Champagne – Vol. 03 – Vallée de la Marne, Tours-sur-Marne, Mareuil-sur-Aӱ und Aӱ

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Von Bouzy aus geht es hinab zur Marne und wir erreichen schnell Tours-sur-Marne. Dann geht es weiter zu den beiden Hotspots Mareuil-sur-Aӱ und Aӱ.

Tours-sur-Marne
Der Ort ist nicht sonderlich bekannt, obwohl er als Grand Cru eingestuft ist. Hier ist der Sitz des Chamapgner-Hauses Laurent-Perrier. Das 1812 gegründete Haus hat in vielerlei Hinsicht Maßstäbe gesetzt. Es stieg unter Bernard de Nonancourt nach dem zweiten Weltkrieg zu einem der führenden Champagnerhäuser auf. Er war der erste, der einen Ultra-Brut auf den Markt gebracht hat, also einen Champagner weitgehend ohne Dosage. Er führte den Multi-Vintage-Champagner ein, der normalerweise aus drei Jahrgängen besteht, er hat früh auf Edelstahltanks gesetzt, die eine kontrollierte Gärung ermöglichen und last but not least hat er früh auf den jahrgangslosen Rosé gesetzt. Dieser gehört meiner Meinung nach mit dem von Ruinart, andere sagen mit dem von Billecart-Salmon (aber dazu später) zu den besten Rosé im Non-Vintage-Bereich. Laurent-Perrier stellt leider keinen Chamapgner her, der das Spezifische der Grand Cru Lage von Tours-sur-Marne abbilden würde. Die 80 Hektar Besitz sind über große Teile der Champagne verteilt und die Champagner sind immer aus den unterschiedlichen Lagen komponiert. Der eigene Besitz bildet etwa 10% der Gesamtproduktion, der Rest wird von Vertragswinzern dazu gekauft.

Foto links: © Tor Eigeland / Collection CIVC

Foto links: © Tor Eigeland / Collection CIVC

Mareuil-sur-Aӱ
Dieser Ort beherbergt zwei weitere wichtige und besondere kleine Champagnerhäuser: Philipponnat und Billecart-Salmon. Darüber hinaus gibt es hier ein kleines Haus, das für mich eindeutig ein Geheimtipp ist: Roger Pouillon. Doch beginnen wir mit Philipponnat. Es gehört heute, wie so viele alteingesessene Champagne-Häuser zu einer großen Gruppe, in diesem Fall zu Lanson-Boizel-Chanoine-Champagne. Trotzdem führt immer noch ein Philipponnat die Geschicke des Hauses, das zwar erst 1910 als Champagnerhaus gegründet wurde, dessen Wurzeln als Winzerfamilie jedoch bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen. Bekannt ist das Haus nicht zuletzt durch seine berühmte Einzellage Clos de Goisses. Philipponnat keltert ca. 20.000 Flaschen aus dem 5,5 Hektar kleinen Weinberg. Der Weinberg liegt stark abschüssig am Südhang von Mareuil. Der Grand Cru, der hier erzeugt wird, reift 8 bis 10 Jahre im Keller und wird nur in guten Jahren auf die Flasche gebracht. Er dürfte, wie fast alle Champagne des Hauses aus ca. 70% Pinot Noir und 30% Chardonnay bestehen. Der Clos de Goisses ist einer der kräftigsten und fülligsten Champagner überhaupt. Er verfügt über wenig Dosage, markante Säure und ist das, was die Engländer als rich bezeichnen. Es mag ja Leute geben, die sich für 140,- eine Flasche Dom Pérignon zulegen. Ich würde immer einen Clos de Goisses vorziehen, vor allem wenn es einer aus dem Jahr 2000 ist.

Billecart-Salmon befindet sich – allen Übernahmeangeboten zum Trotz – auch heute noch in Familienbesitz. 1818 gegründet, verfügt das Haus heute über 15 Hektar eigene Weinberge, 50 weitere sind langfristig gepachtet und weitere 100 Hektar werden von Vertragswinzern bewirtschaftet. Ich bin ehrlich gesagt kein Freund dieser Champagner. Die Basisweine sind mir zu gefällig und auch die Jahrgangschampagner wirken mir häufig (nicht immer) zu gemacht. Ich bin dabei noch mal über meine Einschätzung eines 1998er Nicolas Francois Billecart Brut gestolpert, die ich im Juli 2009 verfasst habe. Dieses Diffuse, was ich da anspreche, ist mir mehrmals begegnet. Bekannt ist das Haus für seine Praxis der doppelten kühlen Klärung, die eigentlich aus der Bierindustrie stammt. Der Saft wird aus den Beeren gepresst und in einen Tank gegeben, wo sich die ersten Traubstoffe absetzen. Dann erfolgt die Trennung von den abgesetzten Sedimenten (Abstich). Das ist alles noch normal. Jetzt aber wird der Saft bei 2 Grad 48 Stunden lang gekühlt, damit sich wilde Hefen und weitere Trubstoffe absetzen, ohne das Enzyme oder Mikrofilter dafür verwendet werden müssen. Nach einem zweiten Abstich erfolgt die Gärung mit zugesetzten Hefen unter sehr kühlen Bedingungen bei 11 bis 13°C, was die Fruchtaromen ziemlich stark in den Vordergrund treten lässt.

