duk­tiv. Das sture No ist oft ver­bun­den mit einer gewis­sen Non­cha­lance bei allen ande­ren Vor­gän­gen. Man über­läßt der Natur wirk­lich alles und macht ech­ten Natur­wein. Des­we­gen ist die Aus­sage, dass Wein immer ein Kul­tur­gut ist, abso­lut berech­tigt bei Win­zern wie Joly, Angeli, Pla­geo­les … Natür­lich wird dort in den nor­ma­len Enste­hungs-Ver­rot­tungs­pro­zess der Pflanze “Wein” ein­ge­grif­fen.
    Aber wie gesagt – diese Win­zer sehen den Punkt Qua­li­tät neben der Rea­li­tät in Form ihres wirt­schaft­li­chen Inter­es­ses und des­sen Not­wen­dig­keit und dem Ver­such, so kon­se­quent wie mög­lich zu sein als gleich­be­rech­tig an. Und das ist nötig wenn die Weine spä­ter bei Pierre Gag­naire, Michel Bras, Oli­vier Roel­lin­ger, Michel Trois­gros lan­den wol­len. Das wird kei­ner der Weine aus Kopen­ha­gen wohl jemals schaf­fen.
    —-
    Ste­fan noch­mal:
    Das mit der Typi­zi­tät und Wie­der­er­kenn­bar­keit der Reb­sor­ten hatte ich auf die kon­ven­tio­nel­len Weine bezo­gen. Dort wird mir zuviel Ein­deu­tig­keit pro­du­ziert die die Leute ver­an­lasst zu den­ken, man könne einen Syrah an einer irgend­wie gear­te­ten aro­ma­ti­schen Iden­ti­tät erken­nen. Diese Unmög­lich­keit zei­gen nicht nur die VN’s , die neben den Reb­sor­ten, auch den Jah­res­ver­lauf , Boden und Alter der Stö­cke wie­der­zu­spie­geln. So sind die Weine jedes Jahr zum Teil mas­siv anders, je nach­dem wie deut­lich die Rebe auf den Jah­res­ver­lauf reagiert. Ein Punkt scheint mir beson­ders wich­tig : die VN-Wein­gü­ter machen extrem deut­lich, wel­chen Ein­fluss die Boden­be­schaf­fen­heit hat. Da rei­chen manch­mal 20 m nach rechts oder links und schon ändert sich die Cha­rak­te­ris­tik. So gese­hen sind Mas­sen­weine von meh­re­ren bis zu hun­der­ten Ha für mich völ­li­ger Irr­sinn. Ich erhalte am Ende mit der sel­ben Rebe einen Cuvée aus hun­der­ten von ver­schie­de­nen Aro­ma­ti­ken. So kann doch keine Typi­zi­tät ent­ste­hen.
    Noch schlim­mer wird es wenn wir das Ganze glo­bal betrach­ten. Ich liebe Wein­pro­ben mit Wei­nen einer Reb­sorte. Aber aus ver­schie­de­nen Regio­nen, Län­dern, Kon­ti­nen­ten, Höhen­la­gen, ande­ren Böden und Jah­ren und natür­lich auch ande­ren Win­zern. Zeig mir mal dann ein­mal, was denn nun eigent­lich einen Syrah aus­macht.
    Aber ich möchte es, weil es gerade rich­tig lus­tig wird noch wei­ter gehen. Glo­bal!! Wie­viele Reb­sor­ten kann­ten (und ich meine hier wirk­lich leib­haf­tig ken­nen!) wir denn vor 20–30 Jah­ren?
    Wenn auf der Pro­wein der Gemein­schafts­stand der Geor­gier uns fast 140 auto­ch­tone Reben vor­stellt, von denen wir noch nicht ein­mal die Namen rich­tig auspre­chen kön­nen, wohin führt uns das denn. Die Viel­falt ist fan­tas­ti­sch und erschre­ckend. Jeg­li­cher Ver­such in der heu­ti­gen Wein­welt mit mehr als 600000 ver­schie­de­nen Wei­nen Ein­deu­tig­kei­ten zu schaf­fen, scheint mir zum Schei­tern ver­ur­teilt. Das ist schon in der ein­ge­grenz­ten klei­nen Welt der Som­me­liers mit ihren 1000+ Wei­nen im Kel­ler eine Glanz­leis­tung. Und trotz­dem schei­tern auch da Jahr für Jahr über 90% beim Mas­ters in Lon­don Aug in Aug mit den 7 Glä­sern. Ist hart. Die müs­sen natür­lich auch Domaine und Jahr erken­nen. Aber es gibt genug Bei­spiele von Blind­pro­ben, wo Wein­ken­ner bei guten Mono­ce­pa­gen aus unbe­kann­ten Gegen­den oder unbe­kann­ten Win­zern selbst die Reb­sor­ten nicht erken­nen. Liegt das dann an den Wei­nen oder schlicht nur an dem irr­wit­zi­gen Ver­such es erken­nen zu wol­len?
    Ist mal wie­der lang gewor­den und trotz­dem nicht genug. Ein Wort noch zu 

