Was für ein wunderbarer Champagner-Extremismus

Als ich vor einigen Wochen die Einleitung des Weinhändlers und Autors Robert Walters zu seinem Buch »Bursting Bubbles« las, hatte ich ein kleines Deja vù. Er schreibt, dass er ein initiales Erlebnis mit Champagner hatte, und zwar mit der Art von Champagner, die er heutzutage über Bibendum Wines in Australien vertreibt. Es war ein Terre des Vertus vom biodynamischen Champagne-Erzeuger Larmandier-Bernier. Bei ihm war der Genuss dieses Champagners genauso augenöffnend wie für mich. Und bei mir war es ebenfalls Larmandier-Bernier, wenn auch eine kleine Stufe darunter. Es war der Blanc de Blancs, und dann, wenig später erst der Terre de Vertus und dann noch mal wenig später Les Béguines 2006 von Jérôme Prévosts La Closerie. Die drei Champagner haben mein Weinleben, nennen wir es mal so, ab 2009 verändert. Vorher habe ich selten Champagner probiert. Ich komme nicht aus einer Familie, wo das üblich gewesen wäre und die Qualitäten, die ich bisweilen im Glas hatte, haben mich selten überzeugt. Das Pure, das Glasklare aber, dass diese Winzer ins Glas gebracht haben, war mir neu und aufregend. Nun ja, bei Robert Walters hat das Erlebnis dazu geführt, dass er eine große Zahl jener Champagner nach Australien importiert und bei mir hat es dazu geführt, über solche Erzeugnisse zu schreiben.

Ein Haus, mit dem ich am Anfang ein wenig meine Probleme hatte, war Georges Laval mit dem Winzer Vincent Laval. Er gehört zu den frühen Verfechtern des biologischen und biodynamischen Anbaus in der Champagne. Und die gehören immer noch zur absoluten Minderheit. Gerade einmal höchstens eine von 300 Flaschen wird auf diese Weise erzeugt. Aber immerhin …

Vincent Laval, Champagne 2016, © Christoph Raffelt

Vincent Laval kann diese Quoten aus eigenem Zutun kaum ändern, denn der Mann besitzt gerade einmal 2,5 Hektar. Mit seinem kleinen Boutique-Weingut in Cumières an der Marne hat er sich einen exzellenten Ruf erworben und war früh in der Lage, sehr gute Preise für seine wenigen Flaschen aufzurufen. So lag der Einstiegs-Wein bei ihm in Deutschland schon immer bei rund 50 Euro. Dafür hat man früher einen sehr weinigen, burgundischen und immer kraftvollen Champagner erhalten, dessen weniger Stil mir manchmal ein wenig zu extrem war. Das ist allerdings auch schon wieder sechs, sieben Jahre her und in der Zeit hat sich Vincents Stilistik ein wenig verändert. Wer seine letzten Jahrgänge probiert stößt auf extrem pure, absolut vom Terroir getriebene, völlig kompromisslose Weine. Zwei davon habe ich gerade im Glas

Les Hautes Chèvres 2013 Cumières Premier Cru Brut Nature
Dieser Wein stammt aus der Lage Les Hautes Chèvres (Hier zu sehen bei weinlagen-info.de), die über dem Dorf Cumières liegt. Vincent Laval besitzt dort einige Parzellen Pinot noir und einige mit Meunier und mal füllt er unter dem Lagennamen Pinot und mal Meunier. 2013 war es Meunier. Es sind gerade einmal 1.500 Flaschen, die aus dem 1930 und 1971 gepflanzten Weinberg entstehen. Seit 1971 bereits wird bei Laval ausschließlich biologisch gearbeitet, was für Champagne-Verhältnisse eine extrem lange Zeit ist. Der Meunier wurde über zehn Monate im Fass ausgebaut und dann vier Jahre lang sur lattes auf der Hefe belassen bevor der Wein vor Kurzem, am 13. November degorgiert wurde.

Man darf für die € 215,-, die dieser Champagner kostet Einiges erwarten. Wenn man Champagner trinkt, wie ich ihn trinke, dann wird man mit diesem raren Parzellenwein seine große Freude haben. Allerdings, zum jetzigen Zeitpunkt auch erst nach jeder Menge Luft und der Verwendung eines Burgunderglases. Keine Angst, der Champagner kann das ab. Während ich diese Zeile schreibe ist die Flasche bereits seit einer Woche offen und trotzdem zeigt Les Hautes Chèvres ein feines und doch lebendiges Mousseux im Glas. Wer bei dem Preis einen Prestige-Champagner-Typ à la Roeder Cristal etc. erwartet, sieht sich allerdings eher getäuscht. Dieser Champagner ist absolut gnadenloses Stück Terroir-Wein – Brut nature, klar, aber auch in der Frucht völlig ohne Süße. Man findet hier Zitrusfrüchte und rote Beeren, aber ehr in Richtung roter Johannisbeeren, Berberitze, Granatapfel. Alles säurebetont und extrem frisch. Dazu gesellt sich der Boden mit Kalk und Kreide. All das verwirbelt ineinander, ist extrem präzise und mit einem Druck ausgestattet, der seinesgleichen sucht.

