Champagne – Vol. 06 – Die Côtes des Blancs von Épernay nach Cramant

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Nach einer kurzen Atempause in Épernay geht es weiter in das kleinste der Teilgebiete, wir fahren durch die Côte de Blancs. Auch wenn das Gebiet nicht sehr viel größer als 3.000 Hektar ist, ist es doch das bekannteste und, man kann es nicht anders sagen, es ist das wichtigste Gebiet. Ich würde es als Essenz der Champagne beschreiben, denn hier findet sich das in Reinform, was man mit der Champagne als Alleinstellungsmerkmal verbindet – die Kreide. Auf den weißen Kreide-Kalk-Böden, die der Côte de Blancs ihren Namen gegeben hat, wächst denn auch fast ausschließlich die weiße, der drei Hauptrebsorten der Champagne, der Chardonnay. Dieser wird hier aus einer großen Dichte an Grand- und Premier Cru-Lagen gewonnen, fließt ein in die Cuvées der großen und berühmten Häuser, findet seinen Ausdruck im Blanc de Blancs, dem reinsortigen Chardonnay (ja es gibt auch Blanc de Blancs vom Pinot Blanc, aber das ist äußerst selten und kommt wenn dann an der Côte de Bars vor) und im besten Fall als Blanc de Blancs vom Lieut-Dit, also vom einzelnen Weinberg oder einer einzelnen Parzelle, womit heute der Terroir-Gedanke in der Champagne auf die Spitze getrieben wird.

© Michel Guillard, CIVC: An der Côte ist es die Kreide, die zählt.

© Michel Guillard, CIVC: An der Côte ist es die Kreide, die zählt.

Chouilly
Wir beginnen in Chouilly. Dieser Ort ist zwar auch der Stammsitz der Riensenkooperative namens Nicolas Feuillatte, doch die können schon gut für sich selbst die Werbetrommel rühren. Besuchen wir lieber die kleineren Häuser vor Ort, zum Beispiel R. & L. Legras, benannt nach der Winzerfamilie, deren Wurzeln bis ins 16. Jahrhundert reichen. Da Haus wird heute vom Enkel einer ehemaligen Angestellten der Legras geführt. Der junge Julien Barbier setzt im Prinzip den Stil seines Vaters fort, der 30 Jahre lang die Geschicke des Hauses geführt hat. Verarbeitet  wird eigenes und zugekauftes Traubenmaterial, das ausschließlich rund um Chouilly wächst. Das hat seinen Grund, so Barbier, denn die Weine sind offener und jünger zu trinken als die aus den anderen, teils bekannteren Ortschaften wie Mesnil oder Vertus. Legras-Champagne entsteht (bis auf wenig Rosé) ausschließlich als Blanc de Blancs, ausschließlich aus Edelstahl inklusiver malolaktischer Gärung und immer mit wenig Dosage. Die Weine sind üppig und elegant, ja komplex und zeigen damit den typischen Charakter dieses Teils der Côte de Blancs.

Einen ähnlichen Ausbau pflegt das Haus Vazart-Coquart. Auch hier wird in Edelstahl ausgebaut, inklusive malolaktischer Gärung. Allerdings gibt es doch einige Besonderheiten bei diesem Weingut, dessen 11 Hektar samt und sonders in Chouilly liegen. Die Reserve-Weine stammen aus einer Solera, die 1978 begonnen wurde. Ca. 20 bis 30% werden jährlich genutzt und entsprechend neu aufgefüllt. Ein ziemlich schmackhaftes Beispiel, in dem viel Solera-Wein verwendet wird ist der Extra Brut Grand Cru. Wie viele andere renommierte Winzer auch, ist Vazart Mitglied im Club Trésors de Champagne. Entsprechend füllt er ebenso wie alle anderen auch einen Special Club ab. Diese Special Clubs lohnen sich häufig besonders und so ist es auch in diesem Fall. Es ist ein Jahrgangs-Blanc de Blancs Grand Cru, der normalerweise aus einem Lieut-Dit stammt, nämlich dem Buttes de Saran. Im Gegensatz zum Grand Bouquet Brut, der die gleichen Grundweine hat, wird dieser Wein unter Kork und nicht wie üblich unter Kronkorken gelagert. Zudem bleibt er länger sur lattes. Speziell ist tatsächlich auch der Spécial Foie Gras Sec Blanc de Blancs Grand Cru, der ein idealer Begleiter zum Nationalstolz Gänsestopfleber sein soll. Der Wein hat deutliche Reserveanteile und 30 Gramm Dosage. Wer Verstopfungen vermeiden will, kann mit diesem Champagne natürlich auch einen Blue Cheese begleiten. Last but not least wird bei Champagne Vazart-Coquart ein Chouilly Rouge, also ein roter Stillwein aus Pinot Noir erzeugt. 600 Flaschen gibt es davon. Er soll sehr gut sein, probiert habe ich ihn noch nicht.