Foto recht: @ John Hodder / Collection CIVC

Foto recht: @ John Hodder / Collection CIVC

Bleibt noch der Geheimtipp: Roger Pouillon wird meines Wissens in Deutschland bisher nicht vertreten, das ist schade. Wer in der Gegend ist, sollte jedoch bei ihm vorbeifahren. Das Haus wurde 1947 gegründet und verfügt heute über 70 verschiedene Parzellen (manche sogar non grefflé, also unveredelt wurzelecht). Seit 2003 werden die Weinberge biodynamisch bewirtschaftet und vergoren wird im kleinen wie im großen Holz, in Edelstahl und auch in Emaille – je nach Parzelle und Rebsorten. Die Weine von Fabrice, der das Haus heute führt, haben viel eigenen Charakter, den die Champagner der beiden ungleich größeren Häuser des Ortes vor allem in der Basisqualität vermissen lassen. Probieren sollte man auf jeden Fall die Cuvée de Resèrve Brut und Demi-Sec sowie die Cuvée Vigneron, die aus einer Solera stammt. Außerdem fand ich die Cuvée Brut Nature de Mareuil beeindruckend dicht und stoffig: 50% Pinot, 50% Chardonnay in Eichenfässern, 12 Monate Ausbau mit Battonnage und dann unfiltriert abgefüllt. Das fällt hinter dem, was die die beiden ungleich bekannteren Produzenten des Ortes mit ihren Prestige-Cuvées, die die wenigsten von uns sich leisten können, nicht allzu weit zurück und der Champagner bildet das Spezifische des Ortes klar ab. Ein ungewöhnlich dichter Champagner der etwas Malziges genauso in sich trägt wie Fenchel und Kamille, irgendwo zwischen Zitrus und dann wieder Steinfrucht changiert. Ja, und dann ist da noch der Projekt-Wein 2Xoz, mit eigener Flash-Website. Der 2Xoz Millèsime wird nur durch eigene Süßweinreserve gesüßt und zeigt eine erstaunliche Mischung aus Frucht, Kraft und Frische. Er wirkt so eigen, dass es schwer zu beschreiben ist. Würde man ihn in einem schwarzen Glas probieren ohne zu wissen, was drin ist, würde man vielleicht auf eine Mischung aus Champagne und Nord-Rhône-Syrah kommen. Erstaunlich. Es gibt diese besondere Version auch als Macération, mit einer Dosage im Demi-Sec-Bereich. Den habe ich allerdings bisher nicht probieren können. Das dürfte allerdings auch spannend sein, denn demi-sec kann er, der Fabrice Pouillon.

deutz


Wer durch diesen Ort spaziert, trifft auf Deutz und Bollinger, Ayala und Gosset, genauso aber auch auf kleine Betriebe wie René Geoffroy, Henri Goutorbe, Pascal Henin oder Henri Giraud. Ich lasse die drei Großen jetzt mal außen vor, dazu wird eigentlich genug geschrieben. Mich interessiert eher das Haus Gosset, das für sich in Anspruch nimmt, das älteste Haus nicht nur am Platz, sondern überhaupt in der Chamapgne zu sein. Tatsächlich wurde es 1584 als Handelshaus gegründet und befand sich 14 Generationen lang in Familienbesitz, bis es 1994 von der Familie Cointreau erworben wurde. Das Besondere an Gosset ist, dass das Haus keine eigenen Weinberge besitzt und entsprechend ausschließlich mit Vertragswinzern zusammenarbeitet. Diese arbeiten allerdings häufig schon über Generationen hinweg für das Haus und tun dies nach Maßgabe durch den Champagne-Hersteller. Was ich bei Gosset mag, ist die klare Linie quer durch das Angebot. Die Weine werden im Edelstahl (und einige wenige im großen, alten Holz) ausgebaut und durchlaufen keine malolaktische Gärung. Sie sind also immer auf der frischen, säurebetonten Seite, dabei cremig, voll und einer schönen Note von Bicuit-Teig. Wasmir gefällt ist die Flaschenform mit dem Halsbandetikett. (genauere Empfehlungen folgen in einem eigenen Artikel).

