Koehler-Ruprecht oder die Wiederentdeckung der Langsamkeit

Eigentlich mag ich es gar nicht, Buch-, Film- oder Plat­ten­ti­tel zu ver­wen­den, um einem eige­nen Artikel eine Über­schrift zu geben. Doch in diesem Fall musste ich eine Aus­nahme machen.

Ich war ein­ge­laden in den Berliner Wein­sa­lon von Mar­tin Zwick um in einer kleinen Runde einen ganzen Nach­mit­tag und Abend mit den Erzeugern und den Weinen des Kall­städter Weinguts Koehler-Ruprecht zu ver­brin­gen. Dominik Sona, Gutsver­wal­ter bei Koehler-Ruprecht, und seine Part­nerin Franzi Schmitt, Keller­meis­terin eben dort, hat­ten 30 Weine vom aktuellen Jahrgang (2014 Kall­stadter Annaberg Chardon­nay Spätlese trocken und 2014 „Rutz-Rebell“ Chardon­nay Spätlese trocken) bis 1996 (Kall­stadter Sauma­gen Ries­ling Auslese R) eingepackt, um sie mit uns zu pro­bieren. Ein solcher Nach­mit­tag ist eine Reise, ver­gle­ich­bar einer Schiff­s­reise, und das in viel­er­lei Hin­sicht. Er ist eine Fahrt in die jün­gere Geschichte eines um 1700 gegrün­de­ten Weinguts, er ist eine Reise zur Bruchkante, wo der leg­endäre Besitzer und Wein­macher Bernd Philippi die Brücke ver­lassen und Dominik Sona als Kapitän und die amerikanis­che Fam­i­lie Sauvage als Reeder über­nom­men hat. Es ist eine Reise in die Ries­ling-Geschichte dieses Lan­des und auch in meine eigene. Denn die Weine des Weinguts Koehler-Ruprecht, die ich pro­biert habe, reichten in eine Zeit zurück, in der meine eigene Wein-Sozial­i­sa­tion begann. Dass diese Unternehmung bildlich gesprochen eher eine Dampfer­fahrt glich denn einem Flug mit einer Con­corde, liegt aber vor allem an den Weinen. Die Ries­linge aus dem Kall­städter Sauma­gen sind langsame Weine par excel­lence. Wenn für irgen­deinen Ries­ling der Begriff slowine passend ist, dann für die Ries­linge des Weinguts Koehler-Ruprecht. Das wurde an diesem höchst entschle­u­nigten Abend noch ein­mal klar.

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Die Idee vom Natur­wein
Im von den Fam­i­lien Koehler und Ruprecht gegrün­de­ten Weingut ging der 1890 geborene Ernst Koehler um 1920 daran, Sil­vaner-Reben durch Ries­ling-Reben zu erset­zen, die er von vorn­herein im Sinne der Natur­wein­erzeuger aus­baute. Das heißt, dass er die Weine nicht, wie häu­fig üblich, chap­tal­isierte, also mit Zucker ver­set­zte, son­dern so natür­lich wie möglich aus­baute. Kon­se­quenter­weise wurde das Weingut Mit­glied des Ver­ban­des der Natur­wein­ver­steigerer, dem Vor­läufer des heuti­gen Ver­ban­des der Prädikatswe­ingüter (VdP). Die große Zeit des Weinguts begann mit Ernst Koehlers Enkel Bernd Philippi, der zunächst mit seinem Vater Otto und später alleine das Weingut führte. Er hat diesen Natur­weingedanken weit­ergedacht und, wenn man so will, ver­vol­lkomm­net. Dabei hat Philippi nicht nur früh die beson­dere Qual­ität der Lage ent­deckt son­dern diese auch zu nutzen gewusst. Für ihn selbst liegt vor allem der südliche Teil des Wein­bergs mit dem so ungewöhn­lichen Namen Sauma­gen auf einer qual­i­ta­tiven Ebene mit den besten Kli­maten des Cor­ton Charle­magne im Bur­gund. Die Qual­ität des Kalk­steins, der Wasser­abzug, das beson­dere Mikroklima führen nicht nur zu einer großen möglichen Kom­plex­ität im Wein son­dern vor allem auch zu einer enor­men Lan­glebigkeit, von der nicht nur die Ries­linge des Weinguts zeu­gen, son­dern auch die Pinots.

