Abschied von den fetten Schnecken – Down Under erfindet sich neu

Am 26. Januar war Australia Day, der australische Nationalfeiertag. Zu diesem Anlass findet jährlich ein großes Tasting mit ca. 1.000 australischen Weinen in London statt, zu dem ich in diesem Jahr eingeladen war.

Copyright: C. Raffelt

Copyright: C. Raffelt

Als ich 2013 zum ersten Mal auf der Naturweinmesse RAW in London durch die Reihen geschlendert bin, standen dort neben mir teils schon bekannten Erzeugern von “Naturweinen”, also Weinen mit geringer Intervention auch eine ganze Reihe, die mir völlig unbekannt waren. Dazu gehörten vor allem die Erzeuger aus Übersee. Neben Craig Hawkins und seinen Testalonga-Weinen aus Südafrika, gab es unter anderem Pearl Morissette aus Kanada sowie drei Erzeuger aus Australien. Bei den Si Vintners, Tom Shobbrook und Tom Cooper von Cobaw Ridge bekam ich das erste Mal eine Ahnung davon, wie alternatives Weinmachen in Australien aussehen und schmecken kann.

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Oben: Tom Cooper und Coban Ridge. Unten: Tom Shobbrook bei der RAW 2013

Ursprünglich, also in den Anfängen meiner Weinleidenschaft, war ich dem australischen Weinbau gegenüber sehr aufgeschlossen. Ja, Weine von Penfolds gehörten zu den ersten, die ich mir Anfang der 1990er in den Keller gelegt habe. Doch hat sich mein Geschmack seit damals deutlich verändert, während ich das Gefühl hatte, dass die australische Weinproduktion auf der Stelle stehen geblieben ist. Es gibt hierzulande ja eh nicht allzu viel zu probieren. Man stolpert vor allem über die Marken großer Konzerne wie PenfoldsRosemount Estate und Peter Lehmann, so wie über wenige weitere Erzeuger wie beispielsweise Mitolo oder Torbreck, die vor allem dem Cliché eines kraftstrotzenden Shiraz oder einer Shiraz-Cabernet-Cuvée gerecht werden. Die Weine, die hier üblicherweise erhältlich sind, zeigen, wofür Australien steht: Bold Wine.

Das hat auch damit zu tun, dass Weinbau in Australien seit den Anfängen in Gebieten stattgefunden hat, die zwar im 19. Jahrhundert für Weinbau geeignet waren – zumal damals eigentlich nur aufgespritete Weine im Stil von Ports produziert wurden – die aber heute ein großes Problem haben: sie werden heiß, sehr heiß und es regnet kaum noch. Das heißt, dass die Unternehmen enorm viel Wasser zuführen müssen um überhaupt Wein erzeugen zu können und außerdem meist aufsäuern müssen weil den Weinen sonst oft gänzlich die Frische fehlt. Das Zugabe von Säure ist allerdings nur ein Teil, der in einem australischen Weinkeller zum Alltag gehört. Wer die Ausbildung zum Weinmacher in Adelaide durchläuft, wird mit sämtlichen technischen Gepflogenheiten vertraut gemacht, die es im Weinbau heute gibt. Und das sind viele. Australischer Weinbau ist einer auf technisch höchstem Niveau. Und das merkt man den Weinen eben oft auch deutlich an. Übrigens auch vielen Weinen aus Neuseeland, wo die Weinmacher meist ebenfalls in Adelaide studieren und in Australien ausgebildet werden. Die Emanzipation erfolgte erst in den letzten Jahren und auch das kann man in vielen der heutigen Weine aus Neuseeland schmecken – es ist eine positive Veränderung spürbar. Und zwar hin zum natürlicheren Wein, der auch ein paar Ecken und Kanten zulässt und nicht so unglaublich rund, weich und poliert wirkt.

