In Neuseeland – Teil 8: Nelson, bei Woollaston und Neudorf

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Als ich Samstagmorgen in der Lodge in Martinborough aufwache, ist es später als gedacht. Zwar habe ich nachts immer noch mit Jetlag-Nachwirkungen wachgelegen doch bin ich irgendwann wieder eingeschlafen und habe nicht gemerkt, dass die Weckzeit, die ich mir gestellt hatte, nur für Wochentage eingestellt war, aber nicht für Samstage. So bin ich Hals über Kopf abgereist und durch den Morgennebel gefahren, der über den Weiden des Tals lag, zurück durch die Tararua Range zum Flughafen von Wellington. Die kurze Flugstrecke entschädigt jedoch für das ganze Gehetze, das sich am Flughafen noch fortgesetzt hat, da man das Terminal geändert hat, ohne dass ich es mitbekommen hätte. Die Route führt bei wolkenlosem Himmel fast im Tiefflug über den Pelorus Sound. Was für eine fantastische Szenerie bietet dieses Land doch immer wieder – diesmal im Anflug auf Nelson, der Gebietshauptstadt eines Weinbaugebiets, das gerade einmal 963 Hektar bzw. zwei Prozent zur Gesamtweinproduktion Neuseelands beiträgt.

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Das Weingut Woollaston und die preisgekrönte Architektur der gläsernen Villa fügen sich in die rolling hills ein. Uüberall finden sich Objekte von Bildhauern in residence. Foto Copyright: Woollaston Estates

Nelson schmiegt sich zwischen Meer und Berge und ist ursprünglich weniger für Wein bekannt als für Hopfen. Der unter Craft-Beer-Kennern wohl bekannteste Hopfen dieser Gegend ist der Nelson Sauvin. Das Witzige dabei ist, dass er im Bierbereich das ist, was Sauvignon Blanc im Weinbereich abdeckt. Er ist der Aromahopfen, der nach Stachelbeere, Trauben und Grapefruit schmeckt. Ganz so, als hätten Nelson Sauvin und Sauvignon Blanc einen gleichen Ursprung. Neben Nelson Sauvin stammen aus dieser Gegend ebenso die Hopfensorten Dr. Rudi (früher Super Alpha), Green Bullet, Kohatu, Motueka, Pacific Gem, Pacific Jade, Southern Cross, Sticklebract, Wakatu und eine Neuzüchtung namens Waimea. Diesen Namen gibt es nicht nur mehrfach auf den Hawaiianischen Inseln sondern auch in Appleby, nahe Nelson. Und nicht nur jener Hopfen wurde so benannt sondern auch das Weingut Waimea Estates. Im Angebot dieses Gutes zeigt sich, wofür das Gebiet bekannt geworden ist. Es sind vor allem die aromatischen weißen Rebsorten sowie Pinot Noir und Chardonnay. Auch wenn, wie so gut wie überall, der Sauvignon Blanc die erste Geige spielt, findet man bei Waimea ebenso Sauvignon Gris, Riesling, Grünen Veltliner, Viognier, Pinot Gris und Gewürztraminer. Die Weine, die ich im Regionaltasting probiert habe, wurden fast alle recht kalt vergoren. Neben dem Weinen von Neudorf, auf die ich gleich noch näher eingehen werde, gehörten die Weine von Richmond Plains und Woollaston zu den erfreulichen Ausnahmen.

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Rechts: Ein kleiner Querschnitt durch den Boden von Mahana. Foto Copyright: Woollaston Estates

Woollaston at Mahana
Überhaupt Woollaston. In diesem außergewöhnlichen Weingut fand das Regional Tasting statt. Es liegt vielleicht 770 Meter entfernt vom Meer und dem vor der Küste gelagerten Rabbit Island in den Hügeln. Der Name Woollaston ist in Neuseeland bekannt, denn der Vater des Weingutsgründers Philip Woollaston war Toss Woollaston, einer, wenn nicht der bekannteste neuseeländische Maler des 20. Jahrhunderts. Seine Familie hat über Jahrzehnte die wohl größte private Kunstsammlung in Neuseelands zusammengesammelt, von dessen Exponaten ein Teil im Weingut und um das Weingut herum zu finden ist.

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Foto rechts, Copyright: Woollaston Estates

Das Weingut selbst existiert seit 2000 und ist eine wirkliche Entdeckung. Die Weingärten liegen im Mahana Vineyard rund um das Anwesen sowie im The Burke’s Bank ant the Red Shed Vineyard. Mahana bedeutet warm auf Maori und sagt etwas über Lage und Bodenstruktur aus. Mahana liegt in der Höhe auf 100 Meter und besteht aus in Lehm gebundenen Schotter aus der Eiszeit. Hier stehen die Chardonnay- und Pinot-Reben, Riesling und Pinot Gris. Weiter unten im Tal, in den Waimea Plains stehen die Rebstöcke für die aromatischeren Weine, für Sauvignon Blanc, Pinot Gris und Riesling. Vor einigen Jahren wurde das Weingut auf ökologischen Anbau umgestellt und zertifiziert. Das Weingut wurde direkt auf vier Ebenen geplant, so dass der Produktionsprozess ohne Umpumpen von statten gehen kann. Ich hatte das große Glück, den Weingutsrundgang und das Tasting mit Michael Glover machen zu können, der wenige Tage zuvor eingetroffen war.

