Vin Naturel – Eintagsfliege oder Here to Stay?

Wenn sich jemand auf facebook zum Thema Naturwein oder vin naturel äußerst, hagelt es innerhalb kürzester Zeit Kritik und Gegenkritik. Das ist bisher beim Anteasern dieses Artikels ausgeblieben und das hat möglicherweise einen Grund. Stephan Bauer schreibt sachlich über die Geschichte der vin naturels in Frankreich, er wertet wenig sondern erklärt. Das ist ausgesprochen entspannend:

Seit gut einem Jahr wird in Deutschland heiß und leidenschaftlich über „Naturweine“, Vins Naturels, Natural Wines, Raw Wines, Non-interventionist wines, Vini Naturali oder wie auch immer man sie nennen mag, diskutiert, und das häufig eher abstrakt als anhand konkreter Beispiele. Einige Schlaumeier machen es sich sehr einfach und sagen: „Naturwein gibt es nicht.“ Das ist natürlich auf einem sehr niedrigen Niveau korrekt, denn Wein ist immer ein Kulturprodukt. Es greift aber zu kurz, denn eine existierende Szene verschwindet nicht dadurch, dass man sie aufgrund formeller Argumente negiert.

Andere kommen über die technische Definition. Weil niemand definieren kann, was diese Vins Naturels eigentlich sind, können sie auch nicht für sich in Anspruch nehmen, das zu sein, was sie vorgeben. Auch dieser Ansatz greift zu kurz. Aber er wirft natürlich die Frage auf, was einen „Naturwein“ eigentlich technisch gedacht ausmacht? Biologischer oder biodynamischer Anbau gehört dazu, ebenso wie der Verzicht auf Hilfsmittel im Keller wie Reinzuchthefen, Schönungsmittel (Eiweiß, u.ä.), Filtrationsanlagen und vor allem Schwefeldioxid. Da einige in der Vin-Naturel-Szene erzeugte und geschätzte Weine zusätzlich in die Kategorie „Orange“ (d.h. maischevergorener Weißwein) fallen oder in Amphoren, Betoneiern oder anderen unkonventionellen Behältern vergoren und ausgebaut werden, wird auch über solche Weine im Zusammenhang mit Vins Naturels diskutiert, auch wenn sie nicht aus Bio-Anbau stammen oder in normalem Maße geschwefelt werden.

Im Rahmen der eher technikgeprägten Diskussion wird einigen Vins Naturels mangelnde Konsequenz vorgeworfen. Ist ein Wein aus nicht biologisch oder biodynamisch zertifiziertem Anbau, wird aber ungeschwefelt abgefüllt, wird seine Eigenschaft als Vin Naturel in Zweifel gezogen. Das Gleiche gilt für Weine, die „schwach“ geschwefelt sind, also z.B. mit maximal 20 mg/l freiem Schwefeldioxid und das nur kurz vor der Abfüllung oder nach der malolaktischen Gärung. Mit solchen technischen Diskussionen und der Frage nach der Konsequenz kann man Stunden verbringen und ist am Ende der Diskussion auch nicht viel schlauer, denn auch diese Diskussion streift das Thema nur am Rande.

Wodurch zeichnen sich diese „Naturweine“ denn dann aus? Das lässt sich deshalb nicht beantworten, weil es nicht den Naturwein gibt, sondern viele verschiedene aus ganz vielen verschiedenen Szenen und mit unterschiedlichen Vorbildern. Zeit, sich diese Szenen einmal näher anzuschauen, hier mit dem besonderen Fokus auf Frankreich.

Ein kleiner Rückblick – Jules Chauvet, Pierre Overnoy, Nicolas Joly
Vin Naturel hat eine lange Historie. Die Anhänger der Naturwein-Kernszene beziehen sich letztlich immer auf Jules Chauvet (1907-1989), einen studierten Chemiker und Winzer aus dem Beaujolais. In der dunklen Zeit des Beaujolais, in der es um schnelle Vinifikation, die Bedienung von Märkten (vor allem des Marktes für Beaujolais Nouveau) und nicht in allererster Linie um Qualität ging, strebte er danach, die Qualität seiner Beaujolais und vor allem die Qualität seiner Weine als Beaujolais zu verbessern. Das bedeutete für ihn eine Landwirtschaft unter Verzicht auf chemische Dünger und Herbizide, den Verzicht auf Chaptalisation, auf Reinzuchthefen, auf Filtration, auf Schönung und vor allem (möglich dank der reduktiven Vergärung mittels macération carbonique) den Verzicht auf Schwefeldioxid.

Davon ließen sich andere Winzer im Beaujolais inspirieren: zunächst Marcel Lapierre, Jean Foillard, Guy Breton und Jean-Paul Thevenet, später zahlreiche weitere. Wie in Kermit Lynch’s hervorragendem Buch Adventures on the Wine Route (25th Anniversary Edition 2013) nachzulesen ist, waren bei Lapierre, Foillard, Breton und Thevenet allerdings jahrelange Experimente mit und ohne Schwefeldioxid, in der Vinifikation, im Ausbau, etc. erforderlich, bis die Weine das Level an Stabilität, Haltbarkeit und auch klarem Geschmack hatten, die die Winzer anstrebten. Den Berichten von Kermit Lynch zufolge ging es Jules Chauvet am Ende darum, seine Weine besonders bekömmlich (durch Verzicht auf Schwefeldioxid), möglichst pur und möglichst gut trinkbar zu vinifizieren. Es ging also nicht um Ideologie, sondern um Qualität.

Eine weitere Referenzperson für die Vin-Naturel-Szene ist Pierre Overnoy. Overnoy übernahm die familiären Weinberge in Arbois-Pupillin im Jura im Jahr 1968 und bewirtschaftete diese von Beginn an ökologisch. Er war mit Jules Chauvet befreundet und tauschte sich mit diesem regelmäßig über Vinifikationstechniken, die Bodenbewirtschaftung, etc. aus. Ab den 80er Jahren verzichtete Pierre Overnoy auf den Einsatz von Schwefeldioxid und ebenso auf Chaptalisation, Filtration und Schönung. Diese Grundsätze übernahm auch sein Ziehsohn Emmanuel Houillon, der die Domaine heute führt. Overnoys Weine gehören zurecht zu den meistgesuchten weltweit, werden streng zugeteilt und finden sich auf den Weinkarten der besten Restaurants. Auch Overnoy und Houillon folgen keiner Ideologie, sondern wollen pure Weine erzeugen, die ihre Herkunft zeigen. Sie sind sich aber auch bewusst, dass ohne Schwefeldioxid Weine ohne offensichtliche Fehler nur möglich sind, wenn die Trauben reif, aber nicht überreif geerntet werden, faule Trauben rigoros aussortiert werden und im Keller sauber gearbeitet wird. coulee