Eine ganze Reihe ausgezeichneter Pinots von Mac Forbes aus dem Yarra Valley, Copyright: C. Raffelt

Eine ganze Reihe ausgezeichneter Pinots von Mac Forbes aus dem Yarra Valley, Copyright: C. Raffelt

Während der neuseeländische Weinbau sehr dynamisch ist, hat man dem australischen Weinbau in den letzten Jahren einen Mangel an Veränderung vorgeworfen und das hat mein persönliches Gefühl bestätigt. In down under hat man sich lange auf guten Exportzahlen, vor allem nach Asien, ausruhen können. Der Export jedoch wird schwieriger, australischer Wein ist kein Selbstläufer mehr und zudem verändert sich die Inlandsnachfrage. So wurden 2010 allein 45,9 Millionen Liter Wein aus Neuseelands importiert, 2014 schon 53,7 Millionen Liter. Für Neuseeland ist der Nachbar Australien mit mehr als einem Viertel Gesamtexportvolumen der wichtigste Markt. Das australische Weinbusiness muss sich indes fragen, warum die Australier zunehmend lieber neuseeländische denn australische Weine trinken mögen. Die Antwort, die man am häufigsten hört: frischer Wein ist in, alkoholstarker, konzentrierter Wein ist zunehmend out.

Viele der Etiketten sind für sich gesehen schon Kunstwerke, wie hier bei Sami-Odi. Copyright: C. Raffelt

Viele der Etiketten sind für sich gesehen schon Kunstwerke, wie hier bei Sami-Odi. Copyright: C. Raffelt

Wie die australische Weinlandschaft sich dieser Herausforderung stellt, konnte ich nun beim Australia Day Tasting 2016 in London probieren und ein wenig darüber erfahren, wo die Reise gerade hingeht. Tatsächlich hat sich diese Veranstaltung grundsätzlich von einer vergleichbaren Veranstaltung unterschieden, die ich 2014 in Hamburg besucht habe. Damals präsentierte sich eine größere Anzahl kalifornischer Winzer. Kalifornien hat ja mit ähnlich schwieriger werdenden Rahmenbedingungen zu kämpfen, wie der australische Weinbau. Der Veranstaltung in Hamburg konnte ich jedoch keinerlei positive Aspekte abgewinnen. Das lag natürlich auch mit daran, wer sich an dem Tag präsentiert hat. Unter dem Titel Quo vadis California habe ich das damals hier zusammengefasst, wohl wissend, dass es natürlich auch in Kalifornien Querdenker und Erneuerer gibt. Beim Australia Day Tasting allerdings, waren diese Erneuerer auch anwesend – was deutlich mehr Sinn macht. Und deshalb war der Wandel im australischen Weinbau bei dieser Veranstaltung deutlich spürbar. Was dort passiert, ist für jemanden wie mich, der nur einen bescheidenen Überblick über den aktuellen australischen Weinbau hat, durchaus überraschend und beeindruckend. Ich hatte nicht erwartet, so viele schlanke, frische, klare Weine probieren zu können – und damit meine ich jetzt natürlich keine kalt vergorenen Eisbonbonweine. Ich meine einen anderen Stil.  Riesling, Chardonnay und Pinot mit 12%? Geht. Wein der nicht Shiraz heißt sondern Syrah und auch so schmeckt? Auch das geht. Sangiovese, Lagrein und Tempranillo? Auch kein Problem…

Mehr Information geht kaum. Copyright: C.Raffelt

Mehr Information geht kaum. Copyright: C.Raffelt

Um das zu erreichen muss man allerdings sehr viel verändern. Um schlankere Weine erzeugen zu können, muss man wohl zunehmend die angestammten Weingebiete vor allem in South Australia verlassen und sich kühleren Gebieten zuwenden bzw. die wenigen kühleren Hügelketten wie die Adelaide Hills bepflanzen. Victoria und die Insel Tasmanien scheinen mir die neuen Hot Spots zu sein – wobei man sie natürlich Cool Spots nennen müsste. Diese „neue“ Art von Wein ist natürlich auch nicht gänzlich neu. Ich erinnere mich an tasmanische Pinots, die es in Monatsaktionen schon Mitte der 1990er bei Jacques Weindepot gab und auch die Weine von Timo Mayer aus dem Yarra Valley (Victoria) stehen schon seit einigen Jahren in Martin Kösslers Weinhalle. Doch geht dieser Stil, der früher nur sehr vereinzelt anzutreffen war, zunehmend in die Breite. Und das merkt man auf einer solchen Messe nicht nur daran, dass es zunehmend mehr Boutique-Wineries mit frischen Weinen gibt sondern, dass auch große Erzeuger auf diesen Zug aufspringen.

