Vin Natu­rel – Ein­tags­flie­ge oder Here to Stay?

Wenn sich jemand auf face­book zum The­ma Natur­wein oder vin natu­rel äußer­st, hagelt es inner­halb kür­zes­ter Zeit Kri­tik und Gegen­kri­tik. Das ist bis­her beim Anteasern die­ses Arti­kels aus­ge­blie­ben und das hat mög­li­cher­wei­se einen Grund. Ste­phan Bau­er schreibt sach­li­ch über die Geschich­te der vin natu­rels in Frank­reich, er wer­tet wenig son­dern erklärt. Das ist aus­ge­spro­chen ent­span­nend:

Seit gut einem Jahr wird in Deutsch­land heiß und lei­den­schaft­li­ch über „Natur­wei­ne“, Vins Natu­rels, Natu­ral Wines, Raw Wines, Non-inter­ven­tio­nist wines, Vini Natu­ra­li oder wie auch immer man sie nen­nen mag, dis­ku­tiert, und das häu­fig eher abs­trakt als anhand kon­kre­ter Bei­spie­le. Eini­ge Schlau­mei­er machen es sich sehr ein­fach und sagen: „Natur­wein gibt es nicht.“ Das ist natür­li­ch auf einem sehr nied­ri­gen Niveau kor­rekt, denn Wein ist immer ein Kul­tur­pro­dukt. Es greift aber zu kurz, denn eine exis­tie­ren­de Sze­ne ver­schwin­det nicht dadurch, dass man sie auf­grund for­mel­ler Argu­men­te negiert.

Ande­re kom­men über die tech­ni­sche Defi­ni­ti­on. Weil nie­mand defi­nie­ren kann, was die­se Vins Natu­rels eigent­li­ch sind, kön­nen sie auch nicht für sich in Anspruch neh­men, das zu sein, was sie vor­ge­ben. Auch die­ser Ansatz greift zu kurz. Aber er wirft natür­li­ch die Fra­ge auf, was einen „Natur­wein“ eigent­li­ch tech­ni­sch gedacht aus­macht? Bio­lo­gi­scher oder bio­dy­na­mi­scher Anbau gehört dazu, eben­so wie der Ver­zicht auf Hilfs­mit­tel im Kel­ler wie Rein­zucht­he­fen, Schö­nungs­mit­tel (Eiweiß, u.ä.), Fil­tra­ti­ons­an­la­gen und vor allem Schwe­fel­di­oxid. Da eini­ge in der Vin-Natu­rel-Sze­ne erzeug­te und geschätz­te Wei­ne zusätz­li­ch in die Kate­go­rie „Oran­ge“ (d.h. mai­sche­ver­go­re­ner Weiß­wein) fal­len oder in Ampho­ren, Beton­ei­ern oder ande­ren unkon­ven­tio­nel­len Behäl­tern ver­go­ren und aus­ge­baut wer­den, wird auch über sol­che Wei­ne im Zusam­men­hang mit Vins Natu­rels dis­ku­tiert, auch wenn sie nicht aus Bio-Anbau stam­men oder in nor­ma­lem Maße geschwe­felt wer­den.

Im Rah­men der eher tech­nik­ge­präg­ten Dis­kus­si­on wird eini­gen Vins Natu­rels man­geln­de Kon­se­quenz vor­ge­wor­fen. Ist ein Wein aus nicht bio­lo­gi­sch oder bio­dy­na­mi­sch zer­ti­fi­zier­tem Anbau, wird aber unge­schwe­felt abge­füllt, wird sei­ne Eigen­schaft als Vin Natu­rel in Zwei­fel gezo­gen. Das Glei­che gilt für Wei­ne, die „schwach“ geschwe­felt sind, also z.B. mit maxi­mal 20 mg/l frei­em Schwe­fel­di­oxid und das nur kurz vor der Abfül­lung oder nach der malolak­ti­schen Gärung. Mit sol­chen tech­ni­schen Dis­kus­sio­nen und der Fra­ge nach der Kon­se­quenz kann man Stun­den ver­brin­gen und ist am Ende der Dis­kus­si­on auch nicht viel schlau­er, denn auch die­se Dis­kus­si­on streift das The­ma nur am Ran­de.

Wodurch zeich­nen sich die­se „Natur­wei­ne“ denn dann aus? Das lässt sich des­halb nicht beant­wor­ten, weil es nicht den Natur­wein gibt, son­dern vie­le ver­schie­de­ne aus ganz vie­len ver­schie­de­nen Sze­nen und mit unter­schied­li­chen Vor­bil­dern. Zeit, sich die­se Sze­nen ein­mal näher anzu­schau­en, hier mit dem beson­de­ren Fokus auf Frank­reich.

Ein klei­ner Rück­bli­ck – Jules Chau­vet, Pier­re Over­noy, Nico­las Joly
Vin Natu­rel hat eine lan­ge His­to­rie. Die Anhän­ger der Natur­wein-Kern­sze­ne bezie­hen sich letzt­li­ch immer auf Jules Chau­vet (1907–1989), einen stu­dier­ten Che­mi­ker und Win­zer aus dem Beau­jo­lais. In der dunk­len Zeit des Beau­jo­lais, in der es um schnel­le Vini­fi­ka­ti­on, die Bedie­nung von Märk­ten (vor allem des Mark­tes für Beau­jo­lais Nou­veau) und nicht in aller­ers­ter Linie um Qua­li­tät ging, streb­te er dana­ch, die Qua­li­tät sei­ner Beau­jo­lais und vor allem die Qua­li­tät sei­ner Wei­ne als Beau­jo­lais zu ver­bes­sern. Das bedeu­te­te für ihn eine Land­wirt­schaft unter Ver­zicht auf che­mi­sche Dün­ger und Her­bi­zi­de, den Ver­zicht auf Chap­ta­li­sa­ti­on, auf Rein­zucht­he­fen, auf Fil­tra­ti­on, auf Schö­nung und vor allem (mög­li­ch dank der reduk­ti­ven Ver­gä­rung mit­tels macé­ra­ti­on car­bo­ni­que) den Ver­zicht auf Schwe­fel­di­oxid.

Davon lie­ßen sich ande­re Win­zer im Beau­jo­lais inspi­rie­ren: zunächst Mar­cel Lapier­re, Jean Foil­lard, Guy Bre­ton und Jean-Paul The­ve­net, spä­ter zahl­rei­che wei­te­re. Wie in Ker­mit Lynch’s her­vor­ra­gen­dem Buch Adven­tures on the Wine Rou­te (25th Anni­versa­ry Edi­ti­on 2013) nach­zu­le­sen ist, waren bei Lapier­re, Foil­lard, Bre­ton und The­ve­net aller­dings jah­re­lan­ge Expe­ri­men­te mit und ohne Schwe­fel­di­oxid, in der Vini­fi­ka­ti­on, im Aus­bau, etc. erfor­der­li­ch, bis die Wei­ne das Level an Sta­bi­li­tät, Halt­bar­keit und auch kla­rem Geschmack hat­ten, die die Win­zer anstreb­ten. Den Berich­ten von Ker­mit Lyn­ch zufol­ge ging es Jules Chau­vet am Ende dar­um, sei­ne Wei­ne beson­ders bekömm­li­ch (durch Ver­zicht auf Schwe­fel­di­oxid), mög­lichst pur und mög­lichst gut trink­bar zu vini­fi­zie­ren. Es ging also nicht um Ideo­lo­gie, son­dern um Qua­li­tät.

Eine wei­te­re Refe­renz­per­son für die Vin-Natu­rel-Sze­ne ist Pier­re Over­noy. Over­noy über­nahm die fami­liä­ren Wein­ber­ge in Arbo­is-Pupil­lin im Jura im Jahr 1968 und bewirt­schaf­te­te die­se von Beginn an öko­lo­gi­sch. Er war mit Jules Chau­vet befreun­det und tausch­te sich mit die­sem regel­mä­ßig über Vini­fi­ka­ti­ons­tech­ni­ken, die Boden­be­wirt­schaf­tung, etc. aus. Ab den 80er Jah­ren ver­zich­te­te Pier­re Over­noy auf den Ein­satz von Schwe­fel­di­oxid und eben­so auf Chap­ta­li­sa­ti­on, Fil­tra­ti­on und Schö­nung. Die­se Grund­sät­ze über­nahm auch sein Zieh­sohn Emma­nu­el Houil­lon, der die Domai­ne heu­te führt. Over­noys Wei­ne gehö­ren zurecht zu den meist­ge­such­ten welt­weit, wer­den streng zuge­teilt und fin­den sich auf den Wein­kar­ten der bes­ten Restau­rants. Auch Over­noy und Houil­lon fol­gen kei­ner Ideo­lo­gie, son­dern wol­len pure Wei­ne erzeu­gen, die ihre Her­kunft zei­gen. Sie sind sich aber auch bewusst, dass ohne Schwe­fel­di­oxid Wei­ne ohne offen­sicht­li­che Feh­ler nur mög­li­ch sind, wenn die Trau­ben reif, aber nicht über­reif geern­tet wer­den, fau­le Trau­ben rigo­ros aus­sor­tiert wer­den und im Kel­ler sau­ber gear­bei­tet wird. coulee