Interessanterweise bezieht sich kaum jemals jemand in der Vin-Naturel-Szene auf Nicolas Joly, einen der Vorreiter des biodynamischen Weinanbaus in Europa. Er hat bereits Anfang der 1980er Jahre zunächst den berühmten Weinberg Coulée de Serrant und später seine weiteren Weinberge auf biodynamischen Anbau umgestellt. Er hat seine Weine stets spontan vergoren, nicht chaptalisiert, sie aber leicht filtriert und normal geschwefelt. Im Prinzip sind die Savennières Coulée de Serrants von Nicolas Joly Paradebeispiele für den heutigen Gout Vin Naturel mit ihrer urwüchsigen Art, ihrer manchmal schwierigen Mischung aus oxidativ und reduktiv, ihrer ungestümen Botrytis, ihrem manchmal ungezügelten Alkoholnebel und ihrer Unvorhersehbarkeit. Gegner werfen den Weinen vor, sie seien reine Konzeptweine, bei denen die Trinkbarkeit sich dem Konzept unterwerfe. Fans preisen neben der häufig, aber nicht immer spürbaren Expressivität und Qualität der Weine vor allem die Tatsache, dass die Weine eine ziemlich pure und ungeschminkte Inkarnation ihrer Herkunft und ihrer Erzeugung sind und viel Seele haben.

Dass Nicolas Joly in der Vin-Naturel-Szene eine eher untergeordnete Rolle spielt, ist umso erstaunlicher, als er die Vereinigung Renaissance des Appelations ins Leben rief, in der viele der besten Winzer aus verschiedenen Ländern (u.a. Zind-Humbrecht, Domaine Leroy, Domaine Leflaive, Wittmann, Rebholz) zusammengeschlossen sind. Sie unterwerfen sich verschiedenen Regeln, in deren Zentrum ein biodynamischer Anbau steht, zu denen aber auch unter anderem der Verzicht auf Reinzuchthefen, auf Schönungsmittel, auf Holzchips, auf Chaptalisation und auf Sterilfiltration gehört. Kein Wort findet sich in der Qualitäts-Charta der Renaissance des Appelations zum Thema Schwefeldioxid.

Vin Naturel und seine Szenen
So viel zu ein paar wichtigen Figuren aus den Ursprüngen des Vin Naturel. Wo stehen wir heute? Heute schwappen die Weine, die in diversen Restaurants und Bars in Paris Anfang der 00er Jahre ausgeschenkt wurden und in immer mehr Restaurants und Bars in ganz Frankreich ausgeschenkt werden, die Mitte bis Ende der 00er Jahre zunehmend auf den Weinkarten in Kopenhagen standen und auch heute noch stehen, langsam aber sicher auf andere Länder über. Wie aber eigentlich alles heutzutage, hat sich die Szene ausgeweitet und ausdifferenziert.

In der Vin-Naturel-Szene gibt es zum einen die Klassiker, die schon seit recht langer Zeit biologisch oder biodynamisch arbeiten und ihre Weine nicht chaptalisieren, spontan vergären, nicht oder allenfalls sanft filtrieren, nicht schönen und nicht oder nur schwach (meist bis 20 mg/l) schwefeln. Aus dem Beaujolais gehören immer noch Matthieu Lapierre (der die Domaine nach dem Tod seines Vaters Marcel übernommen hat), Jean Foillard, Guy Breton und Jean-Paul Thevenet dazu, aber auch Yvon Mêtras, Jean-Louis Dutraive und andere. Im Jura sind neben Pierre Overnoy/Emmanuel Houillon Jean-Francois Ganevat, die Domaine Pignier und die Domaine Labet bekannt. Die Loire ist ein Hot-Spot der Vin Naturel Szene. Zu den bekanntesten „Klassikern“ an der Loire gehören Mark Angeli (Ferme de la Sansonnière), Richard Leroy und Cathérine & Pierre Breton. Weitere bekannte Namen sind Dard & Ribo (nördliche Rhône), Cyril Fhal (Clos du Rouge Gorge, Roussillon), Tom Lubbe & Sam Harrop (Matassa, Roussillon) oder Léon Barral (Languedoc).

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Was diese Klassiker eint, ist, dass sie auf den Weinkarten der besten Restaurants zu finden sind, dass sie sich nicht nur an Kunden von Vin Naturel richten, sondern auch von eher konservativen Weinkäufern gekauft werden und dass sie (Ausnahmen bestätigen die Regel) überwiegend die offiziellen Appelationen in ihren Gegenden nutzen und sich nicht auf die „alles ist möglich“ Appelation des Vin de France zurückziehen. Bei diesen Weingütern ist das allererste Kriterium die Qualität der Weine. Fragt man sich, warum die Weine so gut sind, kann man auf die Idee kommen, dass es die am Anfang des vorherigen Absatzes genannten Anbau- und Vinifikationsmethoden sind. Es sprechen durchaus einige Argumente dafür. Allerdings schmeckt auch die geschwefelte Version des Morgon von Marcel/Mathieu Lapierre brillant, pur und absolut reintönig. Und auch die Weine von Jean-Francois Ganevat waren bereits herausragend, bevor er anfing, auf die Schwefelung seiner Weine zu verzichten. Unter Umständen liegt die hohe Qualität der Weine der Klassiker des Vin Naturel daran, dass die entsprechenden Winzer extrem sorgfältig arbeiten, weil unsorgfältiges Arbeiten nicht zu kaschieren ist.

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Neben den Klassikern und zahlreichen sehr vielversprechenden Winzern, die sich von den Klassikern inspirieren lassen, von ihnen lernen und sie als Vorbild nehmen, gibt es eine Vielzahl von Weingütern, deren Weine deutlich kontroverser diskutiert werden, als die der Klassiker. In dieser Gruppe, die eigentlich keine ist, findet man alles, was das kontroverse Herz begehrt.

Es gibt zum einen die Gruppe der Vins de Soif, der “Weine über den Durst“, der Spaßweine, der unkomplizierten Durstlöscher. Bei diesen Weinen ist die Herkunft an sich egal. Sehr viele werden ohnehin nur als Vin de France oder Vin de Table, also als Wein ohne genauere Herkunftsbezeichnung ausgewiesen und zeichnen sich optisch eher durch eingängige Namen und poppige Etiketten aus. „Soif du Plaisir“, „Vin des Amis“, „You fuck my wine“, „Va te faire boire“, usw. Über diese Weine lässt sich nur selten streiten, sie sind im besten Falle genau das, was sie ausdrücken wollen: jung zu trinkende Weine, über die man nicht groß nachdenken muss.