    Armin:

    Tut mir echt leid Dich da zu echauf­fie­ren. Ich mus­ste mich in dem Punkt krass aus­drü­cken, weil es uner­täg­lich ist, was da mit uns gemacht wird.
    Ich weiß dass man, wenn man mit den Win­zern spricht, einem oft die Trä­nen kom­men, wie sorg­fäl­tig und beson­nen sie arbei­ten und natür­lich nur so wenig wie mög­lich und nötig an phy­to­sa­ni­tä­ren Mit­teln (Her­bi­zi­den, Fun­gi­zi­den, Lar­vi­zi­den) ein­set­zen. Aber! Das sind genau so Geschich­ten wie in der VN-Szene, wenn die Win­zer auf Salons behaup­ten kei­nen Schwe­fel ein­zu­set­zen. Genug Händ­ler glau­ben das, weil es so natür­li­che und nette Bur­schen sind. Ich mache es kon­kre­ter :
    Frank­reich ist nicht nur im Ver­brauch von Anti­de­pres­siva Welt­meis­ter. Ebenso beim Ein­satz von Che­mie in der Land­wirt­schaft. Das ist schon hart genug. Aber es wird noch schlim­mer, wenn man die Rela­tio­nen betrach­tet. 30 % des gesam­ten Che­mie­ver­brauchs fal­len im Wein­bau an. Aller­dings macht der Wein nur 8% der land­wirt­schaft­li­chen Flä­chen aus!
    Und auch hier erzäh­len die alten Opis mit ihrem süf­fi­san­ten Lächeln das sie Bio für Hum­bug hal­ten und sie sel­ber fast gar nichts an Che­mie benut­zen. Toll für die Indus­trie. Das Zeug wird also gekauft, aber gar nicht benutzt. Dage­gen spre­chen aller­dings die Ana­ly­sen von Wein. Grenz­werte wer­den da natür­lich nur ab und zu über­schrit­ten, aber wenn ich 8 oder mehr ver­schie­dene Sub­stan­zen ein­setze und die nur ein­zeln betrach­tet wer­den ist das doch auch ver­ständ­lich. Mutig genug nun end­lich von der fran­zö­si­schen Ver­wal­tung eine Art des Kreb­ses ein­deu­tig als Win­zer­krebs zu titu­lie­ren, weil er durch diese besag­ten Mit­tel aus­ge­löst wird. Und zur Zeit häu­fen sich die Kla­gen von ein­fa­chen Arbei­tern auf Wein­gü­tern, die ohne genug auf­ge­klärt wor­den zu sein, erkrankt sind.
    Impli­zit sage ich damit auch nicht auto­ma­ti­sch, dass VN’s “gesün­der” sind. Alko­hol ist Alko­hol und somit per se ab einem gewis­sen Maß nicht gesund.
    Aller­dings muss ich noch ein­mal ein Argu­ment auf­grei­fen : wenn Wein­bau ohne Che­mie mög­lich ist und dabei trotz­dem abso­lute Spit­zen­weine, even­tu­ell mit die bes­ten Weine der Wel t(was auch immer das sein soll) her­aus kom­men kön­nen, dann stellt sich mir doch die Frage, warum man dann Che­mie über­haupt ein­setzt.
    Also : ich lasse mich des­halb in dem Fall gerne als bil­li­gen Pole­mi­ker bezeich­nen, aber da reden wir in eini­gen Jah­ren noch ein­mal drü­ber wenn die Sache in einem ande­ren Licht betrach­tet wird.