Trotzdem habe ich mich, wie es hier im Blog so üblich ist, vor allem mit den händisch werkelnden Erzeugern beschäftigt und mir unter den ca. 1.000 angebotenen Weinen ein paar heraus gepickt.

Pinots und Chardonnays von einer Leichtigkeit, Feinheit und Eleganz, wie zumindest ich sie mit Australien nie in Verbindung gebracht habe. Copyright: C. Raffelt

Pinots und Chardonnays von einer Leichtigkeit, Feinheit und Eleganz, wie zumindest ich sie mit Australien nie in Verbindung gebracht habe. Copyright: C. Raffelt

Shaw+Smith aus den Adelaide Hills gehören zu dieser Gruppe von Erzeugern, sowie ihr tasmanischer Ableger Tolpuddle. Die Cousins Martin Shaw und Michael Hill Smith MW haben zunächst mit ihren Weinen aus den Adelaide Hills Furore gemacht, denn sie produzieren dort Pinot und Chardonnay vom Feinsten. 2012 konnten sie mit Tolpuddle einen der berühmtesten Weinberge in Tasmanien übernehmen, dessen Name auf die Geschichte einiger Farmarbeiter in West-Dorset im 19. Jahrhundert zurückgeht. Eine Reihe dieser Arbeiter musst eine Zeit lang Frohndienste auf jenem Gelände leisten, wo heute der Weinberg liegt. Dieser besteht aus einer Schicht von Sand, unterfüttert mit Sandstein und Kalkstein. Die Weine sind von einer beeindruckenden Präzision, Klarheit und Feinheit, die ich nie und niemals bei beiden Sorten in Australien vermutet hätte. Ähnlich verhält es sich mit den Weinen, die aus den Adelaide Hills stammen, wo es also ebenfalls noch möglich ist, solche kühle und präzise Weine zu machen.

Ähnlich wie Tasmanien profitert auch die Mornington Peninsula unweit Melbourne von den kühlen arktischen Winden und auch Niederschlägen, die dieser Teil der Tasmanischen See über die Weinberge weht. Das ist durchaus ein wenig mit Neuseeland zu vergleichen. Wer Weine von Ocean EightTen Minutes by Tractor oder Yabby Lake probiert, merkt direkt, was ich meine.

Copyright: Yabby Lake

Copyright: Yabby Lake

Wie dort gearbeitet wird, kann man auf der informativen Seite von Ten Minutes by Tractor nachvollziehen, wo auch die einzelnen Weingärten vorgestellt werden. Dass dies alles kein Nebenbei-Projekt ist, sondern nur mit Hilfe von Investoren funktioniert bzw., wenn man sein halbes Leben als Berater und CEO in besten Positionen gearbeitet hat und dann sein Geld in so ein Projekt investiert, wird ebenfalls auf den ersten Blick klar. Dies sind Vertreter der distinguierten Weinszene, die es sich bei ihrem Investment leisten können, auf so arbeitsintensive Verfahren wie die Biodynamie zu setzen. Zu jenen gehört auch Phil Sexton, Inhaber der Weingüter Giant Steps und The Innocent Bystander. Er war als Brauer erfolgreich, hat verschiedene Brauereien eröffnet und zum Erfolg geführt, verkauft und ist dann ins Weingeschäft eingestiegen.