Inter­es­san­ter­wei­se bezieht sich kaum jemals jemand in der Vin-Natu­rel-Sze­ne auf Nico­las Joly, einen der Vor­rei­ter des bio­dy­na­mi­schen Wein­an­baus in Euro­pa. Er hat bereits Anfang der 1980er Jah­re zunächst den berühm­ten Wein­berg Cou­lée de Ser­rant und spä­ter sei­ne wei­te­ren Wein­ber­ge auf bio­dy­na­mi­schen Anbau umge­stellt. Er hat sei­ne Wei­ne stets spon­tan ver­go­ren, nicht chap­ta­li­siert, sie aber leicht fil­triert und nor­mal geschwe­felt. Im Prin­zip sind die Saven­niè­res Cou­lée de Ser­rants von Nico­las Joly Para­de­bei­spie­le für den heu­ti­gen Gout Vin Natu­rel mit ihrer urwüch­si­gen Art, ihrer manch­mal schwie­ri­gen Mischung aus oxi­da­tiv und reduk­tiv, ihrer unge­stü­men Botry­tis, ihrem manch­mal unge­zü­gel­ten Alko­hol­ne­bel und ihrer Unvor­her­seh­bar­keit. Geg­ner wer­fen den Wei­nen vor, sie sei­en rei­ne Kon­zept­wei­ne, bei denen die Trink­bar­keit sich dem Kon­zept unter­wer­fe. Fans prei­sen neben der häu­fig, aber nicht immer spür­ba­ren Expres­si­vi­tät und Qua­li­tät der Wei­ne vor allem die Tat­sa­che, dass die Wei­ne eine ziem­li­ch pure und unge­schmink­te Inkar­na­ti­on ihrer Her­kunft und ihrer Erzeu­gung sind und viel See­le haben.

Dass Nico­las Joly in der Vin-Natu­rel-Sze­ne eine eher unter­ge­ord­ne­te Rol­le spielt, ist umso erstaun­li­cher, als er die Ver­ei­ni­gung Renais­sance des Appelati­ons ins Leben rief, in der vie­le der bes­ten Win­zer aus ver­schie­de­nen Län­dern (u.a. Zind-Hum­brecht, Domai­ne Leroy, Domai­ne Leflai­ve, Witt­mann, Reb­holz) zusam­men­ge­schlos­sen sind. Sie unter­wer­fen sich ver­schie­de­nen Regeln, in deren Zen­trum ein bio­dy­na­mi­scher Anbau steht, zu denen aber auch unter ande­rem der Ver­zicht auf Rein­zucht­he­fen, auf Schö­nungs­mit­tel, auf Holz­chips, auf Chap­ta­li­sa­ti­on und auf Ste­ril­fil­tra­ti­on gehört. Kein Wort fin­det sich in der Qua­li­täts-Char­ta der Renais­sance des Appelati­ons zum The­ma Schwe­fel­di­oxid.

Vin Natu­rel und sei­ne Sze­nen
So viel zu ein paar wich­ti­gen Figu­ren aus den Ursprün­gen des Vin Natu­rel. Wo ste­hen wir heu­te? Heu­te schwap­pen die Wei­ne, die in diver­sen Restau­rants und Bars in Paris Anfang der 00er Jah­re aus­ge­schenkt wur­den und in immer mehr Restau­rants und Bars in ganz Frank­reich aus­ge­schenkt wer­den, die Mit­te bis Ende der 00er Jah­re zuneh­mend auf den Wein­kar­ten in Kopen­ha­gen stan­den und auch heu­te noch ste­hen, lang­sam aber sicher auf ande­re Län­der über. Wie aber eigent­li­ch alles heut­zu­ta­ge, hat sich die Sze­ne aus­ge­wei­tet und aus­dif­fe­ren­ziert.

In der Vin-Natu­rel-Sze­ne gibt es zum einen die Klas­si­ker, die schon seit recht lan­ger Zeit bio­lo­gi­sch oder bio­dy­na­mi­sch arbei­ten und ihre Wei­ne nicht chap­ta­li­sie­ren, spon­tan ver­gä­ren, nicht oder allen­falls sanft fil­trie­ren, nicht schö­nen und nicht oder nur schwach (meist bis 20 mg/l) schwe­feln. Aus dem Beau­jo­lais gehö­ren immer noch Mat­t­hieu Lapier­re (der die Domai­ne nach dem Tod sei­nes Vaters Mar­cel über­nom­men hat), Jean Foil­lard, Guy Bre­ton und Jean-Paul The­ve­net dazu, aber auch Yvon Mêtras, Jean-Louis Dutrai­ve und ande­re. Im Jura sind neben Pier­re Overnoy/Emmanuel Houil­lon Jean-Fran­cois Gane­vat, die Domai­ne Pignier und die Domai­ne Labet bekannt. Die Loire ist ein Hot-Spot der Vin Natu­rel Sze­ne. Zu den bekann­tes­ten „Klas­si­kern“ an der Loire gehö­ren Mark Ange­li (Fer­me de la San­son­niè­re), Richard Leroy und Cathé­ri­ne & Pier­re Bre­ton. Wei­te­re bekann­te Namen sind Dard & Ribo (nörd­li­che Rhô­ne), Cyril Fhal (Clos du Rouge Gor­ge, Rous­sil­lon), Tom Lub­be & Sam Har­rop (Matas­sa, Rous­sil­lon) oder Léon Bar­ral (Langue­doc).

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Was die­se Klas­si­ker eint, ist, dass sie auf den Wein­kar­ten der bes­ten Restau­rants zu fin­den sind, dass sie sich nicht nur an Kun­den von Vin Natu­rel rich­ten, son­dern auch von eher kon­ser­va­ti­ven Wein­käu­fern gekauft wer­den und dass sie (Aus­nah­men bestä­ti­gen die Regel) über­wie­gend die offi­zi­el­len Appelatio­nen in ihren Gegen­den nut­zen und sich nicht auf die „alles ist mög­li­ch“ Appelati­on des Vin de Fran­ce zurück­zie­hen. Bei die­sen Wein­gü­tern ist das aller­er­s­te Kri­te­ri­um die Qua­li­tät der Wei­ne. Fragt man sich, war­um die Wei­ne so gut sind, kann man auf die Idee kom­men, dass es die am Anfang des vor­he­ri­gen Absat­zes genann­ten Anbau- und Vini­fi­ka­ti­ons­me­tho­den sind. Es spre­chen durch­aus eini­ge Argu­men­te dafür. Aller­dings schmeckt auch die geschwe­fel­te Ver­si­on des Mor­gon von Marcel/Mathieu Lapier­re bril­lant, pur und abso­lut rein­tö­nig. Und auch die Wei­ne von Jean-Fran­cois Gane­vat waren bereits her­aus­ra­gend, bevor er anfing, auf die Schwe­fe­lung sei­ner Wei­ne zu ver­zich­ten. Unter Umstän­den liegt die hohe Qua­li­tät der Wei­ne der Klas­si­ker des Vin Natu­rel dar­an, dass die ent­spre­chen­den Win­zer extrem sorg­fäl­tig arbei­ten, weil unsorg­fäl­ti­ges Arbei­ten nicht zu kaschie­ren ist.

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Neben den Klas­si­kern und zahl­rei­chen sehr viel­ver­spre­chen­den Win­zern, die sich von den Klas­si­kern inspi­rie­ren las­sen, von ihnen ler­nen und sie als Vor­bild neh­men, gibt es eine Viel­zahl von Wein­gü­tern, deren Wei­ne deut­li­ch kon­tro­ver­ser dis­ku­tiert wer­den, als die der Klas­si­ker. In die­ser Grup­pe, die eigent­li­ch kei­ne ist, fin­det man alles, was das kon­tro­ver­se Herz begehrt.

Es gibt zum einen die Grup­pe der Vins de Soif, der “Wei­ne über den Durst“, der Spaß­wei­ne, der unkom­pli­zier­ten Durst­lö­scher. Bei die­sen Wei­nen ist die Her­kunft an sich egal. Sehr vie­le wer­den ohne­hin nur als Vin de Fran­ce oder Vin de Table, also als Wein ohne genaue­re Her­kunfts­be­zeich­nung aus­ge­wie­sen und zeich­nen sich opti­sch eher durch ein­gän­gi­ge Namen und pop­pi­ge Eti­ket­ten aus. „Soif du Plai­sir“, „Vin des Amis“, „You fuck my wine“, „Va te fai­re boire“, usw. Über die­se Wei­ne lässt sich nur sel­ten strei­ten, sie sind im bes­ten Fal­le gen­au das, was sie aus­drü­cken wol­len: jung zu trin­ken­de Wei­ne, über die man nicht groß nach­den­ken muss.