  11. Pingback: Appetithäppchen | Chez Matze

  12. Vin Natu­rell hin oder her, Wein ist für mich ein Kul­tur­pro­dukt und lebt von der krea­ti­ven Kraft, der Liebe zur Natur und vor­al­lem den han­derk­li­chen Fähig­kei­ten ihrer Erzeu­ger.
    Die eigent­li­che große Chance der VN-Bewe­gung ist die Anre­gung zur Dis­kus­sion über die gro­ßen Zivi­li­sa­ti­ons­the­men – Umwelt, Huma­ni­tät und
    Bewußt­s­ein( Nach­hal­tig­keit, Fair­ness usw.)
    Der zweite posi­tive Aspekt ist für mich dabei, daß auch die Pro­du­zen­ten, die sich schon lange mit die­sen The­men befas­sen, eine wei­tere Platt­form erhal­ten, sich und ihre groß­ar­ti­gen Weine einem jun­gen und offe­nen Publi­kum zu prä­sen­tie­ren.

  13. Dürfte ich Ihr Augen­merk auch auf die Gruppe respekt-BIO­DYN len­ken? 19 nam­hafte Win­zer aus Öster­reich und Deutsch­land, einer aus Süd­ti­rol und einer grenz­über­grei­fend in Ö und Ungarn, die bio­dy­na­mi­sche Weine in ihrer gesam­ten Band­breite von fruch­tig & fri­sch bis hin zu orange pro­du­zie­ren.

    Die Winzer/innen:
    Achs, Beck, Busch, Christ­mann, Fei­ler, Frit­sch, Manin­cor, Gsell­mann, G.Heinrich, Hirsch, Loi­mer, Nitt­naus, Ott, Pitt­nauer, Prei­sin­ger, Reb­holz, Wenin­ger, Wie­nin­ger, Witt­mann.

  14. Claudia Sontheim

    Vie­len Dank für die­sen Arti­kel. Bei mir stellt sich jetzt die Frage: Warum hat ein Wein­bauer wie Gane­vat, der jah­re­lang im Bur­gund Kel­ler­meis­ter im kon­ven­tio­nel­len Top-Wein­gut Jean-Fra­çois Morey war, beschlos­sen, nach hause zurüch­zu­keh­ren und bei sei­nen eige­nen Reben im Jura auf jeg­li­chen Ein­griff bei der Vini­fi­zie­rung zu ver­zich­ten, nach­dem er wäh­rend sei­ner sehr erfolg­rei­chen Zeit im Bur­gund die Weine von Phil­ippe Paca­let, Leon Bar­ral und Bruno Schu­el­ler und andere ken­nen­ge­lernt hatte?

  15. Stephan Bauer

    Offen gesagt weiß ich das nicht. Bei ande­ren im Sinne des Natur­weins arbei­ten­den Win­zers, mit denen ich mich unter­hal­ten habe, gibt es ein gewis­ses wie­der­keh­ren­des Mus­ter. Sie sind auf irgend­eine Wein­bau­schule gegan­gen (meis­tens die in Beaune) und haben sich schon in der Aus­bil­dung gefragt, ob das, was da schul­buch­mä­ßig emp­foh­len wird, eigent­lich wirk­lich alles not­wen­dig ist. Und waren erschro­cken dar­über, wie tech­ni­siert der Wein­bau gelehrt wird. Dann haben sie nach Vor­bil­dern gesucht, die Erfah­rung mit Weg­las­sen haben und sich anschlie­ßend so lang­sam an ihre bevor­zugte Wein­be­rei­tungs­me­thode ran­ge­tas­tet. Viel­leicht war das bei Gane­vat ja auch so, aber das wäre gemut­maßt.

  16. Claudia Sontheim

    Danke für Deine Ant­wort Ste­phan. Die Ant­wort die ich mir gebe, ist, dass Gane­vat zunächst von der Qua­li­tät und dem Geschmack der Weine von Phil­ippe Paca­let, etc. über­zeugt war. Das ist das Mus­ter, das ich in mei­nen Gesprä­chen mit Wein­bau­ern immer wie­der ent­de­cke. Am Anfang steht die sinn­li­che Erfah­rung.