 

Zwei gegensätzliche Ansätze: Terres et Vins, oures Terroir als Ideal, Chamapgne Gosset, die Suche nach Harmonie von Kraft und Eleganz

Zwei gegensätzliche Ansätze: Terres et Vins: reines Terroir als Ideal, Champagne Gosset: die Suche nach Harmonie von Kraft und Eleganz

Das Haus René Geoffroy befindet sich erst seit einigen Jahren in Aӱ. Vorher, und zwar seit Beginn des 17. Jahrhunderts war die Familie in Cumières ansässig, einem Weinbauort etwas weiter westlich, der später noch Erwähnung findet. Hier befinden sich auch weiterhin große Teile der 14 Hektar Besitz. Doch in Aӱ gibt es nun einen größeren Keller um die Weine zu vinifizieren, die im Wesentlichen in Holz ausgebaut werden. Die Trauben werden für Champagne-Verhältnisse spät und reif gelesen, die Weine durchlaufen keine malolaktische Gärung und werden nur ganz schwach dosiert. Der Empreinte Premier Cru 2006 zeigt, das exzellenter Champagne-Stoff auch für 30 Euro in Deutschland zu haben ist (vor Ort kostet er knapp über 20,-). Das ist Pinot Noir basierter Jahrgangschampagner der Kraft und Fülle mit tänzelnder Leichtigkeit und Balance verbindet – ausgezeichnet. Was ebenfalls großen Spaß macht ist, die beiden Rosé des Hauses nebeneinander zu probieren. Der Rosé de Saignée ist nach klassischem Rosé-Verfahren aus 100% Pinot Noir vinifiziert – der Name deutet es ja auch an. Der Blanc de Rose dagegen wird wird aus Chardonnay und Pinot gekeltert. Allerdings wird er nicht assembliert, also zu einer Cuvée zusammengebracht sondern die beiden Traubensorten werden zusammen vergoren. Das sollte man mal probiert haben.

Etienne Goutorbe ist nicht nur Winzer sondern auch Hotelier in Aӱ. Das weiß ich deshalb weil er der kleinen und feinen jährlichen Veranstaltung Terres et Vins de Champagne in seinem Hotel Castel Jeanson einen Ort bietet. Natürlich gehört er selber mit zur dieser Gruppe von Winzern, die in meinem Bericht mehr oder weniger alle Erwähnung finden. Das Besondere bei Goutorbe ist, dass man hier für vergleichsweise wenig Geld wirklich gute Qualität bekommt. Das ist nicht Gebietsspitze aber eben besser und markanter als das, was man so an Eigenmarken und bekannten Marken im Lebensmitteleinzelhandel bekommt. Seine Champagner sind kraftvoll, vom Aӱ-Pinot geprägt, würzig und unkompliziert. Sie eignen sich hervorragend als Bankett-Champagner und seine Spitzencuvée, der Brut Spécial Club 2002 Grand Cru, ein Champagner der wirklich Volumen und Dichte, Stoff und Kraft besitzt und dabei immer elegant bleibt, kostet vor Ort gerade mal um die € 26,-. Das müssen andere erst einmal nachmachen.

Ergänzen möchte ich den Artikel durch die genaue Darstellung aller Einzellagen in Aӱ. Sie sindhier bei weinlagen.org dargestellt.

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Die Artikel der Serie:

Teil 13: Epilog

Teil 12: Côte des Bar von Courteron nach Urville

Teil 11: Côte des Bar von Bar-sur-Seine nach Les Riceys

Teil 10: Von Vertus nach Montgueux

Teil 9: Côte des Blancs in Vertus

Teil 8: Côte des Blancs in Le-Mesnil-sur-Oger

Teil 7: Côte des Blancs in Avize

Teil 6: Côte des Blancs von Épernay nach Cramant

Teil 5: Vallée de la Marne, am linken Ufer zurück nach Épernay

Teil 4: Vallée de la Marne, am rechten Ufer von Dizy nach Crouttes

Teil 3 Vallée de la Marne, rund um Aӱ

Teil 2: Montagne de Reims

Teil 1: Auf der Suche nach einem Mythos

 

13 Kommentare

  1. Wie immer sehr informativ. Hast du Empfehlungen zu Pascal Henin? Den werde ich in ca 4 Wochen treffen bzw. seine Champagner.

  2. Hm, seine Weine kenne ich jetzt gerade nicht so gut aber ich schaue morgen mal in meinen Unterlagen nach. Grüße, Christoph

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