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Dann gibt es die experimentelle Fraktion, zu der auch viele Quereinsteiger ohne nennenswerte önologische Erfahrung gehören. Auch hier findet man nur selten AOCs auf dem Etikett, sondern nur die Bezeichnung Vin de France oder Vin de Table. Mit diesen Weinen tue ich mich ganz besonders schwer und hier beginnt der Vin Naturel, kontrovers zu werden. Bezeichnend war eine Weinbegleitung zu einem Lunch im Restaurant Relae in Kopenhagen im Frühjahr letzten Jahres. Das Relae und die gegenüber liegende Weinbar Manfreds og Vin sind Hotspots der Vin-Naturel-Liebhaber in Kopenhagen, in denen man allerdings leichter einen Platz kriegt als im noma. Die Weinkarte ist extrem Vin-Naturel-lastig und ist ganz überwiegend mit eher obskuren Winzern bestückt, die Nicht-Kennern der Szene eher kein Begriff sein dürften (und mir zu einem großen Teil auch kein Begriff waren).

Eine misslungene Vin-Naturel-Weinbegleitung in Kopenhagen
Los ging es mit einem 2013er Chardonnay aus der Ardèche Gegend, ein wenig westlich von der Rhône, von einem jungen Winzer namens Grégory Guillaume. Ein Vin Naturel mit allem was dazugehört (inkl. Bewirtschaftung der Weinberge mit Pferden). Trotz leichter Apfelmostnoten ließ er sich passabel trinken, war aber am Ende harmlos und seicht. Hat die Bodenbewirtschaftung mit Pferden und der Verzicht auf Schwefel, Schönung, Filtration, etc. hier irgendeinen geschmacklichen Vorteil? Aus meiner bescheidenen Sicht nicht. Viele 8 Euro Mâcons oder Bourgogne Blancs von Zweite-Reihe Winzern aus dem Burgund weisen mehr geschmackliche Tiefe und vor allem mehr Spannung auf. Es bleibt das Gefühl der Ratlosigkeit. Nächster Wein: ein 2007er Vin de France „Navine“ von der heute nicht mehr existierenden Domaine les Griottes, die von zwei Rebellen namens Sébastien Dervieux und Pat Desplats geführt wurde. Auch hier wird nicht geschwefelt, nicht einmal bei den Süßweinen. Vin-Naturel-Freaks wird der Navine sicher begeistern, für Novizen bietet er eine spannende Horizonterweiterung. Er schmeckt aber auch ein wenig generisch nach Vin Naturel mit seinen Matschapfelnoten, seinen Fino-Sherry-Noten, seiner kargen Adstringenz im Mund, der teeartigen Sprödigkeit und dem leicht stumpfen Mundgefühl, das bleibt. Das ist beim ersten Mal spannend, beim zweiten Mal wünscht sich der Vin-Naturel-Freak das gleiche nochmal und der eher konservative Weintrinker (wie ich) einen La Lune von Mark Angeli oder einen Anjou “La Varenne du Poirier” der Domaine les Grandes Vignes, also etwas ähnliches, nur in gut und ohne störende Oxi-Noten.
11037892_960741753970934_8068451969652870394_nEs ging zweit- bis drittklassig weiter mit einem Moulin-à-Vent „La Petite Oseille“ von Michel Guignier aus dem Beaujolais, der weniger mit Oxidation als vielmehr mit übermäßiger Reduktion zu kämpfen hatte, Stichwort: Bremsspur. Matt, ohne die unbeschwerte Frucht guter Beaujolais, zwar leicht, aber nicht süffig und ohne ausreichend Geschmack. So einen Wein bekommen andere Winzer ohne Schwefel und wieder andere Winzer auch mit Schwefel deutlich besser hin. Wieder bleibt ein Fragezeichen. Zum Schluss wurde es dann noch einmal ganz obskur mit einem Vin de France “Orionides” der Domaine La Coulée d’Ambrosia, wieder aus der Gegend um Anjou. Das ist ein Pétillant Naturel (Pet’Nat) aus Chenin Blanc, der regelrecht braun ist, nach Roggenbrot und ziemlich oxidativ schmeckt und vor allem wieder matt und seicht. Das, was die Vin Naturel Fans als Hauptqualitätsmerkmal der von ihnen geschätzten (ungeschwefelten) Weine angeben, nämlich die Klarheit und Purheit im Geschmack, war bei keinem der vier servierten Weine zu erkennen. Im Gegenteil: alle vier wirkten matt und müde, spannungsarm und dumpf und machten nur wenig Freude.

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Eine gelungene Vin Naturel Weinbegleitung in Beziers
Ganz anders allerdings die Vin Naturels, die vor ein paar Jahren im Restaurant Octopus in Béziers im Languedoc eingeschenkt wurden. Weniger obskur, klassischer und weniger kategorisch einer bestimmten Szene zuzuordnen. Serviert wurden unter anderem ein weißer Vin de France Maccabeu und ein roter Vin de France „Tout Nature“, beide von der Domaine Ledogar aus Corbières-Boutenac, beide großartig, sauber, klar, pur. Ebenso klar und pur, aber noch mit einer Extra-Dimension ausgestattet, war ein Vin de Pays de la Vallée du Paradis “La Begou” von Maxime Magnon, ebenfalls aus Corbières. Bezeichnenderweise findet man die Weine von Domaines wie Ledogar und Maxime Magnon in den Katalogen von wegweisenden Weinhändlern wie Kermit Lynch oder Sebastien Visentin, nicht aber auf reinen Vin Naturel Weinkarten wie im Relae oder in den Katalogen von strikten Vin Naturel Weinhändlern.

Vin Naturel und der Einheitsgeschmack
Interessant wird es, wenn man sich mit der „Kern-Vin-Naturel Szene“ und ihren Weinen etwas näher beschäftigt. Zunächst fällt auf, dass dieselben Namen immer wieder auftauchen, sei es in Kopenhagen, London, Paris oder Berlin. Aus dem Elsass sind das z.B. die Domaines Meyer, Rietsch, Bannwarth und Schueller, aus dem Jura die Domaines des Cavarodes, de l’Octavin, Ganevat und Labet, aus der Bourgogne die Domaines Philippe Pacalet, A&O de Moor, Fanny Sabre und Vini Viti Vinci, von der östlichen Loire Sébastien Riffault, von der mittleren Loire zu viele, um sie aufzuzählen, Hervé Souhaut und Dard & Ribo an der nördlichen Rhône, Marcel Richaud an der südlichen Rhône und dann wieder sehr viele aus dem Languedoc und dem Roussillon.