Les Longues Violes 2012 Premier Cru Brut Nature
Apropos seinesgleichen… Doch, es gibt da etwas, was man durchaus vergleichen kann. Es ist ein Champagne, der aus dem gleichen Haus stammt und gerade erst frisch lanciert wurde. Der Premier Cru Brut nature stammt aus der Einzellage Les Longues Violes (Hier zu sehen bei weinlagen-info.de), die etwas unterhalb von Les Hautes Chèvres liegt. Die Parzelle, die laut Peter Liem etwa so groß ist wie ein typischer Kleinstadtvorgarten, ist mit Pinot Noir und Meunier bestockt, die in den Jahren 1947, 1964 und 1984 gepflanzt wurden. Dieser kleine Weinberg hat nie irgendwelche Pflanzenschutzmittel gesehen und verfügt laut Laval über das beste Terroir der gesamten Gegend.

Les Longues Violes durfte noch ein Jahr länger reifen als Les Hautes Chèvres. Es gibt diesen Wein nur in kleinster Auflage und jede Flasche wird von Vincent Laval von Hand beschriftet und in einer Holzkiste verpackt. Das, was wie ein beschriftetes Fassmuster aussieht, ist allerdings einer der teuersten Champagner, die man aktuell auf dem Markt erwerben kann. Der Wein ist für € 639,- bei Vinaturel zu haben. Ist das verrückt? Nicht verrückter als der Preis eines Clos de Mesnil oder eines Clos d’Ambonnay von Champagne Krug. Auch das sind Parzellen-Weine, die von ganz besonderen Fleckchen stammen. Das Ungewöhnliche hier ist, dass es eben kein Champagne-Haus aus dem Dunstkreis der großen Marken ist, das den Wein lanciert sondern ein 2,5-Hektar-Winzer. Und warum macht er so etwas? Ich würde sagen: Weil er es kann. Und weil vielleicht die Zeit reif dafür ist. Für mich wird diese Begegnung vielleicht die einzige ihrer Art mit diesem Wein bleiben. Aber das macht nichts. Oder doch … ich würde den Champagne gerne noch mal in zehn Jahren probieren. Denn jetzt ist er ein Säugling. Allerdings einer, bei dem das Bild nicht ganz stimmt, denn der Wein ist auch jetzt schon groß und mächtig, kraftvoll und pur. Der Wein ist ein Extremist in seiner Übersetzung des Bodens durch die Traube. Nur selten habe ich so viel pure Energie und puren Druck im Glas gehabt wie hier. Da singen Kalk und Kreide, da schlägt einem neben der Zitrusfrucht und dem pudrigen Kalk zusätzlich Grafit und eine Ahnung von roter Frucht und einer Brotkruste entgegen. Da laufe ich in die Küche und hole mir ein Stück Serrano und schüttete den Wein darauf und alles zusammen explodiert in einem Ausbund an Frische, Vitalität und salziger Mineralität. Das ist schon sehr beeindruckend.

Vincent Lavals Champagner sind einen tiefen Griff in die Kasse wert. Wie tief man greifen will, muss jeder für sich ausmachen. Der Spaß fängt an mit Garennes extra brut für € 55,- die Weine vertragen Burgundergläser und Lagerung (im besten Fall).

