In Neuseeland – Teil 15: Canterbury, Pegasus Bay

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Auf der Fahrt mit Kiwi Rail von Blenheim nach Waipara fühle ich mich zwischenzeitlich in menschenleere Teile Kaliforniens versetzt. Hier und da blitzt der Pazifik auf. Einen Teil der Strecke fahren wir direkt an der Küste entlang. Die Lok in amerikanischem Design, allerdings deutlich kleiner als die üblichen US-Trains, fährt entspannt durch die verdorrte Landschaft, in der ab und zu ein paar Farm-Häuser zu sehen sind, trockene Flussbetten, Rinder und vor allem Schafe. Es ist März, also Spätsommer. Es hat je nach Region seit Wochen, teils seit Monaten nicht geregnet. Tatsächlich treffe ich erst weit im Süden, in den Bergen von Central Otago auf die ersten Flussbetten, die Wasser führen.

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Canterbury gehört mit 2,6% Anteil an der Gesamtproduktion zu den kleinen Weinbaugebieten Neuseelands. 416 Hektar Pinot Noir, 386 Hektar Sauvignon Blanc, 300 Hektar Riesling, 202 Hektar Pinot Gris und 85 Hektar Chardonnay verteilen sich auf drei Gebiete, von den ich das von Marlbourough aus nächste und auch berühmteste besuche: Waipara. Die Canterbury Plains liegen rund um Christchurch, die Hauptstadt des Gebietes. Der very british wirkende Ort wurde am 4. September 2010 von einem schweren Erdbeben getroffen, dessen Auswirkungen man bis heute sieht. Bei aller Schönheit und allen Vorteilen, die Neuseeland zu bieten hat (weit und breit keine Atomkraft, kaum Umweltverschmutzung etc.) gehört die Erbebengefährdung zu den Hauptgefahren, mit denen man leben muss. Die Insel liegen nahe einer Bruchkante, wo es immer wieder zu plattentektonischen Verschiebungen kommt. Das dritte kleine Anbaugebiet liegt schon weit im Süden, ist noch winzig, verspricht aber mit seinen Löss- und Kalkstein-, Grauwacke und Schieferböden zusammen mit dem Klima ein außerordentliches Potential.

Dieses Potential zeigt sich auch in den Weinen von Waipara. Weinbau ist hier nur möglich, weil einige kleinere Hügelketten wie die Teviotdale Range zwischen Weinbergen und Pazifik einen Teil der kühlen Antarktis-Luft abschirmen. Die südlichen gelegenen Alpen sorgen für geringe Regenfälle und warme Sommer. 2.100 Sonnenstunden hat es im Jahresmittel, dazu 648mm Regen. Entscheidend ist die lange Vegetationszeit, in der die Trauben voll ausreifen können. Waipara ist cool climate, wie es sich viele andere südlich gelegene Weinbaugebiete nur erträumen können. Hinzu kommt ein hoher Variantenreichtum im Boden Ausprägung bei Bellhill und Pyramid Valley mit kreidigem Kalk vielleicht der interessanteste ist.

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Nach stundenlanger Fahrt durch eine trockene aber abwechslungsreiche Landschaft tauchen plötzlich die ersten Weinberge linkerhand auf. Sie wirken durch die dichten weißen Vogelschutznetze ein wenig so, wie ich mir Kultivation auf dem Mars vorstellen würde. Es sind Flecken in der Landschaft die auf Grund des Kontrastes ein faszinierendes Bild liefern. Wir halten in Waipara, die kleine Bahnhofsgebäude erinnert mich an eine amerikanische Roadmovie-Szene, einer der Stewards reicht mir mein Gepäck vom Zug, ich bin der einzige, der aussteigt und unten stehen vor einem völlig verstaubten Fahrzeug Edward und Belinda Donaldson und lächeln mich an. Ein perfektes Bild.