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Bei einigen, aber bei weitem nicht allen, der oben aufgezählten ist ein gewisser geschmacklicher Konsens nicht zu verkennen. Beim Weißwein sind das Apfelmost, ganz leichte bis stärkere oxidative Noten, hefige und brotige Anklänge, teeartige „weiße“ Tannine. Bei Rotwein geht es mehr in eine stark erdige Richtung, Kräuter, Zweige und Blätter finden sich assoziativ auch häufig. Das lässt die Frage entstehen, ob es evtl. mittlerweile einen „gout vin naturel“ gibt, der über Länder- und Regionsgrenzen hinaus gemeinsame Nenner hat. Ich bin davon überzeugt, denn die geschmackliche Übereinstimmung diverser Naturweine ist einfach zu groß, um darüber hinwegzusehen. Rieslinge von Rita & Rudolf Trossen an der Mosel schmecken z.B. in erster Linie nach Vin Naturel und erst danach nach Moselriesling. Dasselbe gilt für die Weine von Patrick Meyer aus dem Elsass.

An dieser Stelle wird deutlich, warum der Vin Naturel so kontrovers ist. Den „gout vin naturel“ mag nicht jeder. Für die Fans dieser Weine sind konventionelle Weine, die eher mit klarer Frucht als mit Erdigkeit punkten, nur noch langweilig. Die Gegner dieser Weine wiederum stören sich an diversen Aspekten der wirklich „naturel“ schmeckenden Weine: Oxdiation, Reduktion, Kohlensäure, fehlende Klarheit, manchmal flüchtige Säure bzw. ein Essigstich, usw. Zur Kontroverse trägt zudem bei, dass die Befürworter und die Gegner der Vin Naturels für sich beanspruchen, zu wissen, was einen guten Wein an sich ausmacht. Es geht um nicht weniger als Wahrheit bzw. die Seele des Weins. Wenn die Organistorin der Raw Fair, Isabelle Legeron, in einem Interview mit der Welt sagt, der Naturwein sei per se der bessere Wein, da Filtration den Geschmack entferne, unterdrückte malolaktische Gärung der Persönlichkeit im Wege stehe, spricht das Bände.

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Würde ich nur noch Vin Naturel trinken, würde ich mich vermutlich an einige Aromen, die mich derzeit stören, schnell gewöhnen. Ich würde im Wein nach bestimmten Merkmalen suchen, nach Apfelmostaromen im Weißwein, nach teeartiger Sprödigkeit, nach Erde und nicht nach klarer Frucht. Weine, die so nicht schmecken, würden mir unter Umständen nicht mehr schmecken. Für mich ist der manchmal etwas uniform wirkende „gout vin naturel“ aber gerade das, was er nicht sein will: konventionell in seiner Nische, gleichmachend, Unterschiede zwischen verschiedenen Rebsorten und Terroirs eher negierend als unterstützend. Die entsprechenden Weine zeigen gerade nicht ihre Herkunft, sondern sind so oder so ähnlich mit den entsprechenden Mitteln anderswo genauso gut reproduzierbar.

Ganz anders sieht es bei den eingangs erwähnten Klassikern aus, den wahren Könnern, den „Maßstäbe-Setzern“. Ein Chardonnay von Jean-Francois Ganevat oder von Julien Labet und seinen Geschwistern schmeckt klar nach Chardonnay, aber ganz anders als ein Chardonnay von der Côte de Beaune oder aus dem Chablis. Würziger, etwas nach Jura, mehr nach dem durch Lehm dominierten Boden im Sud-Revermont als nach dem durch Kalk dominierten Boden im Chablis. Für einen Poulsard von Pierre Overnoy und Emmanuel Houillon gilt dasselbe. Die Rebsorte ist hier unverkennbar, ihr Poulsard fügt dem Geschmacksprofil allerdings so viele weitere Aspekte hinzu, die bei den Poulsards anderer Erzeuger fehlen. Der Morgon von Marcel Lapierre oder der Fleurie von Yvon Mêtras (aus guten Flaschen) oder auch die Fleuries von Jean-Louis Dutraive sind Paradebeispiele für Gamay aus ihrem jeweiligen Ort, an denen sich jeder andere Erzeuger orientieren kann. Die Aromatik ist so pur und klar, dass die Seele des Weins tatsächlich durchscheint.

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Die Spreu vom Weizen trennen
Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, für mich sind aber die Unterschiede zwischen den guten und den schlechten Vin Naturels so groß, dass es dem allgemeinen Image des Vin Naturel gut tun würde, wenn die einschlägigen Händler, Sommeliers und Blogger die Unterschiede zwischen gut und schlecht bzw. mittelmäßig noch etwas stärker herausheben würden, die Spreu vom Weizen trennen würden. So wie es auch die guten Händler konventioneller Weine tun bzw. die guten Sommeliers in Restaurants, in denen konventionelle Weine ausgeschenkt werden. Ein Vin Naturel ist nicht deshalb gut, weil er aus biodynamischem Anbau kommt, spontan vergoren, nicht geschwefelt, nicht geschönt und nicht filtriert ist, sondern nur dann, wenn man seine Herkunft schmecken kann, wenn er Trinkvergnügen bereitet, wenn er Tiefe und Komplexität (jeweils auf der entsprechenden Stufe) aufweist. Also die Qualitäten hat, die Referenzweine bestimmter Gegenden haben.

Es ist kein Zufall, dass Weine wie z.B. die Chablis von Jean-Marie Raveneau und Vincent Dauvissat, die Sancerres von Edmond Vatan, von Francois und Pascal Cotat oder von Gérard Boulay, die Saumurs und Saumur-Champignys der Foucault-Brüder, die Cornas von Thierry Allemand und Auguste Clape oder die roten Burgunder von Jean-Marie Fourrier, Sylvain Cathiard oder von Christophe Roumier weltweit so begehrt sind. Wenn man diese Weine trinkt, erschließt sich einem sehr häufig (wenn auch nicht immer) die spezielle Typizität von Rebsorten, Terroirs und ihrem Zusammenspiel. Sich einen solchen Referenzstatus zu erarbeiten, gelingt zunehmend auch strikt naturel arbeitenden Winzern. Beispiele wurden hier mehrere genannt. Wenn der Vin Naturel aus der Nische heraus will (wobei er das vielleicht gar nicht will und erst recht nicht muss), dann gilt es, die Referenzwinzer herauszuheben und die nicht so guten nicht besser zu machen, als sie es sind, nur weil sie naturel erzeugt wurden.

Vin Naturel ist mehr als nur ein vorübergehender Trend, das muss jedem klar sein, der sich mit Winzern unterhält und sich die Trends setzenden Weinkarten anschaut, die nicht erst seit gestern, sondern schon seit ein paar Jahren zunehmend biologisch bzw. biodynamisch arbeitende Winzer herausstellen, die auch im Keller Maß walten lassen. Für Winzer wie Sylvain Pataille in Marsannay, die auch zahlreiche andere Winzer beraten, gibt es aktuell nur eine Richtung: weniger ist mehr, aber mit Maß. Verlangt der Jahrgang etwas mehr Schwefeldioxid, dann wird nicht kategorisch damit gegeizt. Aber behutsam wird ausgelotet, was den Weinen durch Weglassen gut tut und was unter Umständen risikoreich ist.