Eichelmann, Roberts, Liem & Koehler
Wer Champagne nicht nur trinken, sondern auch noch auf andere Weise in Form von geballtem Wissen inhalieren möchte, dem seien drei Bücher empfohlen, die in diesem Jahr auf den Markt gekommen sind. Das wohl einzige deutschsprachige Standardwerk zur Champagne ist das von Gerhard Eichelmann aus dem mondo-Verlag, Heidelberg. Es ist mit einiger Verspätung auf den Markt gekommen und als ich Gerhard Eichelmann im April während der Printemps de Champagne nach dem Buch fragte meinte er, es wäre ein Graus mit den Winzern. Ständig würde etwas Neues auf den Markt kommen. Er sagte das natürlich mit einem Lächeln, denn wir alle sind froh darüber, wie lebendig die Szene geworden ist. Das bildet sein Buch ab. Es ist ein Nachschlagewerk, in dem nach einer mehrseitigen Einführung Platz ist für jede Menge zweiseitiger Portraits. Die Einführung umfasst mittlerweile rund 100 Seiten und gibt einen knappen aber sehr guten Überblick über die Subregionen und Orte, deren wichtigste Winzer und Häuser, die dann über weitere 600 (!) Seiten vorgestellt werden. Das Buch umfasst alle wichtigen Produzenten, die Grande Marques wie die unabhängigen Winzer. Häuser wie Champagner werden nach Eichelmann-Art mit einem bis zu fünf Sternen bewertet, also von zuverlässig bis Weltklasse.

 

Bursting Bubbles ist ein völlig anderes Buch über die Champagne. Es ist eines aus der Sicht eines Weinhändlers der ein großer Liebhaber von Winzer-Champagner geworden ist und der einerseits sehr persönliche Geschichten erzählt und andererseits mit vielen Mythen aufräumt, die sich um dieses perlende Getränk ranken. Es ist ein persönliches Buch, das aber voller Insider-Wissen und Anekdoten steckt und so neben viel Wissen auch sehr unterhaltsam ist.

Das große Werk über die Champagne aber ist das von allen Liebhabern dieser Region erwartete Buch von Peter Liem. Peter hat sich vor Jahren zunehmend auf dieses Thema spezialisiert und ist, um nahe am Puls zu sein, dann auch in die Champagne gezogen. Dort hat er mit champagneguide.net eine Website ins Leben gerufen, über die man per Abo über die Champagne informiert wurde. In den letzten zwei Jahren war ich nicht mehr allzu zufrieden mit der Seite weil sie zu selten aktualisiert wurde und einige wichtige Produzenten fehlen. Das, was er an Wissen bietet, war allerdings schon auf der Website grandios. Nun hat er dies mit aktuellem Stand in ein Buch gegossen, bei dem der erste Clou ist, dass das Buch in einem zweiteiligen Schuber steckt. Neben dem Buch zieht man aus dem zweiten Schuber den Reprint des gesamten Kartenmaterials des Hauses Louis Larmat aus den 1940ern. Damals wurden von Larmat die französischen Weinbaugebiete, und so auch die Champagne kartografiert und mit den Einzellagen versehen, die eigentlich erst heute eine zunehmend bedeutende Rolle spielen. Ehrlich gesagt, allein für die Karten sollte man sich den Schuber zulegen. Das Buch selber ist – nach einer noch unvollständigen Durchsicht – über alle Zweifel erhaben. Es bietet einen hervorragenden Überblick über die Champagne in all ihren Facetten, liefert natürlich umfassende Portraits der wichtigsten Erzeuger, aber auch viel Hintergrundwissen zur Geschichte der Region und zum Weinmachen, zu den einzelnen Teilgebieten, zu Geografie und Geologie. Kurz gesagt, wenn es aktuell ein Buch gibt, dass man zu dieser Region im Schrank haben muss, dann ist es dieses.

Ebenfalls in der Champagne ansässig ist Stephanie Koehler. Sie hat es geschafft, in diesem Jahr ein eigenes Magazin namens Cuvée zu lancieren und drei Ausgaben zu publizieren. Das erste Heft dreht sich um die Champagne, das zweite um das Chablis und das dritte als Sonderausgabe für Abonnenten wieder um die Champagne. Das Magazin erscheint in englischer Sprache und ist voller gut recherchierter Geschichten. Châpeau kann ich nur sagen. So etwas als ein-Frau-Unternehem zu stemmen, ist aller Ehren wert. Da kann ich nur den Hut ziehen, einen großen Hut, wohlgemerkt.

Champagne Georges Laval, 
Les Hautes Chèvres 2013 Cumières Premier Cru Brut Nature

Champagne Georges Laval, 
Les Longues Violes 2012 Cumières Premier Cru Brut Nature

Jeweils bei Vinaturel.de (disclaimer: Da ich auch für Vinaturel texte, 
muss jeder selbst beurteilen, ob er meine Aussagen für weitgehend 
unabhängig hält oder nicht).

Gerhard Eichelmann, Champagne Edition 2017, Mondo Heidelberg 2017

Robert Walters, Bursting Bubbles, Quiller Publishing 2017

Peter Liem, Champagne, The Essential Guide to the Wines, Producers and 
Terroirs of this iconic Region, 10 Speed Press, 2017

Stephanie Koehler, Cuvée Magazine

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