Philippi hat im Prinzip die Meth­o­den seines Groß­vater und Vaters über­nom­men und sie noch ver­fein­ert. Die Ries­linge wer­den in großen, gebrauchten Stück- oder Halb­stück­fässern aus­ge­baut, Spon­tan­vergärung war hier immer Grund­lage. Die Weine vergären langsam und bleiben lange auf der Fein­hefe. Dabei wird zwis­chen den Prädikaten von Kabi­nett bis Auslese kein Unter­schied gemacht. Lediglich die Trauben­qual­ität für diese Prädikate wird vorher peni­belst aus­ge­le­sen – und genau dies hat Bernd Philippi zur Meis­ter­schaft gebracht. Zwar wer­den im Weingut auch einige nicht trock­ene Prädikate erzeugt, wie zum Beispiel ein 2013er Kall­stadter Steinacker Ries­ling Kabi­nett, der nicht nur mit einer typ­is­chen Würze aufwartete son­dern mit seiner leichten Ver­spieltheit und einer per­fek­ten Süße-Säure-Bal­ance großen Spaß machte.

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Aus­tritt aus dem VDP
Berühmt, ja welt­berühmt ist das Weingut für die knall­trock­e­nen Ries­linge von Kabi­nett bis Auslese RR wobei die gesamte Palette aus dem Sauma­gen sich fol­gen­der­maßen anhört: Kabi­nett trocken, Spätlese trocken, Auslese trocken, Spätlese R, Auslese R, Spätlese RR und Auslese RR. Das ist zunächst etwas ver­wirrend, macht aber direkt klar, weshalb das Weingut vor­let­ztes Jahr aus dem Ver­band der Prädikatswe­ingüter aus­geschieden ist. Dieser Mar­ket­ing-Motor des deutschen Spitzen­weins passt mit seinen neuen Statuten über­haupt nicht mehr zur Philoso­phie des Weinguts. Der VDP hat vor eini­gen Jahren eine Qual­ität­spyra­mide etabliert (siehe diesen Artikel im Blog) der an der Spitze die Großen Gewächse hat. Die Weingüter dür­fen zwar mehrere Große Gewächse präsen­tieren, jedoch nur aus den dafür qual­i­fizierten Lagen und – und das ist das Entschei­dende – sie dür­fen keinen anderen Wein aus der Lage anbi­eten, die schon auf dem Etikett des Großen Gewäch­ses ver­merkt ist. Für Koehler-Ruprecht würde das heißen, dass das Weingut aus der Renom­mier­lage, über die sich das gesamte Ange­bot definiert, zwar ein Ries­ling Großes Gewächs Kall­städter Sauma­gen lancieren dürfte, aber alle anderen Qual­itäten schlicht weg­fallen müssten. So viel Sinn die Qual­ität­spyra­mide des VDP, die ja der­jeni­gen im Bur­gund stark ähnelt, für viele Weingüter auch machen wird, bei K-R macht sie keinen Sinn. Leicht wird es den Ver­ant­wortlichen des Weinguts indes nicht gefallen sein, den Schritt zu vol­lziehen, ist der VDP doch eine wichtige Instanz gewor­den. Doch war es in diesem Fall sicher eine richtige Entschei­dung.

Diese Entschei­dung lag übri­gens nicht mehr bei Bernd Philippi, der 2012 das Weingut endgültig ver­lassen hat und den Staffel­stab an Dominik Sona, der 2008 dazu gestoßen ist, weit­ergegeben hat. Das Weingut hat Philippi an die US-amerikanis­che Fam­i­lie Sauvage verkauft, die in den USA ver­schiedene Wein­han­dels-Unternehmen betreibt und sich seit eini­gen Jahren auch im neuseeländis­chen Cen­tral Otago engagiert (siehe hier). Ein amerikanis­cher Investor in einem Weingut ist zwar ander­swo dur­chaus üblich, für Deutsch­land ist es völ­lig ungewöhn­lich. Doch die Amerikaner haben genau gewusst, was für ein Filet­stück sie dort erwer­ben kon­nten und mit Filets ken­nen sie sich aus, stam­men sie doch eigentlich von einer Farm in Kansas (ok, schlechter Witz).