  17. @ Clau­dia, Ste­fan :
    In die Rich­tung geht auch meine Erfah­rung. Einige junge Leute die auf sol­che Schu­len gehen, sind tat­säch­lich geschockt über den Che­mie­wahn der dort immer noch gelehrt wird. Und wer sich wirk­lich für Wein inter­es­siert, hat schon von ande­ren Win­zern, ande­ren Metho­den gehört und andere Weine getrun­ken. Da sprin­gen einige ab und ler­nen dann über eine andere Schiene.
    Viele der Win­zer in der Bio oder Vin natu­rel Szene sind gerne bereit junge Talente in der Pra­xis aus­zu­bil­den indem sie sie durch ver­ant­wort­li­che Mit­ar­beit auf dem Hof in ihre Arbeits­weise ein­füh­ren. So zeigt sich am Bes­ten, was warum wie gemacht wird.
    Ältere Kali­ber sind oft Quer­ein­stei­ger. So Jean Bap­tiste Senat im Miner­vois oder René Mosse im Anjou. Leute die eher Links anzu­ord­nen sind und die sich auf ande­ren Gebie­ten schon mit Alter­na­ti­ven beschäf­tigt haben. Ihnen geht der ange­gli­chene Trott in ihrem Beruf oder der Lebens­füh­rung (meist Leute aus Paris) auf den Geist und sie machen einen Schnitt. Wein machen in einer Art Natur, scheint da sehr beliebt zu sein.
    Dann gibt es noch eine Sorte. Die, die jah­re­lang im Geschäft sind und irgend­wann den Wahn mit­krie­gen. Das kann durch die stän­dige Aus­ein­an­der­set­zung mit den immer wei­ter in Ver­ruf kom­men­den Inter­nas der kon­ven­tio­nel­len Wein­pro­duk­tion sein, aber auch durch die Begeg­nun­gen mit Wei­nen und Win­zern, die sie über­ra­schen und über­zeu­gen.
    Die “Akti­vis­ten” der Vin natu­rel Szene haben oft im Blick wer etwas vom Metier ver­steht und schwankt. Sie sind dar­auf bedacht mit den Leu­ten ins Gespräch zu kom­men und zu blei­ben. Eine der gro­ßen und schwie­ri­gen Auf­ga­ben ist es, die Angst vor der Umstel­lung zu neh­men.
    Von Sei­ten der Inter­es­sier­ten ist die Angst auch ver­ständ­lich. Wer jah­re­lang mit der che­mi­schen Keule Kriege führt, kann sich ein Über­le­ben ohne diese Waf­fen nur schwer vor­stel­len. Kre­dit­ra­ten zwin­gen zu kon­stan­ten Ein­kom­men. Und wer ein­mal die Angst vor einem Ern­te­ver­lust, oder einer schief gehen­den Fer­men­ta­tion in sich trägt, der scheut sich zuerst ein­mal.
    Einige Gesprä­che mit benach­bar­ten anders arbei­ten­den Win­zern wür­den da schon hel­fen. Aber lei­der ist es erschre­ckend, dass viele Win­zer sich da genie­ren. Das ist Schade und da muss man immer wie­der antrei­ben.
    Viel schlim­mer sind aller­dings die sich hart­nä­ckig hal­ten­den Vor­ur­teile, dass eine andere als die kon­ven­tio­nelle Mach­art nie funk­tio­nie­ren kann und des­halb Bio­win­zer auch pfu­schen. Aus­ser­dem kön­nen die Weine nicht gut sein. Auf die Frage, ob sie denn mal mit den Win­zern gespro­chen, oder die Weine pro­biert haben, hört man meist ein ein­deu­ti­ges Nein. Ich kanns manch­mal nicht glau­ben. Nicht mal eine Fla­sche? Ne –noch nie.
    Das ist immer lus­tig wenn ich in der Jury der Medail­len­ver­gabe sitze und dort mit den wirk­lich net­ten und lus­ti­gen “Nor­ma­len” spre­che. Ich kann es ihnen nicht übel neh­men – aber Baff bin ich immer wie­der.

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