Die Vin-Naturel-Bewegung wird sich mit der Zeit immer mehr in die Mitte bewegen, so, dass etablierte Winzer ihre Methoden überdenken, gerade wenn die nächste Generation das Ruder übernimmt, dass auf der anderen Seite die Matschapfelwein, die Orange Pet’Nats und die Elsässer Pinot Gris sous voile das bleiben, was sie sind: Nischenweine für Freaks, die mal was anderes trinken wollen, die aber allenfalls einzelflaschenweise gekauft werden und nicht kistenweise. Die größte Gefahr für den Vin Naturel, der heute Gegenstand der Kontroverse ist, ist nicht der konventionelle Wein, sondern der gute Vin Naturel, bei dem u.U. dann doch kleine Kompromisse gemacht werden und in dem jahrelanges Know-How und vor allem das Bestreben um stetige Verbesserung stecken.

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22 Kommentare

  1. Prima historische Aufarbeitung des Themas. Stimme in vielen Punkten auch in der Betrachtung der aktuellen Situation überein und sehe auch den Ausblick in die Zukunft sehr ähnlich. Ein sehr positiver Beitrag zum Thema.

  2. Thorsten Melsheimer

    Danke für viele neue Name (für mich neu). Da wartet einiges entdeckt zu werden.

  3. Hallo Christoph Stephan (Anm.d.Red.),
    toller Artikel, der in vielen Punkten den Nagel auf den Kopf trifft und zeigt, wie zersplittert die Szene inzwischen und schwierig es ist, da gemeinsame Nenner zu finden.
    Ich erinnere mich noch gut daran wie vor einigen Jahren schon einige Winzer mit denen ich zusammen arbeite die von der Raw in London zurückkamen, völlig entsetzt waren über Zunahme an fast nicht geniessbaren Weinen und überlegten nicht mehr dorthin zu gehen, um nicht in den gleichen Topf geworfen zu werden.
    Aber die Bewegung ist nicht aufzuhalten und deine Prognose zeigt ja auch den normalen Verlauf einer jeden Bewegung im kommerziellen Bereich.
    Mitläufer sind da ja noch harmlos weil sie eventuell lernen können. Schlimm ist die Anzahl an Profitierern, die nur Zahlen im Kopf haben und die auf der Welle reitend, höhere Erträge erhoffen.
    Ich komme gerade von den drei Salon off zur Millesime bio aus Montpellier zurück und frage mich, ob ich darüber auf dem Blog etwas veröffentliche. Der Ausschuss dort war groß. Auch wenn es nicht komplett deine krassen aber bekannten Erfahrungen in Kopenhagen widerspiegelt.
    Aber wenn Domainen wie Jacquesson, Albert Mann, Foradori, Coulet dort stehen (neben Foillard, Breton – oder dieses Wochenende auch Joly und Angeli in Angers), dann wundert man sich manchmal, wie mutig manche Winzer sind, sich daneben zu stellen.
    Allerdings finde ich die dort anzutreffende Qualität nicht so schlimm, wie Du es erfahren hast. Das liegt vielleicht daran, das auf solchen Salons meist eher Einkäufer sind, die nicht gerade den Laden um die Ecke oder jedes kleine Bistro beliefern. Deswegen ist es manchmal schwer, solche Weine überhaupt zu bekommen. Und wenn man auf der Welle mitschwimmen möchte, hat man ja auch kein Problem andere Winzer zu finden, die einem natürlich auch alles Gute versprechen. Und da gehören Schlawinerwinzer genau so dazu wie leichtgläubige Händler. So sehe ich eher das Problem in den wenig wirklich ambitionierten oder völlig unerfahrenen Ladenbesitzern, die Dir dann auch nur (hart aber fair) Müll anbieten können.
    Und ehrlich, man muss auch 2 Dinge bedenken.
    1. Gastro – Den normalen 400+ % Aufschlag, der es von Anfang an verunmöglicht, wirklich gute Weine präsentiert zu bekommen und
    2.Handel – die Schwierigkeit durch fehlende Beziehung (sprich Bezugsquelle) oder fehlende Menge überhaupt an die Weine zu kommen.
    Einem Allgemeingeschmack von vin naturell kann ich nicht zustimmen in dem hier vermittelten Sinne. Es liegt doch eher an der leider breit auftretenden nicht gerade hochwertigen Qualität die im breiten Handel anzutreffen ist. Aber auch das kennen wir doch von allen anderen kommerzialisierten Produkten. Das ist somit kein Makel vom Produkt selber, sondern zum Einen vom Macher, der sich wegen Unsicherheit oder Unkönnen an allgemeinen Maßstäben festhält und das Produkt dahin trimmt und zum Anderen an dem harten Gesetz des Marktes. Wenn in Deutschland halt nur 2,83 Euro pro Liter ausgegeben wird und 90 % des Umsatzes von Weinen unter 9 Euro bestritten wird, wird es für wirklich gute VN’s sehr,sehr schwer. Und das wird auch nicht ausreichend kommuniziert : Du kannst für unter 16 Euro in Deutschland im Handel guten VN bekommen, und unter 30 keinen Topwein. Punkt. Streitet nicht darüber, sondern lieber über das miese Lohnniveau durch das man sich Gutes nicht mehr leisten kann.
    Deine Argumentation könnte man ja auch auf die konventionellen Produkte anwenden. Du kannst nicht kritisieren, das ein Syrah der vin naturel ist, keine klare Stilistik zeigt. Jeder der die Produktion konventionellen Weines kennt, weiß auch um die Methoden, warum da Aromatik so klar und deutlich ist. Selbst in Jahren und bei Konditionen, die so etwas gar nicht zulassen würden bekommst Du da eine ausgeprägte fast gleiche Aromatik. Das ist doch absurd. Und von den anderen Inhaltsstoffen beim Giftprodukt “konventioneller Wein” wollen wir doch gar nicht sprechen. Wenn ich daran denke, kann doch in keinem Fall so etwas wie Genuss aufkommen. So gesehen, sind selbst die miesesten VN’s noch besser als konventionelle Weine. Und nochmal : viele denken nicht daran, das nicht nur Leute wie Leroy, sondern auch R-C biodynamisch arbeiten und somit eher strahlende Beispiele für VN’s im weitesten Sinne sind, als für konventionelle Weine.
    In einem Punkt bin ich absolut deiner Meinung : über die Problematik bei der Qualität selber und ihrer Bewertungmethoden , sowie der Betrachtung der ganzen Bewegung muss mehr diskutiert werden. Gerade wir Blogger sind da gefragt. Das sind dann oft nicht gerade angenehme Berichte und man läuft Gefahr als Miesmacher oder notorischer Pessimist angesehen zu werden. Dem muss man sich stellen.
    Aber in die andere Richtung geht es ja auch. Ich sage nur Cornas Billes noires” von Matthieu Barret. Wein zum Träumen. Und selbst wenn es das in konventionell geben sollte, dann ist dass Bewußtsein der konventionellen Giftbrühe doch nicht ausgeschaltet und es stellt sich einfach die Frage, warum muss das so produziert werden, wenn es auch anders geht – ohne Unterstützung der Chemieindustrie und späteren Belastung der Krankenkassen. Und da sind Sommelieres und Fachjournalisten gefragt, das mal etwas klarer und deutlicher darzustellen, statt süffisant VN’s generell zu belächeln.