Malbec Omar m'a abuser

Dann gibt es die expe­ri­men­tel­le Frak­ti­on, zu der auch vie­le Quer­ein­stei­ger ohne nen­nens­wer­te öno­lo­gi­sche Erfah­rung gehö­ren. Auch hier fin­det man nur sel­ten AOCs auf dem Eti­kett, son­dern nur die Bezeich­nung Vin de Fran­ce oder Vin de Table. Mit die­sen Wei­nen tue ich mich ganz beson­ders schwer und hier beginnt der Vin Natu­rel, kon­tro­vers zu wer­den. Bezeich­nend war eine Wein­be­glei­tung zu einem Lun­ch im Restau­rant Relae in Kopen­ha­gen im Früh­jahr letz­ten Jah­res. Das Relae und die gegen­über lie­gen­de Wein­bar Man­freds og Vin sind Hot­spots der Vin-Natu­rel-Lieb­ha­ber in Kopen­ha­gen, in denen man aller­dings leich­ter einen Platz kriegt als im noma. Die Wein­kar­te ist extrem Vin-Natu­rel-las­tig und ist ganz über­wie­gend mit eher obsku­ren Win­zern bestückt, die Nicht-Ken­nern der Sze­ne eher kein Begriff sein dürf­ten (und mir zu einem gro­ßen Teil auch kein Begriff waren).

Eine miss­lun­ge­ne Vin-Natu­rel-Wein­be­glei­tung in Kopen­ha­gen
Los ging es mit einem 2013er Char­don­nay aus der Ardè­che Gegend, ein wenig west­li­ch von der Rhô­ne, von einem jun­gen Win­zer namens Gré­go­ry Guil­lau­me. Ein Vin Natu­rel mit allem was dazu­ge­hört (inkl. Bewirt­schaf­tung der Wein­ber­ge mit Pfer­den). Trotz leich­ter Apfel­most­no­ten ließ er sich pas­sa­bel trin­ken, war aber am Ende harm­los und seicht. Hat die Boden­be­wirt­schaf­tung mit Pfer­den und der Ver­zicht auf Schwe­fel, Schö­nung, Fil­tra­ti­on, etc. hier irgend­ei­nen geschmack­li­chen Vor­teil? Aus mei­ner beschei­de­nen Sicht nicht. Vie­le 8 Euro Mâcons oder Bourgo­gne Blancs von Zwei­te-Rei­he Win­zern aus dem Bur­gund wei­sen mehr geschmack­li­che Tie­fe und vor allem mehr Span­nung auf. Es bleibt das Gefühl der Rat­lo­sig­keit. Nächs­ter Wein: ein 2007er Vin de Fran­ce „Navi­ne“ von der heu­te nicht mehr exis­tie­ren­den Domai­ne les Griot­tes, die von zwei Rebel­len namens Sébas­ti­en Der­vieux und Pat Des­plats geführt wur­de. Auch hier wird nicht geschwe­felt, nicht ein­mal bei den Süß­wei­nen. Vin-Natu­rel-Freaks wird der Navi­ne sicher begeis­tern, für Novi­zen bie­tet er eine span­nen­de Hori­zont­er­wei­te­rung. Er schmeckt aber auch ein wenig gene­ri­sch nach Vin Natu­rel mit sei­nen Mat­sch­ap­fel­no­ten, sei­nen Fino-Sher­ry-Noten, sei­ner kar­gen Adstrin­genz im Mund, der tee­ar­ti­gen Sprö­dig­keit und dem leicht stump­fen Mund­ge­fühl, das bleibt. Das ist beim ers­ten Mal span­nend, beim zwei­ten Mal wünscht sich der Vin-Natu­rel-Fre­ak das glei­che noch­mal und der eher kon­ser­va­ti­ve Wein­trin­ker (wie ich) einen La Lune von Mark Ange­li oder einen Anjou “La Varen­ne du Poi­rier” der Domai­ne les Gran­des Vig­nes, also etwas ähn­li­ches, nur in gut und ohne stö­ren­de Oxi-Noten.
11037892_960741753970934_8068451969652870394_nEs ging zweit- bis dritt­klas­sig wei­ter mit einem Mou­lin-à-Vent „La Peti­te Oseil­le“ von Michel Gui­gnier aus dem Beau­jo­lais, der weni­ger mit Oxi­da­ti­on als viel­mehr mit über­mä­ßi­ger Reduk­ti­on zu kämp­fen hat­te, Stich­wort: Brems­spur. Matt, ohne die unbe­schwer­te Frucht guter Beau­jo­lais, zwar leicht, aber nicht süf­fig und ohne aus­rei­chend Geschmack. So einen Wein bekom­men ande­re Win­zer ohne Schwe­fel und wie­der ande­re Win­zer auch mit Schwe­fel deut­li­ch bes­ser hin. Wie­der bleibt ein Fra­ge­zei­chen. Zum Schluss wur­de es dann noch ein­mal ganz obskur mit einem Vin de Fran­ce “Orio­ni­des” der Domai­ne La Cou­lée d’Ambrosia, wie­der aus der Gegend um Anjou. Das ist ein Pétil­lant Natu­rel (Pet’Nat) aus Chen­in Blanc, der regel­recht braun ist, nach Rog­gen­brot und ziem­li­ch oxi­da­tiv schmeckt und vor allem wie­der matt und seicht. Das, was die Vin Natu­rel Fans als Haupt­qua­li­täts­merk­mal der von ihnen geschätz­ten (unge­schwe­fel­ten) Wei­ne ange­ben, näm­li­ch die Klar­heit und Pur­heit im Geschmack, war bei kei­nem der vier ser­vier­ten Wei­ne zu erken­nen. Im Gegen­teil: alle vier wirk­ten matt und müde, span­nungs­arm und dumpf und mach­ten nur wenig Freu­de.

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Eine gelun­ge­ne Vin Natu­rel Wein­be­glei­tung in Beziers
Ganz anders aller­dings die Vin Natu­rels, die vor ein paar Jah­ren im Restau­rant Octo­pus in Béziers im Langue­doc ein­ge­schenkt wur­den. Weni­ger obskur, klas­si­scher und weni­ger kate­go­ri­sch einer bestimm­ten Sze­ne zuzu­ord­nen. Ser­viert wur­den unter ande­rem ein wei­ßer Vin de Fran­ce Macc­a­beu und ein roter Vin de Fran­ce „Tout Natu­re“, bei­de von der Domai­ne Ledo­gar aus Cor­biè­res-Bou­te­nac, bei­de groß­ar­tig, sau­ber, klar, pur. Eben­so klar und pur, aber noch mit einer Extra-Dimen­si­on aus­ge­stat­tet, war ein Vin de Pays de la Val­lée du Para­dis “La Begou” von Maxi­me Magnon, eben­falls aus Cor­biè­res. Bezeich­nen­der­wei­se fin­det man die Wei­ne von Domai­nes wie Ledo­gar und Maxi­me Magnon in den Kata­lo­gen von weg­wei­sen­den Wein­händ­lern wie Ker­mit Lyn­ch oder Sebas­ti­en Visen­tin, nicht aber auf rei­nen Vin Natu­rel Wein­kar­ten wie im Relae oder in den Kata­lo­gen von strik­ten Vin Natu­rel Wein­händ­lern.

Vin Natu­rel und der Ein­heits­ge­schmack
Inter­es­sant wird es, wenn man sich mit der „Kern-Vin-Natu­rel Sze­ne“ und ihren Wei­nen etwas näher beschäf­tigt. Zunächst fällt auf, dass die­sel­ben Namen immer wie­der auf­tau­chen, sei es in Kopen­ha­gen, Lon­don, Paris oder Ber­lin. Aus dem Elsass sind das z.B. die Domai­nes Mey­er, Riet­sch, Bann­war­th und Schu­el­ler, aus dem Jura die Domai­nes des Cavaro­des, de l’Octavin, Gane­vat und Labet, aus der Bourgo­gne die Domai­nes Phil­ip­pe Paca­let, A&O de Moor, Fan­ny Sab­re und Vini Viti Vin­ci, von der öst­li­chen Loire Sébas­ti­en Rif­f­ault, von der mitt­le­ren Loire zu vie­le, um sie auf­zu­zäh­len, Her­vé Sou­haut und Dard & Ribo an der nörd­li­chen Rhô­ne, Mar­cel Rich­aud an der süd­li­chen Rhô­ne und dann wie­der sehr vie­le aus dem Langue­doc und dem Rous­sil­lon.