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Michael kommt ursprünglich aus Nelson, ist aber als Weinmacher jahrelang durch die Welt gereist und hat viele Jahre lang auf dem Weingut Bannockburn Vineyards in Australien den Stil bestimmt. Ich bin das erste Mal mit den Weinen dieses Weinguts in Kontakt gekommen, aber es wird nicht das letzte Mal sein, vor allem, seitdem ich die ersten Experimente von Michael Glover probiert habe, einem äußerst sympathischen Weinmacher, der vor Energie nur so strotzt. Es werden Weine mit Kanten und Ecken entstehen, die sich aus der Stilistik, die man sonst in Nelson gerne findet, deutlich bzw. noch deutlicher abheben werden.

Neudorf Vineyards
Ganz in der Nähe von Woollaston liegen die Upper Moutere Hills, wo die Neudorf Vineyards liegen. Neudorf schwebt in diesem Anbaugebiet, das kann man ohne Übertreibung sagen, über allem. Die Weine profitieren davon, dass ihre Reben meist schon mehrere Jahrzehnte alt sind. Es ist ähnlich wie bei Ata Rangi und, was Chardonnay angeht, bei Kumeu Rivers: neben aller Arbeit und einem exzellenten Weinbergsmanagement profitiert die Qualität des Weins erheblich vom alten Rebbestand. Dieser wird bei Judy und Tim Finn biologisch-organisch bewirtschaftet. Die beiden haben das Gut Ende der 1970er gegründet. Auch hier gibt es die Parallele zu Ata Rangi. Sie sind ins Weingeschäft eingestiegen als dies in Neuseeland noch kaum existent war. Sie haben jede Menge Lehrgeld bezahlt und sind über die Jahrzehnte hinweg mit aller Erfahrung und altem Rebbestand zur Avantgarde in Neuseeland geworden. Wenn es für Chardonnay einen Cru-status gebe wie es ihn mittlerweile für Pinot Noir gibt, dann würde der Moutere Chardonnay von Neudorf neben dem Hunting Hill oder Coddington Chardonnay von Kumeu Rivers ganz oben stehen.

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Möchte man hier wieder weg?

Neudorf – die Weine
Neben den hervorragenden Sauvignon Blanc und Lagen-Pinot-Gris haben Todd Stevens, der Winemaker, und ich uns vor allem intensiv mit den Chardonnays und Pinots beschäftigt. Es startet mit dem Estate Chardonnay 2013. Wenn es um guten, oder besser sehr guten Chardonnay geht, dann dreht sich in Neuseeland alles um den säurebetonten, kleinbeerigen Mendoza-Klon. So ist es auch hier. Er mischt sich hier mit Klon 15, 95, 8021, 548 zu 86% aus den Moutere-Hills (Neudorf Home Block, Neudorf Hill Block,Kina Beach, Renart und Flaxmore Vineyards) mit Lehm-Schotter-Gemisch plus einer 14%-Charge aus dem Lord Rutherford Vineyard in den Waimea Plains vom alluvialen Schwemmland. Die Trauben wurden whole bunch gepresst und mit weinbergseigener Hefe vergoren. Der Wein hat zu 100% malolaktische Gärung durchlaufen und wurde in einem kleinen Teil in neuem Holz ausgebaut. Dies gibt dem Wein einen leichten Schwung, einen Touch von Holzstruktur und Tiefe. Der Chardonnay duftet vor allem nach diversen Zitrusfrüchten und Fenchelsaat. Er präsentiert eine wunderbare Mischung aus Cremigkeit und frischer Säure und endet ausgesprochen lang.

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Die Anfänge von Neudorf 1978. Foto Copyright: Neudorf Estates

Neu und in kleiner Menge wird der 25 Rows Chardonnay angeboten. Er ist die pure und kristallklare Antwort darauf, dass man in der so genannten Neuen Welt auch Chardonnays produzieren kann, die ihren Gegenpart im Chablis finden. Dieser Wein aus 100% Mendoza-Klon schafft es in beeindruckender Weise. Hier wurde nur 50% des Weins durch eine malolaktische Gärung geschickt, die Weine wurden in alten, größeren Fässern (Puncheons) ausgebaut, wobei nur ganz selten die Hefe umgerührt wurde. Der Clou ist, dass die Rebstöcke auf deutlich basischem, mineralischen Boden im Neudorf Hill Block stehen. So schmeckt man neben aller Grapefruit und Limette vor allem nassen Stein, Trockenkräuter und Brotgewürz. Der Wein vibriert auf der Zunge und hat eine hervorragende Länge.