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Es wird ein netter, privater Abend mit den beiden auf Pegasus Bay. Das Weingut gehört zu den Top-Weingütern Neuseelands. Das weingutseigene, von Belinda geführte Restaurant ist so en vogue, dass Geschäftsleute von Christchurch aus mit Helikoptern zum Weingut fliegen, um dort mittags essen gehen zu können. Es ist gerade zum wiederholten Male zum besten wiengutseigenen Restaurant Neuseelands gekürt worden und hat, nebenbei gesagt, nur mittags geöffnet, da Belinda neben dem Restaurant Kindern hat, die sie gerne aufwachsen sehen möchte. Entsprechend ist das Restaurant geschlossen, als wir Pegasus Bay erreichen, doch Edward wird in der Gästewohnung des Hauses kochen. Er war der erste Koch des Restaurants und ist heute für das Marketing im Familienweingut verantwortlich.

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Pegasus Bay ist ein Familienbetrieb und das Investment von Ivan und Christine Donaldson. Er war (und ist) ein angesehener Neurologe, sie ist eng mit der Oper in Christchurch verbunden. Beide haben in den frühen 1970er Jahren mit dem Anbau von Reben begonnen, indem sie mit Freunden einen kleinen Weingarten in der Nähe von Christchurch angepflanzt und die Weine dann in der eigenen Garage vinifiziert haben – 15 Jahre lang. 1984 sind sie auf die Suche nach einem geeigneten Stück Land gegangen und sind in Waipara fündig geworden. Sie haben dort 1986 mit der Pflanzung von wurzelechten Reben begonnen und 1991 in der Garage in Christchurch den ersten Jahrgang verarbeitet und veröffentlicht. Sie sind definitiv Wein-Pioniere in Neuseeland und gehören nachvollziehbarerweise zur Gruppe der Familiy of Twelve, einem Interessensverband alteingesessener, familiengeführter Wineries in Neuseeland.