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Bei eini­gen, aber bei wei­tem nicht allen, der oben auf­ge­zähl­ten ist ein gewis­ser geschmack­li­cher Kon­sens nicht zu ver­ken­nen. Beim Weiß­wein sind das Apfel­most, ganz leich­te bis stär­ke­re oxi­da­ti­ve Noten, hefi­ge und bro­ti­ge Anklän­ge, tee­ar­ti­ge „wei­ße“ Tan­ni­ne. Bei Rot­wein geht es mehr in eine stark erdi­ge Rich­tung, Kräu­ter, Zwei­ge und Blät­ter fin­den sich asso­zia­tiv auch häu­fig. Das lässt die Fra­ge ent­ste­hen, ob es evtl. mitt­ler­wei­le einen „gout vin natu­rel“ gibt, der über Län­der- und Regi­ons­gren­zen hin­aus gemein­sa­me Nen­ner hat. Ich bin davon über­zeugt, denn die geschmack­li­che Über­ein­stim­mung diver­ser Natur­wei­ne ist ein­fach zu groß, um dar­über hin­weg­zu­se­hen. Ries­lin­ge von Rita & Rudolf Tros­sen an der Mosel schme­cken z.B. in ers­ter Linie nach Vin Natu­rel und erst dana­ch nach Mosel­ries­ling. Das­sel­be gilt für die Wei­ne von Patrick Mey­er aus dem Elsass.

An die­ser Stel­le wird deut­li­ch, war­um der Vin Natu­rel so kon­tro­vers ist. Den „gout vin natu­rel“ mag nicht jeder. Für die Fans die­ser Wei­ne sind kon­ven­tio­nel­le Wei­ne, die eher mit kla­rer Frucht als mit Erdig­keit punk­ten, nur noch lang­wei­lig. Die Geg­ner die­ser Wei­ne wie­der­um stö­ren sich an diver­sen Aspek­ten der wirk­li­ch „natu­rel“ schme­cken­den Wei­ne: Oxdia­ti­on, Reduk­ti­on, Koh­len­säu­re, feh­len­de Klar­heit, manch­mal flüch­ti­ge Säu­re bzw. ein Essigstich, usw. Zur Kon­tro­ver­se trägt zudem bei, dass die Befür­wor­ter und die Geg­ner der Vin Natu­rels für sich bean­spru­chen, zu wis­sen, was einen guten Wein an sich aus­macht. Es geht um nicht weni­ger als Wahr­heit bzw. die See­le des Weins. Wenn die Orga­nis­to­rin der Raw Fair, Isa­bel­le Lege­ron, in einem Inter­view mit der Welt sagt, der Natur­wein sei per se der bes­se­re Wein, da Fil­tra­ti­on den Geschmack ent­fer­ne, unter­drück­te malolak­ti­sche Gärung der Per­sön­lich­keit im Wege ste­he, spricht das Bän­de.

Trossen Schieferstein Purus

Wür­de ich nur noch Vin Natu­rel trin­ken, wür­de ich mich ver­mut­li­ch an eini­ge Aro­men, die mich der­zeit stö­ren, schnell gewöh­nen. Ich wür­de im Wein nach bestimm­ten Merk­ma­len suchen, nach Apfel­mo­sta­ro­men im Weiß­wein, nach tee­ar­ti­ger Sprö­dig­keit, nach Erde und nicht nach kla­rer Frucht. Wei­ne, die so nicht schme­cken, wür­den mir unter Umstän­den nicht mehr schme­cken. Für mich ist der manch­mal etwas uni­form wir­ken­de „gout vin natu­rel“ aber gera­de das, was er nicht sein will: kon­ven­tio­nell in sei­ner Nische, gleich­ma­chend, Unter­schie­de zwi­schen ver­schie­de­nen Reb­sor­ten und Ter­ro­irs eher negie­rend als unter­stüt­zend. Die ent­spre­chen­den Wei­ne zei­gen gera­de nicht ihre Her­kunft, son­dern sind so oder so ähn­li­ch mit den ent­spre­chen­den Mit­teln anders­wo genauso gut repro­du­zier­bar.

Ganz anders sieht es bei den ein­gangs erwähn­ten Klas­si­kern aus, den wah­ren Kön­nern, den „Maß­stä­be-Set­zern“. Ein Char­don­nay von Jean-Fran­cois Gane­vat oder von Juli­en Labet und sei­nen Geschwis­tern schmeckt klar nach Char­don­nay, aber ganz anders als ein Char­don­nay von der Côte de Beau­ne oder aus dem Cha­blis. Wür­zi­ger, etwas nach Jura, mehr nach dem durch Lehm domi­nier­ten Boden im Sud-Rever­mont als nach dem durch Kalk domi­nier­ten Boden im Cha­blis. Für einen Poul­sard von Pier­re Over­noy und Emma­nu­el Houil­lon gilt das­sel­be. Die Reb­sor­te ist hier unver­kenn­bar, ihr Poul­sard fügt dem Geschmack­s­pro­fil aller­dings so vie­le wei­te­re Aspek­te hin­zu, die bei den Poul­sards ande­rer Erzeu­ger feh­len. Der Mor­gon von Mar­cel Lapier­re oder der Fleu­rie von Yvon Mêtras (aus guten Fla­schen) oder auch die Fleu­ries von Jean-Louis Dutrai­ve sind Para­de­bei­spie­le für Gamay aus ihrem jewei­li­gen Ort, an denen sich jeder ande­re Erzeu­ger ori­en­tie­ren kann. Die Aro­ma­tik ist so pur und klar, dass die See­le des Weins tat­säch­li­ch durch­scheint.

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Die Spreu vom Wei­zen tren­nen
Über Geschmack lässt sich bekannt­li­ch strei­ten, für mich sind aber die Unter­schie­de zwi­schen den guten und den schlech­ten Vin Natu­rels so groß, dass es dem all­ge­mei­nen Image des Vin Natu­rel gut tun wür­de, wenn die ein­schlä­gi­gen Händ­ler, Som­me­liers und Blog­ger die Unter­schie­de zwi­schen gut und schlecht bzw. mit­tel­mä­ßig noch etwas stär­ker her­aus­he­ben wür­den, die Spreu vom Wei­zen tren­nen wür­den. So wie es auch die guten Händ­ler kon­ven­tio­nel­ler Wei­ne tun bzw. die guten Som­me­liers in Restau­rants, in denen kon­ven­tio­nel­le Wei­ne aus­ge­schenkt wer­den. Ein Vin Natu­rel ist nicht des­halb gut, weil er aus bio­dy­na­mi­schem Anbau kommt, spon­tan ver­go­ren, nicht geschwe­felt, nicht geschönt und nicht fil­triert ist, son­dern nur dann, wenn man sei­ne Her­kunft schme­cken kann, wenn er Trink­ver­gnü­gen berei­tet, wenn er Tie­fe und Kom­ple­xi­tät (jeweils auf der ent­spre­chen­den Stu­fe) auf­weist. Also die Qua­li­tä­ten hat, die Refe­renzwei­ne bestimm­ter Gegen­den haben.

Es ist kein Zufall, dass Wei­ne wie z.B. die Cha­blis von Jean-Marie Rave­ne­au und Vin­cent Dau­vis­sat, die Sancer­res von Edmond Vat­an, von Fran­cois und Pas­cal Cotat oder von Gér­ard Bou­lay, die Saum­urs und Saum­ur-Cham­pi­gnys der Fou­cault-Brü­der, die Cor­nas von Thi­er­ry Alle­mand und Augus­te Cla­pe oder die roten Bur­gun­der von Jean-Marie Four­rier, Syl­vain Cathi­ard oder von Chris­to­phe Rou­mier welt­weit so begehrt sind. Wenn man die­se Wei­ne trinkt, erschließt sich einem sehr häu­fig (wenn auch nicht immer) die spe­zi­el­le Typi­zi­tät von Reb­sor­ten, Ter­ro­irs und ihrem Zusam­men­spiel. Sich einen sol­chen Refe­renz­sta­tus zu erar­bei­ten, gelingt zuneh­mend auch strikt natu­rel arbei­ten­den Win­zern. Bei­spie­le wur­den hier meh­re­re genannt. Wenn der Vin Natu­rel aus der Nische her­aus will (wobei er das viel­leicht gar nicht will und erst recht nicht muss), dann gilt es, die Refe­renzwin­zer her­aus­zu­he­ben und die nicht so guten nicht bes­ser zu machen, als sie es sind, nur weil sie natu­rel erzeugt wur­den.

Vin Natu­rel ist mehr als nur ein vor­über­ge­hen­der Trend, das muss jedem klar sein, der sich mit Win­zern unter­hält und sich die Trends set­zen­den Wein­kar­ten anschaut, die nicht erst seit ges­tern, son­dern schon seit ein paar Jah­ren zuneh­mend bio­lo­gi­sch bzw. bio­dy­na­mi­sch arbei­ten­de Win­zer her­aus­stel­len, die auch im Kel­ler Maß wal­ten las­sen. Für Win­zer wie Syl­vain Patail­le in Mar­s­an­nay, die auch zahl­rei­che ande­re Win­zer bera­ten, gibt es aktu­ell nur eine Rich­tung: weni­ger ist mehr, aber mit Maß. Ver­langt der Jahr­gang etwas mehr Schwe­fel­di­oxid, dann wird nicht kate­go­ri­sch damit gegeizt. Aber behut­sam wird aus­ge­lo­tet, was den Wei­nen durch Weg­las­sen gut tut und was unter Umstän­den risi­ko­reich ist.