  4. Gottfried

    eigentlich ist das Ganze schon sehr verwirrend, aber der Artikel gefällt mir weil er viel Wahrheit enthält!

    Und: wie war das noch schnell mit VDP und Naturwein – das steht doch dort in den Statuten. Hat aber nichts mit aufoxidiertem Wein zu tun..

  5. Der VDP ist die Nachfolgeorganisation des Verbandes Deutscher Naturweinversteigerer, die sich 1910 zusammengeschlossen hatten. Das hat aber mit dem heutigen Naturwein nichts zu tun.

  6. Stephan Bauer

    Lieber Karl Brunk,

    mit vielem, was du schreibst, stimme ich voll überein. Weingüter wie die von Mathieu Barret würde ich trotz Biodynamie und Verzicht auf Chaptalisation, Filtration und Schönung trotzdem nicht in die enge Vin Naturel Szene stecken, die in dem Blogpost beschrieben ist. Weil er seine Weine schwefelt, wenn auch die Schwefelung Jahr für Jahr zurückgefahren wird. In den einschlägigen Bars und Restaurants sind seine Weine deshalb auch nur dann zu finden, wenn der Barbesitzer / Sommelier ein bisschen offen für Undogmatisches ist.

    Es ist auf jeden Fall auch richtig, dass es ganz selbstverständlich bei konventionell erzeugten Weinen riesige Qualitätsunterschiede gibt und die ganz große Mehrheit eine Rebsorte oder eine bestimmte Herkunft nicht zeigt. Mir ging es um das Argument, dass vin naturels per se die Rebsorte(n) und die Herkunft besonders gut zeigen, WEIL sie erzeugt wurden wie sie erzeugt wurden. Die Praxis zeigt für mich, dass das so pauschal nicht funktioniert, sondern nur bei den wahren Könnern.

  7. Lieber Stephan,

    Nicolas Joly zählst Du allerdings auc zu den Naturwein-Winzern, obwohl er seine Weine immer geschwefelt hat, Schwefel als Lichtquelle ansieht und die Schwefelgaben meines Wissens auch jetzt nicht zu knapp waren. Inwiefern unterscheidest Du zwischen Barret und Joly?

  8. Stephan Bauer

    Hallo Christoph,

    das kommt in dem Blogpost vielleicht nicht so gut raus, aber Joly würde ich auch nicht als Naturwein zählen, weil er schwefelt. Allerdings sind seine Prinzipien der Biodynamie und auch der Verzicht auf sehr viel (außer Filtration und Schwefelung) m.E. wegweisend für die Vin Naturel Szene gewesen, und einige wie Mark Angeli beziehen sich ja auch offen auf ihn als Inspirationsquelle. Daneben finde ich den Coulée de Serrant geschmacklich auch sehr ähnlich wie einige Vin Naturels aus der Anjou Gegend. So hatte ich das gemeint.

  9. Zitat Karl Brunk:
    “Und selbst wenn es das in konventionell geben sollte, dann ist dass Bewußtsein der konventionellen Giftbrühe doch nicht ausgeschaltet und es stellt sich einfach die Frage, warum muss das so produziert werden, wenn es auch anders geht – ohne Unterstützung der Chemieindustrie und späteren Belastung der Krankenkassen. Und da sind Sommelieres und Fachjournalisten gefragt, das mal etwas klarer und deutlicher darzustellen, statt süffisant VN’s generell zu belächeln.”

    Genau mit so etwas habe ich ein großes Problem, da wird pauschal von Giftbrühe bei konventionell erzeugten Weinen gesprochen, da wird behauptet, dass solche Weine krank machen und impliziert, dass dies Vin Naturel nicht machen würden. Sorry aber das ist doch billige Polemik und hilft dem Gedanken der möglichst naturbelassenen Weinen nicht wirklich weiter.