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Zunächst hat er Devil’s Lair eröffnet und 1996 mit gutem Gewinn an den Riesen Southcorp verkauft um dann dahin zu ziehen, wo die Zukunft liegt – ins Yarra Valley. Das Yarra Valley liegt ebenfalls unweit von Melbourne, aber weiter im Inland. Es geht hier moderat bis ca. 250 Meter hoch und dort liegen Weinberge wie der Applejack Vineyard oder der Sexton Vineyard, in dem die Giant Steps Einzellagenweine entstehen. Auch hier liegt der Fokus eindeutig auf präzisen Chardonnay und Pinots, der Shiraz nennt sich auch hier Syrah und schmeckt auch so. Außerdem entsteht der ein oder andere Bordeaux-Blend. Der heißt bei Giants Steps Harrys Monster – auch wenn die Cabernet-lastige Cuvée gar nicht allzu mönströs wirkt, wenn mir der Holzanteil auch ein wenig zu hoch war.

mac-forbes_hughEine für mich geradezu atemberaubend gute Bordeaux-Cuvée hat ein weiterer Weinmacher des Yarra Valleys erzeugt. Sein Name ist Mac Forbes und seine Weine haben mich beim Tasting tief beeindruckt. Wenn wir das Pferd von hinten, also mit dem Bordeaux-Blend aufzäumen, dann bitte. Der Wein heißt Hugh, ist eine Cuvée aus vornehmlich Cabernet Sauvignon mit Cabernet Franc, Merlot und Petit Verdot, die alle aus einem kleinen, 1996 gepflanzten Weingarten namens Gruyère stammen. Hier wird dry farming betrieben und die Reben stehen auf typischem grauem, sandigem Untergrund mit einer Sandsteinunterlage und einem eisenhaltigen Kalkstein (wenn ich es richtig verstanden habe). Der Wein lag 19 Monate lang im Barrique mit einem Anteil von 30% neuem Holz. Der Clou ist, und das merkt man sofort, dass der Wein 12,5% Alkohol hat. Auch wenn der Wein jetzt nicht nach traditionellem Bordeaux schmeckt, sondern schon modern, so ist am Gaumen direkt klar, dass er neben all der überbordenden Frucht und dem feinen Holz eine Frische und Saftigkeit, ja vor allem eine Lebendigkeit an den Tag legt, die ich bei vielen aktuellen Bordelaisern stark vermisse. Das hier ist hohes Bordeaux-Niveau. Und der Hugh zeigt nur einen kleinen Teil des Könnens des Weinmachers Mac Forbes.

Copyright: Mac Forbes

Copyright: Mac Forbes

Sein Hauptaugenmerkt nämlich liegt auf Pinot Noir, von denen ich ein halbes Dutzend verschiedener Klimate der Yarra Ranges probiert habe und die, jeder für sich, deutlich unterschiedlich die Eigenheiten der einzelnen Lagen widerspiegelten. Na ja, so wie man es natürlich auch erwartet – nur eben nicht unbedingt so deutlich in Australien, wo ansonsten kein größerer Produzent ein Problem damit hat, Wein zu verschneiden, dessen Reben teils Tagesreisen voeinander entfernt wachsen. Neben Hugh und den formidablen Pinot haben mich die drei Rieslinge überzeugt, RS10 und RS29 stehen für den Restzuckergehalt, besonders auffällig war dann aber vor allem der maischevergorene Riesling mit einer deutlichen Sportzigaretten-Aromatik.

mon_pereBen Glaetzer gehört zu jenen ursprünglich deutschstämmigenn australischen Weinmachern, dessen Erzeugnisse man neben denen von Penfolds und Torbreck vielleicht noch am häufigsten im hiesigen gehobenen Weinhandel findet. Er produziert solche Geschosse wie den Amon Ra, der gerne mal mit 15,5% überrascht und bei dem ich mich oft frage, wann sich die Weine, die zwei Jahre in hundert Prozent ordentlich getoastetem, neuen Barrique ausgebaut werden, überhaupt irgendwann in ein Trinkreife-Fenster bewegen. Doch die Weine finden definitiv ihr Publikum und werden hoch bewertet. Der Bruder Nick macht seinen Weine nicht wie Ben vornehmlich in Barossa sondern in Tasmanien, jener Insel, die, wie oben schon angedeutet, noch klar von den kühlen Polarwinden profitiert. Die Weine des Projektes Glaetzer-Dixon wurden selbst in UK bei dieser Veranstaltung das erste Mal präsentiert und auch diese Weine haben mich überrascht. Die Weine heißen Überblanc, Avancé, Mon Père und Rêveur. Die Namen symbolisieren ein wenig, wo Glaetzer seine Ausbildung genossen hat, nämlich in Forst in der Pfalz und in unterschiedlichen Regionen von Frankreich. Sein Überblanc Riesling hat längeren Maischekontakt als allgemein üblich und spielt schön mit Säure und Süße, die sich bei je 9 Gramm die Waage halten. Das Shiraz-Machen musste Glaetzer nicht mehr lernen, da hat die Familie, die 1888 von Brandeburg nach Barossa kam, schon viel Erfahrung. Allerdings hat der Shiraz namens mon Père mit einem Amon Ra so viel zu tun, wie ein Seehund mit einem Walross. Cool Climate wird hier sehr deutlich. Bei den beiden Pinots erwartet man das natürlich gar nicht anders, aber beim Shiraz, der in diesem Fall auch besser Syrah heißen sollte, zeigt sich, dass man auch in Australien etwas im Stile eines St. Joseph produzieren kann, wenn man möchte.