Die Vin-Natu­rel-Bewe­gung wird sich mit der Zeit immer mehr in die Mit­te bewe­gen, so, dass eta­blier­te Win­zer ihre Metho­den über­den­ken, gera­de wenn die nächs­te Gene­ra­ti­on das Ruder über­nimmt, dass auf der ande­ren Sei­te die Mat­sch­ap­fel­wein, die Oran­ge Pet’Nats und die Elsäs­ser Pinot Gris sous voi­le das blei­ben, was sie sind: Nischen­wei­ne für Freaks, die mal was ande­res trin­ken wol­len, die aber allen­falls ein­zel­fla­schen­wei­se gekauft wer­den und nicht kis­ten­wei­se. Die größ­te Gefahr für den Vin Natu­rel, der heu­te Gegen­stand der Kon­tro­ver­se ist, ist nicht der kon­ven­tio­nel­le Wein, son­dern der gute Vin Natu­rel, bei dem u.U. dann doch klei­ne Kom­pro­mis­se gemacht wer­den und in dem jah­re­lan­ges Know-How und vor allem das Bestre­ben um ste­ti­ge Ver­bes­se­rung ste­cken.

The­men­ver­wand­te Arti­kel im Blog:

Ein­drü­cke von der Natur­wein­mes­se RAW in Lon­don 1

Ein­drü­cke von der Natur­wein­mes­se RAW in Lon­don 2

Wein­ral­lye 50: Vin Natu­rel

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22 Kommentare

  1. Pri­ma his­to­ri­sche Auf­ar­bei­tung des The­mas. Stim­me in vie­len Punk­ten auch in der Betrach­tung der aktu­el­len Situa­ti­on über­ein und sehe auch den Aus­bli­ck in die Zukunft sehr ähn­li­ch. Ein sehr posi­ti­ver Bei­trag zum The­ma.

  2. Thorsten Melsheimer

    Dan­ke für vie­le neue Name (für mich neu). Da war­tet eini­ges ent­deckt zu wer­den.

  3. Hal­lo Chris­to­ph Ste­phan (Anm.d.Red.),
    tol­ler Arti­kel, der in vie­len Punk­ten den Nagel auf den Kopf trifft und zeigt, wie zer­split­tert die Sze­ne inzwi­schen und schwie­rig es ist, da gemein­sa­me Nen­ner zu fin­den.
    Ich erin­ne­re mich noch gut dar­an wie vor eini­gen Jah­ren schon eini­ge Win­zer mit denen ich zusam­men arbei­te die von der Raw in Lon­don zurück­ka­men, völ­lig ent­setzt waren über Zunah­me an fast nicht geniess­ba­ren Wei­nen und über­leg­ten nicht mehr dort­hin zu gehen, um nicht in den glei­chen Topf gewor­fen zu wer­den.
    Aber die Bewe­gung ist nicht auf­zu­hal­ten und dei­ne Pro­gno­se zeigt ja auch den nor­ma­len Ver­lauf einer jeden Bewe­gung im kom­mer­zi­el­len Bereich.
    Mit­läu­fer sind da ja noch harm­los weil sie even­tu­ell ler­nen kön­nen. Schlimm ist die Anzahl an Pro­fi­tie­rern, die nur Zah­len im Kopf haben und die auf der Wel­le rei­tend, höhe­re Erträ­ge erhof­fen.
    Ich kom­me gera­de von den drei Salon off zur Mil­le­si­me bio aus Mont­pel­lier zurück und fra­ge mich, ob ich dar­über auf dem Blog etwas ver­öf­fent­li­che. Der Aus­schuss dort war groß. Auch wenn es nicht kom­plett dei­ne kras­sen aber bekann­ten Erfah­run­gen in Kopen­ha­gen wider­spie­gelt.
    Aber wenn Domai­nen wie Jac­ques­son, Albert Mann, Fora­do­ri, Cou­let dort ste­hen (neben Foil­lard, Bre­ton – oder die­ses Wochen­en­de auch Joly und Ange­li in Angers), dann wun­dert man sich manch­mal, wie mutig man­che Win­zer sind, sich dane­ben zu stel­len.
    Aller­dings fin­de ich die dort anzu­tref­fen­de Qua­li­tät nicht so schlimm, wie Du es erfah­ren hast. Das liegt viel­leicht dar­an, das auf sol­chen Salons meist eher Ein­käu­fer sind, die nicht gera­de den Laden um die Ecke oder jedes klei­ne Bis­tro belie­fern. Des­we­gen ist es manch­mal schwer, sol­che Wei­ne über­haupt zu bekom­men. Und wenn man auf der Wel­le mit­schwim­men möch­te, hat man ja auch kein Pro­blem ande­re Win­zer zu fin­den, die einem natür­li­ch auch alles Gute ver­spre­chen. Und da gehö­ren Schla­wi­ner­win­zer gen­au so dazu wie leicht­gläu­bi­ge Händ­ler. So sehe ich eher das Pro­blem in den wenig wirk­li­ch ambi­tio­nier­ten oder völ­lig uner­fah­re­nen Laden­be­sit­zern, die Dir dann auch nur (hart aber fair) Müll anbie­ten kön­nen.
    Und ehr­li­ch, man muss auch 2 Din­ge beden­ken.
    1. Gastro – Den nor­ma­len 400+ % Auf­schlag, der es von Anfang an ver­un­mög­licht, wirk­li­ch gute Wei­ne prä­sen­tiert zu bekom­men und
    2.Handel – die Schwie­rig­keit durch feh­len­de Bezie­hung (sprich Bezugs­quel­le) oder feh­len­de Men­ge über­haupt an die Wei­ne zu kom­men.
    Einem All­ge­mein­ge­schmack von vin natu­rell kann ich nicht zustim­men in dem hier ver­mit­tel­ten Sin­ne. Es liegt doch eher an der lei­der breit auf­tre­ten­den nicht gera­de hoch­wer­ti­gen Qua­li­tät die im brei­ten Han­del anzu­tref­fen ist. Aber auch das ken­nen wir doch von allen ande­ren kom­mer­zia­li­sier­ten Pro­duk­ten. Das ist somit kein Makel vom Pro­dukt sel­ber, son­dern zum Einen vom Macher, der sich wegen Unsi­cher­heit oder Unkön­nen an all­ge­mei­nen Maß­stä­ben fest­hält und das Pro­dukt dahin trimmt und zum Ande­ren an dem har­ten Gesetz des Mark­tes. Wenn in Deutsch­land halt nur 2,83 Euro pro Liter aus­ge­ge­ben wird und 90 % des Umsat­zes von Wei­nen unter 9 Euro bestrit­ten wird, wird es für wirk­li­ch gute VN’s sehr,sehr schwer. Und das wird auch nicht aus­rei­chend kom­mu­ni­ziert : Du kann­st für unter 16 Euro in Deutsch­land im Han­del guten VN bekom­men, und unter 30 kei­nen Top­wein. Punkt. Strei­tet nicht dar­über, son­dern lie­ber über das mie­se Lohn­ni­veau durch das man sich Gutes nicht mehr leis­ten kann.
    Dei­ne Argu­men­ta­ti­on könn­te man ja auch auf die kon­ven­tio­nel­len Pro­duk­te anwen­den. Du kann­st nicht kri­ti­sie­ren, das ein Syrah der vin natu­rel ist, kei­ne kla­re Sti­lis­tik zeigt. Jeder der die Pro­duk­ti­on kon­ven­tio­nel­len Wei­nes kennt, weiß auch um die Metho­den, war­um da Aro­ma­tik so klar und deut­li­ch ist. Selbst in Jah­ren und bei Kon­di­tio­nen, die so etwas gar nicht zulas­sen wür­den bekommst Du da eine aus­ge­präg­te fast glei­che Aro­ma­tik. Das ist doch absurd. Und von den ande­ren Inhalts­stof­fen beim Gift­pro­dukt “kon­ven­tio­nel­ler Wein” wol­len wir doch gar nicht spre­chen. Wenn ich dar­an den­ke, kann doch in kei­nem Fall so etwas wie Genuss auf­kom­men. So gese­hen, sind selbst die mie­ses­ten VN’s noch bes­ser als kon­ven­tio­nel­le Wei­ne. Und noch­mal : vie­le den­ken nicht dar­an, das nicht nur Leu­te wie Leroy, son­dern auch R-C bio­dy­na­mi­sch arbei­ten und somit eher strah­len­de Bei­spie­le für VN’s im wei­tes­ten Sin­ne sind, als für kon­ven­tio­nel­le Wei­ne.
    In einem Punkt bin ich abso­lut dei­ner Mei­nung : über die Pro­ble­ma­tik bei der Qua­li­tät sel­ber und ihrer Bewer­tung­me­tho­den , sowie der Betrach­tung der gan­zen Bewe­gung muss mehr dis­ku­tiert wer­den. Gera­de wir Blog­ger sind da gefragt. Das sind dann oft nicht gera­de ange­neh­me Berich­te und man läuft Gefahr als Mies­ma­cher oder noto­ri­scher Pes­si­mist ange­se­hen zu wer­den. Dem muss man sich stel­len.
    Aber in die ande­re Rich­tung geht es ja auch. Ich sage nur Cor­nas Bil­les noires” von Mat­t­hieu Bar­ret. Wein zum Träu­men. Und selbst wenn es das in kon­ven­tio­nell geben soll­te, dann ist dass Bewußt­s­ein der kon­ven­tio­nel­len Gift­brü­he doch nicht aus­ge­schal­tet und es stellt sich ein­fach die Fra­ge, war­um muss das so pro­du­ziert wer­den, wenn es auch anders geht – ohne Unter­stüt­zung der Che­mie­in­dus­trie und spä­te­ren Belas­tung der Kran­ken­kas­sen. Und da sind Som­me­lie­res und Fach­jour­na­lis­ten gefragt, das mal etwas kla­rer und deut­li­cher dar­zu­stel­len, statt süf­fi­sant VN’s gene­rell zu belä­cheln.