  10. Stefan und Christoph :
    ich halte es auch für schwierig festzulegen, wo VN anfängt und wo ein Wein es nicht mehr ist. Leider gibt es diese doofe Natur und die verhagelt einem manchmal die Reben oder es gibt zuviel oder zuwenig oder zu den flaschen Zeiten Regen, Sonne oder gar nur Feuchte. Was soll ein Winzer denn machen mit der Ernte wenn das Lesegut letztendlich nicht so perfekt ist. Ich hatte letztes Jahr auf der Renaissance des Terorirs in Bordeaux noch ausgiebig mit Nicolas Joly über seine Schwefelwerte gesprochen. Er verpackt es gut in Argumenten und ehrlich gesagt finde ich es absolut auch nicht schlimm. Es ist nur erstaunlich viel wenn man seine Werte mit denen anderer vergleicht und erstaunlich wenig wenn man seine mit “normalen” Weinen vergleicht.
    In den Diskussionen mit vielen VN-Winzern kommen immer drei widerstreitende Punkte ans Licht : Konsequenz, Qualität, Realität.
    Keiner von den Winzern, die wir so gut finden würde ohne Grund Schwefel zugeben. Man sieht es ja an den Mengen. In guten Jahren gibt es bei fast allen auch Abfüllungen, wo nur Microdosen am Schluss zugegeben werden, oder gar gar nichts. Sie entscheiden das an der Qualität des Leseguts im jeweiligen Jahr. Um da auf Dauer hin zu kommen, liegt ihr Hauptaugenmerk auf der Unterstützung der Parzellen während des Jahresverlaufs mit den Mitteln, die im weitesten Sinne nicht invasiv sind, hier also : nichts Artfremdes der Rebe oder später dem Saft zufügend. Da kann durch Lüftung, Beschattung, Rückschnitt, Entlaubung oder Förderung der Biodiversität von Pflanzen oder Tieren, Förderung der Microorganismen im Boden viel getan werden, um den späteren stabilisierenden oder auch glättenden Einsatz von S zu verringern.
    Auf Teufel komm raus keinen rein zu tun, ist eher für die gesamte Szene kontraproduktiv. Das sture No ist oft verbunden mit einer gewissen Non­cha­lance bei allen anderen Vorgängen. Man überläßt der Natur wirklich alles und macht echten Naturwein. Deswegen ist die Aussage, dass Wein immer ein Kulturgut ist, absolut berechtigt bei Winzern wie Joly, Angeli, Plageoles … Natürlich wird dort in den normalen Enstehungs-Verrottungsprozess der Pflanze “Wein” eingegriffen.
    Aber wie gesagt – diese Winzer sehen den Punkt Qualität neben der Realität in Form ihres wirtschaftlichen Interesses und dessen Notwendigkeit und dem Versuch, so konsequent wie möglich zu sein als gleichberechtig an. Und das ist nötig wenn die Weine später bei Pierre Gagnaire, Michel Bras, Olivier Roellinger, Michel Troisgros landen wollen. Das wird keiner der Weine aus Kopenhagen wohl jemals schaffen.
    —-
    Stefan nochmal:
    Das mit der Typizität und Wiedererkennbarkeit der Rebsorten hatte ich auf die konventionellen Weine bezogen. Dort wird mir zuviel Eindeutigkeit produziert die die Leute veranlasst zu denken, man könne einen Syrah an einer irgendwie gearteten aromatischen Identität erkennen. Diese Unmöglichkeit zeigen nicht nur die VN’s , die neben den Rebsorten, auch den Jahresverlauf , Boden und Alter der Stöcke wiederzuspiegeln. So sind die Weine jedes Jahr zum Teil massiv anders, je nachdem wie deutlich die Rebe auf den Jahresverlauf reagiert. Ein Punkt scheint mir besonders wichtig : die VN-Weingüter machen extrem deutlich, welchen Einfluss die Bodenbeschaffenheit hat. Da reichen manchmal 20 m nach rechts oder links und schon ändert sich die Charakteristik. So gesehen sind Massenweine von mehreren bis zu hunderten Ha für mich völliger Irrsinn. Ich erhalte am Ende mit der selben Rebe einen Cuvée aus hunderten von verschiedenen Aromatiken. So kann doch keine Typizität entstehen.
    Noch schlimmer wird es wenn wir das Ganze global betrachten. Ich liebe Weinproben mit Weinen einer Rebsorte. Aber aus verschiedenen Regionen, Ländern, Kontinenten, Höhenlagen, anderen Böden und Jahren und natürlich auch anderen Winzern. Zeig mir mal dann einmal, was denn nun eigentlich einen Syrah ausmacht.
    Aber ich möchte es, weil es gerade richtig lustig wird noch weiter gehen. Global!! Wieviele Rebsorten kannten (und ich meine hier wirklich leibhaftig kennen!) wir denn vor 20-30 Jahren?
    Wenn auf der Prowein der Gemeinschaftsstand der Georgier uns fast 140 autochtone Reben vorstellt, von denen wir noch nicht einmal die Namen richtig ausprechen können, wohin führt uns das denn. Die Vielfalt ist fantastisch und erschreckend. Jeglicher Versuch in der heutigen Weinwelt mit mehr als 600000 verschiedenen Weinen Eindeutigkeiten zu schaffen, scheint mir zum Scheitern verurteilt. Das ist schon in der eingegrenzten kleinen Welt der Sommeliers mit ihren 1000+ Weinen im Keller eine Glanzleistung. Und trotzdem scheitern auch da Jahr für Jahr über 90% beim Masters in London Aug in Aug mit den 7 Gläsern. Ist hart. Die müssen natürlich auch Domaine und Jahr erkennen. Aber es gibt genug Beispiele von Blindproben, wo Weinkenner bei guten Monocepagen aus unbekannten Gegenden oder unbekannten Winzern selbst die Rebsorten nicht erkennen. Liegt das dann an den Weinen oder schlicht nur an dem irrwitzigen Versuch es erkennen zu wollen?
    Ist mal wieder lang geworden und trotzdem nicht genug. Ein Wort noch zu

    Armin:

    Tut mir echt leid Dich da zu echauffieren. Ich musste mich in dem Punkt krass ausdrücken, weil es unertäglich ist, was da mit uns gemacht wird.
    Ich weiß dass man, wenn man mit den Winzern spricht, einem oft die Tränen kommen, wie sorgfältig und besonnen sie arbeiten und natürlich nur so wenig wie möglich und nötig an phytosanitären Mitteln (Herbiziden, Fungiziden, Larviziden) einsetzen. Aber! Das sind genau so Geschichten wie in der VN-Szene, wenn die Winzer auf Salons behaupten keinen Schwefel einzusetzen. Genug Händler glauben das, weil es so natürliche und nette Burschen sind. Ich mache es konkreter :
    Frankreich ist nicht nur im Verbrauch von Antidepressiva Weltmeister. Ebenso beim Einsatz von Chemie in der Landwirtschaft. Das ist schon hart genug. Aber es wird noch schlimmer, wenn man die Relationen betrachtet. 30 % des gesamten Chemieverbrauchs fallen im Weinbau an. Allerdings macht der Wein nur 8% der landwirtschaftlichen Flächen aus!
    Und auch hier erzählen die alten Opis mit ihrem süffisanten Lächeln das sie Bio für Humbug halten und sie selber fast gar nichts an Chemie benutzen. Toll für die Industrie. Das Zeug wird also gekauft, aber gar nicht benutzt. Dagegen sprechen allerdings die Analysen von Wein. Grenzwerte werden da natürlich nur ab und zu überschritten, aber wenn ich 8 oder mehr verschiedene Substanzen einsetze und die nur einzeln betrachtet werden ist das doch auch verständlich. Mutig genug nun endlich von der französischen Verwaltung eine Art des Krebses eindeutig als Winzerkrebs zu titulieren, weil er durch diese besagten Mittel ausgelöst wird. Und zur Zeit häufen sich die Klagen von einfachen Arbeitern auf Weingütern, die ohne genug aufgeklärt worden zu sein, erkrankt sind.
    Implizit sage ich damit auch nicht automatisch, dass VN’s “gesünder” sind. Alkohol ist Alkohol und somit per se ab einem gewissen Maß nicht gesund.
    Allerdings muss ich noch einmal ein Argument aufgreifen : wenn Weinbau ohne Chemie möglich ist und dabei trotzdem absolute Spitzenweine, eventuell mit die besten Weine der Wel t(was auch immer das sein soll) heraus kommen können, dann stellt sich mir doch die Frage, warum man dann Chemie überhaupt einsetzt.
    Also : ich lasse mich deshalb in dem Fall gerne als billigen Polemiker bezeichnen, aber da reden wir in einigen Jahren noch einmal drüber wenn die Sache in einem anderen Licht betrachtet wird.