© links: Michel Jolyot, CIVC: Kirchenfenster in der Kathedrale von Reims, © rechts oben: Patrick Guerin: Kimmeridge-Kreide mit Belemnit-Fossilien sind typisch für die Côte, © rechts unten: Stéphane Coquilette: typische Coqard-Presse

© links: Michel Jolyot, CIVC: Kirchenfenster in der Kathedrale von Reims, © rechts oben: Patrick Guerin: Kimmeridge-Kreide mit Belemnit-Fossilien sind typisch für die Côte, © rechts unten: Stéphane Coquilette: typische Coqard-Presse

Auch die Weine von Stéphane Coquillette sind breitschultrig und generös. Sie werden im Wesentlichen, wie bei den beiden anderen Produzenten auch, im Stahltank vergoren, inklusive malolaktischer Gärung. Erst seit ein paar Jahren nutzt er ein paar gebrauchte Fässer, die er bei einem Burgunder-Macher an der Côte de Beaune kauft. Im Gegensatz zu den beiden anderen Produzenten verzichtet Coquillette auf Reserve-Weine und reiht sich entsprechend in die Gruppe derer ein, die betont pur arbeiten. Dazu gehört, dass er längst auf Herbizide etc. verzichtet.  Das Mitglied der Vignerons Independants bringt fünf Champagne heraus. Einen Brut mit Chardonnay und Pinot, einen Blanc de Blancs, einen Blanc de Noirs, einen Rosé und ein Millesime von alten Chardonnay-Rebstöcken aus Chouilly und Cuis. Ehrlich gesagt, der Champagne, der mir am besten gefällt ist der Blanc de Noirs mit Pinot aus Aÿ. Die Frucht ist fantastisch, der Wein ist samten und breit und dann wieder fokussiert mit einer sehr guten Säure-Balance.

© Champagne Pierre Gimonnet: Cuis

© Champagne Pierre Gimonnet: Cuis

Cuis
Aus dem nächsten Ort kenne ich genau einen Winzer, aber der hat viel zu bieten. Es ist Pierre Gimonnet & Fils. Die Familie besitzt heute knapp 30 Hektar in besten Côte de Blancs Lagen von Cuis, Cramant, Chouilly und Oger, Zudem etwas Pinot in Aÿ und Mareuil-sur-Aÿ. Heute führt Didier Gimmonet das Haus zusammen mit seinem Bruder Olivier. Sie profitieren neben den Lagen vom Alter der Weinberge, deren Erträge vergleichsweise gering, aber stoffig und konzentriert sind. Weil er die Weine aus den alten Lagen dann auch für zu konzentriert hält, verzichtet er zugunsten der Eleganz auf Einzellagen-Ausbau. Eleganz ist hier das Stichwort. Die im Edelstahl ausgebauten Weine, die ebenfalls einen Säureabbau durchlaufen, verbinden Fülle mit gehöriger Eleganz. Die Weine eignen sich auf Grund ihrer Stilistik ausgezeichnet als Essensbegleiter und dafür sind sie in Frankreich auch wesentlich berühmter als in Deutschland.

© rechts: Champagne Peirre Gimonnet

© rechts: Champagne Peirre Gimonnet

Wer das Potential übrigens früh erkannt hat, war Eckhard Witzigmann. Gimonnet vinifiziert dann auch speziell für die Gastronomie einen Brut, der vier statt sechs Bar Druck hat und dabei zwar füllig, aber enorm frisch daher kommt. Die Gimonnets leisten sich übrigens den aufwendigen Luxus, ihre Reserveweine in Flaschen zu lagern statt in Fässern. Der Grund: die Weine oxydieren weniger schnell und die Weine bleiben entsprechend länger frisch. Auch das ist, wie so vieles, eine Frage der angestrebten Stilistik. Wer Gimonnet kennenlernen will, sollte übrigens den Fleuron probieren. Dieser Jahrgangs-Blanc de Blancs vereint die Lagen der drei C-Ortschaften Chouilly, Cuis und Cramant und bringt den Stil des Hauses auf den Punkt. Der Preiseinstiegs-Brut dagegen stammt bewusst aus der Premier Cru Lage von Cuis und wird schon nach 18 Monaten in den Handel gebracht. Für Gimonnet keine Frage der Qualität sondern der Frische, die man im Champagne haben möchte. Am oberen Ende der Skala steht einmal mehr der Special Club, jene Sonderabfüllung für den Club de Trésors, dessen Präsident Didier Gimonnet lange war. Hier zeigt sich die grandiose Komplexität und Mineralität der alten Anlagen.