  4. Gottfried

    eigent­li­ch ist das Gan­ze schon sehr ver­wir­rend, aber der Arti­kel gefällt mir weil er viel Wahr­heit ent­hält!

    Und: wie war das noch schnell mit VDP und Natur­wein – das steht doch dort in den Sta­tu­ten. Hat aber nichts mit auf­oxi­dier­tem Wein zu tun..

  5. Der VDP ist die Nach­fol­ge­or­ga­ni­sa­ti­on des Ver­ban­des Deut­scher Natur­wein­ver­stei­ge­rer, die sich 1910 zusam­men­ge­schlos­sen hat­ten. Das hat aber mit dem heu­ti­gen Natur­wein nichts zu tun.

  6. Stephan Bauer

    Lie­ber Karl Brunk,

    mit vielem, was du schreib­st, stim­me ich voll über­ein. Wein­gü­ter wie die von Mathieu Bar­ret wür­de ich trotz Bio­dy­na­mie und Ver­zicht auf Chap­ta­li­sa­ti­on, Fil­tra­ti­on und Schö­nung trotz­dem nicht in die enge Vin Natu­rel Sze­ne ste­cken, die in dem Blog­post beschrie­ben ist. Weil er sei­ne Wei­ne schwe­felt, wenn auch die Schwe­fe­lung Jahr für Jahr zurück­ge­fah­ren wird. In den ein­schlä­gi­gen Bars und Restau­rants sind sei­ne Wei­ne des­halb auch nur dann zu fin­den, wenn der Bar­be­sit­zer / Som­me­lier ein biss­chen offen für Undog­ma­ti­sches ist.

    Es ist auf jeden Fall auch rich­tig, dass es ganz selbst­ver­ständ­li­ch bei kon­ven­tio­nell erzeug­ten Wei­nen rie­si­ge Qua­li­täts­un­ter­schie­de gibt und die ganz gro­ße Mehr­heit eine Reb­sor­te oder eine bestimm­te Her­kunft nicht zeigt. Mir ging es um das Argu­ment, dass vin natu­rels per se die Rebsorte(n) und die Her­kunft beson­ders gut zei­gen, WEIL sie erzeugt wur­den wie sie erzeugt wur­den. Die Pra­xis zeigt für mich, dass das so pau­schal nicht funk­tio­niert, son­dern nur bei den wah­ren Kön­nern.

  7. Lie­ber Ste­phan,

    Nico­las Joly zähl­st Du aller­dings auc zu den Natur­wein-Win­zern, obwohl er sei­ne Wei­ne immer geschwe­felt hat, Schwe­fel als Licht­quel­le ansieht und die Schwe­fel­ga­ben mei­nes Wis­sens auch jetzt nicht zu knapp waren. Inwie­fern unter­schei­dest Du zwi­schen Bar­ret und Joly?

  8. Stephan Bauer

    Hal­lo Chris­to­ph,

    das kommt in dem Blog­post viel­leicht nicht so gut raus, aber Joly wür­de ich auch nicht als Natur­wein zäh­len, weil er schwe­felt. Aller­dings sind sei­ne Prin­zi­pi­en der Bio­dy­na­mie und auch der Ver­zicht auf sehr viel (außer Fil­tra­ti­on und Schwe­fe­lung) m.E. weg­wei­send für die Vin Natu­rel Sze­ne gewe­sen, und eini­ge wie Mark Ange­li bezie­hen sich ja auch offen auf ihn als Inspi­ra­ti­ons­quel­le. Dane­ben fin­de ich den Cou­lée de Ser­rant geschmack­li­ch auch sehr ähn­li­ch wie eini­ge Vin Natu­rels aus der Anjou Gegend. So hat­te ich das gemeint.

  9. Zitat Karl Brunk:
    “Und selbst wenn es das in kon­ven­tio­nell geben soll­te, dann ist dass Bewußt­s­ein der kon­ven­tio­nel­len Gift­brü­he doch nicht aus­ge­schal­tet und es stellt sich ein­fach die Fra­ge, war­um muss das so pro­du­ziert wer­den, wenn es auch anders geht – ohne Unter­stüt­zung der Che­mie­in­dus­trie und spä­te­ren Belas­tung der Kran­ken­kas­sen. Und da sind Som­me­lie­res und Fach­jour­na­lis­ten gefragt, das mal etwas kla­rer und deut­li­cher dar­zu­stel­len, statt süf­fi­sant VN’s gene­rell zu belä­cheln.”

    Gen­au mit so etwas habe ich ein gro­ßes Pro­blem, da wird pau­schal von Gift­brü­he bei kon­ven­tio­nell erzeug­ten Wei­nen gespro­chen, da wird behaup­tet, dass sol­che Wei­ne krank machen und impli­ziert, dass dies Vin Natu­rel nicht machen wür­den. Sor­ry aber das ist doch bil­li­ge Pole­mik und hilft dem Gedan­ken der mög­lichst natur­be­las­se­nen Wei­nen nicht wirk­li­ch wei­ter.