  11. Pingback: Appetithäppchen | Chez Matze

  12. Vin Naturell hin oder her, Wein ist für mich ein Kulturprodukt und lebt von der kreativen Kraft, der Liebe zur Natur und vorallem den handerklichen Fähigkeiten ihrer Erzeuger.
    Die eigentliche große Chance der VN-Bewegung ist die Anregung zur Diskussion über die großen Zivilisationsthemen – Umwelt, Humanität und
    Bewußtsein( Nachhaltigkeit, Fairness usw.)
    Der zweite positive Aspekt ist für mich dabei, daß auch die Produzenten, die sich schon lange mit diesen Themen befassen, eine weitere Plattform erhalten, sich und ihre großartigen Weine einem jungen und offenen Publikum zu präsentieren.

  13. Dürfte ich Ihr Augenmerk auch auf die Gruppe respekt-BIODYN lenken? 19 namhafte Winzer aus Österreich und Deutschland, einer aus Südtirol und einer grenzübergreifend in Ö und Ungarn, die biodynamische Weine in ihrer gesamten Bandbreite von fruchtig & frisch bis hin zu orange produzieren.

    Die Winzer/innen:
    Achs, Beck, Busch, Christmann, Feiler, Fritsch, Manincor, Gsellmann, G.Heinrich, Hirsch, Loimer, Nittnaus, Ott, Pittnauer, Preisinger, Rebholz, Weninger, Wieninger, Wittmann.

  14. Claudia Sontheim

    Vielen Dank für diesen Artikel. Bei mir stellt sich jetzt die Frage: Warum hat ein Weinbauer wie Ganevat, der jahrelang im Burgund Kellermeister im konventionellen Top-Weingut Jean-Fraçois Morey war, beschlossen, nach hause zurüchzukehren und bei seinen eigenen Reben im Jura auf jeglichen Eingriff bei der Vinifizierung zu verzichten, nachdem er während seiner sehr erfolgreichen Zeit im Burgund die Weine von Philippe Pacalet, Leon Barral und Bruno Schueller und andere kennengelernt hatte?

  15. Stephan Bauer

    Offen gesagt weiß ich das nicht. Bei anderen im Sinne des Naturweins arbeitenden Winzers, mit denen ich mich unterhalten habe, gibt es ein gewisses wiederkehrendes Muster. Sie sind auf irgendeine Weinbauschule gegangen (meistens die in Beaune) und haben sich schon in der Ausbildung gefragt, ob das, was da schulbuchmäßig empfohlen wird, eigentlich wirklich alles notwendig ist. Und waren erschrocken darüber, wie technisiert der Weinbau gelehrt wird. Dann haben sie nach Vorbildern gesucht, die Erfahrung mit Weglassen haben und sich anschließend so langsam an ihre bevorzugte Weinbereitungsmethode rangetastet. Vielleicht war das bei Ganevat ja auch so, aber das wäre gemutmaßt.

  16. Claudia Sontheim

    Danke für Deine Antwort Stephan. Die Antwort die ich mir gebe, ist, dass Ganevat zunächst von der Qualität und dem Geschmack der Weine von Philippe Pacalet, etc. überzeugt war. Das ist das Muster, das ich in meinen Gesprächen mit Weinbauern immer wieder entdecke. Am Anfang steht die sinnliche Erfahrung.

  17. @ Claudia, Stefan :
    In die Richtung geht auch meine Erfahrung. Einige junge Leute die auf solche Schulen gehen, sind tatsächlich geschockt über den Chemiewahn der dort immer noch gelehrt wird. Und wer sich wirklich für Wein interessiert, hat schon von anderen Winzern, anderen Methoden gehört und andere Weine getrunken. Da springen einige ab und lernen dann über eine andere Schiene.
    Viele der Winzer in der Bio oder Vin naturel Szene sind gerne bereit junge Talente in der Praxis auszubilden indem sie sie durch verantwortliche Mitarbeit auf dem Hof in ihre Arbeitsweise einführen. So zeigt sich am Besten, was warum wie gemacht wird.
    Ältere Kaliber sind oft Quereinsteiger. So Jean Baptiste Senat im Minervois oder René Mosse im Anjou. Leute die eher Links anzuordnen sind und die sich auf anderen Gebieten schon mit Alternativen beschäftigt haben. Ihnen geht der angeglichene Trott in ihrem Beruf oder der Lebensführung (meist Leute aus Paris) auf den Geist und sie machen einen Schnitt. Wein machen in einer Art Natur, scheint da sehr beliebt zu sein.
    Dann gibt es noch eine Sorte. Die, die jahrelang im Geschäft sind und irgendwann den Wahn mitkriegen. Das kann durch die ständige Auseinandersetzung mit den immer weiter in Verruf kommenden Internas der konventionellen Weinproduktion sein, aber auch durch die Begegnungen mit Weinen und Winzern, die sie überraschen und überzeugen.
    Die “Aktivisten” der Vin naturel Szene haben oft im Blick wer etwas vom Metier versteht und schwankt. Sie sind darauf bedacht mit den Leuten ins Gespräch zu kommen und zu bleiben. Eine der großen und schwierigen Aufgaben ist es, die Angst vor der Umstellung zu nehmen.
    Von Seiten der Interessierten ist die Angst auch verständlich. Wer jahrelang mit der chemischen Keule Kriege führt, kann sich ein Überleben ohne diese Waffen nur schwer vorstellen. Kreditraten zwingen zu konstanten Einkommen. Und wer einmal die Angst vor einem Ernteverlust, oder einer schief gehenden Fermentation in sich trägt, der scheut sich zuerst einmal.
    Einige Gespräche mit benachbarten anders arbeitenden Winzern würden da schon helfen. Aber leider ist es erschreckend, dass viele Winzer sich da genieren. Das ist Schade und da muss man immer wieder antreiben.
    Viel schlimmer sind allerdings die sich hartnäckig haltenden Vorurteile, dass eine andere als die konventionelle Machart nie funktionieren kann und deshalb Biowinzer auch pfuschen. Ausserdem können die Weine nicht gut sein. Auf die Frage, ob sie denn mal mit den Winzern gesprochen, oder die Weine probiert haben, hört man meist ein eindeutiges Nein. Ich kanns manchmal nicht glauben. Nicht mal eine Flasche? Ne -noch nie.
    Das ist immer lustig wenn ich in der Jury der Medaillenvergabe sitze und dort mit den wirklich netten und lustigen “Normalen” spreche. Ich kann es ihnen nicht übel nehmen – aber Baff bin ich immer wieder.

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