Cramant
Der dritte Ort, der mit C beginnt umfasst knapp 350 Hektar Chardonnay-Weinberge. Bekannt geworden ist Cramant mit dem Mumm de Cramant, dem Spitzen-Blanc de Blancs des deutschstämmigen Hauses G.H. Mumm. Die Weinberge wurden bereits 1882 erworben und der ganze Stil des Weins ist Old-School. Dazu gehört, dass der Wein, ähnlich wie der Gastrowein von Gimonnet als demi-mousse abgefüllt wird, also mit weniger Druck. Vorstellen möchte ich hier jedoch am Ort ansässige, deutlich kleinere Weingüter.

Das berühmteste Cramant-Weingut ist das von Jacques Diebolt und Nadia Vallois, Champagne Diebolt-Vallois. Die Familie verfügt in ihrem 11 Hektar-Besitz über exzellente Lagen, vor allem in Cramant, Chouilly, Cuis und Épernay. Jacques, dieser ruhige und zurückhaltende, ganz seiner Arbeit verpflichtete Winzer, verfügt mittlerweile über ein halbes Jahrhundert Erfahrung. An größtes Projekt hat er sich – übrigens gegen die Meinung des Restes seiner Familie – erst anfang der Neunziger gewagt. Er wollte einen Champagne machen, wie ihn sein großes Vorbild, der Großvater gemacht hat. Also hat er den Wein der besten Parzellen in Cramant genommen und ihn in alte Barriques gelegt. Es gab keine malolaktische Gärung, keine Schönung, keine Filtration, nichts. Ich habe bisher drei Mal diesen Wein namens Fleur de Passion probieren dürfen, alle drei stammten aus 2000er Jahrgängen und waren viel zu jung. Trotzdem konnte man die unbändige Kraft und Finesse dieses Weins deutlich spüren. Deutlich günstiger ist man beim Brut Blanc de Blancs aufgehoben, wo man den typischen Diebolt erkennt: pur, rassig und mineralisch ohne Ende.

© l.o.: Thomas Iversen, Mad about Wine, © u: Michel Guillard, CIVC

© l.o.: Thomas Iversen, Mad about Wine, © u: Michel Guillard, CIVC

Zwei Champagne-Winzer möchte ich noch vorstellen, die hierzulande so gut wie unbekannt sein dürften. Der erste, Lilbert-Fils produziert auf nicht einmal vier Hektar so um die 30.000 Flaschen, die von der Fangemeinde direkt aus den Händen gerissen werden. Die Fangemeinde gibt es deshalb, weil die Champagne mit zu den ausgewogensten und feinsten Gewächsen der Côte zählen können. Drei Weine gibt es, die mit Malo im Emailletank vergoren werden. Besonders ist vor allem die Perle, die früher Crémant hieß, aber nicht mehr so heißen darf, weil man den Namen an die Crémant-Produzenten abgegeben hat um das eigene Profil der Champagne zu stärken. Der Wein wird also als demi-mousse mit 4 bis 4.5 bar Druck ausgebaut. er stammt von alten Reben aus den Lagen in Cramant, Cuis und Oiry. Nicht von den altertümlichen Etiketten abschrecken lassen. Wenn Ihr über diese Champagne stolpert, heißt die Devise: kaufen!

© Champagne Suenen

© Champagne Suenen

Das Gleiche wird in Zukunft, da bin ich mir ziemlich sicher, für die Weine von Aurélien Suenen gelten, der fünf Hektar besitzt und den genialen Pascal Agrapart als Mentor hat. Suenen setzt alles daran, seine Weinberge zu verstehen um im Weinberg und im Keller alles richtig zu machen. Biologischer Anbau gehören genauso dazu wie detaillierte Bodenanalysen. Im Keller experimentiert der 25jährige noch mit unterschiedlichen Ausbauarten. Emaille mag er lieber als Edelstahl, er hat ältere Barriques, setzt aber immer mehr auf größere Stockinger aus Österreich. Daneben steht ein Beton-Ei, was ebenfalls gute Ergebnisse zeigt. Suenen gehört für mich zu jenen, die in den nächsten Jahren von sich Reden machen werden. Doch es lohnt sich jetzt schon, dort vorbei zu fahren.

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Die Artikel der Serie:

Teil 13: Epilog

Teil 12: Côte des Bar von Courteron nach Urville

Teil 11: Côte des Bar von Bar-sur-Seine nach Les Riceys

Teil 10: Von Vertus nach Montgueux

Teil 9: Côte des Blancs in Vertus

Teil 8: Côte des Blancs in Le-Mesnil-sur-Oger

Teil 7: Côte des Blancs in Avize

Teil 6: Côte des Blancs von Épernay nach Cramant

Teil 5: Vallée de la Marne, am linken Ufer zurück nach Épernay

Teil 4: Vallée de la Marne, am rechten Ufer von Dizy nach Crouttes

Teil 3 Vallée de la Marne, rund um Aӱ

Teil 2: Montagne de Reims

Teil 1: Auf der Suche nach einem Mythos

 

In der nächste Folge geht es weiter entlang der Côte de Blancs.

9 Kommentare

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