In Portugal oder die Suche nach der Reinsortigkeit (2): Loureiro

Nach dem Alvarinho dürfte der Loureiro die zweibekannteste der Vinho-Verde-Rebsorten sein. Man findet Loureiro vor allem im Norden Portugals und im spanischen Galicien. Die Rebsorte ist die meist angebaute des Vinho Verde. Sie bevölkert vor allem die direkte Küstenregion und damit die Subappellationen Lima, Cávado, Ave und Sousa. Ist der Alvarinho vielleicht die komplexere und auch (im Alkohol) kräftigere Rebsorte, zeigt sich der Loureiro elegant und etwas subtiler. Zeigt der Alvarinho den ganzen Aromen-Bereich von gelber Steinfrucht, exotischen Früchten, Banane oder Litchi, kann man Loureiro eher im helleren, duftigeren Bereich von Zitrusfrüchten, Äpfeln, Akazien- und Orangenblüten und Lorbeer einordnen. Vom typischen Lorbeergeruch hat die Rebsorte auch ihren Namen, denn Lorbeer heißt im Portugiesischen Louro.

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Die Quinta do Casal do Paço. © Christoph Raffelt

Ein Spezialist für die Rebsorte Loureiro ist Vasco Croft. Der Weinmacher hat 2004 das Label Aphros gegründet, nachdem er von Lissabon aus zurück in seine Heimat, in die Subregion Lima zurückgekehrt ist. Vasco hat ursprünglich Philosophie studiert, wurde dann Architekt und Gestalter und hat sich dann, als seine Kinder geboren wurden und es um Erziehung und die Wahl der richtigen Schule und Kindergärten ging, in Rudolf Steiners Schriften vertieft. Er wurde Antroposoph und Waldorf-Lehrer. Das war in den 1990ern. Im Jahr 2000 musste die Familie eine Entscheidung treffen, denn es wurde offensichtlich, dass die Quinta do Casal do Pao, die seit dem 17. Jahrhundert im Besitz der Familie war – und in der Vasco seine gesamten Kindheitsferien verbracht hatte – drohte, zu verfallen. Das Anwesen, in dem seine Großmutter gewohnt hatte, wurde nur noch von einer Person bewirtschaftet. Zu wenig, um die Bausubstanz und die Wirtschaftsflächen zu erhalten.

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Vasco Croft und der Loureiro. © Christoph Raffelt

Als Vasco als Kind seine Zeit auf der Quinta verbrachte, befand sich die Region noch im Tiefschlaf. Es waren mittelalterliche Verhältnisse. Portugal war lange Zeit wirtschaftlich und politisch abgehängt. Von 1932 bis 1968 herrschte der Autokrat Salazar, sein Nachfolger Caetano war auch nicht besser und es bedurfte eines Putsches inklusive der so genannten Nelkenrevolution, um das Land Mitte der 1970er wieder auf einen offenen, demokratischen Kurs zu steuern und sich dem restlichen Europa anzunähern. Portugal gehörte lange zu den rückständigsten Ländern Europas und so war es völlig normal, dass es auf der Quinta kein fließendes Wasser oder Elektrizität gab und die Arbeit mit Ochsen statt mit Traktoren bewältigt wurde. Auch der Wein wurde noch klassisch angebaut, sprich, der Wein hing von Baum zu Baum (Arjões) oder er wurde an meterhohe Pergola (Ramadas) gepflanzt. Das sparte Platz, man konnte unter den Bäumen und Pergola weitere Nutzpflanzen anbauen.

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Blick ins Innere. © Christoph Raffelt

Vasco entschied sich, nach seiner Zeit als Gestalter, Architekt und Lehrer ein biodynamisch arbeitender Winzer zu werden und startete 2004 mit der Rekultivierung der Weinberge, allerdings nicht mehr mit Pergola- sondern mit Cordon-Erziehung. Vasco pflanzte von Beginn an die typischen Rebsorten der Gegend, die weiße Loureiro und die rote Vinhão.

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Seit 2004 hat Vasco Croft vier Quintas renoviert und ausgebaut. Den alten Familienbesitz Quinta do Casal do Paço aus dem 16. Jahrhundert hat er durch einige zurückhaltende moderne Bauten ergänzt. Seit kurzer Zeit werden hier ganz archaisch nur noch einig wenige Weine ausgebaut, und zwar nicht mehr unter dem Aphros-Label sondern unter dem Namen Phaunus. Er kehrt damit zu den archaischen Methoden zurück, die hier früher geherrscht haben. Es gibt zwar elektrisches Licht, aber desweiteren wird ausschließlich mit der Hand gearbeitet. Dafür gibt es einen ganzen Raum voller Amphoren.

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Ein Raum voller Amphoren für die Phaunus-Weine. © Christoph Raffelt

Die Quinta do Espadanal liegt nur unweit entfernt den Hügel hoch und umfasst lediglich einen Hektar Wein – dafür aber die vielleicht beste Loureiro-Lage. Do Espadanal gehörte früher zu Do Casal do Paço, wurde aber irgendwann abgetrennt. Etwas weiter entfernt, unweit Ponte de Lima liegen die Casa Nova und die Quinta de Valflores. In der Casa Nova, zu der zwei Weinberge mit sieben Hektar gehören, werden seit diesem Jahr die Aphros-Weine vinifiziert, Valflores wurde von einer befreundeten Familie gepachtet, die in Oregon lebt. Amüsant ist, dass die Eltern der Besitzer mit dem Oregon-Weinmacher Davis Lett befreundet waren, der den legendären Eyrie-Vineyard in Oregon begründet hat und der einige Pinot-Stöcke in Portugal gelassen hat, aus denen Croft nun eine sélection massale selektioniert.