Eines der besten Ries­ling-Ter­roirs der Welt
Für viele Wein­lieb­haber gilt der Sauma­gen als eines der besten Ter­roirs der Welt und die gle­ichen Lieb­haber dürften auch die Koehler-Ruprechtschen Weine zu den besten Ries­lin­gen der Welt zählen. Dabei muss man sich, wenn man die Stilis­tik nicht gewohnt ist, erst daran annäh­ern. Dieser Stil ist zwar heute nicht mehr ganz so ver­we­gen, da immer mehr Winzer auf das Kühle und Strenge statt auf direkt zün­dende Primär­frucht set­zen. Opu­lente Stein- und Ker­nob­st­frucht, Exotik? Kein biss­chen. Vielmehr Stein, Extrakt, Petrol, etwas Champignon, vielle­icht ein Hauch Quit­ten­brot, Heu, Kamille und vor allem aber Würze. Frucht kommt erst stärker mit der Reife – meist ist es sonst umgekehrt. Macht es Sinn nun die Aufze­ich­nun­gen zu 25 Ries­lin­gen aus dem Sauma­gen hier niederzuschreiben? Ich glaube nicht. Doch die Erken­nt­nis dieses Abends, die möchte ich gerne teilen.

Franzi Schmitt und Dominik Sona

Franzi Schmitt und Dominik Sona

Die aktuellen Jahrgänge
Zunächst zu den jun­gen Jahrgän­gen: 2013 nehme ich ein­mal aus, das ist ein Jahrgang, der aktuell ver­gle­ich­sweise nur wenig Spaß macht. Es gab viel Regen, sehr viel Regen und let­ztlich eine Säure, die nicht ganz reif gewor­den ist. Das heißt nicht, dass sich der Jahrgang nicht noch entwick­eln kann aber er fällt ein wenig ab und er zeigt schon eine leichte Firne – zumin­d­est beim trock­e­nen Kabi­nett. Auch das gehört dazu, wenn man ver­sucht, möglichst genau die Jahrgänge im Wein abzu­bilden und dies so natür­lich wie möglich zu machen. 2014, eben­falls ein regen­re­icher Jahrgang, liegt da weit vorne. Vom Kabi­nett bis zur „ein­fachen“ Auslese zieht sich ein klarer Span­nungs­bo­gen von dem würzi­gen Ein­stieg bis zur extrak­tre­ichen, jetzt schon tiefen, deut­lich kräutri­gen Auslese. Man kann hier sehr ges­pannt sein auf die Rs und möglicher­weise RRs des Weinguts, die noch veröf­fentlicht wer­den. Wirk­lich span­nend und schon beein­druck­end ist der Jahrgang 2012. Die Kabi­nette zeigen keine Spur von Alterung, sie sind flo­ral duftig, erin­nern an Wiesen­blu­men, etwas Heu und Kräuter. Spätlese und Auslese zeigen schon andeu­tungsweise, welche Kraft in diesen Kalk­mergel-Ries­lin­gen steckt, wenn man sie lange aus­baut. Die „R“-Spätlese und Auslese (680 Flaschen sind da ent­standen) sind noch ein­mal verdichteter, konzen­tri­erter, strenger mit enorm viel Extrakt.

Von 2009 bis 1996
Weiter ging es mit den Weinen ab 2009. Und mit diesem Sprung wird überdeut­lich, wie stark die Weine gewin­nen, wenn man ihnen Zeit gibt, bzw. wenn sie sich Zeit nehmen dür­fen. 2009 Spätlese R, Auslese R und Auslese RR. Allein diese Weine nebeneinan­der pro­bieren zu kön­nen, ist schon eine Sel­tenheit. Haben wir bei der Spätlese R Ries­ling oder Chablis Grand Cru im Glas? Tiefe, Kom­plex­ität und viel Würze, dabei Extrak­t­süße, Orangen­blüten, gelbe Pflau­men, geröstete Man­deln, Aprikose. Gar nicht karg son­dern gelbfruchtig. Die Auslese R ähnelt der Spätlese, nur noch mal ein wenig kom­prim­ierter, her­ber mit großer Länge. Bei der Auslese RR kommt die Quitte wieder ins Spiel, eine salzige Min­er­al­ität und Stein­würze und eine außeror­dentliche Länge. Was für ein genialer, trock­ener 2009er! Man merkt dabei immer deut­lich den Jahrgang. Und dieser unter­schei­det sich fun­da­men­tal vom 2008 wo ger­ade die Spätlese R in ihrer Ele­ganz in Verbindung mit pikan­ter Säure und viel Grip eher Rich­tung Meur­sault tendiert während die Auslese R einen anderen Weg geht und bei aller Länge und Tiefe und enor­men Extrakt nach Vir­ginia-Tabak und Hasch duftet, wieder diese sali­nen Noten offen­bart und sowohl in ihrer Tiefe als auch in ihrer Länge stark beein­druckt.