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David Bowleys Weine: Art.Conception.Perception.Distortion.Dichotomy.

Ein ähnliches Portfolio vom Riesling über den Syrah bis zum Pinot Noir zeigt David Bowley mit seinem 2008 gegründeten Projekt Vinteloper. So langsam rücken die Projekte, es wird offensichtlich, vom distinguierten Großwinzertum hin zu den hemdsärmeligen Typen, die einserseits frisch und modern gestalten, keine Berührungsängste vor Experimenten haben und gleichzeitig sehr gut ausgebildet sind. Die meisten derer, die sich hier im “neuen Australien” tummeln, haben ihre Studien zwar in Australien begonnen, ihr Wissen jedoch vor allem in good old europe verfeinert. Bowley gehört dazu. Dabei ist für die Australier ebenso typisch wie für die Neuseeländer (ich habe es mehrfach in der Neuseeland-Reihe erwähnt), dass die Leute keinen Berührungsängste haben. Vor allem hierzulande ist man ja gerne entweder für oder gegen irgendwas, gibt es meist die good guys und die bad guys. Übertragen auf den Weinbereich würde hier kaum jemand zu den großen Abfüllern gehen, wenn er eigentlich handwerklich Wein machen will. Doch down under ist das kein Problem. Mal auf nem 5 Hektar Betrieb arbeiten und dann bei Southcorp? Why not…

Vinteloper hat die Weinberge im Clare Valley und den Adelaide Hills, also in South Australia. Die Rieslinge liegen bei schlanken 11% und die Pinots bei 13 bzw. 14% und der Shiraz bei 14,5%. Der Alkohol ist überall sehr gut eingebunden doch merkt man, dass hier etwas mehr Stoff dahinter steht, die Weine sind tendenziell ein wenig süßer und haben mehr Glyzerin. Nach dem Probieren der Reihe stellt Bowley mir den 2012 Odeon Pinot Noir aus dem Adelaide Hills auf den Tisch. Und nicht nur das Etikett macht Spaß, auch der Duft, der aus dem Glas strömt. Der Wein wurde zu 50% whole bunch vergoren mit einem Drittel neuem franozösischem Holz. Wilde Hefen, Pigeage mit Hand und Fuß, wir kennen das. Der Alkoholgehalt lieg bei 13%, die Säure ist angehem deutlich spürbar, der Wein zeigt sich extrem saftig mit einer leichten Süße wie der von hochreifen Kirschen. Zu reif ist hier nichts, der Wein ist pur und fein mit einem Hauch von Leder und Nelke (Nelke übrigens zeigt sich in den probierten Pinots oft so deutlich wie bei einem Syrah aus Crozes-Hermitage, ein Merkmale für Pinot aus Australien?) und bei aller Komplexität zeigt er einen großen Trinkfluss – sehr, sehr stark.