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Der Pool mit Blick auf das Tal. © Christoph Raffelt

Vasco Crofts Weine habe ich vor einigen Jahren kennengelernt und war daher froh, ihn in seinem Refugium kennenlernen zu können. Die Quinta gehört zu jenen verwunschenen Weinorten, die man nicht mehr vergisst, weil sie so eine starke Wirkung haben. Andere nennen es Energie. Und das könnte etwas damit zu tun haben, dass man es mit einem biodynamisch bewirtschafteten Ort zu tun hat. Das letzte Mal, dass mich ein Ort so fasziniert hat, bei Pyramid Valley in Neuseeland, war es ebenfalls so ein strikter, aus dem tiefen Inneren heraus entwickelter biodynamisch geprägter Ort. Nicht Chi-Chi, nicht Mode-Biodynamismus sondern eine echte Denk- und Wirtschaftsweise. Das schätze ich sehr. Denn auch wenn ich mit vielen Teilen dieser Denkweise wenig anfangen kann, so ist die ernst gemeinte Hinwendung zur Biodynamie doch immer auch ein Ausdruck der tiefen Verbundenheit zur Natur, aber auch eine Bewusstheit im Tun. Das gefällt mir sehr. Doch gleichzeitig befinde ich mich immer im Double-Bind zwischen Faszination und Unbehagen. Auch hier. Denn ich kann mit der spirituellen Komponente wenig anfangen. Ich komme mir so ein bisschen vor wie ein Adept, der den Meister trifft. Einen Meister, der sich seiner Rolle auch bewusst ist. Das ist nicht frei von Inszenierung. Hier nicht, und an anderen Stellen mit ähnlichem philosophisch, antroposophischem Hintergrund ist mir das auch schon oft passiert. Doch vielleicht ist das auch nur ein Ausdruck meiner Unentschiedenheit, die sich nie ganz auflösen lässt, weil das Spirituelle in meiner eigenen Geschichte bzw, der meiner Familie eine Zeit lange eine große, eine zu große Rolle gespielt hat.

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Der Schuppen, in dem die biodynamischen Präparate hergestellt werden. © Christoph Raffelt

Doch zurück zum Loureiro. Mein erster sortenrein probierter Loureiro war der Aphros aus dem Jahr 2011. Nun hatte ich auf der Quinta den 2015er Aphros Loureiro im Glas. Crofts Weine haben sich weiterentwickelt. Sie sind klarer und fokussierter geworden. Der Loureiro duftet tatsächlich deutlich nach Lorbeer, nach Zitronenabrieb und Kräutern. Er hat immer noch eine leicht cremige Komponente am Gaumen, ist aber salziger und frischer geworden mit einer markanten Säure und einem leicht herben, erfrischenden Finish. Vorher gab es noch zwei andere Loureiros. Den Aphros Reserva 2012 Bruto, einen méthode traditionelle sowie den Phaunus Pet Nat 2015. Der Aphros Daphne 2015 hatte zwölf Stunden Schalenkontakt und wurde zu einem Drittel im großen Holz und zu zwei Dritteln im Betonei ausgebaut. Der 2014er Aphros Ten ist eher off-dry, der 2015er Phaunus Loureiro und der 2015er Phaunus Palhete, eine Cuvée aus Loureiro und dem roten Vinhão, stammen jeweils  aus der Amphore. Vasco Croft zeigt den Loureiro in seiner ganzen Bandbreite. Besonders der 2015er Daphne hat es mir angetan. Der Loureiro zeigt hier viel Stoff und Substanz. Es ist weniger Frucht, die hier Aufmerksamkeit erregt sondern wieder der Lorbeerton, Blüten und eine Spur Blütenhonig, Nüsse und vor allem wieder die Salznote, als würde eine Seebrise über die Weinberge hinwegziehen. Besonders gelungen ist die feine, seidige Textur des Weines, der es nicht an Frische vermissen lässt.

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Drei ausgewählte Weine des Aphros- und Phaunus-Labels. © Christoph Raffelt

Trotz meiner inneren Schwankungen: Die Quinta von Vasco Croft ist – wenn man Wein liebt – sicher einer der schönsten Orte, an dem man verweilen kann und ich bin mir sicher, dass es nicht das letzte Mal war, dass ich dort war. Zumal er Teile des Anwesens modernisiert und zu Ferienzimmern und Wohnungen umgebaut hat.

Die sehr geschätzte amerikanische Kollegin Meg Houston Maker hat ein umfangreiches, erhellendes, zweiteiliges Interview mit Vasco Croft geführt. Dazu geht es hier entlang.

Den ersten Teil der kleinen Serie gibt es hier.

Das Gebiet des Vinho Verde habe ich auf Einladung der Agentur ff.k und dem Verband der Vinho Verde Winzer im September 2016 bereist.

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