On top gibt es den 2013er Moutere Chardonnay aus dem Neudorf Home und dem Neudorf Hill Block. Beeindruckend kraftvoll, reich und geradezu explosiv zeigt sich dieser Wein, dessen Rebstöcke teils direkt am Haus stehen, zu 1005 aus Mendoza-Klon bestehen, zu 100% Säureabbau genossen haben und zu 26% in neuem französischen Holz vergoren wurden. Hier verbindet sich der Duft von Blüten mit gerösteten Nüssen und dem typischen Flint-Geruch der oft entsteht, wenn spontan vergorener Chardonnay auf Holz trifft. Am Gaumen präsentiert sich der Wein aromatisch, frisch und gleichzeitig saftig und dicht mit einer superben Länge. Das ist großes Chardonnay-Kino mit einem gekonnten Holzeinsatz, der immer nur leicht unterstützt aber nie dominiert.

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Etwas kräftiger ist der Holzeinsatz beim Pinot, und doch bleibt er immer auf der unterstützenden Seite, vielleicht etwas mehr führend. Der 2012er Tom’s Block Pinot Noir  präsentiert sich gerade in perfekter Verfassung. Der Pinot Noir vom Abel-Klon sowie den Varietäten 5, 10/5, 667, 777 und 115 stammt zum überwiegenden Teil aus Moutere (Neudorf Home Block, Kina Beach, Renart und Flaxmore) sowie dem Rutherford Vineyard in den Waimea Plains. Er wurde komplett entrappt, spontan vergoren im Open Top Fermenter. Tom’s Block Pinot duftet nach Pflaumen und Kirschen, Nüssen, Feld, Wiese und Wald. Das Tannin ist bestens integriert und seidig, die Frucht präsent, frisch und zupackend, die Säure hervorragend. Im Gegensatz dazu präsentiert sich der 2013er Tom’s Block Pinot Noir etwas wärmer und noch fruchtbetonter. Das wärmere Jahr gibt hier das Üppigere, wie es ja auch schon in Martinborough zu schmecken war. Dies findet sich auch im Moutere Pinot Noir 2013, dem Pendant zum Icon-Chardonnay. Der Pinot stammt vor allem aus dem Home Block vom 15 bis 33 Jahre alten Rebstöcken und ist eine Mischung verschiedener französischer Klone und dem Abel-Klon. Im Prinzip wurde der Wein genauso verarbeitet wie Tom’s Block, 21% der Fässer sind neue französische Eiche. Wald- und Wildnoten verbinden sich mit dunkler Frucht und Gewürzen wie Süßholz. Beeindruckend ist die Balance dieses noch so jungen Weins, wunderbar die Kraft und Komplexität und die jetzt schon gut integrierten Tannine. Wenn man bei Neudorf mit den Chardonnay schon auf Grand Cru Niveau angelangt ist, so spielen die Pinots definitiv in guter Premier-Cru-Liga.

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Nelson, der kleine Nachbar des großen Gebietes Marlborough, hat viele deutsche Wurzeln, auf die nicht zuletzt der Name des Weinguts Neudorf an der Neudorf Road hinweist. Mitte des 19. Jahrhunderts pflanzten sind Rebstöcke, Hopfen und Obstplantagen, die hier immer noch weit verbreitet sind. Das Gebiet macht sich einen immer besseren Namen mit Wein – und das ist, wenn man Woollaston oder Neudorf probiert auch kein Wunder. Daneben gibt es die, die im Prinzip so schmecken, wie im Nachbargebiet. Das liegt an der angewandten Technik. Da gibt es noch viel Luft nach oben, denn Eisbonbon und Hyperfrische können viele. Da bin ich gespannt, wo es insgesamt hingeht.

In Neuseeland:

Teil 1: Auckland, Waiheke und die Bucht von Man O’ War

Teil 2: Einige erste Gedanken zum neuseeländischen Weinbau

Teil 3: In Hawke’s Bay

Teil 4: In Hawke’s Bay bei Craggy Range und Elephant Hill

Teil 5: In Hawke’s Bay bei Trinity Hill und Sileni

Teil 6: In Martinborough bei Ata Rangi

Teil 7: In Martinborough und Gladstone

Teil 8: In Nelson bei Woollaston und Neudorf

Teil 9: In Marlborough, bei Johanneshof, Greywacke, Dog Point

Teil 10: In Marlborough, über Sauvignon Blanc, einen Besuch bei Yealands und die Nachhaltigkeit

Teil 11: In Marlborough mit Framingham und Seresin

Teil 12: In Marlborough mit Huia, Hans Herzog, Fromm

Teil 13: In Marlborough mit Clos Henri, Te Whare Ra und Rockferry

Teil 14: A Day Off (Von Marlborough nach Canterbury)

Teil 15: In Canterbury, Pegasus Bay

Teil 16: In Canterbury, Black Estate, Pyramid Valley

Teil 17: In Central Otago, Rippon, Quarz Reef

Teil 18: In Central Otago, Burn Cottage und Felton Road

Teil 19: Ein Fazit

 

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Die Reise erfolgte auf Einladung und wurde mit mir und nach meinen Wünschen hervorragend organisiert von: nzwine-2x

 

 

8 Kommentare

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