Höchst frische und saftige, hervorragend gemachte Weine. Copyright: C.Raffelt

Höchst frische und saftige, hervorragend gemachte Weine. Copyright: C.Raffelt

Quasi ein Nachbar von Vinteloper ist BK Wines. Das Projekt wurde 2007 von Brendon und Kirstyn Keys aus der Taufe gehoben und weil Brendon fotogen ist, hat man ihn auch direkt mal in groß an die Wand der Lindley Hall gehängt. Auch hier zeigt sich eine unbändige Frische in den Weinen. Die Reihe beginnt mit einem Pet Nat – ein typisches Zeichnen dafür, dass hier einer am Werk ist, der sich zur Aufbruchgeneration nonkonformer Naturwein-Winzer zählt. Die Keys teilen ihre Weine in autumn realeases, spring releases und limited releases ein. Im Herbst gab es einen Ovum Pinot Gris aus dem Beton-Ei, der “luxuriös lange durch das Beton-Ei rollen durfte”. Auch die Skin & Bones Weine hatte er nicht mehr mit dabei, aber man kann sich denken, worum es sich dabei handelt. Dafür gab es den One Ball Chardonnay, einem verspielt leichten Chardonnay mit heller Frucht und einem Hauch von Holz – ein Spaßwein und doch deutlich mehr als das. Genau das zeigen auch der Syrah Nouveau und der Gower Pinot Noir. Das sind Weine, die man so wegschlürfen will, die große Trinkfreude bringen und die doch hervorragend gemacht sind und einige Komplexität an den Tag legen, wenn man ihnen etwas Zeit gönnt. Der Syrah Nouveau liegt voll auf der Frucht, Ganztraubenvergärung, inklusive dem Saignée-Saft von einem konzentrierteren Syrah, ein Monat auf den Häuten, hinterher gibts eine Malo und der Syrah verlässt den Laden mit 12%. Der Gower duftet wieder nach einem Weihnachtsgewürzkuchen, bei dem sich der Bäcker mit der Menge an Nelken vertan hat. In der Nase junger Nordrhône-Syrah, am Gaumen schlägt dann langsam der Pinot durch.

Sami-Odi und L.A.S. Vino sollten noch erwähnt werden. Vor allem deshalb, um noch mal klar zu machen, dass die Wein-Revolution auch vor dem Barossa und dem Margaret River, also ganz traditionellen Gebieten nicht halt macht. Das zeigt sich bei Tom Shobbrook, das zeigt sich bei L.A.S., was für luck, art & science steht. Es ist eine kleine Serie von Weinen, die Nic Peterkin produziert. Ich konnte nicht viel über die Machart herausfinden aber die Weine waren so gut wie ungewöhnlich. Der Portuguese Pirate Blend ist eine Cuvée aus Touriga Nacional, Tinta Cao und Sousao, Der Albino ist eine cuvée aus 70% Pinot Noir und 30% Chardonnay mit einem ungewöhnlichen Ananas-Vanille-Maracuja-Eiskreme-Geschmack während CDDB, Eine Cuvée aus Cheniin Blanc mit kleinen Anteilen Viognier und Sauvignon Blanc eher in die Old-school-Loire-Ecke ging während der Chardonnay extrem würzig daher kam.
lasvino

Fraser McKinley, Der Macher hinter Sami-Odi verfügt über 2,8 Hektar teils uralte Reben, aus denen er zwei Weine im Jahr vinifizert, die in einzigartigen Flaschen abgefüllt werden, die an sich schon Kunstwerk sind und auch so viel kosten.

Der Sami-Odi Little Wine #3 Syrah stammt zu 9% aus 2011, zu 63% aus 2012 und zu 28% aus 2013. die Cuvée Sami-Odi Little Wine #5 Syrah stammt sogar aus vier Jahren, nämlich 11% 2012, 3% 2013, 39% 2014 und 47% 2015 mit Trauben aus dem berühmten Hoffmann’s Dallwitz-Vinyard in der Subregion Ebeneezer, dessen älteste Reben von 1912 sind. Der 2012er Sami-Odi Baby-Tui Syrah, benannt nach der in 2012 geborenen Tochter Tui, stammt ebenso aus dem gleichen Dallwitz-Weinberg von durchgängig wurzelechten Rebstöcken wie der 2014er Sami-Odi XIV Syrah. Diesen gibt es nur deshalb, weil einige der Rebstöcke nach einem verheerenden Frost ein zweites Mal geblüt haben und schließlich zwei Monate später als üblich reif waren. Der Ertrag waren 5,7 Hektoliter pro Hektar: zwei burgundische pièce von 885 Rebstöcken von 1888 und 1912, drei von 1170 Rebstöcken von 1927, vier von 2898 Rebstöcken aus 1995 und zwei von 1236 Rebstöcken aus 1996.