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2007 dann ist zumin­d­est in der Spätlese R–Qual­ität die Quin­tes­senz bei­der vor­ange­gan­genen Jahrgänge, verbindet Ele­ganz und Kräutrigkeit mit einer etwas wärmeren Note. Was für eine Schande, dass die Spätlese RR Kork hat. Dafür aber spie­len Auslese R und Auslese RR auf höch­stem Niveau. Ger­adezu krei­dig-min­er­alisch trock­nend, frisch, sehr expres­siv und kühl und hell mit einem fordern­den, druck­vollen Mundge­fühl und einer her­vor­ra­gen­den Länge. 2005, 2004 und 1996 Auslese R brin­gen noch ein­mal klar auf den Punkt, wie her­vor­ra­gend diese Weine reifen, wie hedo­nis­tisch purer, trock­ener Ries­ling mit dem Alter wird, wie lebendig und glock­en­klar sich ein 20 Jahre alter Pfälzer Ries­ling ohne jeden Restzucker zeigen kann, wie tief und lang diese Weine wer­den, wenn sie das Erwach­se­nenal­ter erre­ichen dür­fen.

Fazit
K-R_07Den würdi­gen Schlusspunkt set­zte ein 1996er Pinot Noir aus der Mag­num, den einer der Gäste mit­ge­bracht hatte und der genau das, was der 1996er Ries­ling offeriert hat, noch mal unter­stre­ichen kon­nte: Frische, Lebendigkeit, Saft, Ern­sthaftigkeit, Struk­tur, Länge.
Diese Weine, die man kaufen und dann erst ein­mal get­rost vergessen darf, sind für das, was sie bieten – ich muss es so sagen – ger­adezu lächer­lich gün­stig. Sie sind old­school im besten Sinne. Primär­frucht­trinker wer­den nichts mit ihnen anfan­gen kön­nen doch ger­ade jene, die ein wenig angesteckt sind von den aktuell pop­ulärer wer­den­den Natur­weinen, die ja ebenso viel mehr auf Extrakt und Phe­nole set­zen denn auf Frucht, haben hier Ries­ling, der genau das bietet: das Pure, das Klare, ein Spiegel­bild von Ter­roir und Jahrgang von Kabi­nett bis Auslese in unter­schiedlicher Verdich­tung. Diese Weine gehören, wenn sie ihre nötige Reife erlan­gen tief und kom­plex, klar und ele­gant und gehören sicher zu den großen Weißweinen der Wein­welt. Ein Ver­gle­ich mit einem Clos Sainte Hune von Trim­bach oder einem weißen Cor­ton ist da sicher nicht fehl am Platze. Dominik Sona und Franzi Schmitt set­zen dabei den vor Jahrzehn­ten eingeschla­ge­nen Kurs kon­se­quent fort. Und das ist gut so.

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4 Kommentare

  1. Man kann hier sehr ges­pannt sein auf die Rs und möglicher­weise RRs des Weinguts, die nich veröf­fentlicht wer­den.”

    Im Kon­text des Artikels kann hin­ter dem Ver­tip­per “nich” eigentlich nur “noch” ste­hen und nicht “nicht”, oder?

  2. Ich kenne die Weine von KR schon seit vie­len Jahren und kann Ihnen nur zus­tim­men. Im richti­gen Alter (»10 Jahre) sind das die besten Ries­linge die ich kenne. Wir hat­ten vor ca. 2 Jahren eine Probe mit einer Flasche 1998 Auslese tr. R und 1996 Auslese tr. R. Der 98er ist (auf­grund des Jahrgangs) sogar noch einen Tick besser als der beein­druck­ende 1996er. Der beste trock­ene Wein, den ich je getrunken habe!!!!
    Bitte vergessen Sie nicht die edel­süße Vari­ante. Die 2002er Auslese R ist (jetzt schon) eben­falls ein mon­u­men­taler Wein.
    Vor einem Jahr hat­ten wir die 1989er und 1991er Spät­bur­gun­der und beide Weine sind mit großem Genuss zu trinken.
    Lei­der sind die Preise mit­tler­weile deut­lich ange­hoben wor­den. Naja, ein Wer­mut­stropfen.

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