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Natürlich probiere ich mit Ed (Bruder Matthew, der seit vielen Jahren zusammen mit seiner Frau die Weine verantwortet, befindet sich gerade im Urlaub) im Keller des Weinguts auch den obligatorischen Sauvignon Blanc, den es hier zum Beispiel beim Zweitlabel Main Divide gibt. Aber der Fokus des Weinguts Pegasus Bay liegt woanders. Hier gibt es, was Sauvignon angeht, weniger den Vergleich zu Entre deux Mers als zu Graves, wenn ich das mal so bezeichnen darf. So steht Sauvignon Semillon 2012 auf dem Tisch sowie Merlot Cabernet 2011. Die wichtigsten Weine aber sind neben dem Chardonnay vor allem Pinot Noir und Riesling. Der Chardonnay 2012 stammt aus meinem favorisierten Jahrgang. Für die Winzer war 2012 nicht unbedingt das Paradejahr, aber die Sommerkühle hat in weiten Teilen des Landes für eine feine, kühle Stilistik gesorgt. Bei Pegasus Bay hatte man ziemlichen Respekt während 2012. Der Sommer ist so gut wie ausgefallen, dafür wurde der Herbst angenehm warm und trocken. Die Ernte war vergleichsweise klein und genau das hat geholfen, die Trauben in eine gute Balance aus Säurewerten und Reife zu bekommen. Die Chardonnay-Reben stammen aus der Anfangszeit des Weinguts, sind also wurzelecht und liefern kleine, aromatische Beeren (im Wesentlichen der häufig verwendete Mendoza-Klon), die im April und Mai gelesen und langsam gepresst wurden. Die Vergärung erfolgte ausnahmslos spontan in Puncheons mit einem Anteil von 30% neuem Holz. Im Sommer 2013 durchlief der Wein eine malolaktische Gärung. Wein gehört für mich zu den besten Chardonnays des Landes. Kräftig, straff, trotz Malolaktik mit präsenter Säure, absolut trinkanimierend und das Gaumenwasser fördernd. Wunderbar frisch mit Grapefruit, Zitronenabrieb, Nektarinen und leichtem Biskuitteig, sehr gelungen die Integration des Holzes. Mit dem Pinot Noir 2012 verhält es sich ähnlich. Auch dieser stammt aus besagtem Jahrgang und teils vom gleichen, 30 Jahre alten Weinberg mit wurzelechten Reben. Der Pinot wurde, wie der Chardonnay, je nach Block und Reife zwischen Mitte April und Ende Mai gelesen. 90 % wurde entrappt und nicht angepresst. 10 % blieben Whole Bunch und wurden unter die entrappten Trauben gemischt. Nach eine kühlen Vorvergärungsphase wurden die offenen Bottiche leicht erwärmt, um die Gärung einzuleiten. Nach der Gärung wurden die Fermenter verschlossen und der Pinot hat eine Woche Zeit, sich zu sammeln, bevor die einzelnen Blocks in unterschiedlichem Barrique ausgebaut wurden (30% neu). Auch hier hat der Wein im Folgejahr eine malolaktische Gärung durchlaufen und verblieb 18 Monate im Holz. Da hier Barriques statt wie beim Chardonnay die größeren Puncheons verwendet wurden, ist der Holzanteil spürbarer aber keinesfalls dominant. Dominant ist viel mehr die lebendige, frische saure Kirsche wie in einem Kriek aus einer guten Brüsseler Brauerei. Neben Kirsche und dunkeln Früchten merkt man, so bilde ich mir ein, ein wenig die 10% Stile, die hier mit vergoren wurden. Das gibt dem Wein etwas leicht Grünes, etwas Vegetabiles, was im Laufe der Zeit untergehen wird, jetzt am Anfang aber durchaus, und nicht unangenehm, präsent ist. Schokolade, etwas Waldboden und Gewürze runden das Geschmacksprofil ab, die Tannine sind griffig und passend. Der Prima Donna Pinot Noir 2011 ist die so genannte Reserve-Qualität des Pinot. Es sind die extra selektierten Trauben bester Qualität aus den besten Blocks des Weinbergs. Der warme Sommer und Herbst hat es gut gemeint mit den Winzern. Sie haben saftiges und hochreifes Traubengut einfahren können. Entsprechend zeigt sich der Wein anders als der 2012er. Der Wein wirkt von Anfang an reifer, opulenter mit dunkler Frucht im Untergrund und einem Teil roter, frischer Frucht. Hier findet sich viel mehr Dunkelheit wie fleischige Noten, Oliventapenade, Waldboden. Der Wein ist elegant, sanft und würzig. Das Fassmuster Bella Donna 2012 bildet die Quintessenz der beiden vorangegangenen Weine. einerseits stoffiger, etwas dunkler und dichter als der Pinot Noir, gleichzeitig aber leichter und frischer als der konzentrierte 2011er ist das mein Favorit unter den roten Weinen des Weinguts.