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Alle Weine werden biodynamisch bewirtschaftet, nach Mondphasen geschnitten und möglichst auch geerntet, kein Entrappen, keine Pumpen, keine zugeführten Hefen, Enzyme und keine Temperaturkontrolle, kein Schönen und filtern  und wohl nur ein leichtes Schwefeln – extreme winemaking the natural way. Und, ganz nebenbei gesagt, ein wunderbares Erlebnis. Ich habe mir keine Aufzeichnungen gemacht aber wenn ich den Baby-Tui rekapituliere, den beeindruckendsten der durch die Bank großartigen vier Weine, dann habe ich mehr rote Frucht als schwarze im Kopf, mehr rote Pflaume, Johannisbeere und Cranberry, etwas dunkle Pflaume und Blaubeere, vor allem aber jede Menge Kräuter, altes Holz und Erde. Da zeigt sich nichts Fettes oder Reduziertes, der Wein ist seidig und zeigt trotzdem Kanten, er zeigt Fülle und bleibt trotzdem auf eine Art schlank, die Frucht ist am Gaumen höchst präsent und bleibt trotzdem immer integriert im Gesamtbild. Ein phantastischer Ausklang eines ungewöhnlichen Tastings.

Neben den Erfahrungen, die ich an diesen Tagen mit den Weinen aus dem Yarra Valley und den Adelaide Hills, Tasmanien und der Mornington Peninsula gemacht  habe, wo vor allem Riesling, Chardonnay, Pinot und Syrah angebaut wird, zeigte sich an diesem Tag, wie vielfältig die Weinlandschaft geworden ist, wobei gerade frische junge Weine eine große Rolle spielen. Auch das ist vergleichsweise neu in der australischen Weinlandschaft: Grenache, Touriga Nacional, Gamay, Sangiovese, Nebbiolo oder Montepulciano, um nur einigen zu nennen, werden saftig mit klarer Säure und hohem Trinkfluss ausgebaut. Ein Beispiel dafür, dass auch große Weingüter diesen fruchtig-frischen Stil pflegen, ist übrigens Cumulus in Orange County, einem weiteren Cool-Climate-Bezirk, der immer mehr Aufmerksamkeit bekommt.

Natürlich gibt es für Liebhaber des klassischen, eher schweren und alkoholreichen Stils, der ja vor allem in gereiftem Zustand ganz wundervolle Weine hervorbringen kann, immer noch genügend Auswahl – und das wird mit Sicherheit auch so bleiben. Doch daneben etabliert sich zum einen so etwas, was Jancis Robinson die “Pulignys Australiens” nennt, auf der anderen Seite finden sich die ersten Naturwein-Winzer und jene, die Weine produzieren, die nicht nur zum Steak passen, sondern auch zu leichteren Küche. Da kann ich ich den hiesigen Händlern, von denen zumindest ich keinen bei der Messe getroffen habe nur sagen: Da sollte man am Ball bleiben, denn diese Revolution hat gerade erst begonnen.

hunter_valley_semillonP.S.: Was zu dieser neuen frischen und schlanken Art passt, ist der absolut ungewöhnliche, aber schon traditionell zu nennende Hunter Valley Sémillon. Diese Sorte, die ja sonst auch gerne mal wuchtig und ausladend  daher kommt, zeigt sich dort schlank, klar, mit wenig Alkohol und einer großen Langlebigkeit.

 

Weine von Tolpuddle, Shawn+Smith und anderen gibt es im CB Weinhandel und bei Schreiblehner.
Weine von Ocean Eight gibt es bei Wein am Limit.
Weine von Timo Mayer gibt es in der Weinhalle.
Weine von Cumulus über CWD.

 

 

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