  10. Ste­fan und Chris­to­ph :
    ich hal­te es auch für schwie­rig fest­zu­le­gen, wo VN anfängt und wo ein Wein es nicht mehr ist. Lei­der gibt es die­se doo­fe Natur und die ver­ha­gelt einem manch­mal die Reben oder es gibt zuviel oder zuwe­nig oder zu den fla­schen Zei­ten Regen, Son­ne oder gar nur Feuch­te. Was soll ein Win­zer denn machen mit der Ern­te wenn das Lese­gut letzt­end­li­ch nicht so per­fekt ist. Ich hat­te letz­tes Jahr auf der Renais­sance des Ter­or­irs in Bor­deaux noch aus­gie­big mit Nico­las Joly über sei­ne Schwe­fel­wer­te gespro­chen. Er ver­packt es gut in Argu­men­ten und ehr­li­ch gesagt fin­de ich es abso­lut auch nicht schlimm. Es ist nur erstaun­li­ch viel wenn man sei­ne Wer­te mit denen ande­rer ver­gleicht und erstaun­li­ch wenig wenn man sei­ne mit “nor­ma­len” Wei­nen ver­gleicht.
    In den Dis­kus­sio­nen mit vie­len VN-Win­zern kom­men immer drei wider­strei­ten­de Punk­te ans Licht : Kon­se­quenz, Qua­li­tät, Rea­li­tät.
    Kei­ner von den Win­zern, die wir so gut fin­den wür­de ohne Grund Schwe­fel zuge­ben. Man sieht es ja an den Men­gen. In guten Jah­ren gibt es bei fast allen auch Abfül­lun­gen, wo nur Micro­dosen am Schluss zuge­ge­ben wer­den, oder gar gar nichts. Sie ent­schei­den das an der Qua­li­tät des Lese­guts im jewei­li­gen Jahr. Um da auf Dau­er hin zu kom­men, liegt ihr Haupt­au­gen­merk auf der Unter­stüt­zung der Par­zel­len wäh­rend des Jah­res­ver­laufs mit den Mit­teln, die im wei­tes­ten Sin­ne nicht inva­siv sind, hier also : nichts Art­frem­des der Rebe oder spä­ter dem Saft zufü­gend. Da kann durch Lüf­tung, Beschat­tung, Rück­schnitt, Ent­lau­bung oder För­de­rung der Bio­di­ver­si­tät von Pflan­zen oder Tie­ren, För­de­rung der Micro­or­ga­nis­men im Boden viel getan wer­den, um den spä­te­ren sta­bi­li­sie­ren­den oder auch glät­ten­den Ein­satz von S zu ver­rin­gern.
    Auf Teu­fel komm raus kei­nen rein zu tun, ist eher für die gesam­te Sze­ne kon­tra­pro­duk­tiv. Das stu­re No ist oft ver­bun­den mit einer gewis­sen Non­cha­lance bei allen ande­ren Vor­gän­gen. Man über­läßt der Natur wirk­li­ch alles und macht ech­ten Natur­wein. Des­we­gen ist die Aus­sa­ge, dass Wein immer ein Kul­tur­gut ist, abso­lut berech­tigt bei Win­zern wie Joly, Ange­li, Pla­geo­les … Natür­li­ch wird dort in den nor­ma­len Enste­hungs-Ver­rot­tungs­pro­zess der Pflan­ze “Wein” ein­ge­grif­fen.
    Aber wie gesagt – die­se Win­zer sehen den Punkt Qua­li­tät neben der Rea­li­tät in Form ihres wirt­schaft­li­chen Inter­es­ses und des­sen Not­wen­dig­keit und dem Ver­su­ch, so kon­se­quent wie mög­li­ch zu sein als gleich­be­rech­tig an. Und das ist nötig wenn die Wei­ne spä­ter bei Pier­re Gag­nai­re, Michel Bras, Oli­vi­er Roel­lin­ger, Michel Trois­gros lan­den wol­len. Das wird kei­ner der Wei­ne aus Kopen­ha­gen wohl jemals schaf­fen.
    —-
    Ste­fan noch­mal:
    Das mit der Typi­zi­tät und Wie­der­er­kenn­bar­keit der Reb­sor­ten hat­te ich auf die kon­ven­tio­nel­len Wei­ne bezo­gen. Dort wird mir zuviel Ein­deu­tig­keit pro­du­ziert die die Leu­te ver­an­lasst zu den­ken, man kön­ne einen Syrah an einer irgend­wie gear­te­ten aro­ma­ti­schen Iden­ti­tät erken­nen. Die­se Unmög­lich­keit zei­gen nicht nur die VN’s , die neben den Reb­sor­ten, auch den Jah­res­ver­lauf , Boden und Alter der Stö­cke wie­der­zu­spie­geln. So sind die Wei­ne jedes Jahr zum Teil mas­siv anders, je nach­dem wie deut­li­ch die Rebe auf den Jah­res­ver­lauf reagiert. Ein Punkt scheint mir beson­ders wich­tig : die VN-Wein­gü­ter machen extrem deut­li­ch, wel­chen Ein­fluss die Boden­be­schaf­fen­heit hat. Da rei­chen manch­mal 20 m nach rechts oder links und schon ändert sich die Cha­rak­te­ris­tik. So gese­hen sind Mas­sen­wei­ne von meh­re­ren bis zu hun­der­ten Ha für mich völ­li­ger Irr­sinn. Ich erhal­te am Ende mit der sel­ben Rebe einen Cuvée aus hun­der­ten von ver­schie­de­nen Aro­ma­ti­ken. So kann doch kei­ne Typi­zi­tät ent­ste­hen.
    Noch schlim­mer wird es wenn wir das Gan­ze glo­bal betrach­ten. Ich lie­be Wein­pro­ben mit Wei­nen einer Reb­sor­te. Aber aus ver­schie­de­nen Regio­nen, Län­dern, Kon­ti­nen­ten, Höhen­la­gen, ande­ren Böden und Jah­ren und natür­li­ch auch ande­ren Win­zern. Zeig mir mal dann ein­mal, was denn nun eigent­li­ch einen Syrah aus­macht.
    Aber ich möch­te es, weil es gera­de rich­tig lus­tig wird noch wei­ter gehen. Glo­bal!! Wie­vie­le Reb­sor­ten kann­ten (und ich mei­ne hier wirk­li­ch leib­haf­tig ken­nen!) wir denn vor 20–30 Jah­ren?
    Wenn auf der Pro­wein der Gemein­schafts­stand der Geor­gi­er uns fast 140 auto­ch­tone Reben vor­stellt, von denen wir noch nicht ein­mal die Namen rich­tig auspre­chen kön­nen, wohin führt uns das denn. Die Viel­falt ist fan­tas­ti­sch und erschre­ckend. Jeg­li­cher Ver­su­ch in der heu­ti­gen Wein­welt mit mehr als 600000 ver­schie­de­nen Wei­nen Ein­deu­tig­kei­ten zu schaf­fen, scheint mir zum Schei­tern ver­ur­teilt. Das ist schon in der ein­ge­grenz­ten klei­nen Welt der Som­me­liers mit ihren 1000+ Wei­nen im Kel­ler eine Glanz­leis­tung. Und trotz­dem schei­tern auch da Jahr für Jahr über 90% beim Mas­ters in Lon­don Aug in Aug mit den 7 Glä­sern. Ist hart. Die müs­sen natür­li­ch auch Domai­ne und Jahr erken­nen. Aber es gibt genug Bei­spie­le von Blind­pro­ben, wo Wein­ken­ner bei guten Mono­ce­pa­gen aus unbe­kann­ten Gegen­den oder unbe­kann­ten Win­zern selbst die Reb­sor­ten nicht erken­nen. Liegt das dann an den Wei­nen oder schlicht nur an dem irr­wit­zi­gen Ver­su­ch es erken­nen zu wol­len?
    Ist mal wie­der lang gewor­den und trotz­dem nicht genug. Ein Wort noch zu 

    Armin:

    Tut mir echt leid Dich da zu echauf­fie­ren. Ich mus­s­te mich in dem Punkt krass aus­drü­cken, weil es uner­täg­li­ch ist, was da mit uns gemacht wird.
    Ich weiß dass man, wenn man mit den Win­zern spricht, einem oft die Trä­nen kom­men, wie sorg­fäl­tig und beson­nen sie arbei­ten und natür­li­ch nur so wenig wie mög­li­ch und nötig an phy­to­sa­ni­tä­ren Mit­teln (Her­bi­zi­den, Fun­gi­zi­den, Lar­vi­zi­den) ein­set­zen. Aber! Das sind gen­au so Geschich­ten wie in der VN-Sze­ne, wenn die Win­zer auf Salons behaup­ten kei­nen Schwe­fel ein­zu­set­zen. Genug Händ­ler glau­ben das, weil es so natür­li­che und net­te Bur­schen sind. Ich mache es kon­kre­ter :
    Frank­reich ist nicht nur im Ver­brauch von Anti­de­pres­si­va Welt­meis­ter. Eben­so beim Ein­satz von Che­mie in der Land­wirt­schaft. Das ist schon hart genug. Aber es wird noch schlim­mer, wenn man die Rela­tio­nen betrach­tet. 30 % des gesam­ten Che­mie­ver­brauchs fal­len im Wein­bau an. Aller­dings macht der Wein nur 8% der land­wirt­schaft­li­chen Flä­chen aus!
    Und auch hier erzäh­len die alten Opis mit ihrem süf­fi­san­ten Lächeln das sie Bio für Hum­bug hal­ten und sie sel­ber fast gar nichts an Che­mie benut­zen. Toll für die Indus­trie. Das Zeug wird also gekauft, aber gar nicht benutzt. Dage­gen spre­chen aller­dings die Ana­ly­sen von Wein. Grenz­wer­te wer­den da natür­li­ch nur ab und zu über­schrit­ten, aber wenn ich 8 oder mehr ver­schie­de­ne Sub­stan­zen ein­set­ze und die nur ein­zeln betrach­tet wer­den ist das doch auch ver­ständ­li­ch. Mutig genug nun end­li­ch von der fran­zö­si­schen Ver­wal­tung eine Art des Kreb­ses ein­deu­tig als Win­zer­krebs zu titu­lie­ren, weil er durch die­se besag­ten Mit­tel aus­ge­löst wird. Und zur Zeit häu­fen sich die Kla­gen von ein­fa­chen Arbei­tern auf Wein­gü­tern, die ohne genug auf­ge­klärt wor­den zu sein, erkrankt sind.
    Impli­zit sage ich damit auch nicht auto­ma­ti­sch, dass VN’s “gesün­der” sind. Alko­hol ist Alko­hol und somit per se ab einem gewis­sen Maß nicht gesund.
    Aller­dings muss ich noch ein­mal ein Argu­ment auf­grei­fen : wenn Wein­bau ohne Che­mie mög­li­ch ist und dabei trotz­dem abso­lu­te Spit­zen­wei­ne, even­tu­ell mit die bes­ten Wei­ne der Wel t(was auch immer das sein soll) her­aus kom­men kön­nen, dann stellt sich mir doch die Fra­ge, war­um man dann Che­mie über­haupt ein­setzt.
    Also : ich las­se mich des­halb in dem Fall ger­ne als bil­li­gen Pole­mi­ker bezeich­nen, aber da reden wir in eini­gen Jah­ren noch ein­mal drü­ber wenn die Sache in einem ande­ren Licht betrach­tet wird.