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Die Rieslinge bilden ein weiteres Standbein von Pegasus Bay. Seit 22 Jahren stehen sie auf der Karte und der Main Divide Gutsriesling ist mittlerweile der meistverkaufte Wein im Haus (und nicht etwa der Sauvignon). Main Divide hat sich im Laufe der Jahre zu einer veritablen eigenen Marke entwickelt, bei der auch Wein aus zugekauften Trauben verarbeitet wird. Der Erfolg der Marke gibt den Donaldsons die Möglichkeit, unabhängiger mit dem Hauptlabel zu arbeiten. Der Main Divide Riesling ist saftig mit 20 Gramm Restzucker, hat viel Zug und eine angenehme Frische. Die Riesling Stöcke für den Pegasus Bay Riesling 2012 stehen vornehmlich auf hochmineralischem Kies und Schotter, der mit dem Ende der Eiszeit und den wandernden Gletschern aus den Southern Alps Richtung mehr befördert worden ist. dieses Depositgestein mit guter Drainage findet man in allen Teilen der Südinsel. die Trauben sind Mitte bis Ende Mai gelesen worden und wiesen auf Grund des 2012er Wetters hervorragende Säurewerte auf. Es findet sich ein leichter Restzucker sowie eine leichte Botrytis, gleichzeitig etwas Rest-CO2. Reife Zitronen und Grapefruit bestimmen die Aromatik, dazu kommt etwas tropisches Obst und Steinobst. Das ist ein kraftvoller, konzentrierter Wein der aber immer auf der frischen Seite bleibt und den ich gerne mal in Kombination zu einem leicht scharfen Thai-Gericht probieren würde. Zumal er mit zunehmender Luft immer mehr Ingweraromen in die Palette mischen. Unter dem Namen Aria 2013 präsentiert Pegasus Bay eine Auslese mit ca. 30% Botrytis und 70 Gramm Restzucker. Während man bei uns solche Weine nur noch selten findet, ist so etwas in anderen Teilen der Welt noch sehr angesagt. Bei aller Dichte und überbordenden Frucht- und Honigaromen und einer beeindruckenden Komplexität, in die diverse Zitrusfrüchte, Steinobst und Gewürze mit reinspielen, findet sich eine lebendige Säure und Frische in diesem Wein. Ein großer Genuss! Encore 2011 setzt dem Ganzen dann die Krone auf. Eine Trockenbeerenauslese mit 260 Gramm Zucker und einem komplexen Fruchtspiel bei einer gleichzeitig frischen Säure und gefühlt hohen Mineralität zeigen, dass die Winemaker Matthew Donaldson und seine frau Lynette Hudson die ganze Palette des Rieslings beherrschen. Well done!

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Während Ed uns ein leichtes Abendessen zubereitet beginnt Belinda ein Gespräch auf Deutsch. Es stellt sich heraus, dass sie wieder begonnen hat, die Sprache zu lernen und vor fünfzehn Jahr als Au Pair in Bonn gearbeitet hat. Genau zu dieser Zeit bin ich ebenfalls in die Ex-Hauptstadt übergesiedelt und schnell wird klar, dass wir damals oft die gleichen Parties besucht haben. Die Welt ist halt klein. Auch wenn ich so langsam aber sicher dem von Deutschland am weitesten entfernten Weinbaugebiet der Erde immer näher rücke.

In Neuseeland:

Teil 1: Auckland, Waiheke und die Bucht von Man O’ War

Teil 2: Einige erste Gedanken zum neuseeländischen Weinbau

Teil 3: In Hawke’s Bay

Teil 4: In Hawke’s Bay bei Craggy Range und Elephant Hill

Teil 5: In Hawke’s Bay bei Trinity Hill und Sileni

Teil 6: In Martinborough bei Ata Rangi

Teil 7: In Martinborough und Gladstone

Teil 8: In Nelson bei Woollaston und Neudorf

Teil 9: In Marlborough, bei Johanneshof, Greywacke, Dog Point

Teil 10: In Marlborough, über Sauvignon Blanc, einen Besuch bei Yealands und die Nachhaltigkeit

Teil 11: In Marlborough mit Framingham und Seresin

Teil 12: In Marlborough mit Huia, Hans Herzog, Fromm

Teil 13: In Marlborough mit Clos Henri, Te Whare Ra und Rockferry

Teil 14: A Day Off (Von Marlborough nach Canterbury)

Teil 15: In Canterbury, Pegasus Bay

Teil 16: In Canterbury, Black Estate, Pyramid Valley

Teil 17: In Central Otago, Rippon, Quarz Reef

Teil 18: In Central Otago, Burn Cottage und Felton Road

Teil 19: Ein Fazit

 

 

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Die Reise erfolgte auf Einladung und wurde mit mir und nach meinen Wünschen hervorragend organisiert von: nzwine-2x

4 Kommentare

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