  11. Pingback: Appetithäppchen | Chez Matze

  12. Vin Natu­rell hin oder her, Wein ist für mich ein Kul­tur­pro­dukt und lebt von der krea­ti­ven Kraft, der Lie­be zur Natur und vor­al­lem den han­derk­li­chen Fähig­kei­ten ihrer Erzeu­ger.
    Die eigent­li­che gro­ße Chan­ce der VN-Bewe­gung ist die Anre­gung zur Dis­kus­si­on über die gro­ßen Zivi­li­sa­ti­ons­the­men – Umwelt, Huma­ni­tät und
    Bewußt­s­ein( Nach­hal­tig­keit, Fair­ness usw.)
    Der zwei­te posi­ti­ve Aspekt ist für mich dabei, daß auch die Pro­du­zen­ten, die sich schon lan­ge mit die­sen The­men befas­sen, eine wei­te­re Platt­form erhal­ten, sich und ihre groß­ar­ti­gen Wei­ne einem jun­gen und offe­nen Publi­kum zu prä­sen­tie­ren.

  13. Dürf­te ich Ihr Augen­merk auch auf die Grup­pe respekt-BIO­DYN len­ken? 19 nam­haf­te Win­zer aus Öster­reich und Deutsch­land, einer aus Süd­ti­rol und einer grenz­über­grei­fend in Ö und Ungarn, die bio­dy­na­mi­sche Wei­ne in ihrer gesam­ten Band­brei­te von fruch­tig & fri­sch bis hin zu oran­ge pro­du­zie­ren.

    Die Winzer/innen:
    Achs, Beck, Busch, Christ­mann, Fei­ler, Frit­sch, Manin­cor, Gsell­mann, G.Heinrich, Hirsch, Loi­mer, Nitt­naus, Ott, Pitt­nau­er, Prei­sin­ger, Reb­holz, Wenin­ger, Wie­nin­ger, Witt­mann.

  14. Claudia Sontheim

    Vie­len Dank für die­sen Arti­kel. Bei mir stellt sich jetzt die Fra­ge: War­um hat ein Wein­bau­er wie Gane­vat, der jah­re­lang im Bur­gund Kel­ler­meis­ter im kon­ven­tio­nel­len Top-Wein­gut Jean-Fra­çois Morey war, beschlos­sen, nach hau­se zurüch­zu­keh­ren und bei sei­nen eige­nen Reben im Jura auf jeg­li­chen Ein­griff bei der Vini­fi­zie­rung zu ver­zich­ten, nach­dem er wäh­rend sei­ner sehr erfolg­rei­chen Zeit im Bur­gund die Wei­ne von Phil­ip­pe Paca­let, Leon Bar­ral und Bru­no Schu­el­ler und ande­re ken­nen­ge­lernt hat­te?

  15. Stephan Bauer

    Offen gesagt weiß ich das nicht. Bei ande­ren im Sin­ne des Natur­weins arbei­ten­den Win­zers, mit denen ich mich unter­hal­ten habe, gibt es ein gewis­ses wie­der­keh­ren­des Mus­ter. Sie sind auf irgend­ei­ne Wein­bau­schu­le gegan­gen (meis­tens die in Beau­ne) und haben sich schon in der Aus­bil­dung gefragt, ob das, was da schul­buch­mä­ßig emp­foh­len wird, eigent­li­ch wirk­li­ch alles not­wen­dig ist. Und waren erschro­cken dar­über, wie tech­ni­siert der Wein­bau gelehrt wird. Dann haben sie nach Vor­bil­dern gesucht, die Erfah­rung mit Weg­las­sen haben und sich anschlie­ßend so lang­sam an ihre bevor­zug­te Wein­be­rei­tungs­me­tho­de ran­ge­tas­tet. Viel­leicht war das bei Gane­vat ja auch so, aber das wäre gemut­maßt.

  16. Claudia Sontheim

    Dan­ke für Dei­ne Ant­wort Ste­phan. Die Ant­wort die ich mir gebe, ist, dass Gane­vat zunächst von der Qua­li­tät und dem Geschmack der Wei­ne von Phil­ip­pe Paca­let, etc. über­zeugt war. Das ist das Mus­ter, das ich in mei­nen Gesprä­chen mit Wein­bau­ern immer wie­der ent­de­cke. Am Anfang steht die sinn­li­che Erfah­rung.

  17. @ Clau­dia, Ste­fan :
    In die Rich­tung geht auch mei­ne Erfah­rung. Eini­ge jun­ge Leu­te die auf sol­che Schu­len gehen, sind tat­säch­li­ch geschockt über den Che­mie­wahn der dort immer noch gelehrt wird. Und wer sich wirk­li­ch für Wein inter­es­siert, hat schon von ande­ren Win­zern, ande­ren Metho­den gehört und ande­re Wei­ne getrun­ken. Da sprin­gen eini­ge ab und ler­nen dann über eine ande­re Schie­ne.
    Vie­le der Win­zer in der Bio oder Vin natu­rel Sze­ne sind ger­ne bereit jun­ge Talen­te in der Pra­xis aus­zu­bil­den indem sie sie durch ver­ant­wort­li­che Mit­ar­beit auf dem Hof in ihre Arbeits­wei­se ein­füh­ren. So zeigt sich am Bes­ten, was war­um wie gemacht wird.
    Älte­re Kali­ber sind oft Quer­ein­stei­ger. So Jean Bap­tis­te Senat im Miner­vois oder René Mos­se im Anjou. Leu­te die eher Links anzu­ord­nen sind und die sich auf ande­ren Gebie­ten schon mit Alter­na­ti­ven beschäf­tigt haben. Ihnen geht der ange­gli­che­ne Trott in ihrem Beruf oder der Lebens­füh­rung (meist Leu­te aus Paris) auf den Geist und sie machen einen Schnitt. Wein machen in einer Art Natur, scheint da sehr beliebt zu sein.
    Dann gibt es noch eine Sor­te. Die, die jah­re­lang im Geschäft sind und irgend­wann den Wahn mit­krie­gen. Das kann durch die stän­di­ge Aus­ein­an­der­set­zung mit den immer wei­ter in Ver­ruf kom­men­den Inter­nas der kon­ven­tio­nel­len Wein­pro­duk­ti­on sein, aber auch durch die Begeg­nun­gen mit Wei­nen und Win­zern, die sie über­ra­schen und über­zeu­gen.
    Die “Akti­vis­ten” der Vin natu­rel Sze­ne haben oft im Bli­ck wer etwas vom Metier ver­steht und schwankt. Sie sind dar­auf bedacht mit den Leu­ten ins Gespräch zu kom­men und zu blei­ben. Eine der gro­ßen und schwie­ri­gen Auf­ga­ben ist es, die Angst vor der Umstel­lung zu neh­men.
    Von Sei­ten der Inter­es­sier­ten ist die Angst auch ver­ständ­li­ch. Wer jah­re­lang mit der che­mi­schen Keu­le Krie­ge führt, kann sich ein Über­le­ben ohne die­se Waf­fen nur schwer vor­stel­len. Kre­dit­ra­ten zwin­gen zu kon­stan­ten Ein­kom­men. Und wer ein­mal die Angst vor einem Ern­te­ver­lust, oder einer schief gehen­den Fer­men­ta­ti­on in sich trägt, der scheut sich zuer­st ein­mal.
    Eini­ge Gesprä­che mit benach­bar­ten anders arbei­ten­den Win­zern wür­den da schon hel­fen. Aber lei­der ist es erschre­ckend, dass vie­le Win­zer sich da genie­ren. Das ist Scha­de und da muss man immer wie­der antrei­ben.
    Viel schlim­mer sind aller­dings die sich hart­nä­ckig hal­ten­den Vor­ur­tei­le, dass eine ande­re als die kon­ven­tio­nel­le Mach­art nie funk­tio­nie­ren kann und des­halb Bio­win­zer auch pfu­schen. Aus­ser­dem kön­nen die Wei­ne nicht gut sein. Auf die Fra­ge, ob sie denn mal mit den Win­zern gespro­chen, oder die Wei­ne pro­biert haben, hört man meist ein ein­deu­ti­ges Nein. Ich kanns manch­mal nicht glau­ben. Nicht mal eine Fla­sche? Ne –noch nie.
    Das ist immer lus­tig wenn ich in der Jury der Medail­len­ver­ga­be sit­ze und dort mit den wirk­li­ch net­ten und lus­ti­gen “Nor­ma­len” spre­che. Ich kann es ihnen nicht übel neh­men – aber Baff bin ich immer wie­der.

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